Predigt am Drittletzten Sonntag im Kirchenjahr – 8. Nov. 2020

Der Predigttext 1. Thessalonicher 5,1-6 wurde zuvor in der Übersetzung der Basisbibel als Schriftlesung vorgetragen. Der Ablauf des Gottesdienste ist unten zu finden.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

„Leben in der Hoffnung auf Gottes Reich“ – das ist das Thema dieses Sonntags; aber es ist auch viel mehr: Denn diese Überschrift ist ja nicht einfach nur ein Mal im Jahr dran, um dann bis zum nächsten drittletzten Sonntag im Kirchenjahr wieder in der Schublade der wohl geordneten Predigttexte wieder zu verschwinden. Bis es dann eben nächstes Jahr wieder so weit ist.

„Leben in der Hoffnung auf Gottes Reich“ – das ist doch das, was unser ganzes Leben ausmachen soll, jeden Tag und immer wieder neu. So wie wir ja nicht nur einmal im Jahr Ostern und Weihnachten feiern, um dann mit der Dekoration auch unser Leben als österliche oder weihnachtliche Christenmenschen wieder einzupacken, als ob diese Feste mit dem Rest des Jahres und unserem Leben nichts zu tun hätten. Ostern und Weihnachten sind nicht das Sahnehäubchen auf unserem Leben als Christen.

Wenn wir unseren Glauben leben, dann tun wir das immer und überall als österliche und weihnachtliche Menschen, weil das, was diese Feste für unseren Glauben bedeuten, wie Hefe oder Sauerteig einen Brotteig durchziehen und ihn dann zu einem Brot werden lassen. Und so ist auch „Leben in der Hoffnung auf Gottes Reich“ nicht eine nette Zugabe für unseren christlichen Glauben wie eben das Sahnehäubchen auf der heißen Schokolade.

„Leben in der Hoffnung auf Gottes Reich“ – das ist das, was uns bei all dem, was uns in unserer Welt und in unserer Zeit bedrückt und bedrängt, nicht verzagen lässt. Denn wie könnten wir sonst angesichts all der großen Schwierigkeiten und Probleme, die wir tagtäglich erleben, zuversichtlich sein? Gerade in diesen Zeiten, wenn uns das Corona-Virus mit seinen schwerwiegenden Folgen für die Gesundheit, die Wirtschaft und unsere Gesellschaft in Atem hält; wenn das Miteinander in unserer Gesellschaft – zumindest an manchen Punkten – immer mehr in ein Gegeneinander zu kippen droht; wenn der Ruf nach einer gewaltsamen Lösung von Problemen plötzlich im Raum steht und unsere demokratische Kultur den Bach runter zu gehen droht?

„Bleiben Sie zuversichtlich!“ als Gutenachtgruß von Ingo Zamperoni zum Abschluss der Tagesthemen reicht da nämlich bestimmt nicht aus, so nett und gewinnend der smarte Nachrichtenmensch das auch rüber bringen mag.

„Leben in der Hoffnung auf Gottes Reich“ – das meint aber auch nicht ein Vertrösten auf den so berühmten St. Nimmerleinstag: „Ja – irgendwann kommt das Ende der Welt und dann …“ Auch das hilft uns nicht weiter, ist kein Trost und ist keine Hilfe. Denn das, was den Menschen in der ersten Christenheit herbei gesehnt hatten: dass dieses Ende der Welt bald kommen würde, um aus der Bedrängnis allen Irdischen zu befreien – das hat für uns schon längst seine Attraktion, aber auch seine Schrecken verloren. Seine Attraktion, weil dieses Ende eben seit fast 2000 Jahren auf sich warten lässt; und seine Schrecken, weil es trotz aller bisherigen Katastrophen doch immer noch mit uns Menschen weiter gegangen ist.

Da lässt uns der eine Satz aus dem Evangelium dieses Sonntags aufhorchen, auch wenn wir es heute leider nicht in Gänze hören konnten. Aber diesen einen Satz Jesu sage ich hier und jetzt sehr gerne: „Sehet, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“ So berichtet es Lukas im 17. Kapitel seines Evangeliums. Da merken wir: „Leben in der Hoffnung auf Gottes Reich“ hat zwar etwas damit zu tun, was für uns noch in der Zukunft liegt. Aber diese Zukunft, die Gott für uns bereit hält, und damit auch unsere Hoffnung sind ganz fest in unserer Gegenwart verankert; in unserem Hier und Jetzt.

Und da bekommen die Worte des Paulus einen ganz anderen Charakter, da erscheinen sie in einem ganz anderen Licht: Wenn der Tag des Herrn – wie Paulus es nennt – und damit der Anbruch des Reiches Gottes so unerwartet wie ein Dieb in der Nacht kommt, dann kann mich das ja wirklich ganz plötzlich betreffen und treffen. Wenn ich mich ganz plötzlich in einer Situation wiederfinde, in der mir für Gottes Reich die Augen geöffnet werden, dann ist der jüngste Tag wirklich nicht mehr fern.

Nun ist die Erwartung, dass bei mir jemand einbricht, keine besonders schöne und verheißungsvolle Vorstellung. Alle, bei denen das schon einmal geschehen ist, berichten von der unglaublichen Unordnung, die so ein Einbruch hinterlässt: äußerlich natürlich, wenn alle Schubladen aufgerissen und alle Schränke durchwühlt sind; aber mehr noch innerlich, weil alle Sicherheit, mit der man vorher gelebt hat, plötzlich verschwunden ist und die früher so selbstverständliche Ruhe erst einmal weg ist. Es braucht wohl lange, bis sich Menschen, die Opfer eines Einbruchs geworden sind, wieder gefangen haben.

Für den Beginn des Reiches Gottes ist eine solche grundlegende Verunsicherung des Lebens keine schöne Vorstellung. Aber auch ganz viele andere Berichte von den letzten Dingen – seit der damaligen Zeit bis heute zu den großen Katastrophenfilmen vom Weltuntergang – spielen mit diesem Element der Verunsicherung: dass alles, auf das sich Menschen verlassen haben, plötzlich in Frage gestellt wird und in Unsicherheit und Chaos versinkt.

Paulus nimmt dieses Bild von der plötzlichen Verunsicherung durch einen Einbruch zwar auf und malt die verschlafene Selbstzufriedenheit der Menschen auch noch schön aus: „Wir leben in Frieden und Sicherheit!“ Und schon ist es damit vorbei.

Aber Paulus bleibt nicht dabei stehen. Denn er ersetzt das bekannte Einbruchsbild von der plötzlichen Verunsicherung, die nur das Zerstörerische als Ergebnis haben kann, durch ein ganz anderes Bild. Und dieses Bild ist das Bild für neu entstehendes Leben schlechthin: Paulus schreibt von der Plötzlichkeit, mit der die Wehen über eine Frau kommen, wenn es so weit ist, dass ein Kind zu Welt kommen soll. Anstrengung und Schmerzen gilt es auch hier zu durchzustehen und zu überwinden. Ein Kind zu gebären, das ist kein gemütlicher Sonntagsspaziergang. Aber die Perspektive heißt: Leben und damit eben Hoffnung und Zukunft.

Was lässt eine Frau die Geburt bestehen? Es ist – so weit ich das als Mann in ganz allgemeine Worte fassen kann – genau diese Gewissheit des Lebens und der Zukunft. Was lässt Christinnen und Christen die Gefahren und die Bedrängnisse, die Nöte und gar die Abgründe in ihrem alltäglichen Leben bestehen? Es ist genau diese Gewissheit des Lebens und der Zukunft, so schwer sie manchmal auch zu fassen sein mag.

Wie so oft erweist sich Paulus an dieser Stelle als Realist, der seiner Gemeinde keinen Sand in die Augen streut oder sie sonst in irgendeiner Weise einlullt. Aus den Problemen dieser Welt gibt es kein Entrinnen. Er stellt dieser Einsicht in das Leben aber sein ganz großes „ABER“ entgegen, auch wenn es als Wort hier nicht vorkommt.

Paulus erinnert die Menschen damals in Saloniki und damit alle Christinnen und Christen daran, dass die Welt, wie sie nun einmal mit ihrem oft so gruseligen Dunkel ist, uns nicht gefangen nehmen und in die Schwärze zeihen muss. Denn der „Tag des Herrn“ ist eben keine „Nacht der Schrecken“. Die biblische Botschaft lebt von dem Glauben und dem Vertrauen auf den Sieg des Lichtes über die Finsternis: Ihr seid alle Kinder des Lichtes, schreibt Paulus seiner Gemeinde, weil Jesus ihnen mit seinem Sterben und Auferstehen Anteil an seinem neuen Leben gibt.

„Leben in der Hoffnung auf Gottes Reich“ heißt auf den neuen Tag hin zu leben, so wie wir in jede Nacht in der Gewissheit hineingehen, dass aus der Tiefe der Nacht ein neuer Tag erwächst: um Mitternacht noch nicht sichtbar, aber unaufhaltsam mit dem Morgenstern als Vorzeichen. Dieses glaubende Wissen ist mehr als ein plattes „Alles wird gut.“ Denn diese Hoffnung speist sich nicht aus unserer Kraft, sondern sie kommt von Gott.

Diese Hoffnung macht aber kein Ruhekissen, auf dem wir gut schlafen könnten; diese Hoffnung macht wach, sie schärft Verstand und Sinne und stärkt das Herz. Und das brauchen wir im Kampf gegen die Anfechtung der Finsternis. Und Glaube, Hoffnung und Liebe, von denen Paulus direkt im Anschluss an unseren Abschnitt und nicht nur im 1. Korintherbrief schreibt, sind unsere Möglichkeiten, mit denen wir wie mit Waffen unser Leben retten und schützen können: mit dem Glauben gegen Zweifel und Verzweiflung, mit der Liebe gegen Selbstsucht und Bequemlichkeit und mit Hoffnung gegen Resignation und Müdigkeit. Paulus nennt Glaube, Hoffnung und Liebe die „Waffen des Lichtes“ im Kampf gegen die dunklen Mächte und Gewalten der Nacht.

„Leben in der Hoffnung auf Gottes Reich“ heißt also– wie Paulus es schreibt – wach und nüchtern zu sein, um für Frieden und Gerechtigkeit einzutreten, damit, wie wir es im Psalm 85 gesprochen haben, Gerechtigkeit und Friede sich küssen können. Denn ein Leben in Frieden und Sicherheit ohne Gerechtigkeit lullt nur ein und betoniert mit dem Ende von Visionen die Finsternis. Sicherheit und Gerechtigkeit machen Frieden. Sicherheit als Voraussetzung für das Eintreten und den Kampf für Gerechtigkeit: soziale und Generationengerechtigkeit; Gender- und Klima- und Wirtschaftsgerechtigkeit. Die Liste der Gerechtigkeiten lässt sich gut und gerne fortsetzen.

Denn das heißt „Leben in der Hoffnung auf Gottes Reich“: Wir gehören nicht zum Bereich der Nacht oder der Dunkelheit; wir sind Kinder des Tages und des Lichtes. Und deshalb werden wir uns nicht einlullen lassen, uns nicht berauschen und schlafen, sondern nüchtern sein und wach. Amen.

Ablauf des Gottesdienstes

  • Musikalisches Vorspiel: „Es wird sein in den letzten Tagen“ (EG 426)
  • Begrüßung
  • Lied „Wir warten dein, o Gottes Sohn“ (EG 152)
  • Psalm (Psalm 85,9-14)
  • Gnadenzusage
  • Tagesgebet
  • Schriftlesung: 1. Thessalonicher 5,1-6
  • Halleluja-Vers: Psalm 85,1
  • Lied „Sonne der Gerechtigkeit“ (EG 263)
  • Predigt über 1. Thessalonicher 5,1-6
  • Glaubensbekenntnis
  • Lied „Gib Frieden, Herr, gib Frieden“ (EG 430)
  • Abkündigungen
  • Fürbitten
  • Vater unser
  • Segen
  • Musikalisches Nachspiel: „Jesus bleibet meine Freude“ von Johann Sebastian Bach aus der Kantate „Herz und Mund und Tat und Leben“

Predigt am 19. Sonntag nach Trinitatis 2020 (18. Oktober)

Der Predigttext Epheser 4,22-32 wurde zuvor als Schriftlesung vorgetragen. Der Ablauf des Gottesdienste ist unten zu finden.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde!
„Kleider machen Leute!“ Wer kennt dieses Sprichwort nicht. Und viele werden die Geschichte vom Schuster Vogt kennen: er stiehlt sich – frisch aus dem Gefängnis entlassen – eine Hauptmannsuniform, weil er mit seiner abgerissenen Kleidung weder Wohnung noch Arbeit bekommt: „Haste keine Wohnung, kriegste keine Arbeit; haste keine Arbeit kriegste keine Wohnung. – Erst recht nicht in solchen Klamotten. Heinz Rühmann hat der Figur des Hauptmann von Köpenick aus der Erzählung von Stefan Zweig ein cineastisches Denkmal gesetzt. Also einfache Lebensregel: raus aus den alten Klamotten und rein in die neuen – und ein neuer Mensch werden.

Aber bleiben wir noch einmal bei den alten Kleidern: Warum ziehen wir sie aus und tragen sie nicht mehr? Weil sie kaputt sind – eingerissene Jeans sind natürlich nicht kaputt, sondern sie sind Ausdruck eines besonderen Lebensstils und Lebensgefühls und müssen deshalb nicht ausgezogen werden. Weil sie uns von der Größe her nicht mehr passen: die Kleidung ist eingegangen oder wir sind gewachsen – oder wir haben im besten Fall abgenommen, dass alles an uns nur noch schlabbert. Oder weil die Kleidung vom Anlass her nicht oder nicht mehr passt: Bei der Hochzeit trägt man keine Badeshorts und am Strand keinen Smoking. Oder schließlich, weil die Kleidung uns krank macht: Sie kratzt und scheuert, im Extremfall sind gesundheitsschädliche Stoffe bei der Herstellung verwendet worden, auf die wir allergisch reagieren.

Also weg damit und Neues zum Anziehen her. Da müssen wir dann entscheiden: Was soll die neue Kleidung ausmachen? Klar – sie soll passen: in der Größe und in der Form und in der Farbe; sie soll passen auch vom Zweck her: Wozu brauche ich sie? – und vom Preis her: Kann ich mir das leisten? Und schließlich – und für viele ist das neben der Größe inzwischen das Wichtigste: Wie sind die inneren Werte? Aus welchem Material ist meine Kleidung hergestellt und unter welchen Bedingungen?

Und jetzt kommen die eingenähten Etiketten und Label zum Zug, denn die verraten uns, wo und aus welchem Material und unter welchen Bedingungen alles hergestellt wurde. Immer vorausgesetzt es wird – im wahrsten Sinn des Wortes – kein Etikettenschwindel betrieben. Der Stoff aus 100 % Naturfaser oder Polyester oder aus Mischgewebe. Hergestellt vielleicht zu 100% aus Wolle mit dem Wollsiegel oder aus Biobaumwolle mit Ökotext-Siegel und mit gesicherten sozialen Komponenten bei der Herstellung wie bei GOTS, bei Fairwear und bei dem stattlich kontrollierten Label „grüner Knopf“.

Wie und mit was wir uns kleiden – so sind wir als Menschen: in welchem Stil wir uns kleiden; vor allem aber mit welcher Einstellung unserer Kleidung gegenüber und mit welcher Einstellung den Ländern und Menschen gegenüber, wo unsere Kleidung hergestellt wird. Das lässt alles tief blicken.

Und was für die reale Kleidung gilt, die wir tragen, ist für unser Leben als Christen ebenso entscheidend. In welchem geistlichen Stil, vor allem aber mit welcher geistlichen und ethischen Einstellung unserem Gott gegenüber und damit den Menschen, die er zu unseren Nächsten macht, wollen wir leben, dass er uns als Christen passt und wir nicht in Glaubenshosen rumlaufen, die Hochwasser haben oder viel zu groß sind?

Der Apostel fordert die Gemeinde in Ephesus auf, den alten vorchristlichen Menschen endgültig auszuziehen wie ein altes Kleidungsstück und sich stattdessen mit dem neuen Menschen einkleiden zu lassen. In einer Zeit, als sich in erster Linie Erwachsene haben taufen lassen, war das ganz besonders eindrücklich. Denn diese Leute hatten vorher ja oft wirklich ganz anders gelebt, als es den damaligen christlichen Vorstellungen entsprach. Da war der Unterschied von „Vorher“ zu „Nachher“ viel deutlicher zu sehen, als wenn wir heute auf uns sehen, die wir meistens als kleine Kinder getauft worden sind. Für uns gab es kein nichtchristliches Leben vor unserer Taufe, das von Ausschweifungen und zügellosem Leben geprägt war.

Trotzdem ist es richtig und wichtig, dass auch wir bei unserer bisherigen Kleidung nach dem Etikett sehen. Denn wir können ja inzwischen dieses oder jenes angezogen haben, ohne darauf zu achten, woher es kommt, und vor allem, was diese Kleidungsstücke mit uns machen. Ich bin überzeugt: Wir werden ganz schnell feststellen, dass viele Kleidungsstücke unseres Lebens genau solche unchristlichen sind, wie sie der Apostel aufzählt. Und sie haben eben auch diese zweifelhaften Label: Eher selten wird auf dem Etikett wirklich „100% Teufel“ stehen, der alles in unserem Leben durcheinanderbringen will und uns so krank macht. Viel häufiger aber wird unser alter Mensch zumindest aus einem Mischgewebe mit mehr oder weniger großen Anteilen aus dem Material „Teufel“ bestehen.

Der alte Mensch – davon schreibt Paulus uns sehr deutlich – besteht aus Lüge, Zorn und Stehlen, aus faulem Geschwätz – also dem, was wir heute lästern nennen würden – aus Bitterkeit, Grimm und Zorn, aus Geschrei, Lästerung und Bosheit. Es kommt so ziemlich alles zusammen, was das Miteinander der Menschen schwierig bis unerträglich und unmöglich macht. Denn alles das führt zur Sünde und immer weiter weg von Gott. Wenn wir diese Kleidungsstücke tragen und sie deshalb unser Leben bestimmen, macht uns diese Kleidung krank.

Alles das, was Paulus aufzählt, passt als geistliche und damit auch als ethische Kleidung für einen Christenmenschen nicht mehr: Es ist keine angemessene Kleidung mehr für einen Menschen, der und die sich zu Jesus Christus bekennt. Was aber sollen wir dann tragen?

Paulus nennt die beiden Label, die unsere Kleidung unbedingt haben sollen: „Der neue Mensch, den wir anziehen sollen, ist geschaffen in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.“ Damit macht Paulus deutlich, dass es sich im christlichen Leben immer um diese zwei Dimensionen handelt, die unsere geistliche Kleidung und damit unser Wesen bestimmen: Heiligkeit und Gerechtigkeit.

Heiligkeit steht dabei für die senkrechte Dimension und damit für die Verbindung mit Gott und wir könnten ohne Schwierigkeiten die erste Tafel der 10 Gebote heranziehen, um zu sagen, was das heißt. In der Zusammenfassung Jesu: „Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft.“

Gerechtigkeit steht für die waagrechte Dimension und nimmt die Menschen um uns herum in den Blick: die Nahen und die Fernen; die, mit denen wir gut können, und die, die wir lieben; aber immer auch die, mit denen wir uns oft so schwertun; und die, mit denen wir gar nicht gut auskommen. Die wichtigen Stichworte neben der zweiten Tafel der 10 Gebote und dem so knappen wie richtigen Satz von Jesus, den Nächsten zu lieben wie sich selbst, das sind: Wahrheit, Aussöhnung bevor sich schier unüberwindbare Mauern aufbauen – denn das ist gemeint mit: „die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen lassen“ – Arbeit und vom Ertrag dieser Arbeit mit anderen teilen; das Gute und Aufbauende reden; Freundlichkeit und Herzlichkeit.

Heiligkeit und Gerechtigkeit – die zwei Label der christlichen Kleidung, die mit der senkrechten und der waagrechten Dimensionen des christlichen Lebens zusammengenommen das Kreuz bilden – sind beide den Christen in der Taufe durch den Heiligen Geist geschenkt. Damit steht der Name Jesu schon über unserem Leben. Und deshalb soll auf dem Etikett unseres neuen christlichen Menschen als Material stehen: „100% Jesus Christus“. Ihn sollen wir anziehen und so sein Wesen annehmen. Damit ist auch gewährleistet, dass uns dieses Kleidungsstück in Größe, Farbe und Form wie angegossen passen wird. Denn Gott weiß, was wir brauchen.

Jesus selbst hat immer wieder Menschen zu neuer, passgenauer Kleidung verholfen, indem er ihnen die Sünde ausgezogen und das Kleid des Glaubens angezogen hat. Das Evangelium des heutigen Sonntags erzählt von dem Gelähmten, den seine vier Freunde zu Jesus bringen; durch das geöffnete Dach wird er Jesus vor die Füße gelegt und der vergibt ihm seine Schuld. Das ist der entscheidende Moment; dass Jesus ihn auch noch gesund macht, ist nur noch Machterweis Jesu den Zweiflern gegenüber. In der zweiten Evangelien-Lesung heilt Jesus den Kranken am Teich Betesda, und gibt ihm als entscheidende Weisung für seinen weiteren Weg ein „Sündige hinfort nicht mehr.“ mit. So heilt Jesus in unserem heutigen Sinn ganzheitlich an Leib und Seele.

Für Jesus wie auch für Paulus war immer wichtig, dass nicht jede Krankheit durch Sünde hervorgerufen wird. Ein Rückschluss: „Jetzt bist du krank, deshalb musst du früher einmal gesündigt haben.“ ist falsch. Es ist nur in die andere Richtung richtig: Alles, was Paulus aufgezählt hat, alle Sünde und Schuld macht die Seele und damit auch unweigerlich den Körper krank. Deshalb muss die krank machende Kleidung, der alte, also vorchristliche Mensch ausgezogen werden. So schwer es uns manchmal auch fällt, denn oft genug merken wir gar nicht, wie schädlich die Kleidung ist, die wir tragen. Aber nachdem wir sie abgelegt haben, können wir neu eingekleidet werden: mit Kleidern, die die beiden Label „Heiligkeit“ und „Gerechtigkeit“ tragen, die zu 100% aus Jesus Christus bestehen und die uns so leben lassen. Amen.

Ablauf des Gottesdienstes

  • Musikalisches Vorspiel: „Herz und Mund“ (M.Buchholz/T.Böcking)
  • Begrüßung
  • Lied „Da wohnt ein Sehnen tief in uns“ (#lautstärke 27)
  • Votum
  • Psalm 32 (EG.E 47)
  • Gnadenzusage
  • Tagesgebet
  • Schriftlesung und Halleluja: Epheser 4,22-32 Psalm 138,8b
  • Predigt über Epheser 4,22-32
  • Lied „Vergiss nicht, zu danken“ (EG 644)
  • Glaubensbekenntnis
  • Abkündigungen
  • Fürbitten
  • Vater unser
  • Segen
  • Musikalisches Nachspiel: „Ich singe dir mit Herz und Mund“ (EG 324 i.A.)

Predigt am 18. Sonntag nach Trinitatis 2020 (11. Oktober)

Der Predigttext 5. Mose 30,11-14 wurde zuvor als Schriftlesung vorgetragen. Der Ablauf des Gottesdienste ist unten zu finden. Einen besonderen Akzent bekam der Gottesdienst durch die beiden Lieder aus dem Musical „Hoffnungsland“: „Gebote“ vor der Predigt und „Zeichen“ nach Predigt und Glaubensbekenntnis. Die beiden Lieder waren die Idee von unserem Kantor und Organisten Jonathan Dräger, der sie wie alle anderen Stücke auch vorgetragen hat.

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Es war für die Väter und Mütter unseres Grundgesetzes wohl das Wichtigste: Sie wollten das, was während des Krieges und während der Naziherrschaft insgesamt unter die Räder gekommen und verloren gegangen war, ganz besonders schützen. Deshalb stellten sie dieses wichtigste Gut ganz an den Anfang des Grundgesetzes, unserer Verfassung. Alles, was danach kommt, soll sich diesem höchsten Gut unterordnen und es durch entsprechende Gesetze schützen.

An den Anfang des Grundgesetzes stellten die Väter und Mütter im Artikel 1 diesen einen Satz: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Danach folgt ein weiterer Satz, der die grundlegende Bedeutung dieses Satzes deutlich macht: „Sie, also die Würde des Menschen, zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

Das Wissen um den Verlust der Würde des Menschen während der Naziherrschaft droht aber inzwischen immer mehr verloren zu gehen, weil so viel Zeit vergangen ist, dass die Erinnerung an den Verlust der Menschenwürde mehr und mehr verblasst. Was das heißt, erleben wir in diesen Tagen, Wochen und Monaten: Antisemitisches, rassistisches und nationalistisches Gedankengut breitet sich in der Öffentlichkeit wieder und immer stärker aus. Und auch im Allgemeinen scheint es für viele Menschen heute bei weitem nicht mehr selbstverständlich zu sein, dass Gesetze auch für diese Menschen selbst gelten.

Das Grundgesetz mit seinem ersten so unendlich wichtigen Satz gibt uns die Möglichkeit, so etwas wie einen nationalsozialistischen Unrechtsstaat unmöglich zu machen. Wir müssen die Erfahrungen des 2. Weltkrieges nicht wiederholen. Es reicht völlig und ganz, sich an den ersten Satz des Grundgesetzes zu halten und an das, was aus ihm folgt. Aber in immer größeren Bereichen unserer Gesellschaft scheint die Einsicht mehr und mehr zu schwinden.

Muss also fühlen, wer nicht hören will? Es lohnt sich, dazu einen Blick in die Bibel zu werfen. Mit dem heutigen Predigttext haben wir es getan und Entscheidendes mitbekommen: Kurz bevor das Volk Israel endlich nach 40 Jahren Wüstenwanderung in das gelobte Land einziehen darf, hören sie auf das Vermächtnis des Mose, das der ihnen in einer langen Rede anbietet. Die Israeliten lassen sich daran erinnern, dass auch sie aus einer Katastrophe kommend einen neuen Anfang brauchten und das sogar zweifach: Für die Israeliten stand aber nicht so sehr die Würde des Menschen im Mittelpunkt, sondern die Freiheit.

In der Frühzeit des Volkes Israel ist es natürlich der Auszug aus Ägypten: Gott befreit sein Volk aus dem Sklavenhaus und führt es dann auf einem langen Weg durch die Wüste in das Land, das er schon den Vorvätern versprochen hatte – nach Palästina in das Land, wo Milch und Honig fließen, in das Land der Freiheit.

Und einige hundert Jahre später geschieht diese Befreiung noch einmal: Dieses Mal darf das Volk aus dem babylonischen Exil in die Heimat, in die Freiheit zurückkehren. Vielleicht hätte diese erste Gefangenschaft in Ägypten nie eine solche Bedeutung für Israel bekommen, wenn es die zweite nicht gegeben hätte. Denn in Babylon bestand die ganze und einzige Hoffnung Israels darin, dass Gott noch einmal – wie damals in Ägypten – das Volk befreien und nach Hause bringen würde.

Beide Male geht es um die Freiheit, beide Male steht also das im Mittelpunkt, was Israel aus dem Leben in der Gefangenschaft gelernt hat: Die Freiheit ist das höchste Gut, das es in Zukunft zu bewahren gilt. Und der Gott, der sich dem Volk am Sinai offenbart hat, der zu Abraham, Isaak und Jakob gesprochen hatte, der David zum König gemacht und durch Samuel den Tempel erbaut bekommen hat – dieser Gott ist der Garant für diese Freiheit.

Und so steht über den zehn Geboten, die in gewisser Weise das Grundgesetz des Volkes Israel bilden, als 1. Artikel genau das, was dies unverrückbar feststellt und buchstäblich in den Stein der Gebotetafeln gemeißelt sein lässt: „Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der Knechtschaft.“ Das ist der Satz, der über allen 10 Geboten und überhaupt über dem ganzen Gesetz Israels steht. Er müsste beim Zitieren der 10 Gebote grundsätzlich bei jedem Gebot mit gesprochen werden.

Diesen Artikel 1 des israelitischen Grundgesetzes hat das Volk im Lauf der Geschichte sicherlich mal mehr und mal weniger beherzigt. Aber es ist doch immer wieder zu ihm zurückgekehrt. Jede Generation hatte neu die Möglichkeit dazu: Sie konnten diesen Artikel 1 und alles, was aus ihm folgt, immer wieder neu lesen, bedenken und dann auch tun. Mose stellt es dem Volk vor Augen: Das Gebot Gottes, sein Grundgesetz für ein Leben in Freiheit, ist das buchstäblich Naheliegendste überhaupt. Es ist nicht unerreichbar im Himmel oder weit weg hinter dem Meer. Mose, der Vermittler der 10 Gebote, der die steinernen Tafeln ja fast aus dem Himmel vom Berg Sinai geholt hatte – er hat ausgedient.

Denn: „Das Wort ist ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen.“ Immer dann, wenn das aufgeschriebene Wort gelesen, mit dem Mund vorgelesen wird, ist es gegenwärtig und hat die Möglichkeit, das Herz zu bewegen. Und weil für Israel das Herz der Ort sowohl für das Gefühl als auch für den Verstand ist, hat dieses Wort nichts mit einer nur seichten Gefühligkeit zu tun; sondern es umfasst den ganzen Menschen mit Leib, Seele und Geist.

Und so ist es eben kein plumpes „Müssen“, das sich für das Volk Israel mit den Geboten verbindet. Es geht bei den sogenannten 10 Geboten nicht um Befehle und Verbote. Schon in der Sprache wird das deutlich. Denn im Hebräischen ist es nicht eindeutig, ob es eine Befehlsform ist oder nicht. Es muss nicht „Du sollst“ oder „Du sollst nicht“ heißen. Es kann auch einfach „Du wirst“ oder „Du wirst nicht“ heißen. Also: „Du wirst nicht andere Götter haben, nicht töten, ehebrechen oder stehlen.“ Und: „Du wirst den Feiertag heiligen.“ Alles das passiert, solange dieser Artikel 1 des israelitischen Grundgesetzes richtig ist: „Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der Knechtschaft.“ Solange das für Israel gilt, passiert das andere ganz automatisch, solange sich Israel daran hält, ist das andere – so schwer es manchmal auch erscheinen mag – selbstverständlich. Niemand muss die Gebote halten, um einen lieben Gott zu haben. Gott geht in Vorleistung und befreit sein Volk aus der Sklaverei und dem Exil, aus der Ferne von Gott – immer wieder neu bis heute tut er das. Und Gefangenschaften gibt es genug.

„Das Wort ist ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.“ Als Christen glauben wir: Gott hat in Jesus Christus sein Wort noch einmal ganz neu gesprochen, um auch diejenigen, die nicht zu Israel als dem Volk Gottes gehören, hinzu zu holen. Mit dem Johannesevangelium bekennen wir, dass Jesus Christus das Wort Gottes mit dem menschlichen Angesicht ist, der uns das Gebot Gottes nahe bringt.

Auch wir müssen, um zu Christus zu gelangen, nicht in irgendeinen unerreichbaren Himmel hinauf, den wir nicht kennen; wir müssen auch nicht über irgendein unüberbrückbares Meer, dessen Ende wir nicht abschätzen können. Jesus Christus ist uns als Wort Gottes ganz nah. Denn in ihm kommen die ganzen Weisungen Gottes auf den Punkt und an ihr Ziel. So wie Jesus sie mit dem höchsten Gebot auf den Punkt gebracht hat: „Gott zu lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft und deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

Und da treffen sich Artikel 1 unseres Grundgesetzes und Artikel 1 der Gebote Gottes: Denn die unantastbare Würde des Menschen ist kein theoretischer Wert, sondern ein ganz praktischer und konkreter. Ebenso wie der Nächste, in dem uns Jesus begegnet, kein theoretischer Mensch ist, sondern ein ganz realer. Und beide – die Würde des Menschen und Christus im Nächsten – kennen keine Grenzen bei Hautfarben oder Herkommen, bei Gehalt oder Geschlecht.

Lassen wir Gott über allem stehen und haben wir Gottes Wort immer in unseren Herzen. Dann wird das andere, das darauf folgt, einfach geschehen. Dazu helfe uns Gott. Amen.

Ablauf des Gottesdienstes:

  • Musikalisches Vorspiel: „Wohl denen, die da wandeln“ (EG 295)
  • Begrüßung
  • Lied „Lass mich, o Herr, in allen Dingen“ (EG 414)
  • Votum
  • Psalm 1
  • Gnadenzusage
  • Tagesgebet
  • Schriftlesung und Halleluja: Mose 30,11-14; Psalm 25,14
  • Lied „Gebote“ (aus „Hoffnungsland“)
  • Predigt über 5. Mose 30,11-14
  • Glaubensbekenntnis
  • Lied „Zeichen“ (aus „Hoffnungsland“)
  • Abkündigungen
  • Fürbitten
  • Vater unser und Segen
  • Musikalisches Nachspiel: „Ich will dich lieben, meine Stärke“ (EG 400 mit der Melodie von Harald Sieger)

Den schönen Hinweis auf unser Grundgesetz verdanke ich Dr. Johannes Taschner in der Meditation in den aktuellen Göttinger Predigtmeditationen (Gött. Predigtmed. 74, S. 478-483).

Predigt an Erntedank 2020 über Markus 8,1-9

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Gemeinde am Erntedanktag!

Es ist einer der freudigsten Tage im Kirchenjahr: Wir sollen und wir wollen ja auch gerne „DANKE!“ sagen für das, was wir in einem Jahr als Ergebnis unserer Arbeit vor uns sehen. Und ich bin davon überzeugt, dass es bei vielen auch in diesem Jahr ganz viel ist, was wir vorzuweisen haben – ja auch trotz, bei manchen wegen Corona.

Dass wir im Herbst auf die Arbeit des Jahres zurücksehen – am Sonntag nach dem Michaelistag – und nicht an einem anderen Tag, liegt in unserer Geschichte als agrarischer Gesellschaft begründet. Sonst hätte es ja auch der 1. April sein können (da endete früher das Schuljahr) oder der 31. Juli (wenn heute das Kindergartenjahr endet). Es könnte auch der 31. Dezember sein (wenn das Kalenderjahr endet) oder der 1. Advent, wenn ein neues Kirchenjahr beginnt.

Aber: Wir bedenken die Arbeit eines Jahres und wir danken für den Ertrag eines Jahres im Herbst, am ersten Sonntag im Oktober – weil Michaelis seit Alters her der Tag der Abrechnung von Steuern und Abgaben auf den Höfen war; denn dann war da ja etwas zu holen – nach der Ernte. Das Pachtjahr orientiert sich bis heute daran.

Unsere Arbeit bedenken und ihr Ergebnis – sichtbar ist das hier in der Kirche mit den Erntegaben – den Früchten vom Feld und aus dem Garten mit seinen Bäumen und Büschen. Und das ist wichtig, denn das alles erinnert uns daran, dass es diese grundlegenden Dinge sind, die unser Leben sichern. Ohne Essen und ohne Trinken – das ist bestimmt genau so wichtig – wäre alles andere in unserem Leben nicht möglich.

Und trotzdem sind diese Früchte und das, was wir aus ihnen gemacht haben – Kartoffeln und Marmelade, eingemachte Gurken und frische Birnen – auch ein Zeichen für das, was wir in ganz anderer Form gearbeitet haben und dessen Ertrag wir hoffentlich betrachten können: in der Firma, in der wir arbeiten, und in der Schule; in dem Verein, in dem wir uns engagieren und in unserer Familie (im Haushalt, bei der Erziehung der Kinder und bei der Betreuung und Begleitung der altgewordenen Generation).

Mit all dem sind wir heute Morgen da; wir haben es bestimmt ganz deutlich vor Augen und können mit dem tiefen Gefühl von Dankbarkeit diese fünf Buchstaben als Wort formen: „DANKE!“ Denn wir wissen, dass es nicht nur unsere Leistung ist, dass es so gekommen ist. Wir glauben, dass Gott die Grundlage dafür ist, dass uns dieses oder jenes gelungen ist. Wir glauben, dass Gott die Grundlage dafür ist, dass wir auch nach Lebens-Trockenheit und Lebens-Sturm, dass wir trotz mancher Niederlagen immer noch etwas haben, wofür wir danken können – manchmal vielleicht wirklich nur unter bitteren Tränen, aber eben doch. Ja – das glauben wir; und angesichts der Unwägbarkeiten der Zukunft wollen wir auf Gott vertrauen, dass wir im neuen Jahr mit seiner Hilfe mit unserer Arbeit Erfolg haben werden und eine Ernte einbringen können.

Deshalb ist Erntedank einer der freudigsten Tage im Kirchenjahr. Die dankbare Freude über die so vielfältige Ernte dieses Jahres entsteht nämlich nicht vor der Negativfolie dessen, was in unserer Welt und in unserem Leben schief läuft. Wir müssen nicht erst über intensive Landwirtschaft einerseits und die unzureichenden Erträge der Landwirte aus ihrer Arbeit andererseits schimpfen; wir müssen nicht über die weltweite Gefährdung der Natur und das Artensterben durch die Klimakatastrophe lamentieren oder die Überflussgesellschaft mit ihrer Wegwerfmentalität anprangern – bloß um uns dann mit schlechtem Gewissen doch noch ein wenig und über die eigene Ernte unserer Arbeit zu freuen.

Das ist jedoch in vielen Predigten, die ich zum heutigen Tag gelesen habe, die Struktur. So kommen wir aber nicht weiter; ein Erntedank mit schlechtem Gewissen über das eigene Ungenügen ist bestimmt nicht im Sinn Gottes und es setzt doch keine Energie frei. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Aus der freudigen und glaubenden Dankbarkeit über Gottes Güte, die uns das Gelingen und die Frucht unserer Arbeit schenkt, erwächst die Kraft, auch das zuversichtlich anzugehen, was in diesem Arbeits- und Erntejahr nicht gut gewesen ist. Denn wir wollen und wir dürfen uns bestimmt nicht davor verschließen, dass in vielen Bereichen unseres Lebens und unserer Erde die Not groß ist, oft genug viel größer, als wir es uns vorstellen können.

An dieser Stelle kommt für mich der Predigttext ins Spiel, den wir eben gehört haben. Ich lese ihn als eine Anweisung Jesu, wie wir aus der Freude über Erntedank ganz grundsätzlich leben sollen:

Jesus sieht die Menschen, die ihm zugehört haben: wieder einmal eine große Menge. Die Menschen haben Hunger nach dem, was er ihnen von Gott sagen kann; sie kommen, weil sie von ihm geistliche Speise erhoffen. Markus berichtet nicht, dass Jesus dafür dankt, aber es ist ein großer Grund für Dankbarkeit. Jesus sieht aber auch die Not der Menschen, die nicht nur hungrig nach dem Wort Gottes sind, sondern auch einen knurrenden Magen haben. Jesus sieht sie und es geht ihm richtig an die Nieren.

Und so macht er Bestandsaufnahme: Was haben wir? Und auch wenn es angesichts der großen Zahl von Menschen nicht der Rede wert zu sein scheint, sagt er zu allererst für die sieben Brote „DANKE!“ Dann teilt er sie und lässt sie von den Jüngern verteilen. Ebenso sagt er Gott für die paar Fische „DANKE!“ Und er lässt auch die verteilten.

Sieben Brote – und es reicht. Die Leute werden satt und es bleibt sogar etwas übrig! – Ein Wunder? Ich weiß es nicht. Es macht aus meiner Sicht jedenfalls keinen Sinn, mit einer plumpen psychologischen Erklärung zu kommen, die einfach sagt: Die Menschen haben doch noch etwas in den Taschen gehabt und es dann einfach mit den anderen geteilt. Vielleicht ist es das auch gewesen. Aber es ist darüber hinaus noch etwas Anderes geschehen, das über solche einfachen Erklärungen hinaus geht, und was für die Beteiligten so beeindruckend war, dass sie es glaubwürdig weiter erzählt haben.

Ich möchte auf die Fülle sehen, die sich in den sieben Broten verbirgt. Denn „Sieben“ – das ist die Zahl der Vollkommenheit. Diese sieben Brote waren einfach genug – genug sogar, um das Übriggebliebene aufzusammeln und wiederum in sieben Körbe zu füllen.

Schließlich lässt Jesus die Menschen gehen – wieder hinaus in ihr je eigenes Leben: Nach drei Tagen mit ihm, mit Jesus, in der tödlichen Wüste lässt Jesus die Menschen aufstehen und zurück in ihr Leben gehen. Das hat für mich einen ganz besonderen Klang: Nach drei Tagen aufstehen und ins Leben gehen – das heißt für mich: Auferstehung zum Leben nach dem Dank für die Fülle Gottes in den sieben Broten.

Mögen auch wir aufstehen und auferstehen und so gestärkt in unser Leben zurückgehen: Mit dem fröhlichen Dank für die Ernte dieses Jahres und mit der Kraft, die uns auch die Not unseres Lebens angehen und wenden lässt, dass wir das tun was not-wendig ist. Amen.