Predigt am Gründonnerstag über 1. Korinther 10,16-17

Der Predigttext für den Gründonnerstag steht im 1. Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth, im 10. Kapitel.

Paulus nimmt noch einmal Bezug auf die Frage, ob der Besuch von heidnisch-religiösen Veranstaltungen mit der Feier des Abendmahles vereinbar ist. Un nachdem Paulus vor Götzendienst gewart und an die Vernunft der Korinther appelliert hat, schreibt er:

16 Der Kelch des Segens, den wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? 17 Weil es das eine Brot ist, sind wir, die vielen, ein Leib, denn wir alle haben Teil an dem einen Brot.
Großer Gott, dein Heiliger Geist ist Herr über Reden und Hören. Segne unser Bemühen durch Christus, unseren Bruder und Herrn. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Der Gründonnerstag hat zwei Schwerpunkte: Es ist Jesu letzter Abend mit seinen Jüngern, eingebettet in das Geschehen der Karwoche, vieles weist schon auf Karfreitag hin: Ankündigung des Verrates des Judas, die Abschiedsrede Jesu nach dem Johannesevangelium, die Fußwaschung nach Johannes, die wir gerade gehört haben.

Aber schon bei einem ersten Blick auf den Predigttext wird auch den 2. Schwerpunkt des Gründonnerstags deutlich: In der Agende ist er als „Tag der Einsetzung des Heiligen Abendmahls“ beschrieben. Und diese Einsetzung des Abendmahls hat Auswirkungen bis heute, bis zu uns, die wir uns an diesem Tag versammeln. Denn: Wir feiern Abendmahl – an vielen Sonn- und Festtagen, auch heute und immer wieder. Und wir wissen: Abendmahl hat etwas ganz Entscheidendes mit Gemeinde und Kirche zu tun. es ist die neben der Taufe die zweite Säule auf der die Gemeinschaft der Kirche aufgebaut ist. Denn Kirche ist da, wo Gottes Wort recht gepredigt wird und die Sakramente in stiftungsgemäßer Weise gefeiert werden. Die Taufe ist dabei das Sakrament, das die Zugehörigkeit zur Kirche regelt: nur wer getauft ist, gehört dazu; das Abendmahl ist das Sakrament, das die Gemeinschaft derer, die dazu gehören, immer wieder neu bestätigt, ja immer wieder neu stiftet. Würde kein Abendmahl mehr gefeiert, gäbe es keine Kirche mehr. Darum also geht es und im Zusammenhang des Predigttextes hat ein Wort einen besonderen Klang: Das Wort koinwn|a, ‚Gemeinschaft‘.

In dem ganzen Abschnitt 1. Korinther 10,14-22 geht um die Frage: „Darf man an heidnischen Opferhandlungen teilnehmen?“ Vorher hatte Paulus auf die Frage: „Darf man Fleisch auf dem Markt kaufen und essen, das rituell, also nach heidnischer Sitte geschlachtet worden ist?“ geantwortet: „Ja, man darf. Das ist kein Problem.“

Dann gab es aber noch eine zweite Frage: „Wenn das so ist, dann darf man ja auch an heidnischen Opferhandlungen teilnehmen, wenn man in seinem Glauben gefestigt ist.“ Doch hier bleibt Paulus hart: „Nein“, sagt er, „auf keinen Fall! Heidnisches Opfer und christliche Mahlgemeinschaft schließen sich kategorisch aus! Denn“, so argumentiert Paulus weiter, „in beiden Fällen wird eine reale und verbindliche Gemeinschaft gestiftet wird.“ Was das heißt erläutert Paulus mit den beiden Versen des Predigttextes.

Der Schlüsselbegriff ist der griechische Begriff koinwn|a, den wir mit ‚Gemeinschaft‘ übersetzen, von der es aber zwei Arten gibt, eine allgemeine und eine spezielle:
Die ‚allgemeine Art der Gemeinschaft‘ wird vielleicht nur durch Zufall bei einer beliebigen Gelegenheit oder durch Sympathie, Übereinkunft oder durch einen Vertrag begründet. Und wenn einer geht, aus dem Vertrag aussteigt, zerbricht diese Gemeinschaft.
Nehmen wir das Bild von Kugeln, die durch Schnüre verbunden sind; durchtrennt man die Schnur, ist die Verbindung zwischen den beiden Teilen zerbrochen, bei einer Perlenkette ist sogar der ganze Zusammenhalt gefährdet.

Die ‚spezielle Art der Gemeinschaft‘ dagegen wird durch gemeinsame Teilhabe an etwas Drittem begründet. Und dieses Dritte gehört selbst nicht in den Ring hinein, ist kein Teil dieses Ringes.
Stellen wir uns noch einmal die Kugeln vor, die mit Schnur verbunden sind; jede Kugel aber hat jetzt eine weitere Verbindung zu einer Mitte; wird eine Kugel aus dem Kreis jetzt von einer anderen getrennt, bleiben beide aber doch über die gemeinsame Mitte miteinander verbunden.

„Der Kelch des Segens, den wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi?“

Wenn wir Abendmahl feiern ist das nicht nur das Teilnehmen an einer zufälligen Mahlgemeinschaft, so wie man in einer Pizzeria mit anderen Leuten zusammen an einem Tisch isst, weil kein anderer Platz da war. Auch wenn es keine fest verabredete Gemeinschaft ist, die sich zum Gottesdienst versammelt und dann nach vorne zum Altar geht: wenn wir in der gottesdienstlichen Feier des Abendmahls Brot essen und Wein trinken, handelt es sich um die spezielle, tiefergehende Form der Gemeinschaft, der koinonia.

Denn im Trinken des Weines und im Essen des Brotes bekommen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Abendmahls Anteil an diesem Dritten, an der Mitte, die sie untereinander verbindet: Anteil an Jesus und seinem Weg. Dadurch bekommen wir auch Anteil am Leiden und Sterben Christi und so auch Anteil an der Auferstehung. Grundsätzlich ist dieses Anteilhaben in der Taufe zugesprochen. Im Abendmahl kommt es immer wieder neu zum Tragen. So wie bei der Fußwaschung, die uns Johannes überliefert, wenn Jesus zu Petrus sagt: Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir.
An dem Sakrament Anteil zu haben, heisst Integration in die Gemeinschaft der Kirche, in die Gemeinschaft der Getauften. Deshalb gehört z.B. bei der Konfirmation das Abendmahl unbedingt dazu: als Erneuerung der in der Taufe gestifteten Gemeinschaft. Deshalb kann es nach der Überzeugung der Kirche auch keinen absoluten Austritt aus der Kirche geben: die Taufe kann nicht rückgängig gemacht werden; einmal mit den anderen geteilter Wein und geteiltes Brot kann die Gemeinschaft nicht absolut aufheben. Die Kirche respektiert es, muss es respektieren, wenn ein Mensch sich zurückzieht. Aber – und daran ändert auch kein Austritt etwas – die Zusage Gottes und das Wort Jesu stehen unverbrüchlich.

Liebe Schwestern und Brüder!
„Weil es das eine Brot ist, sind wir, die vielen, ein Leib, denn wir alle haben Teil an dem einen Brot.“ Mit dem zweiten Vers des Predigttextes stellt Paulus in einem weiteren Bild die koinonia, die Gemeinschaft dar.
Wir, die Vielen, sind ein Leib, der Leib Christi – unabhängig von der Verschiedenheit des Brotes in den örtlichen Gemeinden, unabhängig davon, ob das Brot beim Abendmahl aus kleingeschnittenen Weißbrotscheiben oder aus Oblaten besteht, denn das Bild des einen Brotes, das hinter den Worten des Paulus steht, setzt das eine Brot mit Jesus gleich. So wie Jesus von sich nach dem Johannesevangelium sagt: Ich bin das Brot des Lebens. Und weil wir im Abendmahl an Christus teilhaben sind wir Teil des einen Brotes. Wir – aber nicht als Einzelne, sondern als Gemeinschaft der Kirche. Um im Bild des Brotes zu bleiben, in dem wir Einzelne die einzelenen Körner wären: ein Brot besteht nicht mehr aus den einzelenen Körnen, sondern aus dem Mehl, zu dem die einzelnen Körner gemahlen wurden. Es geht Paulus also nicht um die „Erlösung“ des Einzelnen, sondern dass der Einzelne seiner Vereinzelung entrissen wird. Eine spätere urchristliche Schrift, die sogenannte Didache, formuliert es als Bitte in ihrer Abendmahlsliturgie: „Und wie dies gebrochene Brot zerstreut war auf den Bergen und zusammengebracht eins wurde, so bringe zusammen deine Kirche von den Enden der Erde zu deinem Reich.“

Kirche wird zwar nicht durch das Abendmahl konstituiert. Aber: Die Gemeinschaft der Kirche wird mit jedem Abendmahl, in jedem teilen von Brot und Wein, erneuert, sichtbar und erfahrbar gemacht. Wenn es kein Abendmahl mehr gibt, dann auch keine Kirche, keinen Leib Christi.

So ist das Abendmahl, wie Paulus es uns hier vor Augen führt, zu allererst Erneuerung und Vergewisserung, vor allem in Zeiten der Unsicherheit und Verzagtheit. Warum nicht öfter Abendmahl feiern?
Das Abendmahl ist Mahl der Vergewisserung, wie damals in den Zeiten der Verunsicherung, als Jesus es mit seinen Jüngern das letzte Abendmahl gefeiert hat: mit Petrus, Andreas, Jakobus und Johannes, den anderen allen, auch mit Judas. Ja, Judas gehört dazu, ob wir es wollen oder nicht. Jesus hat ihn nicht aus der Mahlgemeinschaft ausgeschlossen. Er hat auch nicht Petrus nicht ausgeschlossen, obwohl er wusste, dass der ihn verleugnen würde, auch die anderen Jünger nicht, die dann in der Nacht alle fliehen würden.

Die gemeinsame Mitte, Jesus Christus, ist stärker als die Kugeln am Rand, er hält die Verbindung aufrecht. Das mag uns trösten, wenn wir uns hier und da, im großen oder im Kleinen, in den Jüngern in der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag wiederfinden.

Amen.

Ein Kommentar zu „Predigt am Gründonnerstag über 1. Korinther 10,16-17

  1. Hallo Torsten,schöne Idee mit dem Blog. Da werde ich öfters mal vorbeischauen :-)An Gründonnerstag habe ich's zum Beispiel gar nicht in die Kirche geschafft, weil ich mit einer Freundin gekocht habe, die kein Interesse am Gottesdienst hatte (und das als Theologiestudentin, tsk…), da war es nett, wenigstens deine Predigt lesen zu können, auch wenn mir das Abendmahl dazu fehlt.CiaoAntonia

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