Predigt an Rogate 2020 (17. Mai)

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde!
Wer hätte bei den Worten „und geh in dein Kämmerlein und schließe die Tür zu“ nicht auch an unsere „Gottesdienste am Sonntag zuhause“ gedacht, die es seit dem 29. März auf unserer Homepage zum Herunterladen gegeben hat? Da haben es eine ganze Reihe von Menschen so gemacht: Gottesdienst gefeiert – also in gewisser Weise die erweiterte Form des Gebetes vollzogen. Und es ist bestimmt für viele am Sonntagmorgen zwischen 10.00 Uhr und 11.00 Uhr ganz wichtig gewesen, sich beim Beten und Gottesdienstfeiern nicht alleine zu wissen.

Geistliche Verbindungen sind stärker als der Abstand, den uns Corona aufzwingt. Es war und es ist eben nicht alles abgesagt, wie es auf einem Bild im Internet so schön gestanden hat: weder Lesen noch Liebe, weder Trösten noch Telefonieren, weder Phantasie noch Frühling, weder Musik noch Beten. Und ich habe es für mich als unendlich hilfreich erfahren, mich abends um 9.00 Uhr in die mir so vertraute Form der Komplet fallen zu lassen: alleine mit Gott – die Welt nicht ignorierend, aber räumlich draußen gelassen; getragen von der vertrauten Form – mit Menschen der Gemeinde in der Fürbitte verbunden.

„… geh in dein Kämmerlein und schließe die Tür zu.“ In diesen Tagen auf Abstand mit oft geschlossenen Türen wegen der Corona-Pandemie ist uns aber bei ganz vielen sonst Dingen deutlich geworden, dass diese eben nicht einfach so selbstverständlich da sind. Wenn wir uns begegnen und nahe kommen können, wenn wir einander nicht nur sehen und sprechen, sondern auch besuchen und umarmen können. Das ist immer wieder neu ein ganz besonderes Geschenk.

Zugegeben: Umarmen – so weit sind wir noch nicht wieder. Aber wir feiern immerhin – wieder Gottesdienst, wenn auch unter nicht so ganz gewohnten Umständen. Wenn uns auch hier in der Kirche ganz vieles an Corona erinnert, so ist es eben doch etwas ganz anderes, als wenn wir zuhause in unseren eigenen vier Wänden sitzen.

„… geh in dein Kämmerlein und schließe die Tür zu.“ Das bedeutet ja nicht, grundsätzlich alleine beten zu müssen. Es bedeutet: Ich habe einen Ort, wo ich auf eine gute Art und Weise mit Gott in Kontakt kommen kann, weil mich dann nichts ablenkt: kein Telefon und keine Klingel, kein Fernseher und kein „Komm doch mal!“ von einem aus der Familie. Dann bin ich einfach da. Der Raum der Kirche ist der Schutzraum, in dem ich mich öffnen kann. Und die Gemeinschaft der Menschen in der Kirche, die mit mir feiern, die sich also in der gleichen Weise öffnen, hilft dabei. Dann bin ich und sind wir also da – offen für Gott.

So wie Gott schon da ist. Seine Gegenwart müssen wir nicht erst erarbeiten oder herstellen; ihn müssen wir für unser Gebet nicht einladen und dann vielleicht ängstlich bangen, ob er denn kommt. Gott ist schon da – immer und überall. Und er ist es, der uns einlädt: Er ist der Gastgeber, der den Raum des Gebetes einmal eröffnet hat und ihn für uns immer offen hält. Das unterscheidet ihn von den Gastgebern bei den in diesen Wochen so wichtig gewordenen Videokonferenzen. Wenn die auf Ende klicken, dann ist die Verbindung und damit die Sitzung auch wirklich zuende. Gott aber hält diesen Raum offen. Immer.

Und Probleme mit dem Datenschutz gibt es bei Gott auch nicht: Wir dürfen ihm unser Innerstes anvertrauen; also das, was in unserem Innersten so ganz tief unten verborgen ist, dass es niemand anderes sehen kann und soll. Im Raum des Gebetes ist es für Gott sichtbar und wir erschrecken darüber nicht. Denn wir können gewiss sein: Gott sieht es mit einem ganz liebevollen Blick an – ganz einfühlsam und voller Zärtlichkeit.

So wirbt er um unser Vertrauen, so öffnet sich im Raum des Gebetes unser Herz und wir erfahren, wie gut es tut, einen anderen an dem teilhaben zu lassen, was uns freut und was uns traurig macht, was uns niederdrückt oder was uns sogar zu zerstören droht. Ich glaube, wir alle kennen solche Momente: Wenn es so ein liebevolles Zuhören unter Menschen gibt – mit der besten Freundin oder dem Kumpel, mit dem man durch Dick und Dünn geht, mit der Partnerin oder dem eigenen Kind oder Vater oder Mutter. In solchen Momenten des vertrauensvollen Gesprächs wird das Herz weit, öffnet sich gewissermaßen der Himmel und Angst und Sorge, Qual und Entsetzen verlieren ihre beherrschende Macht. Und genau das schenkt uns Gott mit dem Raum des Gebetes, den er uns eröffnet.

Seine Antworten sind vielleicht nicht so direkt wie die eines menschlichen Gesprächspartners. Aber das ist gar nicht so schlimm. Denn in solchen Gesprächen, die das Herz weiten und frei machen, braucht es auch zwischen Menschen keine langen Antworten. Die Gegenwart des anderen, seine liebevolle Aufmerksamkeit reichen aus, um meine Worte fließen zu lassen und so diese wunderbare Weite des Herzens zu spüren. Wie wichtig ist es, sich schwierige Dinge so von der Seele reden zu können; wie wichtig ist es, Glück und Freude mit mindestens einem anderen zu teilen und so seine Freude zu verdoppeln.

Der Text des Vaterunsers ist dann nicht nur eine Predigt, sondern eher eine Predigtreihe mit je einer Predigt für jede Bitte wert. Das würde heute und hier sicherlich zu weit führen. Und es ist auch gar nicht so nötig. Denn im Vaterunser vereint Jesus alles, was im Leben eines Menschen wichtig ist. Es bringt die Verbindung des Menschen zu Gott ebenso wie die Beziehungen der Menschen unter- und zueinander zur Sprache. Das Vaterunser hat – ebenso wie viele Psalmen – Worte für uns, wenn uns die eigenen Worte fehlen; Worte, die alles Leben in sich vereinen und die sich deshalb auch so gut mit dem füllen lassen, was mich, was uns persönlich jeweils ganz besonders bewegt.

Das heutige Fürbittengebet in diesem Gottesdienst ist so ein Versuch: Jede Zeile des Vaterunsers, die von Matthias Zelle/Heike Meier gelesen wird, wird durch weiterführende Gedanken konkreter, dass es für uns als Gemeinde näher dran ist. Und in unserem eigenen Gebet zuhause können wir alle das für uns persönlich Wichtige eintragen. Vielleicht versuchen wir es in den nächsten Tagen einmal: Im Gebet eine Zeile des Vaterunsers für sich stehen lassen und zu dem jeweiligen Thema unsere Gedanken in Worte fassen und als Gebet vor Gott bringen.

Bei der Lesung ist es manchen vielleicht aufgefallen: Der für uns so vertraute Schluss „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“ – er fehlt. Und das in der Überlieferungsgeschichte der Bibel wohl zurecht, denn in den ältesten Handschriften gibt es ihn nicht. Alles deutet darauf hin, dass dieser Schluss, die sogenannte Doxologie, also das abschließende Rühmen der Herrlichkeit Gottes, wohl erst später von anderen an das Gebet Jesu angefügt worden ist.

Das macht aber nichts. Dadurch wird das Gebet Jesu ja nicht ungültig. Und die Gebetstradition der Kirche hat Texte aus der Bibel immer wieder für den jeweiligen Moment angepasst. Aus meiner Sicht ist es wichtig, wie Jesus nach der letzten Bitte „sondern erlöse uns von dem Bösen“ weiter spricht: Da geht es um das Vergeben, das wir den anderen Menschen gewähren sollen. Das ist Jesus an so vielen Stellen ganz wichtig, denn es ist ein, wenn nicht der Schlüssel für unser Leben. Es geht Jesus in seiner ganzen Verkündigung und damit auch im Vaterunser doch darum, den Shalom Gottes wieder herzustellen. Shalom – das ist Frieden im ganz umfassenden Sinn; das ist das Ganzsein und die Vollständigkeit des Volkes Gottes und der Schöpfung insgesamt. Und wenn etwas zwischen den Menschen steht, dann ist dieses Ganzsein gestört, dann fehlt etwas.

Vielleicht ist es gerade jetzt wichtig, sich daran erinnern zu lassen: Es ist nicht alles heil – in unserem Leben, in unser Ort und unserem Land, in unserer Welt. Die Masken und alles andere, was heute an Ungewohntem diesen Gottesdienst bestimmt zeugen davon. Normal ist etwas anders; aber vielleicht auch nicht das, was vorher war.

Für uns als Christen aber ist normal, dass wir mit Gott im Gespräch sind – in unserem jeweiligen Kämmerlein: zuhause oder hier in der Kirche. Und normal ist das Gebet, das uns verbindet, seit im frühen 2. Jahrhundert die Apostel in der Didache uns gesagt haben: „Drei Mal am Tage betet so, wie der Herr in seinem Evangelium geboten hat.“ Und das wollen wir tun. Amen.

Gedanken zum Sonntag Misericordias Domini

Gedanken zu den Texten vom Sonntag Misericordias Domini:

Johannes 10,11-16(27-30) „Jesus – der gute Hirte“
1. Petrus 2,21-25 „Christus, Hirte und Bischof unserer Seelen“

„Der gute Hirte“ – viele Menschen werden Bilder vor Augen haben, wie sie sich diesen Hirten vorstellen. Vor allem im vergangenen Jahrhundert gab es unzählige Variationen, wie Jesus als Hirte dargestellt wurde. Aber immer eben mit ihm, also Jesus, und einem Schaf: ob das bei Jesus über die Schultern gelegt ist oder ob es sich vertrauensvoll an seine Beine schmiegt.
Aber ist das nicht ein Bild, das gar nicht mehr in unsere Zeit passt? Wo gibt es noch Hirten, die mit ihren Tieren wirklich auf Wiesen unterwegs sind? Und wollen sich aufgeklärte Menschen im 21. Jahrhundert denn wirklich zu Schafen erklären, die hinter einem Hirten hertrotten, ohne zu denken?

Trotzdem ist das Bild von Jesus als dem Hirten das bekannteste und nach wie vor das populärste Bild, das die Menschen von Jesus und von Gott haben. Es hat in meinen Konfirmanden-Jahrgängen keinen einzigen gegeben, in dem nicht wenigsten eine/r der Jugendlichen den Anfangsvers von Psalm 23 als Konfirmationsspruch gewählt hat. Ich bin überzeugt: nicht nur, weil sich der eine Satz so einfach merken lässt: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Und auch bei den meisten Erwachsenen ist dieser Vers und damit das Bild von Jesus als dem guten Hirten absolut präsent.

Diese alle wollen sich bestimmt nicht einfach so zu Schafen machen, die angeblich keine eigene Meinung haben, die nicht denken können, die nur blöde durch die Gegend blöken – bloß weil das Bild in der Bibel so schön ist.

Der Schlüssel zu einem hilfreichen Verständnis ist die Klarheit darüber, um wen es in diesem Bild wirklich geht. Also: Was die Perspektive ist, mit der das Bild betrachtet wird. Da stellen wir fest: Es geht nicht um die Schafe und damit darum, die Menschen zu beschreiben. Es geht um Gott (im Psalm 23) und es geht um Jesus (zum Beispiel im Johannesevangelium und im 1. Petrusbrief). Es geht in diesem Bild nicht darum, die Menschen zu Schafen zu machen. Es geht darum, wer Jesus für mich ist und wie Jesus zu mir steht.

Im ersten Petrus-Brief stellt der Schreiber dem Hirten ein zweites Wort an die Seite. Die Gemeindeglieder haben sich zu Jesus hin umgewendet, der Hirte und Bischof ist. Gemeint ist in diesem Brief kein Leiter einer evangelischen Landeskirche oder eines katholischen Bistums. Bischöfe waren in der Anfangszeit des Christentums zusammen mit anderen Ältesten die örtlichen Gemeindeleiter. Ein Bischof war zuerst auch nicht der Chef der Gemeinde. Es war ein Amt neben anderen.

„Bischof“ ist die Übersetzung des griechischen Wortes „Episkopos“. Es heißt einfach „Aufseher“. Gemeint ist natürlich kein Sklavenaufseher. Gemeint ist ein Mensch, der sich um mich sorgt und kümmert, der mich mit meinen Sorgen und Nöten und mit meiner Freude wahrnimmt. „Einen Bischof zu haben heißt, einen zu haben, der auf mich sieht.“ So heißt es in einer frühen urchristlichen Schrift. So wird in der wörtlichen Übersetzung des Wortes sichtbar, was die Aufgabe eines Bischofs war: Seelsorger sein; eine/r, der auf mich sieht – mit ganz liebevollem Blick. Das tut ein Bischof. Für finanzielle Dinge und für die Organisation gab es in der Gemeinde andere: Ämter und Menschen.

Seelsorge – das ist es, was aus meiner Sicht das Bild von Gott und Jesus als Hirten so populär und zeitlos macht, dass es auch für moderne Menschen annehmbar ist. Da sorgt sich jemand um meine Seele, also um mich. Das wollen wir alle: liebevoll angesehen und verstanden werden; einen haben, wo wir uns geborgen fühlen und deshalb anlehnen können.

Die Sehnsucht der Menschen nach „Herz“ – gerade in diesen Tagen und Wochen ist sie besonders groß. Denn es ist uns deutlich geworden: Für Essen und Trinken ist zwar gesorgt, aber die (körperliche) Nähe und die Zuwendung, die wir als Menschen ebenso brauchen wie Essen und Trinken, fehlen ganz vielen Menschen.

Misericordias Domini – Der Psalmvers, aus dem die beiden lateinischen Worte stammen, lautet: „Die Erde ist voll der Barmherzigkeit des HERRN.“ (Psalm 33,5b) Ja, darum geht es: die Barmherzigkeit Gottes ist in dieser Welt zu finden, auch wenn es hier oft genug ganz unbarmherzig zugeht. Aber gerade denen, die „arm“ (die arm dran) sind, wendet sich Gott in Jesus Christus mit seinem Herzen und damit mit seiner ganzen Liebe zu.

Deshalb trägt der Sonntag neben dem Namen „Sonntag vom guten Hirten“ auch immer noch den altkirchlichen Namen „Misericordias Domini“ – die „Barmherzigkeit des Herrn“.
Und wir als Nachfolger Jesu Christi sind aufgerufen, diesem Vorbild nachzufolgen und nachzueifern und Barmherzigkeit in dieser Welt erfahrbar werden zu lassen: den Armen unser Herz zu schenken.

Möge es uns gelingen: heute und jeden Tag – in der Gewissheit, dass Gottes Barmherzigkeit und Liebe für uns auch jeden Tag neu ist. Amen.

Predigt am Ostersonntag

Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden, Halleluja!

Ja, liebe Gemeinde am Ostermorgen! Der Osterruf geht auch in diesem Jahr um die Welt, doch in diesem Jahr ist alles anders als sonst: Keine Feier der Osternacht, in der der Übergang von der Nacht des Todes zum Tag des Lebens begangen wird, und keine weiteren Gemeindegottesdienste; kein Besuch bei der Familie; keine Reise in die Ferne, kein Urlaub in der Nähe an Nord- oder Ostsee oder in den Bergen. Aber auch keine Einnahmen für viele Menschen, besonders hart für die, die in dieser Zeit einen ganz wichtigen Teil ihres Jahresumsatzes machen. Dafür aber hohe Anspannung und ganz hoher Einsatz bei den Menschen, die sich in den Krankenhäusern um Erkrankte und in Wohnheimen um ältere und pflegebedürftige Menschen kümmern.

Alles ist anders in diesem Jahr. Vielleicht ist es deshalb in diesem Jahr ein wenig besser nachzuempfinden: Was in den Menschen um Jesus vor sich gegangen ist. Für die war ja auch von jetzt auf gleich alles anders geworden: Nachdem Jesus am Donnerstag verhaftet und am Freitag am Kreuz hingerichtet worden war.

Der Evangelist Johannes berichtet von den Jüngern, wie sie in einem Haus saßen – die Türen fest verschlossen aus Furcht, dass es sie auch noch erwischen könnte.
Und auch wir sitzen zuhause – die meisten von uns jedenfalls: freiwillig oder erzwungene Quarantäne und Kontaktverbot – das ist zwar von den Behörden verordnet, letztlich aber doch aus Furcht, aus Furcht vor diesem Virus Covid 19, der das Leben bedroht.

Der Evangelist Markus berichtet von den Frauen, die sich ganz früh am Morgen aufmachen, um dem toten Jesus einen letzten Liebesdienst zu erweisen und seinen Leichnam zu salben. Die Frauen stehen plötzlich vor einem vorher nicht bedachten – aber im wahrsten Sinn schwergewichtigen – Problem: „Wer wälzt uns den Stein von dem Grabeingang weg?“ Dieser Stein versperrt den Zugang: zum Ziel ihrer Sehnsucht, zu dem Ziel ihrer Liebe: Hinter diesem Stein ist der tote Jesus zu finden.

Für die Frauen ist Jesus das Ziel ihrer Liebe. Was ist das Ziel unserer Liebe? Und was verstellt uns – auch unabhängig von der jetzigen Krise – den Weg zu diesem Ziel? In unserer ganz aktuellen Gegenwart mit den coronabedingten Kontaktverboten sind das vor allem bestimmte Menschen, nach denen wir uns sehnen; Menschen, die wir vermissen: Unsere Eltern oder Kinder; die Großeltern oder die Enkelkinder; oder andere Verwandte und Freunde, zu denen wir ein ganz enges Verhältnis haben, die uns jetzt fehlen. Wie selbstverständlich wir diese Menschen sonst um uns haben – das ist uns mit bedrückender Deutlichkeit klar geworden. Sich nicht real begegnen zu können, das ist jetzt der große Stein, den wir nicht weggewälzt bekommen.

Es gibt für uns aber auch noch vieles andere, was wir als Ziel unserer Sehnsucht und Liebe benennen können und was jetzt oder grundsätzlich durch einen großen Stein unerreichbar ist: Orte, die uns ganz viel bedeuten; Projekte, in die wir so viel Herzblut gesteckt haben; und für viele auch der gemeinsam gefeierte Gottesdienst, der uns mit Gott und untereinander als Kirche Jesu Christi verbindet; der uns durch Lieder, durch Predigt und Abendmahl Kraft, Trost und Zuversicht für unsere Leben gibt. So sind auch wir auf dem Weg zum Ort unserer Liebe und Sehnsucht und so fragen auch wir uns wie die Frauen damals: „Wer wälzt uns diesen Stein weg, damit wir zum Ziel unserer Sehnsucht kommen, zu unserem Liebsten?“

Dann erleben die Frauen ihre erste große Überraschung: Der Stein versperrt ihnen nicht mehr den Weg. Ganz unerwartet hat sich dieses so große Hindernis für diese drei damals als irrelevant erwiesen. Es wäre für uns heute aber viel zu kurz gegriffen, wenn wir einfach darauf hoffen wollten, dass sich der Corona-Stein einfach so in Luft auflösen würde. Ostern heißt ja nicht: Der Stein ist weg. Ostern ist das Geschehen, das den Frauen von den beiden Jünglingen berichtet wird: Jesus ist vom Tod auferweckt, er ist auferstanden und an diesem Ort gar nicht mehr zu finden. Die Frauen machen diese wunderbare und zugleich verstörende Erfahrung, dass sie an der falschen Stelle gesucht haben: Der Lebende ist nicht bei den Toten.

Auch wir wollen wohl – wie die Frauen am Ostermorgen – immer an den Ort zurück, wo wir das, was wir lieben, zurückgelassen haben. Aber Zeit vergeht; vieles geschieht und verändert sich. Unser Liebstes ist nicht mehr da zu suchen, wo wir es zurückgelassen haben.
Und: Die Frauen bekommen den Auferstandenen gar nicht zu Gesicht. Sie bekommen „nur“ die Verheißung, „dass“ sie Jesus als Lebendigen sehen werden. Die beiden Jünglinge weisen die drei Frauen nach „Galiläa“ – dahin, wo sie zuhause sind. Aber eben nicht als Rückschritt in die Vergangenheit, sondern als Schritt in die Zukunft; als Weg, auf dem Jesus ihnen vorangeht.

Und so bedeutet auch für uns die Botschaft von der Auferstehung Jesu eine Wegweisung in die Zukunft: Er, der Auferstandene ist bei uns und geht diesen Weg in unsere Zukunft mit, wie er es den Seinen später zugesagt hat: Siehe ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende. Diese Botschaft eröffnet uns einen Lebensweg, der uns immer wieder neu aufstehen und auferstehen lässt.

Und unser je eigenes „Liebstes“, das wir suchen? Auch damit sollen wir nicht im Vergangenen hängen bleiben. Das Ostergeschehen macht Mut, unseren Weg in die Zukunft zu gehen und dort unser Liebstes zu finden: das, wonach sich unsere Seele sehnt – vertraut und doch neu, denn dann werden wir andere Menschen sein. Ostern heißt auch: Das Liebste nicht am Ort der Vergangenheit und des Todes suchen, sondern auf dem Weg sein, um es am neuen Ort zu finden. Denn mit der Auferstehung Jesu ist uns dieser Weg in die Zukunft eröffnet. Amen.

Gehalten beim Viedeogottesdienst des Ev. Kirchenkreises Vlotho am 12. April 2020 in der Kirche in Vlotho-Valdorf. Zum Video: hier.

Predigt an Septuagesimä 2020 über Matthäus 20,1-6

Der Predigttext Matthäus 20,1-16 wurde vor der Predigt als Schriftlesung gelesen.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde! Liebe Silberkonfirmandinnen und liebe Silberkonfirmanden!

Das ist doch ungerecht! – Das ist die Reaktion von ganz vielen Menschen, wenn sie dieses Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg hören. So kann man mit den Menschen doch nicht umgehen: Die einen schuften und schuften von sechs Uhr morgens an und müssen dann auch noch die Mittagshitze ertragen. Das gilt dann auch noch für die, die um 9.00 Uhr anfangen und vielleicht mit Abstrichen auch noch für die, die um 12.00 Uhr angestellt werden.

Und dann sind da die anderen, die erst viel später – um 15.00 Uhr oder sogar erst um 17.00 Uhr – eingestellt werden. Die haben kaum einen Handschlag getan und sollen mit einem ganzen Tageslohn nach Hause gehen. Deren Freude zur Stunde der Abrechnung können wir uns sicherlich vorstellen: ganz unverhofft einen vollen Tageslohn! Und wir werden uns den Ärger der anderen ebenso vorstellen können: Das ist doch Betrug! Ganz egal, was vorher ausgemacht war.

Das ist doch ungerecht! Ja, es ist ungerecht, wenn wir die Maßstäbe unserer Arbeitswelt anlegen, in der Lohn nach der geleisteten Arbeit bezahlt wird. Und das war auch schon vor 2000 Jahren so. Mit den üblichen Einschränkungen, dass Frauen bei gleicher Arbeit auch heute noch – wie vor 2000 Jahren – weniger für die gleiche Arbeit verdienen wie Männer.
Aber: Es gibt auch noch eine andere Richtung, aus der die Situation der Lohnzahlung betrachtet werden kann: Das ist die Blickrichtung des Hausherren, dem der Weinberg gehört und der seinen Verwalter anweist, den Lohn so ungewöhnlich auszuzahlen. Wohl niemand anderes als Gott ist mit diesem Hausherrn gemeint, der immer wieder auf den Marktplatz geht, um Menschen zu finden, die in seinem Weinberg arbeiten. Dieser Weinberg ist das Gottesvolk, das an vielen Stellen in Alten Testament so benannt wird: Israel, der Weinberg Gottes.

Jesus stellt uns Gott also als diesen Weinbergbesitzer vor, der vor allem ein Ziel hat: dass sein Weinberg gut bearbeitet ist. Und – ich gehe noch einen Schritt weiter – Jesus legt uns dadurch, dass er diese Geschichte als Himmelreichsgleichnis erzählt auch die Frage vor, wer denn mit welchem Lohn überhaupt in das Himmelreich hinein kommt.

Dazu müssen wir uns die Situation vorstellen, in der Jesus mit seinen Jüngern war; die Situation, in der die Gemeinde des Matthäus ist, für die der sein Evangelium schreibt. Da waren viele, die von Anfang an dabei gewesen waren, und die im übertragenen Sinn die Mittagshitze ausgehalten hatten: das hämische Lachen, wenn man sich als Christ zu erkennen gab, bis hin zu der Hitze von Verfolgung und Anfeindung. Diese also waren sich sicher: Wir bekommen dafür auch unseren Lohn, der mit Jesus ausgemacht war, den er versprochen hatte: den Platz in Gottes himmlischen Reich.

Und dann mussten sie feststellen, dass andere in ihrem Leben erst viel später dazu gekommen waren; die hatten sich in den Augen der Ersten gar nicht bewähren müssen, die hatten doch gar nicht für das Gottesreich genug gearbeitet, um den vollen Lohn zu bekommen. Und das ist ja offensichtlich: Entweder ganzer Lohn und Zugang zum Himmelreich oder nicht, halb geht nicht. Sie waren alle von diesem menschlichen Gedanken von Lohn gemäß gelisteter Arbeit geprägt.

Was ihnen nicht klar war: Gott hatte einen ganz anderen Blick und eine ganz andere Absicht: Warum sollte er sonst den ganzen Tag immer wieder auf den Marktplatz gehen und nach weiteren Leuten Ausschau halten. Der Hausherr wusste genau so wie seine Arbeiter, dass die mit einer Stunde Arbeitszeit nicht mehr viel reißen würden. Trotzdem hat er sie eingestellt.
Aus einem einfachen Grund: Gott will, dass alle in seinem Weinberg arbeiten, dass alle in sein Himmelreich kommen, dass niemand verloren geht. Deshalb macht er sich immer wieder auf und sucht nach Leuten. Und deshalb ist es aus seiner Sicht keine Frage von „gerecht und ungerecht“, die ihn bewegt, sonder es ist eine Frage der Liebe, die niemanden verloren geben will.

Die Bibel nennt das, was Gott erreichen will in hebräischer Sprache „Shalom“. Wir übersetzen das fast immer mit Frieden – und das ist auch richtig: So wie in der Jahreslosung des vergangenen Jahres: Suche Schalom/Frieden und jage ihm nach. Aber es ist ja immer wieder die Frage, was denn mit diesem Frieden gemeint ist. Und da sagt die Bibel eindeutig: Shalom, also Frieden ist, wenn alles wieder ganz und heil geworden ist; wenn niemand mehr fehlt; wenn keine Lücke da ist. Shalom können wir also auch mit Ganzheit oder mit Ganzsein übersetzen.

Das ist das Ziel Gottes, das Jesus mit seinem Gleichnis deutlich machen will: Wie bekommt Gott die Menschen in sein Reich hinein? Antwort: Indem er ihnen den zahlenmäßig gleichen Lohn zahlt, obwohl sie unterschiedlich lang am Reich Gottes mitgearbeitet haben.

Vielleicht kennt Ihr das Bild von den drei Menschen, die an einem hohen Zaun stehen, hinter dem ein Fußballspiel läuft. Die drei wollen zusehen, der Zaun ist aber für zwei von den dreien zu hoch, um drüber sehen zu können. Und sie haben drei Kisten dabei; jeder von den Dreien steht zuerst auf einer der Kisten: Der Längste von ihnen braucht sie eigentlich nicht; der Mittlere kann so über den Zaun sehen, der Kleinste aber hat keine Chance. In unserem Gleichnis bedeutet das: Jeder bekommt den Lohn, der seiner Leistung entspricht, aber einige nicht in Gottes Reich. Nach einiger Zeit verändern die drei die Kisten: der Längste steht jetzt auf keiner mehr, der Mittlere steht weiterhin auf einer Kiste und der Kleinste steht auf zwei Kisten. Jetzt können alle das Fußballspiel sehen. In unserem Gleichnis bedeutet das: Die Arbeiter haben zwar unterschiedlich lange gearbeitet, sie sind unterschiedlich groß, aber Gott füttert bei den Kleineren immer so viel unter, dass es für das Ziel reicht: dass alle ins Reich Gottes kommen. Jeder bekommt den Lohn, der der Liebe und Gnade Gottes entspricht. Mit diesem Gleichnis erklärt Jesus seinen Jüngern und mit ihm Matthäus seiner Gemeinde, dass Gottes Gerechtigkeit aus einer anderen Sicht heraus berechnet wird, als wir das normalerweise tun. Gottes Liebe ermöglicht es allen, in sein Reich zu kommen. Das ist sein Ziel, um den Shalom wieder herzustellen.

Was Matthäus seiner Gemeinde mit dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg nahe bringen will, erzählt Lukas mit der Geschichte vom sogenannten „verlorenen Sohn“, der durch die Liebe des Vaters wieder aufgenommen wird. Und auch hier ist der unzufrieden, der die Last der Arbeit getragen hat. Auch beim älteren Sohn können wir gut verstehen, dass er sauer auf seinen jüngeren Bruder ist, der sein Erbe durchgebracht hat. Aber – und das ist Jesus in beiden Geschichten wichtig: Die Liebe des Vaters beim Verlorenen Sohn ist keine Missachtung des älteren Sohnes; bei Matthäus ist die Liebe des Hausherren keine Missachtung der Arbeiter, die den ganzen Tag oder weite Teile des Tages gearbeitet haben. Gottes Liebe gilt allen gleichermaßen. Er hat genug davon.

Nun wäre es sicherlich ein Missverständnis, wenn wir uns dann nur lange genug vor Gott und seiner Aufforderung verstecken wollten, um uns möglichst „billig“ das Himmelreich zu erarbeiten. Gott kommt auf den Marktplatz unseres Lebens und spricht uns an. Und wenn das geschieht, werden wir in den Weinberg gehen. Denn wir brauchen für unser Leben den Lohn – also die Liebe Gottes. Matthäus jedenfalls berichtet von keinem, der das Angebot des Hausherren ausgeschlagen hätte.

Liebe Gemeinde! Liebe Silberkonfirmandinnen und liebe Silberkonfirmanden!
Wer sind wir wohl in diesem Gleichnis Jesu? Wenn wir den Tag im Gleichnis auf unser Leben projizieren, dann können wir die Uhrzeiten des Tages so ungefähr auf unsere Lebenszeit übertragen: Die sechste Stunde wäre vielleicht so um die Konfirmation herum, die neunte Stunde die Zeit der Familiengründungen mit 25-30 Lebensjahren; als Silberkonfirmanden stehen Menschen mit 39 oder 40 Jahren so etwa in der Mitte des Lebens, dann ist es 12.00 Uhr; wieder andere Menschen haben mit der Goldenen Konfirmation die neunte Stunde, also 15.00 Uhr erreicht; und schließlich wäre 17.00 Uhr, die elfte Stunde, vielleicht die eiserne Konfirmation.

Wenn es dann am Ende des Lebens darum geht, seit wann Menschen im Weinberg Gottes gearbeitet haben, wird das sehr unterschiedlich aussehen. Es wird bestimmt manche geben, die schon sehr früh in ihrem Leben mit der Arbeit in Gottes Weinberg angefangen haben – vielleicht schon vor oder schnell nach der Konfirmation. Andere werden um 9.00 Uhr oder um 12.00 Uhr von Gott gerufen worden sein; manche haben vielleicht wirklich nur eine ganz kurze Zeit mit Gott zu tun gehabt und im Weinberg etwas gearbeitet.

Und das für uns sicherlich immer wieder erstaunliche Ergebnis der Lohnauszahlung bei Gott ist: Er gibt allen den gleichen Lohn: Alle sind sie, alle sind wir berufen. Gott ergänzt mit seiner Liebe das, was uns noch fehlen würde, um den Zugang zu seinem Reich zu bekommen.
Wenn wir schon lange dabei sind, dürfen wir uns freuen, dass die anderen auch dabei sein werden. Wenn wir meinen, wir seien noch nicht dabei: Halten wir unsere Augen und Ohren offen, wann der Hausherr kommt, um uns in seinen Weinberg zu rufen. Mehr brauchen wir erst einmal nicht zu tun. Gott wird uns schon sagen, wann was zu tun ist. Amen.

Breitensport-Gottesdienst 2020

Hier das Interview mit dem Team „Respekt“, die Predigt und die Fürbitten vom Gottesdienst zum heutigen Breitensporttag des TuS 09 Möllbergen.
Ein ganz, ganz großes Dankeschön an alle, die diesen Gottesdienst mit vorbereitet und mit ihren Texten und Gedanken bereichert haben!

Das Team „Respekt“:

Hallensprecher/Moderator: Liebe Sportsfreunde, ihr wartet sicherlich schon sehnsüchtig auf eure Stars, auf eure Mannschaft. Und hier kommen sie:
Rücksicht, Ehrlichkeit, Selbstreflektion, Persönlichkeit, Empathie, Kommunikation, Toleranz
Zusammen sind sie unser Team – zusammen sind sie RESPEKT.

Das Interview mit dem Team Respekt:
Moderator: Passend zum Thema und zu diesem Bibeltext (Römer 12,9-21 in der Übersetzung „Hoffnung für alle“) haben wir hier die ganz Mannschaft zum Interview versammelt. Das ist super. Liebes Team Respekt! Wo kommt ihr als Mannschaft eigentlich vor? In welcher Liga spielt ihr?
Rücksicht: Wir spielen in jeder Liga. Unsere Mannschaft ist überall da am Start, wo Menschen sich begegnen.
Moderator: Könnt ihr mir ein paar Beispiele nennen?
Selbstreflektion: Klar, gerne. Wir klatschen zum Beispiel Beifall bei einem Sportevent oder bei einer Aufführung – als Anerkennung für die Leistung der Aktiven.
Ehrlichkeit: Und wir folgen den Anweisungen von Feuerwehrleuten, von Sanitätern und Ärzten oder der Polizei, wenn die für Ordnung, Sicherheit und Rettung von anderen sorgen müssen.
Persönlichkeit: Wir achten die Individualität des Einzelnen und erkennen auch seine Schwächen an, ja: auch die Fehler. Die macht jeder und es muss trotzdem immer wieder einen neuen Anfang geben.
Empathie: Wir verhalten uns leise, wenn wir eine Kirche betreten – aus Respekt vor den anderen Gläubigen und aus Respekt vor Gott natürlich.
Kommunikation: Wir hören anderen Menschen zu und lassen Sie ausreden – als Wertschätzung der anderen Meinung, auch wenn sie nicht unsere Meinung ist.
Toleranz: Und Respekt geht über das Miteinander von Menschen hinaus. Es geht auch um Respekt vor dem Leben insgesamt: also vor Tieren und Pflanzen, vor Sachen; also um Respekt vor unserer ganzen Erde.
Moderator: Alles klar. Dann vielleicht eine dumme Frage: Gewinnt ihr immer? Oder verliert ihr auch manchmal?
Toleranz: Die Frage ist gar nicht dumm. Sie ist sogar sehr berechtigt. Denn wir verlieren leider viel öfter, als uns das lieb ist! Das machen die in der großen Politik gerade nur zu deutlich vor: Gefühlt entwickelt sich die Gesellschaft in der Welt zu egoistischen Einheiten: ‚America First‘ bei Trump. Und viele andere sagen das für ihr Land auch. Ob sie nun Putin oder Johnson, oder Erdogan oder Orban heißen.
Rücksicht: Aber es sind nicht nur die Großen. Wenn du dir Kommentare im Internet ansiehst, dann weißt du, was ich meine. Wie Menschen da alleine mit Worten aufeinander losgehen – das ist für uns immer wieder ein ganz bittere Niederlage.
Ehrlichkeit: Oder sieh dir an, wie manchmal Eltern bei Jugendspielen im Handball oder Fußball auf den Schiedsrichter oder auf die aus der anderen Mannschaft losgehen. Ehrgeiz und Emotion – ja gerne. Das muss sein. Aber keine Gewalt!
Moderator: Und was hat der TuS 09 Möllbergen mit euch, dem Team Respekt, zu tun?
Empathie: Unser Sportverein hat da eine ganz, ganz wichtige Aufgabe! Hier können wir das leben. Der TuS zusammen mit den anderen Vereinen und der Kirchengemeinde ist doch der Ort, wo Respekt möglich ist.
Kommunikation: Genau. Hier – beim Sport und beim Bier danach – finden die Gespräche statt, die helfen, dass unsere Gesellschaft offen bleibt; hier, in den Vereinen, treffen sich doch die Leute und heißen neue Menschen willkommen.
Persönlichkeit: Und da kommt es nicht drauf an, wo du her kommst: Ob du schon immer in Möllbergen gewohnt hast, ob du aus Minden zugezogen bist; ob du aus Afrika geflüchtet bist, weil du da Angst um dein Leben haben musstest, oder ob du sogar aus Veltheim kommst.
Selbstreflektion: Respekt entsteht ja nicht, weil es von dem anderen eingefordert wird, sondern man muss selbst erkennen, dass das die richtige Einstellung dem anderen gegenüber ist. So hat das ein Psychologe im „Hamburger Abendblatt“ mal geschrieben. Das – finde ich – trifft es sehr gut. Man muss genug über sich selbst erkannt haben und mit sich im „Reinen“ sein, damit man andere als gleichwertig erkennt. Dann klappt das auch mit den Veltheimern.

Predigt
Liebe Freunde des Sports für Leib und Seele!
„Respekt“ – es ist einer der Begriffe, die aus meiner Sicht an erster Stelle stehen würden, wenn es eine Wahl zum Motivationswort des Jahres geben würde. Bisher gibt es ja nur das Unwort des Jahres. Natürlich denken Menschen auch darüber nach, warum dieses Unwort so schlecht ist. Aber: Ist es nicht viel wichtiger, positive Impulse zu setzen? Schlechte Nachrichten gibt es genug. Wir brauchen Worte, die uns anstoßen und in Bewegung bringen; wir brauchen Worte wie Respekt, die uns bewusst machen, wie wir unsere Welt positiv gestalten können. So, wie es eben im Interview angeklungen ist: der Verein als ein ganz wichtiger Ort, wo wir lernen und immer wieder neu einüben, respektvoll miteinander umzugehen. Also: „Respekt“ – für mich das Motivationswort des Jahres 2020.
Dabei sagt „Respekt“ als modernes Wort genau das, was Gott schon seit Jahrtausenden von seinen Menschen will. Denn was heißt „Du sollst Gott, den Herrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften. Und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst,“ anderes als: „Du sollst höchsten Respekt haben vor Gott und deinem Mitmenschen?“

Wichtig ist: Es gibt zwei Arten von Respekt. Da ist der Respekt, den man auch etwas gesteigert mit Bewunderung umschreiben kann: für eine ganz besondere Leistung. Er oder sie oder die Mannschaft hat eine besondere sportliche Leistung erbracht: Sportabzeichen in Gold, Westfalenmeister, Deutscher Meister oder Weltrekord; oder da ist jemand das ganze Jahr beim Spinning oder bei Steppaerobic gewesen; wirklich das ganze Jahr, ohne einmal zu fehlen! Oder jemand kann toll singen oder ein Instrument spielen. Das ist der „Bewunderungs“-Respekt: „Das ist sooo toll; das würde ich auch gerne können oder schaffen.“ Die Kunst bei dieser Form von Respekt ist es, den Bewunderten nicht zu sehr auf einen Sockel zu stellen. So faszinierend er oder sie auch ist, Gott ist sie oder er nicht. Und schon Gott gehört nicht auf einen Sockel, sondern mitten ins Leben. Und wenn ihr zu den Bewunderten gehört: So schön das bestimmt ist, bewundert zu werden – lasst euch nicht auf einen Sockel stellen. Da fällt man ganz schnell runter.

Und dann ist da die zweite Form von Respekt, die für uns im Alltag viel wichtiger ist. Um diese Form von Respekt geht es in diesem Gottesdienst: dass man einander als gleichwertige Menschen betrachtet. Achtung des anderen um seiner selbst willen. Das ist das, was uns vor Gott als dem Schöpfer aller Menschen deutlich wird: weil (nicht wenn), also weil der oder die andere ebenso Gottes Geschöpf ist, wie ich es bin, muss ich ihn oder sie achten. Ich gebe zu: Das fällt manchmal ganz schön schwer! Denn es gibt ja nicht nur die netten Menschen, sondern auch die, die ich nicht leiden kann, die mir wirklich zu schaffen machen, weil sie einen anderen Lieblingsverein haben, weil sie eine andere Partei gut finden, weil wir uns mal so richtig gezofft haben und der Streit nicht beigelegt werden konnte.
Was aber schon der Apostel Paulus wusste und worauf er viel Wert gelegt hat: Es ist unsere bleibende Aufgabe, auch mit diesen Menschen in Frieden zu leben: „Soweit es irgend möglich ist und von euch abhängt, lebt mit allen Menschen in Frieden,“ schreibt er. Wir müssen sie nicht besonders lieben, aber wir müssen ihnen die Achtung entgegenbringen, die sie als Geschöpf Gottes verdienen. Sogar dann, wenn die uns diesen Respekt nicht erweisen.

Ich weiß ja nicht, ob meine Konfis ihre Hausaufgabe gemacht haben: Nach dem Konfiblock zum Thema Gebet gestern vor einer Woche war die Hausaufgabe der Härtetest: „Eine Woche für seinen Feind beten.“ (Wer wirklich meinte, keinen Feind zu haben, konnte für den Pastor beten. Der braucht das nämlich auch, auch wenn er nicht der Feind der Konfis ist.) Aber das passt hier in unser Thema Respekt im christlichen Sinn so gut hinein. Nehmt das von diesem Gottesdienst mit nach Hause und probiert es selber aus: Eine Woche für seinen Feind beten. Wohlgemerkt: Für ihn vor Gott eintreten; nicht gegen ihn!

Natürlich bedeutet das alles nicht, dass alles gut und richtig ist, was andere Menschen sagen oder tun. Manches ist wirklich eine absolute Katastrophe. Gerade da ist es wichtig, trotz aller inhaltlicher Unterschiede immer noch respektvoll miteinander umzugehen. Denn wenn ich dem anderen mit Worten oder mit der Faust eine reinhaue, wird der auf mich bestimmt nicht mehr hören. Die Nachrichten mit den Meldungen über den Amerika-Iran-Konflikt zeigen das im Großen; die Hasskommentare im Internet zeigen es auf der Ebene von eigentlich ganz normalen Menschen. In der heutigen Zeit hat der Respekt voreinander einen schweren Stand. Aber eine Welt ohne RESPEKT will und kann ich mir jedenfalls nicht vorstellen. Wir müssen mit allen Mitteln am Respekt voreinander festhalten: als Menschen und als Christen noch einmal mehr.

Der Landessportbund Niedersachsen hat in seinem Leitbild über seine „Grundwerte“ festgehalten, was Respekt bedeutet: „Der Mensch steht im Mittelpunkt heißt für uns, Fairplay, Partnerschaft, soziales Handeln, Toleranz, Unversehrtheit des Partners, Chancengleichheit, Anerkennung von Regeln, Teamgeist und Solidarität zu leben. Diese Werte gelten vom Breitensport bis hin zum Spitzensport, insbesondere bei der Entfaltung und Förderung von motorischen und sozialen Talenten.“* Dem ist aus christlicher Sicht nichts hinzuzufügen. Und deshalb bleibt „Respekt“ für mich das Motivationswort des Jahres 2020. Amen.
* https://www.lsb-niedersachsen.de/landessportbund/leitbild-leitlinien/?L=0

Fürbitten
P: Großer Gott, wir danken dir: Du siehst uns an mit deinem liebevollen Blick. Wir loben Dich: Du machst dich klein, wirst Mensch, ja sogar ein Kind und du erweist uns so deinen Respekt. Wir bitten dich:
Rücksicht: um Achtung vor den anderen, vor ihrer Leistung, vor ihrem Tun.
Toleranz: um Achtung vor dir, Gott, der uns diese Welt, auf der wir leben dürfen, gegeben hat.
Kommunikation: um Achtung vor den Lebewesen, die auf dieser Welt mit uns leben.
Ehrlichkeit: um Achtung vor denen, die im Leben kein Glück hatten, die unter Armut, Krieg oder Krankheiten leiden.
Persönlichkeit: um Achtung vor denen, die verfolgt werden, weil sie einen anderen Glauben haben oder einer anderen Volksgruppe angehören.
Moderator: um Achtung vor denen, die ihren inneren Schweinehund überwunden haben und ein persönliches Ziel erreicht haben.
Selbstreflektion: um Achtung vor denen, die sich friedlich gegen Gewalt richten.
Empathie: um Achtung vor den Toten. Vor dir Gott, denken wir heute besonders an N.N., die Du nach einem so langen Leben zu dir gerufen hast. Wir danken dir für alles, was ihr Leben schön und gut gemacht hat. Und wir bitten für alle, die jetzt Abschied nehmen müssen. Sei du ihnen allen nahe mit deinem Trost und Segen.
P: Sei du uns allen durch deinen Heiligen Geist Halt und Hilfe, sei unsere Zuversicht und Kraft, heute und alle Tage, damit wir dir und einander den Respekt erweisen, der nötig sind. Dir vertrauen wir uns an und beten singend mit den Worten Jesu: