Predigt am Altjahrsabend 2021 über Matthäus 13,24-30

Der Predigttext Matthäus 13,24-30 wurde zuvor als Schriftlesung vorgetragen.

Liebe Gemeinde am Altjahrsabend!
Es ist auch in diesem Jahr ein besonderer Abend, den wir heute begehen: Rückblick auf das Jahr 2021 und ein mit vielen Fragen versehener Ausblick auf 2022 prägen das Bild, das sich uns heute bietet. Ganz gleich, wie der Rückblick ausfällt – für ganz viele Menschen wird es so sein, dass sich gute Erfahrungen und fröhliche Erlebnisse mit schwierigen Momenten und traurigen Ereignissen verbinden werden: Da sind für uns alle die allgegenwärtige Pandemie mit Einschränkungen und Belastungen und die immer bedrohlicher erscheinenden Veränderungen in unserer Gesellschaft; da sind aber auch persönliche Momente von Trauer und Abschied und die familiären und beruflichen Freudenmomente.

Zu trennen sind diese beiden Erfahrungsebenen nicht. Bei aller Freude blieb die Sorge um Corona immer gegenwärtig; bei aller Nachdenklichkeit über unsere Gesellschaft blieben erhebende Momente von Freude und Leichtigkeit. Vielleicht ist es diese Grundstimmung, die dazu geführt hat, dass bei der Neugestaltung der Predigttextordnung der Abschnitt über Unkraut und Weizen aus dem Matthäusevangelium an den heutigen Tag gerutscht ist. Geht es uns nicht so wie den Knechten, die plötzlich feststellen müssen: Trotz bester Vorsätze, trotz allen Bemühens gibt es auch in unserem Jahr 2021 manches Unkraut, das wir nicht wollten und nicht zu verantworten haben.

Nun kann es heute weder darum gehen, vor lauter Klage um das Unkraut die Freude über den guten Weizen aus dem Blick zu verlieren, noch in Verklärung des Guten, das wir erlebt haben, das Unkraut für unwichtig zu erklären. Beides würde unserer Wirklichkeit nicht gerecht.

Woher im Gleichnis Jesu allerdings der Feind kommt, bleibt ebenso unklar wie unsere Fragen unbeantwortet, woher die lebensfeindlichen Momente des zurückliegenden Jahres kommen. Jesus zeigt uns mit seinem Gleichnis aber, wie das Böse des Feindes funktioniert:

Alles beginnt im Dunkeln, wenn die Menschen schlafen und deshalb nicht wachen. Da werden von vielen unbemerkt Ansichten in die Gesellschaft getragen, die zuvor noch undenkbar und unsagbar waren. Mit Sätzen wie „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“ wird versucht, rechtes und extrem rechtes Gedankengut wieder gesellschaftsfähig zu machen.

Es muss auch nicht sofort sein, dass das Gute sichtbar angegriffen oder zerstört wird. Der Feind kann auf Zeit spielen: Was er aussät, wächst unscheinbar und ebenso langsam wie der eigentliche Weizen. Aber unter der Oberfläche hat sich das Böse schon entwickelt und verwurzelt.

Das Unkraut zwischen dem Weizen im Gleichnis Jesu ist Taumel-Lolch, auch Rauschgras oder Schwindelweizen genannt; es sieht dem Weizen ganz lange erst einmal sehr ähnlich. Erst wenn sich die Ähren ausbilden, wird der Unterschied sichtbar und dann ist es zu spät, dem Unkraut Herr zu werden. Es dann einfach mit zu ernten und eine schlechtere Weizenqualität in Kauf zu nehmen, kann tödlich enden: Denn Taumel-Lolch ist gefährlich, weil giftig.

Heruntergefahrene Aufmerksamkeit, langsames, zunächst unmerkliches Wachstum und über lange Strecken harmloses Erscheinungsbild: Ganz gleich ob bei einem Einzelnen, in zwischenmenschlichen Beziehungen oder auf gesellschaftlich-politischer Ebene: Plötzlich – so sieht es dann aus – scheint man ganz unverhofft in eine Katastrophe hineingerutscht. „Wir haben zuerst gar nichts gemerkt.“, „Es fing doch alles ganz harmlos an!“, „Das wird schon wieder.“ Solche Sätze sind später im politischen, aber auch im persönlichen Bereich oft zu hören: Wenn Menschen von Sucht betroffen sind oder bei schädlichen und von Gewalt geprägten Beziehungen, denn so etwas kommt nicht plötzlich, sondern schleichend und lässt sich lange verharmlosen oder ignorieren.

Der Rückblick am Ende eines Jahres lädt ein, dieses Jahr zu betrachten und ganz ehrlich nach den Strukturen des Bösen abzuklopfen. Nicht, weil man sich das Jahr schlecht reden möchte, sondern weil es ja um den Aufbruch in ein neues Jahr geht: Wann, wenn nicht heute, wäre der Moment für diesen ehrlichen Blick auf unser Leben? Und bei dem ehrlichen Blick soll es nicht bleiben.

Die Frage der Knechte im Gleichnis beweist ihre guten Absichten, dem Unkraut Herr zu werden und den Weizen zu retten, damit die Ernte gelingt. Und ich bin mir sicher, viele werden denken: „Klar, raus mit dem Unkraut!“ Und allgemein formuliert: „Das Übel buchstäblich mit der Wurzel ausrotten!“ Doch der Landbesitzer verweigert sich – auf den ersten Blick überraschend – einer solchen Radikalkur. Er will bis zur Ernte warten und dann fein säuberlich trennen. Denn vorher das Unkraut auszureißen, bedeutet gleichzeitig, den Weizen ebenfalls kaputt zu machen. Damit wäre die Ernte hin und der Feind hätte erreicht, was er wollte!

Blicken wir in die Geschichte und in die Gegenwart müssen wir dem Landbesitzer recht geben: Jeder Versuch, das Böse mit Gewalt auszumerzen, hat dazu geführt, dass trotz der besten Absichten die Mission „Reinigung“ sich in ihr Gegenteil verwandelt hat: Religionsterror, Staatsterror oder Tugendterror – ganz gleich, wie man die Versuche nennen möchte – sind das Ergebnis: über alle Grenzen von Staaten, Religionen und Gesellschaftsformen hinweg. Ein- für allemal ausreißen lässt sich das Böse nicht. Nicht von Menschen, nicht durch Gewalt. Denn wer garantiert, dass das Wurzelwerk der an der Oberfläche so wohlmeinenden und bemühten Knechte nicht schon längst mit dem Wurzelwerk des Bösen verflochten ist? Der Fanatismus derer, die das Böse ausrotten wollen, endet immer im Bösen.

Bis zur Ernte, also dem „Jüngsten Tag“ wird das Feld des Landbesitzers nicht perfekt und rein sein. Im Großen nicht und auch im Kleinen nicht, denn auch da – bei jeder und jedem von uns – haben wir es mit einem kaum durchschaubaren Geflecht von Gutem und Bösem zu tun.

„Und was mache ich dann jetzt mit meinen guten Vorsätzen für das neue Jahr? Mit allem, was ich besser machen möchte, also mit dem ganzen Unkraut, das ich in meinem Leben ausreißen möchte?“

Die Erfahrung lehrt, dass ganz viele der Vorsätze nicht lange halten. Alles ändern zu wollen, verursacht Überforderung, Frust und Elend. Nichts zu tun, ist auf der anderen Seite auch keine Lösung, denn dann gewinnt das Unkraut im Leben die Oberhand. Wer sich von der Illusion des „Alles“ und von dem Fatalismus des „Nichts“ verabschiedet, lernt, dass es dazwischen ein Etwas gibt, in dem wir leben und das es zum Guten zu gestalten gilt, denn es ist und bleibt uns ja gesagt, was gut ist und was Gott von uns fordert: Sein Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor unserem Gott.

Es gibt ganz viel, was getan werden kann: zu unterscheiden zwischen Unkraut und Weizen; zwischen guter und böser Saat. Und im praktischen Leben wird es dann immer darum gehen, das Gute zu stärken. Um das Beispiel der Alkoholsucht noch einmal aufzunehmen: Die Anonymen Alkoholiker wissen um das Unausrottbare der Sucht; Alkoholiker bleiben das ihr Leben lang. Es gilt, das Gute zu fördern: trocken zu werden und es zu bleiben.

Wer sich von der Illusion verabschiedet, das Böse mit Stumpf und Stiel ausreißen zu können, ist beileibe nicht zur Untätigkeit verdammt. Er hat alle Hände voll zu tun, das erstrebenswerte Gute nach Kräften zu fördern.

Am Abend dieses Tages und des Jahres sehen wir auf den Acker unseres Lebens: auf ganz viel Weizen, der zur Ernte heranreift. Wir sehen aber auch das Unkraut dazwischen: das, wo wir selber mit dem Bösen verwoben sind. Und wir stellen uns für das neue Jahr unter den Schutz und den Segen Gottes, dass er uns die Kraft gibt, dem Bösen zu widerstehen, damit das Unkraut nicht überhandnimmt, und das Gute wachsen zu lassen wie den Weizen auf dem Feld.

Die Verheißung, die Jesus uns mit dem Schluss des Gleichnisses gibt, weist uns den Weg und gibt uns die nötige Kraft zu Demut und tätiger Geduld: Was wir nicht in letzter Konsequenz können, das wird er tun: Am Tag der Ernte wird er das Unkraut endgültig vernichten; es wird vergehen wie flüchtiger Schall und Rauch. Und das Gute wird sich als nachhaltig erweisen und zu unvergänglichem Leben erscheinen. Unter dieser Verheißung gehen wir in das neue Jahr 2022. Amen.

Die Predigt verdankt sich in besonderer weise der Predigtmeditation von Peter Bukowski in den aktuellen Göttinger Predigtmeditationen (Gött. Predigtmed. 76, 74-80). Herzlichen Dank dafür!

Gottesdienste zum Jahreswechsel 2016-2017

Wieder geht ein Jahr zu Ende; wieder beginnt ein neues.

Ein Lied in der Rubrik „Gott entdecken“ aus dem Liederbuch „Solang wir Atem holen“ von dem niederländischen Theologen und Dichter Sytze de Vries (www.sytzedevries.com) beschäftigt mich mit Blick auf den Jahreswechsel besonders:

Der uns schuf
  1. Der uns schuf und noch immer,
    wenn hier die Nacht uns übermannt,
    hält in der Höhlung seiner Hand,
  2. der uns sucht in dem Dunkel –
    der Du die Tür schon aufgetan:
    Komm, aus der Stille sprich uns an.
  3. Der uns birgt unter Flügeln,
    mit ihrem Schatten uns bedeckt,
    Liebe die uns zum Leben weckt:
  4. Sieh das Herz voller Unrast,
    blind zwischen Spiegeln schlägt es hier,
    bis dass es wieder ruht in dir.
  5. Komm zu uns, geh als Morgen
    über uns auf, sei du das Licht.
    Segnend erheb dein Angesicht.

T: Sytze de Vries „Die ons schiep“ deutsch von Jürgen Henkys
M: Willem Vogel
T+M: BV Liedboek, Zoetermeer ©deutsch: Strube, München

Das wünsche ich allen:

Gottes Geleit
beim Übergang
aus dem Alten in ein gesegnetes neues Jahr 2017!

Herzliche Einladung zu den dazu gehörenden Gottesdiensten:

am Altjahrsabend:

  • in der Möllberger Kirche
  • mit Abendmahl
  • um 17.00 Uhr
  • in der Holtruper Kirche
  • mit Abendmahl
  • um 17.00 Uhr

am Neujahrstag:

  • für alle drei Gemeindebezirke
  • in der Holzhauser Kirche
  • um 17.00 Uhr

Kirche_mit_KindernAn diesen Tagen gibt
es keinen Kindergottesdienst.

Predigt am Altjahrsabend 2015

Predigt-Icon5Liebe Schwestern und Brüder in Christus am letzten Tag des Jahres 2015!

„Gestern – heute – morgen“ Das sind die drei Worte, die diesen Tag und Abend in besonderer Weise charakterisieren. Heute am Ende des Tages und am Ende vor allem des Jahres halten wir inne, um den Blick auf das Gestern und das Morgen zu richten. Was war im zuende gehenden Jahr? Was mag wohl auf uns zukommen im neuen Jahr? Fragen nach persönlichem Erfolg und Misserfolg stehen neben Erwartungen und Befürchtungen. Und mittendrin der Wunsch, dass der Übergang schön ist: mit Freunden zusammen zu feiern und dann auf das neue Jahr anzustoßen oder ganz zurückgezogen den Abend und vor allem die Nacht an sich vorübergehen zu lassen.

Aus christlicher Perspektive stehen die drei Zeitbezüge „Gestern – heute – morgen“ unter der Zusage von Gottes Liebe und Treue, die er den Seinen verheißt. So wie Gott bisher mit den Menschen gewesen ist, so ist er das auch heute und wird es in Zukunft sein. Der Schreiber des Hebräerbriefes stellt dies mit ganz wenigen Worten dar: so wie ein Künstler mit 5 Strichen eine ganze Szene auf Papier zaubert. Da heißt es im 13. Kapitel des Hebräerbriefes: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“ Damit ist für den christlichen Glauben eigentlich alles gesagt. Aber weil auch der Hebräerbrief in einer ganz konkreten Umgebung entstanden ist, kommen doch noch ein paar Worte mehr vor, die auch uns heute beschäftigen. Der Schreiber fährt fort: „Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben.“ Diese Fortsetzung lässt uns erkennen, wie unwägbar schon damals das Leben, auch das Glaubensleben der Christen war. Wie viele Sinn-Angebote es auch damals gegeben hat, die alle geschrien haben: „Ich verheiße dir das Beste und das Tollste für dein Leben. Höre nur auf mich.“

Und beispielhaft macht es der Schreiber des Briefes an einer dieser Lebensverheißungsmaschen fest: „Wenn ihr nur bestimmte Speisegebote erfüllt, dann wird euer Leben gelingen. Mit dieser, der einzig richtigen Diät habt ihr es im Handumdrehen geschafft!“ Dem widerspricht der Hebräerbrief entschieden. Für Christen gilt: Einen starken Glauben und damit die Kraft, dem Leben standzuhalten, das bekommt man nicht durch Diäten, sondern nur durch die Gnade Gottes. Von den Diäten haben doch nur die etwas, die sie verkaufen, nicht die Kunden. Im Brief heißt es: „Ja, es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade, nicht durch Speisegebote, von denen keinen Nutzen haben, die damit umgehen.“

Was denn nun den Glauben und damit das Leben stärkt und kräftig? Keine Einhaltung von Speisegeboten in der damaligen Zeit noch von Diätrezepten heute lässt uns das Leben gewinnen. Allein die Nähe Jesu, der für uns am Kreuz alles vollbracht hat, seine Nähe zu uns, seine Gnade stärkt und kräftig das Herz und damit unser Leben, so sehr es auch durch die Umstände unseres Lebens gefährdet sein mag.

So haben wir an diesem Altjahrsabend dieses Kurz-Bekenntnis des Hebräerbriefes vor Augen und in den Ohren: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“ Und wir können unser Leben im Licht dieses Bekenntnisses betrachten: das, was war, im zuende gehenden Jahr; das, was jetzt ist, und in etwas eingeschränkter Weise auch das, was auf uns zukommt. Denn was genau kommt, wissen wir ja noch nicht und es muss nicht unbedingt die Ewigkeit sein.
Ich will das anhand eines Gedichtes tun, das mir in den vergangenen Tagen in die Hände gefallen ist, das mich sehr berührt hat. Der Verfasser ist Arno Pötzsch, der auch „Meinem Gott gehört die Welt“ geschrieben hat. Arno Pötzsch hat als 18-jähriger das Ende des Ersten Weltkrieges erlebt und kam in einer Lebens- und Glaubenskrise zur Herrnhuter Brüdergemeinde. Später studierte er Theologie und wurde zunächst in Sachsen Pfarrer. Nach Konflikten mit staatlichen Stellen wurde er Marinepfarrer in Cuxhaven und in Den Haag, nach dem Krieg kam er nach Cuxhaven zurück und war dort bis zu seinem Tod 1956 als Pfarrer tätig. Er leitete das kirchliche Hilfswerk in Cuxhaven und kümmerte sich um die damaligen Flüchtlinge.

Die gedichtete Betrachtung zum Jahreswechsel von Arno Pötzsch heißt: „Dein ist das Jahr“. Sie finden es auf der Rückseite des Blattes mit der Folge der Lieder.

Dein ist das Jahr

Dein ist das Jahr, dein ist die Zeit,
dein, Gott, ist alle Ewigkeit.
Dein ist die Welt, auch wir sind dein;
kann keins hier eines andern sein!

Dein ist der Tag und dein die Nacht,
dein, was versäumt, dein, was vollbracht,
dein Saat und Ernte, täglich Brot,
das Leben samt Geburt und Tod.

O Herr, im Werden und Vergehn
lass ohne Wandel uns bestehn
in deiner Gnade, Lieb und Huld
mit Los und Leid, Angst, Sorg und Schuld!

So gehn wir, Gott, aus dem, was war,
getrost mit dir ins neue Jahr,
ins Jahr, dem du dich neu verheißt,
Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Liebe Gemeinde!
Die erste Strophe ist eine ähnlich bekenntnishafte Aussage wie der Satz aus dem Hebräerbrief: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“ Wir – zusammen mit der ganzen Welt, mit allem, was dazu gehört, wir gehören Gott. So wie über das zuende gehende Jahr ist Gott Herr über die Zeit, ja sogar über die Ewigkeit. Und wenn Arno Pötzsch – mit Blick auf die Zeit – die Kreise immer größer zieht, so kehrt sich die Blickrichtung in der zweiten Hälfte der 1. Strophe um: Die ganze Welt, der ganze Kosmos gehört Gott – und auch wir: jede und jeder Einzelne, so klein und unbedeutend wir uns im Verhältnis zum Großen und Ganzen des Universums auch vorkommen mögen, auch wir gehören ihm.

Und wie in Psalm 139, wo der Beter sich in jeder Lebenslage von Gott begleitet und liebevoll betrachtet weiß, ist diese so alles umfassende Gegenwart Gottes auch hier nicht so gemeint, dass Gott in seiner Größe bedrängend oder einschränkend wäre. Ganz im Gegenteil. Wie viele andere Gedichte und Lieder sind auch diese Strophen von Arno Pötzsch von einem fast kindlichen Vertrauen geprägt, das sich mit einem sehr großen, erwachsenen Glaubensernst verbindet. Keines der Menschenkinder gehört von Gott aus gesehen einem anderen.

Es ist immer wieder wichtig, sich das klar zu machen. Gott hat uns schon längst als die Seinen angenommen, wie uns auch Paulus erinnert: Mit dem so eindrücklichen Abschnitt aus dem Römerbrief, den wir als Schriftlesung gehört haben und mit dem einen Satz der Jahreslosung, der uns in diesem zuende gehende Jahr begleitet hat: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“

Mit der zweiten Strophe wendet sich Arno Pötzsch dem Einzelnen zu: sehr allgemein sicherlich, aber gerade deshalb können wir uns wohl alle in diesen Worten wiederfinden. Die Tage und die Nächte des zuende gehenden Jahres liegen vor Gott ausgebreitet. Was wir jeweils damit verbinden, wird sehr unterschiedlich sein: Das Helle und Frohe des Tages steht vielleicht dem Dunkel und der Angst der Nacht gegenüber; es mag aber auch genau umgekehrt sein: die Ruhe der Nacht bringt Erholung von dem Stress und dem Ärger des Tages.

Ebenso vor Gott ausgebreitet ist das Gelungene und das Unvollendete dieses Jahres. Mit dem Blick auf Saat und Ernte und dem Verweis auf das tägliche Brot, um das wir in jedem Vater unser bitten, ist der Blick ebenso auf die Gesamtheit des Lebens gerichtet, wie mit dem Hinweis auf das Leben, zu dem Geburt und Tod immer mit dazu gehören:

Im Rückblick werden wir die Dinge sehen, die uns misslungen sind, die wir versäumt haben: Menschen, die vergeblich auf einen Anruf oder Besuch gewartet haben, einen Unfall oder eine Krankheit, Misserfolge in Schule und Beruf, vielleicht sogar den Verlust des Arbeitsplatzes oder das Ende eine Beziehung, den Tod von Menschen, die uns nahe standen.

Daneben gibt es aber auch vieles zu entdecken, über das wir uns aus tiefster Seele freuen können, weil es gelungen oder gut ausgegangen ist: unverhoffte Begegnungen mit zunächst fremden Menschen, also mit Freunden, die man nur noch nicht kannte, bestandene Prüfungen, eine neue Arbeitsstelle, den erfolgreichen Abschluss von wichtigen Projekten, Bilder von schönen Urlaubstagen, aber auch den Beginn des Lebens mit einer Geburt in der Familie oder im Freundeskreis.

Wie gut ist es, dass wir das alles in Gottes Hand geborgen und gut aufgehoben wissen dürfen! Die Freuden ebenso wie das Missratene und Traurige. Jesus Christus – gestern und heute – er nimmt uns die Lasten von der Schulter, um das zu heilen, was verletzt und zerbrochen ist.
Mit der dritten Strophe blickt Arno Pötzsch – auf der Schwelle zum neuen Jahr stehend – der Zukunft entgegen. „O Herr, im Werden und Vergehen“ – noch einmal stellt er uns die Gesamtheit des Lebens vor Augen, das es zu bestehen gilt. Wie in vielen anderen seiner Gedichte, die während der Kriegszeit entstanden sind, ist es ein skeptischer Blick. Vielleicht ist es aber auch ein realistischer Blick, denn die Momente des Lebens, die sich mit Los und Leid, mit Angst, Sorge und Schuld verbinden, wiegen oft viel schwerer als das kurze Jauchzen der Freude.

Und über das persönliche hinaus gibt es ja durchaus auch gesellschaftliche und politische Themen, die Menschen mit Sorge in die Zukunft blicken lassen: Wird es gelingen, dass Deutschland ein offenes und buntes Land bleibt? Wird es gelingen, die nationalistischen Tendenzen in Europa zu stoppen? Wird es gelingen, wirtschaftliche Interessen zugunsten von Gerechtigkeit und Klimaentwicklung zu beeinflussen? Ich wünsche mir das alles sehr.

Bei allen diesen Herausforderungen im Persönlichen und im Gesellschaftlich-Politischen dürfen wir auf Gottes Nähe und Beistand hoffen und vertrauen.

So wie Gottes Liebe und Treue jeden Morgen neu ist, so ist auch die Verheißung von Gottes Beistand in jedem Jahr neu. So eröffnet uns Christus als das Fundament unseres Lebens und unseres Glaubens den Weg in die Zukunft, den Beginn von Gottes Ewigkeit: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“

Und so bleibt am Ende als Summe des Jahreswechsels das Wort „getrost“, unter dem auch das neue Jahr stehen wird. Mit der Verheißung Gottes aus der neuen Jahreslosung aus Jesaja 66: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“, die uns in die Worte von Arno Pötzsch einstimmen lässt:

So gehn wir, Gott, aus dem, was war,
getrost mit dir ins neue Jahr,
ins Jahr, dem du dich neu verheißt,
Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Amen.

Der Text des Gedichtes  von Arno Pötzsch ist entnommen aus:
„Sagt, dass die Liebe allen Jammer heilt“,
Christliches Verlagshaus, Stuttgart 2000

Predigtvorschau 31. Dezember

Denken Sie manchmal an Ihr Herz? Viele, vielleicht die meisten, werden antworten: Manchmal, ja, da macht es sich bemerkbar: Da klopft es mir vor Aufregung, vor Anstrengung oder vor Freude bis zum Hals; manchmal bleibt es fast stehen vor Schreck. Und manchmal spüre ich es bei anderen: wenn ich mich an jemanden ankuschele und den Pulsschlag spüre. Doch meistens …

Weiter geht es morgen im Gottesdienst in Holtrup um 17.00 Uhr.

Herzliche Einladung!