Adventsfeier für Senioren in Holtrup am 10. Dezember

Am Samstag trafen sich die Senioren aus Holtrup, Vennebeck und Möllbergen zur adventlichen Seniorenfeier im Holtruper Gemeindehaus. Musikalisch begleitet wurde der erste Teil des Nachmittags (mit Andacht und Betrachtung zum Lied „Es kommt ein Schiff geladen“) von Mitgliedern des Ensembles Woodstock, die mit ganz vielen verschiedenen Blockflöten gekommen waren. Nach dem Kaffeetrinken stand die Adventslieder-Jukebox im Mittelpunkt: Die Teilnehmer konnten verschiedene Adventslieder ziehen, die dann natürlich auch gesungen wurden. Dazwischen gab es heitere und besinnliche Geschichten. Manche Besucher nutzen nach dem Ende der Veranstaltung noch die Möglichkeit, beim Bücher- und 1-Welt-Tisch das eine oder andere einzukaufen.

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Predigt am 3. Advent 2016 (11. Dez.)

Predigt-Icon5Der Predigttext Lukas 3,1-14 (Luther 2017) ist vorher als Schriftlesung vorgetragen worden.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde am 3. Advent!
Es war im elften Jahr der Bundeskanzlerin Angela Merkel; zu der Zeit, als Barak Obama seine letzten Tage als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika verlebte und Vladimir Putin Präsident Russlands war; zu der Zeit, als Heinrich Bedford-Strom Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland und Annette Kurschus Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen war.

Da trat ein Mensch auf und predigte gegen eine Advents- und Weihnachtszeit, die sich immer mehr vom ursprünglichen Sinn des Festes entfernt hatte, weil sie nur noch aus noch mehr Kaufen, aus noch mehr Lebkuchen und aus noch größeren Autoschlangen vor den Parkhäusern bestand.

Woher dieser Mensch gekommen war, wusste niemand so richtig. Er ging auch nicht in die hell ausgeleuchteten Innenstädte, sondern blieb draußen vor der Tür – gewissermaßen vor der Tür des weihnachtlichen Konsumtempels. Manchmal konnte man ihn auf Kanzlers Weide sehen, manchmal unter den Autobahnbrücken zwischen Holtrup und Vennebeck; manchmal auf den Möllberger Wiesen am alten Kraftwerk.

Und was die Geschäftsbesitzer in den Innenstädten von Minden und Bad Oeynhausen und im Großkaufzentrum Werrepark am meisten erstaunte, war, dass viele Menschen zu ihm hinaus gingen, statt bei ihnen einzukaufen. Hatte doch der Besuch des Weihnachtsmarktes mit Glühwein für die Erwachsenen und Karussells für die Kinder die Menschen auch zum Bummeln und vor allem zum Kaufen animiert – trotz der Konkurrenz aus dem Internetversand.

Warum gingen die Menschen zu ihm? Was hatte er diesen Menschen zu sagen? Alles redete doch davon, dass die Menschen ihre christlichen Traditionen hinter sich gelassen hätten. Auch die traditionelle Spendenfreudigkeit zu Weihnachten sei nicht mehr so da, wie früher. Das läge aber nicht daran, dass das Geld fehlte, sondern weil viele Menschen dieses Geld eben lieber für eigene Dinge ausgeben wollten.

Wie jedes Jahr hatten die Manager auf höhere Ergebnisse im Weihnachtsgeschäft gehofft und wären wohl, wie meistens, auch zufrieden gewesen, denn was sie vor Weihnachten nicht loswurden, konnten sie dann beim Nachweihnachtsgeschäft auch noch mit Gewinn unter die Leute bringen: Wenn die Gutscheine eingelöst oder die Geschenke umgetauscht wurden, weil sie eben doch nicht so gut gefallen hatten und die Umtauschenden und Einlösenden noch ein paar Euro drauflegten.

Was also wollten diese Leute da draußen im kalten, dunklen und unfreundlichen Land, wo doch in den Städten alles so schön erleuchtet war: ‚All über all auf den Häuserspitzen sah ich goldene und bunte Lichter blitzen und süße Musik rieselt wie der Schnee in die Ohren, während ein großer roter LKW durch die Landschaft fährt und alles in seliges Weihnachtslicht taucht!‘

Nicht nur die Geschäftsbesitzer, sondern ganz viele Menschen waren erstaunt, dass diesem Prediger die Leute zuhörten, denn dieser Mensch war nicht gerade freundlich mit seinen Zuhörerinnen und Zuhörern. Er sprach sie nicht mit ‚Liebe Leute‘ an oder versuchte auch nicht auf andere Weise, den Menschen Honig um den Bart zu schmieren: Wie toll sie doch wären und dass alles gut liefe. Er beschimpfte sie geradezu – und er forderte etwas von seinen Zuhörern, so hörte man jedenfalls. Er forderte: Sie sollten ihr Leben ändern, sie sollten von ihren liebgewordenen Gewohnheiten Abschied nehmen, damit sie leben, überleben könnten. Und trotzdem gingen Menschen zu ihm. Hatten diese doch ein Gespür dafür, was in dieser Zeit wichtig war und dran sein würde? Hatte ihnen das letzte Jahr mit den vielen Flüchtlingen zu denken gegeben und ihr Gewissen geschärft? Nicht weil es so viele Flüchtlinge waren, sondern weil die Menschen hier erkannt hatten, dass hier geholfen und dort vor allen die Ursachen der Flucht angegangen werden mussten?

Viele machten sich allerdings auch auf den Weg zu ihm, die nur durch ihre Neugier angelockt wurden: Diesen Typen musste man eben einmal gesehen haben. Und wenn die dann da waren, sah sie der Prediger lange und sehr nachdenklich an und fragte sie dann: „Meint ihr, dass euch nichts passieren kann? Ihr tragt stolz die Zeichen eurer Sicherheit mit euch: den Arbeitsvertrag mit der unkündbaren Stellung, den Pass mit der deutschen Staatsangehörigkeit, eure weiße Hautfarbe. Ihr kommt in der Kleidung mit den großen Markennamen, um zu zeigen, dass ihr dazugehört. Glaubt ihr, dass euch diese Sicherheiten wirklich nützen und euch schützen? Glaubt ihr, nur weil ihr in Nord-Europa geboren seid oder lebt, kann Euch das Elend nicht treffen?“

Immer wieder war dann diese eine Frage aus der Menge heraus zu hören: „Können wir denn etwas tun? Ich alleine zähle doch nicht!“ Und zum Erstaunen der Meisten war die erste Antwort immer: „Täuscht euch nicht. Ihr könnt etwas tun! Seht euch um und seht euren Reichtum, ja den Überfluss, in dem ihr lebt. Seht euch um und nehmt die Bedürftigen um euch herum und unter euch wahr, die es in so großer Zahl gibt: die Vergessenen, die am Rand der Gesellschaft leben – ja, auch in Ostwestfalen, wo die Weser ihren großen Bogen macht; nehmt sie wahr und teilt. Haben ist nicht schlimm. Für sich allein behalten – das ist schlimm. Kehrt um von eurem Weg, von dem Weg der heißt: ‚Ich will immer mehr für mich haben. Es kann doch jeder für sich selber sorgen.‘“

Es kamen zum Beispiel die, denen alles zufällt; es kamen auch die, die vor lauter Ehrgeiz so selten Zuhause sind. Auch diese traten zu dem Prediger und fragten: „Prediger, was sollen denn wir tun?“ Und dieser antwortete und sprach: „Bedenkt eure Verantwortung für eure Familien, für eure Ehepartnerinnen, eure Ehepartner und für eure Kinder. Nehmt euch Zeit für sie und kümmert euch um ihre Probleme, damit sie nicht irgendwann einmal sagen müssen: Was will der da von uns, er oder sie ist doch auch nie für uns da gewesen? Und bedenkt Eure alte Nachbarin und den Witwer mit den drei Kindern vier Häuser weiter.“

Schließlich kamen auch die Mächtigen und erhielten Antwort auf ihre Frage, „Was sollen wir tun?“: „Seht zu, dass ihr eure Stellung nicht für euren eigenen Vorteil missbraucht, sondern dass ihr allen Menschen und dem Wohl der Gemeinschaft dient. Lasst Arme nicht immer ärmer und Reihe immer reicher werden. Lernt aus der Vergangenheit, wohin rechtsradikale und andere fundamentalistische Gedanken führen, und behaltet für die Gegenwart die Zukunft im Auge – die eurer Kinder. Habt Mut, Entscheidungen zu treffen – aber nicht ohne Konzept.“

Das Wichtigste aber sagte er allen gleichermaßen und immer wieder, wenn er eine seiner Predigten hielt: „Macht euch auf in eine neue Richtung. Kehrt um! Macht euch zum Stall auf, so wie es in dem Weihnachtslied heißt, das Jochen Klepper gedichtet hat: ‚Die Nacht ist schon im Schwinden, macht euch zum Stalle auf! Ihr sollt das Heil dort finden, das aller Zeiten Lauf von Anfang an verkündet, seit eure Schuld geschah. Nun hat sich euch verbündet, den Gott selbst ausersah‘.“

„Ich selber“, fuhr der Prediger meistens fort, „kann euch nur die kleinen Anweisungen geben, die sich im alltäglichen Leben auch verwirklichen lassen. Ich kann euch segnen für eure Umkehr, kann euch so darin bestärken. Aber um euch wirklich zu befreien, dazu braucht es einen anderen: den einen, der Schuld wirklich wegnimmt; den einen, der euch zu Gottes Kindern macht. Und dieser eine ist schon da. Er ist gekommen, er wird kommen, er ist da. Ihm will ich den Weg bereiten, dass ihr euch auf sein Kommen einstellt. Räumt die Berge von Geschenken zur Seite, schaltet die elektrischen Lichter aus, damit ihr die Sterne, damit ihr den einen Stern sehen könnt, der euch den Weg weist: hin zu dem kleinen Stall, hin zu dem armen Kind in der Krippe, das kurz nach seiner Geburt selbst zum Flüchtling wird.
Und dann, wenn ihr ihn gefunden habt, dann freut euch, freut euch daran, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind. Freut euch auf dieses Kind, wie Eltern sich auf ihr lang erwartetes Kind freuen, weil sie die Gewissheit des Lebens spüren. Freut euch auf dieses Kind, das für euch da ist, bis die Welt an ihr Ziel gelangt ist. Ihr tragt den Namen dieses Kindes, ihr seid auf diesen Namen getauft, lasst heute euer Kind auf diesen Namen taufen.
Dabei passt auf, dass ihr den Kontakt zu ihm nicht verliert. Das Kind in der Krippe sucht Euch zwar immer wieder neu, aber wie soll Zugang finden, wenn Euer Herz mit dem Schloss der Gleichgültigkeit verschlossen ist? Passt auf, dass ihr eure Aufgabe an euren Kindern und Kindeskindern nicht versäumt, die ihr bei deren Taufe übernommen habt, erfüllt das Versprechen, das ihr damals gegeben habt: ihnen einen Zugang zum Glauben zu ermöglichen; das passiert nicht von allein.
Erweist euch gegenseitig Liebe, das können auch Geschenke sein, aber sie sind nicht die Hauptsache. Erweist euch Liebe um der anderen willen, nicht um euretwillen. Denn ihr seid ja schon geliebt, weil Gott in seiner bedingungslosen Liebe ‚JA‘ zu euch sagt. So werdet ihr merken, dass eure Umkehr leicht wird, weil sie etwas Freudiges ist. Ihr werdet merken, dass eure Buße nicht grau wie Asche macht, sondern bunt wie ein Regenbogen.
Was euch beschwert, braucht im Angesicht dieses Kindes nicht mehr zu erdrücken; was gewesen ist, braucht im Angesicht dieses Kindes nicht mehr zu erschrecken. Denn in diesem Kind ist das Heil Gottes, ist die Rettung für alle Menschen erschienen.“

Die Menschen kehrten zurück: in ihre Stadt und in ihr Dorf, in ihre Straße und an ihre Arbeit, zurück in ihre Familien. Und in den Gesichtern der anderen, die ihnen entgegen kamen, ob sie sie kannten oder nicht – entdeckten sie das Bild dieses Kindes.
Amen.

Gottesdienst am 3. Advent 2016 (11.12.)

PaToWi_Icon_violettAm Sonntag ist der 3. Sonntag im Advent. Johannes der Täufer steht an diesem Sonntag im Mittelpunkt: Ohne ihn wäre die Verkündigung Jesu wohl nur schwer vorstellbar. und Johannes selbst sah sich in einer Linie mit dem Propheten Jesaja, dessen Worte er programmatisch übernommen hat: „Bereitet dem HERRN den Weg; denn siehe, der HERR kommt gewaltig.“ (Jesaja 40,3.10). Jesaja durfte dem Volk Gottes in der Verbannung in Babylon neuen Mut zusprechen, Johannes wollte die Menschen wieder auf einen Weg bringen, der im Einklang mit Gott steht.

Wie zum beispiel Lukas in seinem Evangelium berichtet, war Johannes bei seiner Wortwahl nicht zimperlich und er hatte genaue Vorstellungen, wie die Menschen sich verhalten sollten. Lukas berichtet davon im 3. Kapitel seines Evangeliums, dem Predigttext für den kommenden Sonntag: Lukas 3,1-14: die eigene Sicherheit nicht selbstverständlich nehmen, weil man ja schon immer dazu gehört hat; von dem, was man doppelt hat, die Hälfte abgeben; nicht mehr fordern als vorgeschrieben ist; keine Gewalt anwenden und sich genügen lassen an seinem Sold. – Aktueller geht es wahrscheinlich kaum.

Johannes ruft zur Umkehr –  hin zu Gott …

Herzliche Einladung zum Gottesdienst:

  • in der Holtruper Kirche
  • um 10.00 Uhr
  • mit Taufe
  • anschließend: Büchertisch und Eine-Welt-Tisch

Kirche_mit_KindernNach dem gemeinsamen Beginn in der Kirche
ist im Gemeindehaus Kindergottesdienst.

Predigt am 4. Dezember 2016

Predigt-Icon5Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder in Christus!
Ich kann es mir sehr gut vorstellen, wie Menschen durch die Straßen der Metropolen dieser Welt gehen oder fahren: New York, Shanghai, Dubai, Rio, Chicago und wie sie alle heißen; wie diese Menschen die Wolkenkratzer mit ihrer atemberaubenden Architektur und ihren schicken Glasfassaden bewundern; wie historische Bauwerke, moderne Industrieanlagen und Knotenpunkte der Mikroelektronik und vieles mehr unserer modernen Welt bestaunt werden. Ja, es ist atemberaubend, die Leistungen der Menschheit zu sehen und die Pracht zu bewundern, mit denen das menschliche Können herausgestellt wird.

Und dann hören wir immer wieder auch die Mahner und Zweifler, oder drastischer: die Untergangspropheten, die vorhersagen, dass es mit all dieser menschlichen Schönheit ein Ende haben wird – und zwar ganz schnell. Und die Filmindustrie hat dazu in den letzen Jahrzehnten ein ganz eigenes Genre entwickelt: der Apokalypsenfilm, in dem gezeigt wird, wie die bestehende Welt untergeht – durch Naturkatastrophen, durch Außerirdische, durch den Menschen selbst. Wer in diesen Film-Katastrophen überlebt und ob überhaupt, das bleibt offen. Klar ist nur, dass die Filmemacher mit dieser Sorte Film die Menschen erreichen und die Massen in die Kinos stürmen.

Dass in vielen Bereichen unserer Erde solche Weltuntergangsstimmungen ganz reale Hintergründe haben, weil Naturkatastrophen und Kriege, politische Extremisten und der steigende Meeresspiegel die Welt der Menschen, ihre Lebensräume zerstören – das macht die Situation nur um so problematischer. Die Verunsicherung, ja die Angst bei vielen Menschen wächst. Und es gibt immer wieder diejenigen, die sich die Verunsicherung und die Angst der Menschen vor einer solchen chaotischen Zukunft zu ihren eigenen Gunsten zunutze machen.

Schnitt – eine ganz andere Zeit, eine andere Welt.

Ich kann mir auch sehr gut vorstellen, wie es damals war – damals, nachdem Jesus mit seinen Jüngern in Jerusalem eingezogen war und die Diskussionen über ihn und seine Mission so richtig angefangen hatten; wie Jesus auf das endzeitliche Gericht durch Gott hingewiesen hatte, um die Menschen zur Umkehr, zu einem besseren und Gott gefälligen Leben zu ermutigen; wie er zum ersten Mal etwas angedeutet hatte, dass es mit der Schönheit und Pracht des Jerusalemer Tempels nicht mehr lange weiter gehen würde. Es hatte heftige Diskussionen mit den damals führenden Gruppen gegeben – auch darüber, was echte Frömmigkeit wäre, und ob überhaupt – und wenn ja – in wessen Namen Jesus predigen dürfe.

Und wie in den Tagen zuvor hatte Jesus dann am Abend den Tempel verlassen, um sich mit seinen Jüngern einen Ort zum Schlafen zu suchen. Hier setzt der Predigttext ein, der für den heutigen Sonntag vorgesehen ist. Der Evangelist Matthäus berichtet in den ersten 14 Versen im 24. Kapitel seines Evangeliums:

Matthäus 24,1-4

Liebe Gemeinde!
Es ist zu allen Zeiten, seit Markus, Lukas und eben auch Matthäus diese Szene in je eigener Zuspitzung aufgeschrieben haben, versucht worden, in diesem Abschnitt die Gegenwart des Betrachters wiederzuentdecken. Das ist, glaube ich, nicht besonders schwer, denn es hat zu allen Zeiten die geschilderten Ereignisse gegeben – mal intensiver, mal gemäßigter; wir heute in Europa sehen gerade wohl auf eine eher gemäßigte Zeit von gut sechzig Jahren zurück. Andere Teile der Welt sehen das bestimmt ganz anders. Trotzdem ist immer wieder auch bei uns – oft mit Blick auf die weltweite Situation – ein Weltuntergangsszenario heraufbeschworen worden.

Wollte Jesus das: Dass die Menschen sich vor lauter Endzeitfurcht klein machen und in die hintersten Ecken verkriechen? Dass sie auf diese Weise handzahm gemacht werden und sich von diesem oder jenem knechten lassen, der daher kommt und zum Teil sogar behauptet in Jesu Namen zu sprechen? Ich bin überzeugt: Jesus wollte das gerade nicht.

Aber zunächst ein Blick auf Jesu Reaktion auf die Bewunderung der Jünger für den Tempel. Die waren absolut beeindruckt von der Pracht und Majestät, die der herodianische Tempel ausstrahlte. Jesus rückt die Verhältnisse zurecht; er war eben kein Träumer, sondern Realist. Und als solcher war für ihn schon zu seiner Zeit die Entwicklung absehbar, die siebzig nach Christus zur Zerstörung des Tempels führen sollte. Und er war damit bestimmt nicht der Einzige. Menschliche Werke vergehen – manchmal ganz langsam durch den Zahn der Zeit, manchmal helfen Menschen nach. Dann geht es deutlich schneller.

Aber viel entscheidender als der Blick auf die Vergänglichkeit menschlicher Pracht und Herrlichkeit ist das Gespräch mit den Jüngern hinterher auf dem Ölberg. Jesus lässt die Frage der Jünger, wann das Ende der Welt kommt und welche Anzeichen dafür zu erwarten sind, unbeantwortet und warnt statt dessen: „Lasst Euch nicht irreführen und verführen!“ Denn: Wie schnell sind Leute da, die alles das, was den Menschen Angst macht, für ihre eigenen Zwecke missbrauchen. Wir sehen es in unseren Tagen doch ganz deutlich: Die Verunsicherung und die Verängstigung vieler in der Bevölkerung in Deutschland und in vielen andern Staaten in der Welt ist groß – durch so vieles, was sich unter dem Stichwort „Globalisierung“ zusammen fassen lässt. Das wird von bestimmten politischen Kräften gerne aufgenommen und zuerst verstärkt. Und dann kommen diese Leute mit der Ankündigung: „Und wir haben die Lösung, und sie ist sogar ganz einfach!“ Was folgt, sind Parolen, die die Grundwerte unserer nach wie vor christlich geprägten Gesellschaft ins Gegenteil verkehren: Da sollen keine Flüchtlinge nicht mehr ins Land gelassen oder die schon angekommenen komplett wieder ausgewiesen werden; da werden Helferinnen und Helfer bedroht, da wird auf übelste Art und Weise gegen Politiker Stimmung gemacht und vieles mehr.

Jesus warnt: „Seht sie euch ganz genau an, die euch das Heil versprechen! Und achtet darauf, zu wessen Vorteil sie ihre Botschaft verbreiten!“ Und zwar gerade dann, wenn diese Irreführer sich auf Jesus selbst berufen. Wo führt es hin, wenn diese Leute an ihr Ziel kommen: Wird Armen immer noch geholfen, finden Verfolgte noch Aufnahme, werden die Hungrigen dieser Welt dann noch gespeist, wird die Würde aller Menschen noch geachtet? Oder wird die Liebe erkalten, weil die Weisungen Gottes nicht mehr be- und geachtet werden?

Alles, was Jesus schildert: Im allgemeinen Weltgeschehen die Kriege in der Nähe und in der Ferne, Revolutionen, Naturkatastrophen, Ablehnung des christlichen Glaubens und Verfolgung von Christen und Turbulenzen in der christlichen Gemeinde, die bis an die Grenzen des Aushaltbaren gehen werden – alles das sind gerade nicht die Zeichen dafür, dass das Ende schon da ist, sondern es sind „nur“ die Vorzeichen. Auch hier erweist sich Jesus als Realist, der die Ängste der Menschen auf der einen Seite und die Möglichkeiten für Verführer auf der anderen Seite gut einschätzen konnte: So ist die Welt – mit all ihren finsteren und schrecklichen Ansichten, und in dieser Welt gilt es zu bestehen.

Für die Jünger und damit auch für uns stellt sich die Frage: Wie sollen wir mit einer solchen Situation umgehen? Was trägt uns durch diese chaotischen und immer wieder so furchterregenden Zustände dieser Welt? In diesen Zeiten gilt es nach Jesus, standhaft zu bleiben; standzuhalten in der Hoffnung und – wie Dietrich Bonhoeffer es formuliert hat – standzuhalten „im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen“. Es gilt inneres Standhalten und sich im Gebet bestärken lassen und es gilt ohne Illusionen das Tun des Machbaren.

Und wie geht das? Was tröstet und macht dazu stark? Es ist die Botschaft vom Reich Gottes, die verkündet werden soll, damit alle Völker sie hören. Jesus hat in vielen Gleichnissen von diesem Reich gesprochen. Und er hat seine ganze Verkündigung darauf ausgerichtet, dass es – wie er sagt – „nahe herbei gekommen ist“.

Aber was meinte er mit nahe? Nahe im zeitlichen Sinn? Wahrscheinlich auch. Aber es sind inzwischen fast 2000 Jahre vergangen. Und so meint „nahe herbeigekommen“ nicht nur ein zeitliches Verständnis. Es gibt andere Stellen im Evangelium, die auch eine andere als die rein zeitliche Auslegung nahelegen. Der Wochenspruch dieser 2. Adventswoche aus dem Lukasevangelium gibt da einen guten Hinweis: „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ Da geht es nicht nur um einen Zeitpunkt, da geht es darum, dass etwas oder jemand in unsere Nähe kommt, um uns zu erlösen. Und diese Erlösung hat – da sind sich die Autoren des Neuen Testamentes und seitdem alle Christen einig – diese Erlösung hat einen Namen. Das ist der Name Jesus von Nazareth, den wir als den Messias, den Christus bekennen.

Darauf bereiten wir uns in dieser wie in jeder neuen Adventszeit besonders vor: So wie Jesus damals gekommen ist, so kommt er auch heute zu uns und ist da: um uns beizustehen in all den oft furchtbaren Bedrängnissen der von Angst und Chaos bedrohten Welt. Nicht umsonst hat Matthäus seine Botschaft, was das Reich Gottes ausmacht, als letzten Satz an das Ende seines Evangeliums gesetzt – wie ein übergroßes Ausrufezeichen. Jesus sagt uns: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Dem sollen wir in uns Raum geben, das sollen auch wir verkündigen: gegen alle Katastrophenszenarien der Welt. Amen.