Predigt von Exaudi 2020

Der Predigttext Jeremia 31,31-34 wurde als Schriftlesung vorgetragen; der Wochenpsalm (Psalm 27,1.7-14) wurde von der Gemeinde in der Eingangsliturgie gesprochen.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

„Exaudi, Domine“. Es ist ein Ruf, der nichts an Dringlichkeit vermissen lässt: „Gott, du musst mir zuhören! Ich brauche dich und du hast doch gesagt, dass ich das tun soll; dass wir das tun sollen. So hast du es uns doch geboten. Ist jetzt davon nichts mehr übrig – von deinem Versprechen?“ So geht der Beter des Wochenpsalms Gott an. Genauer gesagt: Sein Herz tut dies. Das sind seine Worte. „Mein Herz hält dir vor …“ Das Herz – der Ort der Seele, der Ort der Liebe, der Ort der Beziehung. Auch in diesem Fall geht es „Herz über Kopf“, wie es der Vlothoer Sänger Joris so schön singt. „Herz über Kopf“ und damit Herz über Verstand, denn die Beziehung zu Gott ist – wie jede Beziehungssache – eine Sache des Herzens und nicht des Kopfes und damit des Verstandes.

Ich in mir sicher: Der Verstand kann sich wahrscheinlich das meiste von dem, was im Leben geschieht, erklären: Warum ich mich über etwas Schönes im Leben freue; warum ich über einen Verlust traurig bin; warum es bei dem Unglück so kommen musste; warum es keine andere Lösung gab. Diese Erklärungen sind bestimmt sehr einleuchtend und sehr schlüssig.

Aber alles Erklären der Welt hilft nicht, wenn das Herz verunsichert ist oder bleibt. Das Herz baucht etwas anderes als eine rationale Begründung für dieses oder jenes, um zur Ruhe zu kommen, um ausgeglichen zu sein, wie wir heute so schön sagen. Das Herz sucht das andere Herz, das mit empfindet, das mit leidet, das sich mit freut. Wir alle wissen doch, wie wichtig es ist, wenn die Mutter oder der Vater das Kind in den Arm nimmt und ihm das Herz öffnet. Da geht es ja auch nicht um Erklärungen, sondern um die Nähe des Herzens.

Und nachdem der Psalmbeter seinem Gott den ganzen Kladderadatsch von Verunsicherung und Angst in seinem Leben vor die Füße gekippt hat, darf er plötzlich diese Ruhe des Herzens spüren, die ihm eine neue Sicht auf das Leben und eine neue Perspektive für das Leben eröffnet: „Ich glaube aber doch dass ich sehen werde die Güte des Herrn im Lande der Lebendigen!“

Manchmal ist in dem Ich des Psalmbeters kein einzelner Mensch zu sehen, sondern eine Gruppe von Menschen. Das kann ich mir auch in Psalm 27 gut vorstellen: Da steht das Ich des Psalmbeters auch für das ganze Volk Gottes, das sich von seinen Feinden auf’s Äußerste bedrängt fühlt, das sich sogar von Vater und Mutter oder von allen guten Geistern verlassen fühlt.

Und der Schrei „Sei mir gnädig und antworte mir!“ – er wird erhört. So jedenfalls lesen sich die Worte Gottes, die Jeremia dem Volk Gottes ausrichten darf. Es sind Trostworte, die für die Menschen eine Zukunft eröffnen. Natürlich oder leider – je nach dem – beginnt diese neue Zukunft aber nicht sofort. Es braucht noch etwas Geduld. Aber sie steht immerhin unmittelbar bevor, man kann sie schon sehen: „Siehe, es kommt die Zeit!“

Das stelle ich mir auch für die Jünger vor, nachdem Jesus in den Himmel aufgenommen und nicht mehr da und das Pfingstfest mit dem versprochenen Heiligen Geist noch nicht da war. So frohgestimmt die kleine Gruppe der Jesusleute sicherlich in der nachösterlichen Zeit mit Jesus gewesen war, so schwierig dürfte diese Zwischenzeit ohne ihn gewesen sein. Wie wichtig ist es da, gesagt zu bekommen: „Siehe, es kommt die Zeit! Mache nur die Augen auf. Harre auf Gott, hab also vertrauensvolle Geduld!“

Das stelle ich mir auch für uns heute vor. Zum einen sehe ich, dass wir die erste kritische Zeit mit der Corona-Pandemie hinter uns haben. Von der alten Normalität vorher sind wir weit entfernt und ich möchte diese alte Normalität bestimmt nicht hundertprozentig wieder haben. Denn jetzt ist an vielen Stellen in unserem Leben die Möglichkeit da, neue Wege zu beschreiten. Aber eine neue Normalität für unsere Gesellschaft ist bisher höchstens in Ansätzen erkennbar: Wenn finanzielle Staatshilfen nicht für ein „Zurück zum Bisherigen“ verwendet werden, sondern vor allem dazu helfen, die anderen Probleme dieser Welt: Klima, Umwelt und Hunger, die es neben Corona ja auch noch und nicht weniger drängend gibt, anzugehen. „Siehe, es kommt die Zeit! Mache nur die Augen auf. Harre auf Gott, hab also vertrauensvolle Geduld!“

Zum anderen sehe ich eine stetige Veränderung in der Kirche in Deutschland. Viele bisher gültige Konzepte, mit denen auch ich noch großgeworden bin und die die Kirche seit vielen Jahrzehnten geprägt haben, verlieren ihre gestalterische Kraft, mit der die Bindung an die Kirche und den Glauben geschaffen und sichergestellt wurde: Gruppenstunden und kirchliches Vereinswesen sind schon seit längerer Zeit in der Krise. Vielen sagt das nichts mehr und sie gehen, treten aus.

Manches entwickelt sich neu – die Video-Gottesdienste während der letzten Wochen sind ein Teil dieser Entwicklung. Aber wo es genau mit der Kirche hingeht – auch hier ist eine neue Normalität bisher höchstens in Ansätzen erkennbar. Wenn für die Kirche als wanderndes Gottesvolk so etwas wie „Normalität“ überhaupt sinnvoll und wünschenswert ist. Auch hier gilt: „Siehe, es kommt die Zeit! Mache nur die Augen auf. Harre auf Gott, hab also vertrauensvolle Geduld!“

Gott verheißt seinem Volk also einen neuen Bund. Und ihm sind zwei Momente daran wichtig: Zum einen erinnert Gott an den alten Bund, der auf den Auszug Israels aus Ägypten zurückgeht; aber so soll dieser neue Bund nicht sein. Es soll nicht das Eine mit einem gleichen nur unter anderem Namen ersetzt werden. Es ist aber wichtig, an das Alte zu erinnern – nicht als Schuldzuweisung, denn Gott legt sein Volk nicht auf das Gewesene fest und öffnet so neue Wege. Aber: Nur, wenn ich weiß, woher ich komme, und einsehe, was falsch gelaufen ist, und wenn ich daraus lerne, kann das Neue gelingen. Ganz aktuell gilt das auch für unseren Weg nach dem Kriegsende seit 75 Jahren: Nur verantwortliches Erinnern ermöglich eine gute Zukunft.

Zum anderen – und da schließt sich der Kreis des heutigen Sonntags – ist dieser neue Bund mit seinem Volk für Gott eine absolute Herzenssache: Sein Gesetz will Gott seinen Menschen ins Herz geben und in ihren Sinn schreiben. Bei dem Wort „Gesetz“ zucken vor allem evangelische Christen gerne wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Dieses scheinbar so garstige Wort. „Es geht doch um Gnade!“ So höre ich manche rufen.

Ja, es geht um Gnade, es geht um die Liebe, mit der Gott unsere Herzen sucht. Aber Gottes Liebe ist nicht formlos und unverbindlich, sie ist nicht nur süß und flauschig. Gottes Liebe ist in seine Wegweisungen gefasst, wie er sie seinem Volk und durch Jesus Christus auch uns gegeben hat: also gestaltet und verbindlich, herzhaft und griffig – ohne sich in Paragrafen und Gesetzlichkeit zu verlieren. Es ist eben eine Herzenssache.

Und für diese Herzenssache braucht es auch von unserer Seite offene Herzen, die sich mit Gottes Wegweisung füllen lassen wollen. Sein Geist soll in uns atmen; sein Geist soll unser Herz und uns ganz erfüllen, in uns wirken. Das entscheidende an diesem Wirken des Geistes wird etwas wunderbar Befreiendes sein: In der Einheit des Gottesvolkes wird niemand einem anderen mehr den Glauben absprechen. Kein Katholik einem Reformierten, kein Lutheraner einem Pfingstler, kein Evangelikaler einem Liberalen; und jeweils umgekehrt. Niemand wird mehr sagen: „Erkenne den Herrn – aber nur auf die Weise, wie ich ihn erkannt habe.“ Nein, so nicht mehr. So vielfältig der Geist Gottes wirkt und so vielfältig seine Gaben sind, so wird auch der Glauben der Menschen sein, die zu diesem Volk Gottes gehören. Für die Richtigkeit dieses Glauben ist Gottes Geist der Garant, nicht ein anderer Mensch.

Das bedeutet Glauben in dieser Zwischenzeit: „Siehe, es kommt die Zeit! Mache die Augen auf. Harre auf Gott, hab also vertrauensvolle Geduld!“ Amen.

Gottesdienste an Exaudi und Himmelfahrt 2020

Seit dem 17. Mai 2020, feiern wir wieder öffentliche Gottesdienste. 

  • am 24. Mai:
    • in Holzhausen um 10.00 Uhr
    • in Möllbergen um 9.30 Uhr
    • in Holtrup um 11.00 Uhr 
  • am Pfingst-Sonntag (31. Mai)
    • in Holzhausen um 10.00 Uhr
    • in Möllbergen um 9.30 Uhr
  • am Pfingst-Montag (1. Juni)
    • in Holzhausen um 10.00 Uhr
    • in Holtrup um 11.00 Uhr

Allerdings sind strenge Auflagen zu beachten:

  • Die Zahl der Gottesdienstbesucher ist begrenzt
    • in Holzhausen auf 40 Personen
    • in Möllbergen auf 32 Personen
    • in Holtrup auf 30 Personen
  • Mehr Besucher dürfen nicht eingelassen werden!
  • In der Kirche stehen dann nur markierte Plätze zur Verfügung.
  • Alle müssen sich am Eingang mit Namen und Adresse in eine Liste eintragen, um mögliche Infektionsketten nachvollziehen zu können.
  • Vor dem Betreten der Kirche sind die Hände zu desinfizieren.
  • Es muss immer ausreichender Abstand gehalten werden.
  • Vor, während und nach dem Gottesdienst ist ein Mund- und Nasen-Schutz zu tragen, den alle nach Möglichkeit bitte mitbringen.
  • Gemeindegesang ist leider nicht erlaubt, weil das gemeinsame Singen besondere Infektionsrisiken mit sich bringt.
  • Vorerst findet kein Kindergottesdienst statt.
  • Vorerst findet kein Kirchenkaffee statt.

Trotz aller Einschränkungen freuen wir uns sehr, wieder in unseren Kirchen Gottesdienst feiern zu können.

Gottesdienst am 17. Mai

Der sechste Sonntag in der Osterzeit trägt den Namen Exaudi – nach dem lateinischen Anfang von Psalm 27,7: „Höre meine Stimme, HERR, wenn ich rufe; sei mir gnädig und erhöre mich!“

Dieser Sonntag markiert die kurze Zwischenzeit zwischen Himmelfahrt und Pfingsten: Jesus ist nicht mehr da, der heilige Geist noch nicht. Und so warten die Jünger in  Jerusalem. Und auch wir warten in gewisser Weise mit: Auf das Pfingstfest, an dem wir uns wieder neu vergewissern werden, dass uns Gottes Geist gegeben ist. Und bis dahin feiern wir auch Gottesdienst.

Also:

Herzliche Einladung zum Gottesdienst:

  • am 17. Mai
  • in der Holtruper Kirche
  • um 10.00 Uhr

Kirche_mit_KindernAm Sonntag gibt es wie immer Kindergottesdienst
(nach gemeinsamem Anfang im Gemeindehaus).

Predigt am 1. Juni

Predigt-Icon5Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder in Christus! Vor allem: Liebe Konfirmationsjubilare!

So lange ist es schon her: 50, 60, 65, 70 oder gar 75 Jahre, dass Sie konfirmiert wurden. Wie war das damals? Die äußeren Bedinggungen waren ganz anders als heute: wie Kirche erlebt wurde – das war ganz anders: Wenn Sie sich Pastor Rocke oder Pastor Arning vorstellen und den heutigen Pastor in Gedanken danebenstellen – kein Vergleich. Aber auch, wie die Welt erlebt wurde, war ganz anders: Unsere beiden Kronjuwelen-Konfirmandinnen sind noch vor Ausbruch des 2. Weltkrieges konfirmiert worden, die Gnadenkonfirmanden mitten drin und die Eisernen im Jahr 1949, als der Aufschwung und die Wirtschaftswunderjahre noch nicht wirklich abzusehen waren. Das war dann erst bei der Konfirmation 1954 da, als die Diamantenen eingesegnet wurden; und 1964 in der erst 2 Jahre alten Möllberger Kirche sah die Welt schon wieder ganz anders aus. Aber bei fast allen von Ihnen begann nach der Konfirmation mit der Lehre der sogenannte „Ernst des Lebens“.

So lange ist es schon her. Wie das damals war? Ganz unterschiedlich und ich kann es mir – was die äußeren Umstände angeht nur schwer vorstellen. Aber wenn ich an die diesjährigen Konfirmandinnen und Konfirmanden denke, bin ich mir sicher, dass es doch nicht so ganz viel anders war als heute. Ich sehe die Jugendlichen, die Ihre Enkel oder auch Urenkel sein könnten, vor mir: vor 3 Wochen hier in Möllbergen und vor 4 Wochen in Holtrup. Und wenn ich an die Augen denke, mit denen die Konfis mich angesehen haben, als ich ihnen ihren Konfirmationsspruch zugesprochen habe: Da war in diesen Augen ganz viel Freude, ganz viel Erwartung und ganz viel Zuversicht zu sehen – natürlich mit Blick auf den Tag; aber auch mit Blick auf das Leben insgesamt und auch auf Gott.

So wird es bei den meisten von Ihnen damals auch gewesen sein. Wer dann Jahre später ein Jubiläum dieses Tages feiert, wird Rückschau halten und Bilanz ziehen: auf diese vielen Jahre und was aus den Erwartungen und Hoffnungen, vielleicht aus den Befürchtungen und aus der Zuversicht geworden ist; und was aus Gott und der Beziehung zu ihm geworden ist. Denn das ist ja die Hauptsache am Tag der Konfirmation gewesen – damals wie heute.

Natürlich werden Sie das nur für sich selbst wissen, wie es Ihnen mit Ihrem Lebensgespräch mit Gott gegangen ist. Aber ich bin mir sicher: Es wird Zeiten gegeben haben, in denen vielen von Ihnen das Gespräch mit Gott ganz wichtig gewesen ist, und Zeiten, in denen Sie dieses Gespräch nicht gebraucht haben. Für viele wird es aber auch so gewesen sein, dass sich die einfachste Sache der Welt als ganz ungeheuer schwierig herausgestellt hat: „Beten – einfach mit Gott reden, wenn das nur so einfach wäre!“

Das ist allerdings auch schon den ersten Christen so gegangen. Wir dürfen nicht meinen, dass die immer alles auf höchstem Niveau gekonnt hätten und es dann immer weniger geworden wäre. Schon in den Briefen des Apostels Paulus, den allerersten Schriften des Urchristentums wird uns von Schwierigkeiten berichtet, die die Menschen mit der Praxis ihres Glaubens hatten. Und das Beten gehörte auch mit zu diesen Problemen dazu. Und so schreibt der Apostel Paulus im Brief an die Römer im 8. Kapitel an Menschen, die wie wir sich danach sehnten, dass diese Verbindung mit Gott funktioniert: Römer 8,26-30

Liebe Gemeinde!
Beten – also das Lebensgespräch mit Gott führen – das hört sich ganz einfach an und stellt sich dann im Alltag des Lebens als schwieriger heraus, als zunächst gedacht, trotz aller guten Vorsätze. Vor allem fünf Hürden(1) sind es, die uns das eigentlich so Einfache so schwer machen:

Die erste Hürde: Beten ist schwierig, weil ich mir gar nicht sicher bin, ob es Gott überhaupt gibt. Das ist bestimmt nicht nur eine Frage für Jugendliche, denn diese Frage stellen sich viele Menschen immer wieder – und das nicht nur, wenn es gilt, kleinere oder größere Katastrophen zu bewältigen. Aber auch und gerade dann, wenn wir uns unsicher sind, gibt es keinen Grund, auf das Beten zu verzichten. Beten und sehen, ob was passiert. Denn die Erfahrung, dass es Gott gibt, werden wir nicht machen, wenn wir die Kommunikation mit ihm abbrechen. Von Gottes Seite aus ist mit unserer Taufe die eine Seite der Verbindung schon zustande gekommen. Und die Konfirmation kann das andere Ende der Verbindung sein.

Die zweite Hürde: Beten ist schwierig, weil ich nicht glaube, dass mir Gott zuhört. Es ist wirklich ein Glück, dass Gott sich nicht vorher überlegt, wem er zuhört und wem nicht. Er sieht nicht wie wir auf dem Telefon-Display nach der Nummer und entscheidet dann, ob er abhebt. Jeder von uns ist würdig, zu ihm zu beten. Sonst dürfte und könnte keiner beten! Gott hört jedem zu, egal, wer da betet. Bei Gott ist es wie beim Telefon, bei dem wir darauf vertrauen, dass jemand dran geht, auch wenn wir die Gegenseite nicht sehen.

Die dritte Hürde: Beten ist schwierig, weil ich mich schlecht konzentrieren kann. Wie schnell schweifen unsere Gedanken in alle möglichen Richtungen ab, wenn wir zu beten versuchen? „Wie ist das mit diesem oder jenem Promi-Päärchen ?“ „Habe ich den Herd angelassen und den Einkaufszettel fertig?“ „Hat Schalke jetzt eigentlich gewonnen oder nicht? Oder Dortmund?“

Eine gute Hilfe ist es, laut zu beten. Das kommt uns am Anfang vielleicht dämlich vor, aber das legt sich und wir sind ja alleine für uns, sodass es außer Gott niemand hört. Eine andere gute Hilfe ist, einfach eine Liste zu machen, wo alles draufsteht, weswegen wir beten wollen. Und da gibt es vieles: Lob, Dank, Klage und Bitte. Für die nötige Ruhe sorgt ein besonderer Ort, Jesus spricht vom Kämmerlein. Auch darum gibt es auch Kirchen: Damit wir Orte haben, wo wir nicht abgelenkt werden durch das Vielerlei um uns herum.

Die vierte Hürde: Beten ist schwierig, weil ich es immer vergesse. Eine feste Gewohnheit ist vielleicht nicht besonders spaßig, aber sie funktioniert, wenn es darum geht, an wichtige Sachen zu denken. Viele telefonieren ganz regelmäßig zu bestimmten Zeiten an bestimmten Tagen mit Ihren Kindern oder ihren Eltern. Das gehört einfach dazu. Und das geht auch mit dem Lebensgespräch mit Gott: Finden wir eine Gelegenheit, bei der wir jeden Tag beten können. Morgens oder abends, wenn die Glocke der Kirche läutet? Vielleicht morgens vor dem Frühstück oder abends nach der Tagesschau? Dann hat man immer auch schon ein paar Themen, die man vor Gott bedenken kann.

Die fünfte Hürde: Beten ist schwierig, weil ich nicht weiß, was man sagt. Das ist wohl die schwierigste Hürde; und das schon seit Paulus. Es gibt so viele Gründe, warum wir nicht wissen, mit welchen Worten wir Gott das nahebringen sollen, was uns beschäftigt. Manchmal finden wir unsere Worte nicht schön genug. Manchmal ist es mehr ein Stammeln als ein Reden, weil wir ganz durcheinander sind vor Freude oder Trauer. Manchmal, weil wir nicht wissen, ob das, was wir zu sagen haben, für Gott wichtig genug ist.

Wie gut ist es, dass wir keine speziellen Ausdrücke verwenden müssen. Dass wir mit Gott so sprechen können, wie wir mit jedem anderen sprechen. Denn er ist nicht empört, wenn wir „nicht den richtigen Ton treffen“. Es gibt überhaupt keinen „richtigen“ Ton. Gott ist nicht empfindlich. Denn er kennt unsere Herzen und weiß, wie es da drinnen aussieht.
Schon Paulus erinnert uns an den Heiligen Geist, der uns in unserer Taufe gegeben ist und der uns in der Konfirmation noch einmal bestätigt wird. Dieser Geist Gottes ist eben nicht nur derjenige, der Gottes Botschaft an die Menschen zu uns transportiert, sondern der – gewissermaßen auf dem Rückweg – unsere Botschaft, unsere Gebete wieder mit zu Gott nimmt.

Dass Gott schon vorher weiß, was wir beten, schadet unserem Gebet überhaupt nicht. Wir müssen uns ja keine Gedanken machen, ob es ankommt, dafür sorgt Gottes Geist. Aber schon im Gebet, noch während wir beten, beginnt manches, sich zu verändern: Das, was uns vorher übermächtig vorgekommen war und von dem wir uns gefangen genommen gefühlt haben – das wird handhabbar, indem wir es in Gedanken fassen und aussprechen können.

Vielmehr steht unser Lebensgespräch mit Gott auch nach Paulus unter einer großen, doppelten Verheißung: Wir stehen nicht alleine da, sondern haben einen Anwalt und Fürsprecher, der unser Beten weiter trägt und verstärkt. Und uns ist verheißen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen werden.

Gott zu lieben ist sicherlich ein sehr offener Begriff. Was heißt das – Gott lieben? Es sind bestimmt nicht die Schmetterlinge im Bauch der Verliebten gemeint. Es ist auch nicht eine rührselige Zweisamkeit gemeint, die nur aus süßer Harmonie besteht. Wenn Liebe die stärkste Bindung zwischen Zweien ist, möchte ich den Vers gerne so übertragen: Wir wissen aber, dass denen, die an Gott unbedingt dran bleiben, alle Dinge zum Besten dienen.

Im Lebensgespräch mit Gott ist Raum für alles im Leben: Freude und Trauer, Hoffnung und große Enttäuschung, Gelingen und Scheitern und großes Leid, Verlassensein und Geborgenheit. So viele Jahre nach der eigenen Konfirmation werden Sie vieles davon erfahren haben. Gott ist dabei nicht nur unbeteiligter Zuhörer, der sich das alles wie ein Psychologe aus der Distanz unberührt anhört. Er ist derjenige, der uns in diesen Lebenssituationen neue Wege aufzeigt und die Kraft gibt, diese Wege auch zu gehen. Denn „der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, wird uns mit ihm alles schenken.“ So schreibt Paulus wenig später in seinem Brief. Ja, das ist die österliche Botschaft, durch die wir gewiss sein dürfen, dass nichts, dass gar nicht uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn. Denn er, Gott, bleibt unbedingt an uns dran. Amen.

(1) Die Idee mit den fünf Hürden, die das Beten schwierig machen,  stammt aus dem Konfirmanden-Buch „Con Dios“ aus dem Brunnenverlag (S. 18); einige Formulierungen sind an den Text dort angelehnt  (siehe http://brunnen-verlag.de/con-dios-1.html).