Predigt am 3. Sonntag nach Trinitatis – 20. Juni 2021 über Jona 4

Lesungen: Jona 4

Lesung 1: Jona 3,10-4,4

P: Liebe Gemeinde!
Das gänzlich Unerwartete geschieht und die Niniviten bekehren sich: Sie kehren um und ändern ihr Leben; eben nicht nur oberflächlich, sondern von Herzen. Und das Von-Herzen, das geht zu Herzen, denn es berührt Gott in seinem tiefsten Innern und alles, was vorher an Strafe im Raum stand, ist nicht mehr nötig.
Es ist ein wunderbares Bild, das sich vor meinem inneren Auge auftut: Wie die Menschen lachen und einander in den Armen liegen – vielleicht gerade die Menschen, die sich noch 40 Tage vorher feind gewesen waren und nun in der Zeit des Bedenkens erkannt haben, dass der Grund ihres Streites so klein ist im Vergleich zum wunderbaren Geschenk des Lebens, das sie alle nun bekommen haben.
So ein wenig stelle ich mir vor, wie das Leben wieder beginnt, wenn die Gefahr des Corona-Virus gebannt wäre und die Lebensfreude wieder einzieht. Ich meine eine Lebensfreude, weil Menschen wieder zu neuer Gemeinschaft zusammengefunden haben, weil sie es geschafft haben, die alten Gräben zu überwinden.
Ninive nach den 40 Tagen Buße – eine Stadt im Freudentaumel mit Autokorso und Hupkonzert wie nach gleichzeitig gewonnener Welt- und Europameisterschaft und einer Goldmedaille bei den Olympischen Spielen noch dazu. – Und dazwischen Jona: Finster und verschlossen sein Blick, die Arme trotzig vor der Brust verschränkt; je länger der 40. Tag dauert, desto häufiger stampft er mit dem Fuß auf und grummelt vor sich hin: „Unverschämtheit, das darf doch nicht wahr sein! Ich hab es ja gleich gewusst, dieser Gott ist so inkonsequent, dass es weh tut! Wie kann der nur so weich sein; da gehört ein Exempel statuiert, sonst tanzen die und alle anderen ihm nur noch auf der Nase rum!“ – Und alle, denen er begegnet, halten kurz in ihrer Freude inne und fragen sich verwundert: „Das ist doch der Prophet, der uns aufgerüttelt hat, der uns den Weg Gottes gezeigt hat! Warum freut er sich denn nicht mit uns, dass seine Predigt Erfolg hatte?“ Und sie machen einen Bogen um ihn und freuen sich weiter.
Wir stehen da und fragen uns die gleiche Frage: Warum freut sich Jona nicht mit den Niniviten; warum freut er sich nicht, dass seine Predigt gewirkt hat? Es kann doch für einen Prediger nichts Schöneres geben! Doch, kann es anscheinend schon: nämlich dann, wenn die Predigt sich nicht dem Sinn nach erfüllen soll, sondern nach dem Buchstaben.
Jona hat seine Untergangsprophezeiung als Bußpredigt gehalten. Und eine solche zielt dem Sinn nach auf die Umkehr der Menschen. Wenn das gelingt, hat sie ihren Zweck erfüllt, obwohl oder gerade, weil sie sich nicht wörtlich erfüllt hat. Gott konnte das Wort von der Vergebung sprechen, das zum Leben befreit.
Jona hatte bei seiner Predigt etwas anderes im Sinn: Er wollte die wörtliche, die buchstäbliche Erfüllung seiner Prophezeiung sehen. Das Wohl der Menschen in Ninive und ihr Schicksal waren ihm anscheinend vollständig egal. Es ist das Gesicht eines Fanatikers, das ich hier sehe, der lieber sterben möchte, als dass seine Wörter sich als falsch erweisen. „Meinst du, dass du zurecht zürnst?“ fragt Gott seinen Propheten. Eine mögliche Antwort wollen wir singen:

Lied „Schenke mir, Gott, ein hörendes Herz“ (#lautstärke 115)

Lesung 2: Jona 4,5-4,9a

P: Liebe Gemeinde!
Die fröhlichen Menschen kann Jona nun nicht mehr ertragen. Er zieht sich zurück, aber er geht nicht nach Hause. Natürlich ist die wüstenähnliche Ebene im Osten von Ninive ein eher ungemütlicher Ort. Aber das ficht Jona nicht an und er hält eisern an seiner Überzeugung fest: „Vielleicht spielt Gott ja doch nur mit den Niniviten, um deren Untergang dann nur um so dramatischer zu machen. Und dieses Schauspiel will ich mir dann nicht entgehen lassen.“ Anders als mit solchen Gedanken kann ich mir nicht erklären, warum er nicht einfach aufgibt und abzieht.
In diesem und dann auch im dritten Abschnitt dieses letzten Jona-Kapitels geht es gar nicht mehr wirklich um Ninive. Es geht um das Bild, das Jona von sich selbst hat, und um das Gottesbild, das er hat. Es geht um das Selbstverständnis der Menschen, die im Auftrag Gottes etwas verkündigen. Und weil wir alle durch unsere Taufe dazu berufen sind, von der Frohen Botschaft, vom Evangelium etwas zu erzählen und weiter zu geben, geht auch uns dieser Abschnitt etwas an. Welches Bild haben wir von Gott, und wie sehr sind wir auf unser Bild von ihm festgelegt? Können wir damit umgehen, dass Gott andere Wege geht, als wir es erwarten oder gar verkündigen?
Jona jedenfalls bekommt von Gott eine ganz besondere Lehrstunde: Gott versucht, Jona aus der Fixierung auf sich selbst und seine eigene Meinung herauszuholen. Nachdem Jona sich seine Hütte gebaut hat, wächst der Rizinus und spendet Schatten. Dass das durch Gott geschieht, ist für Jona nicht ersichtlich. Jona nimmt einfach das für sich in Anspruch, was in seiner Nähe ist und ihn umgibt.
Und ich frage mich: Was nehme ich für mich ganz selbstverständlich in Anspruch, ohne auf den zu achten, dem ich das alles verdanke? Angefangen von den ganz grundsätzlichen Dingen wie der Luft, die ich atme, dem täglichen Essen und Trinken und dem Boden, auf dem ich stehe; bis hin zu den Menschen, die mein Leben teilen, die mich tragen und manchmal auch ertragen, die mich lieben?
Alles das ist nicht selbstverständlich. Das wird deutlich, wenn plötzlich fehlt, was mir das Leben eben noch angenehm gemacht hat. Das ist bei Jona der Rizinus, der abstirbt und Jona so plötzlich zum Schwitzen bringt. Und ich merke bei solchen Gedanken, wie ich aus meiner Ich-Bezogenheit herausgeholt werde und feststelle, wie dankbar ich sein kann für so vieles, das ich nicht aus meiner Kraft geschaffen habe, aber trotzdem nutzen und sogar genießen darf.
Jona scheint das nicht zu spüren. Im Gegenteil: Jona will schon wieder sterben! Jona kommt anscheinend nicht auf den Gedanken, sich über sich selbst Gedanken zu machen. Sein Bild von sich selbst erscheint irgendwie versteinert – fast wirkt er wie ein bockiges Kind, das seinen Willen nicht bekommt und es nicht einsehen kann und will, weil es die größeren Zusammenhänge noch nicht erfassen kann.
Dabei kann der Blick auf Gott klüger, weiser und leichter machen. Lasst uns singen:

Lied „Klüger, weiser, leichter“ (#lautstärke 86)

Lesung 1: Jona 4,9b-4,11

P: Jona sieht sich nicht nur nach der ausgebliebenen Katastrophe für Ninive, sondern auch nach dem Lehrstück der Verhältnismäßigkeit im Recht: „Ich zürne zurecht bis an den Tod!“ gibt er Gott trotzig zurück.
Gott will Jona die Augen und noch mehr das Herz öffnen für das, was wirklich wichtig ist: die Menschen und die Tiere – und damit das Leben als Ganzes. Jona hat die Chance, selber auf den Trichter zu kommen und Gottes Handeln zu verstehen und sein Herz von Zorn zu Freude zu wandeln.
Am Ende der Jonageschichte steht eine Frage: an Jona und damit auch an alle Menschen seitdem und auch an uns. Sie erinnert an die Frage des gütigen Vaters an seinen älteren Sohn, nachdem der jüngere Sohn aus dem Elend wieder bei seinem Vater mit einem Fest aufgenommen wurde: ob er – der Ältere – nicht auch zum fest hineinkommen wolle.
Diese Frage ist der große Schluss eines dramatischen Buches mit fantastischen Elementen und einem ganz furiosen Zwischenspurt und einem ganz überraschenden Ende: eine Frage, die ehrlich und konkret beantwortet sein will – nicht nur als rhetorische Frage; weil es eine Frage ist, die für unser Menschenbild und unser Gottesbild von ganz entscheidender Bedeutung ist: Wie verstehen wir Gottes Auftrag an Jona und damit auch sein Wort an uns heute? Wie denken wir Gott: klein, sodass unser Glaube und Tun lieblos und dann ganz schnell fanatisch wird? Oder groß, dass Gott über unsere oft kleinlichen Gedanken hinausreicht und durch sein Wort von der Versöhnung das Leben immer wieder neu aufblühen lässt?
Der weit über den Kirchentag hinaus bekannt Theologe Heinz Zahrnt hat über Gott und sein Wort etwas gesagt, das wie eine Antwort auf Gottes Frage am Ende des Jonabuches gesehen werden kann. Es ist mit Blick auf das, was Gottes Wort bedeutet mit dem vergleichbar, was Martin Luther sagt, wenn er meint, es komme darauf an, was Christus treibt, was Christus voranbringt. Heinz Zahrnt schreibt: „Gott sei Dank hat Gott nicht alles gesagt und getan, was in der Bibel über ihn geschrieben steht! Er hat den Menschen sein Wort gegeben, nicht seine Wörter – die Wörter stammen von Menschen. Darum sollen wir Gott zwar beim Wort, aber die Bibel – um Gottes willen! – nicht wörtlich nehmen.“ Amen.

Lied „Weil der Himmel bei uns wohnt“ (#laustärke 95)

Predigt am 2. Sonntag nach Trinitatis – 13. Juni 2021 über Jona 3

Lesung: Jona 3

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Gemeinde!

Was ist der Unterschied zwischen einer Vorladung und einer Einladung? Eine Vorladung kommt meistens per Einschreiben, sie verheißt nichts Gutes und macht genug ein mulmiges Gefühl: „Ich habe etwas falsch gemacht, bin vielleicht sogar angezeigt worden. Ich muss mich aus welchen Gründen auch immer rechtfertigen und verteidigen.“

Eine Einladung dagegen kommt mit einer netten Aufmachung daher. So eine Einladung bekommen wir alle gerne, denn sie bedeutet in den allermeisten Fällen: Eine nette Zeit mit festlich-fröhlichem Anlass, um mit netten Leuten zusammen zu sein und das Leben zu genießen. Gerade in dem zurückliegenden Jahr, in dem solche Einladungen so selten gewesen sind, ist uns das ganz besonders bewusst geworden, wie wichtig sie sind und wie sehr uns solche Einladungen gefehlt haben.

Manchmal hat eine Einladung allerdings auch einen traurigen Hintergrund: wenn es darum geht, dass das Leben eines Menschen oder eine schöne Sache zu Ende gegangen ist oder zu Ende geht. Aber auch bei diesen traurigen Anlässen stehen die Liebe zu dem verstorbenen Menschen oder das Schöne, was man mit der zu Ende gehenden Sache verbindet, im Mittelpunkt. Es ist wichtig, richtig und gut, Einladungen anzunehmen.

„Gott lädt ein!“ – das steht als Überschrift über diesem Sonntag. Nun ist das mit der Einladung, die Jona dem Volk von Ninive überbringt, so eine Sache: „In 40 Tagen wird Ninive untergehen!“ Das ist keine Einladung! Das ist sogar schlimmer als eine Vorladung, denn das Urteil scheint schon festzustehen! Trotzdem haben die Menschen in der Hauptstadt der Welt, die Ninive damals gewesen ist, diese so fordernde Einladung angenommen.

Vielleicht ist der Charakter dieser Einladung besser zu verstehen, wenn wir auf die 10 Gebote sehen, die mit ihren „Du sollst! Du sollst nicht!“ auch nicht wie eine Einladung wirken. Immer wieder hört man, dass im Christentum angeblich alles verboten sein, was Spaß macht. Trotzdem haben die 10 Gebote den Charakter einer Einladung: Gott lädt das Volk Israel am Berg Sinai ein, einen Bund mit ihm zu schließen für ein Leben im Land der Freiheit.

Im Konfirmandenunterricht haben wir den Anfang der 10 Gebote immer wieder so formuliert: „Ich, Gott, lade dich ein zu einem Leben in Freiheit. Wenn Du diese Einladung annimmst, wirst du …“ Und dann kommen die 10 Aspekte menschlichen Lebens, die in den 10 Geboten behandelt werden: dann wirst du nicht töten, nicht ehebrechen, nicht begehren; dann wirst du Gottes Namen und den Feiertag heilighalten und Vater und Mutter ehren.

„Gott lädt ein!“ Jona überbringt also die als Vorladung getarnte Einladung Gottes an die Menschen in Ninive. Die Erfolgsaussichten sind nach normalem Menschenverstand wohl eher gleich null: Wer rechnet damit, dass die Bewohner einer Weltstadt, die an andere Götter glauben, auf einen einzelnen Menschen hören, dessen Botschaft in einer Zumutung, in nur diesem einen Satz besteht: „Noch 40 Tage, dann wird Ninive untergehen.“

Ich weiß nicht, ob das vorher Erlebte mit Jona etwas gemacht hat: die Flucht vor Gott, die Sturmfahrt im Schiff und das Versinken im Wasser, nachdem er über Bord geworfen worden war; die Tage im Bauch des Fisches aus dem fantastischen Teil der Geschichte. Ich weiß nicht, ob das etwas mit ihm gemacht hat; ob er nun etwas an sich hatte, dem man nicht widerstehen konnte. Wie sollte ein Einzelner sonst so eine Wirkung erzielen: dass das Leben der ganzen Stadt umgekrempelt wird. Es wird nichts von so etwas Besonderem berichtet. Jona tut einfach, was Gott ihm sagt und es funktioniert.

Es ist eine Bewegung von unten: Die einfachen Menschen glauben der Ankündigung und rufen ein Fasten aus. Die Basis geht voran, wenn man es mit modernen Worten sagen will. Die Regierung in Person des Königs kommt erst am Ende dazu und fasst das in übersteigerte Worte, was die Menschen vorher schon einfach so getan haben: Sie hören die Botschaft und nehmen sie ernst; sie ziehen Konsequenzen statt den Kopf in den Sand zu stecken und wie bisher weiter zu machen, weil ja sowieso alles verloren wäre. Die Menschen von Ninive nehmen die Botschaft sogar so ernst, dass sie gegen ihr Schicksal glauben und damit schließlich erfolgreich sind. Sie hoffen, durch ihre Umkehr eben doch noch eine Umkehr Gottes zu bewirken, durch ihre Reue und Buße bei Gott Reue und Buße auszulösen und so noch einmal davon zu kommen. Und: So kommt es.

Ende gut, alles gut. Damit könnte die Geschichte zu Ende sein. Sie sind noch einmal davon gekommen! Aber das wäre zu kurz gegriffen. Denn erstens gibt es im Buch des Propheten Jona noch ein viertes Kapitel, das nächste Woche dran ist; und zweitens steht der Bericht von der Wandlung Ninives ja nicht einfach so für sich selbst da, sondern ist eingebettet in die ganze große Geschichte Gottes mit den Menschen und damit auch in die Verkündigung Jesu und mit einer Botschaft an uns heute.

Es ist schwer, Ninive und seinen König mit einer heutigen Stadt oder einem heutigen Land und seiner Regierung zu vergleichen: Los Angeles, Neu Delhi oder Kairo, Moskau oder Peking? Keine Stadt passt wirklich. Ninive war zwar das Zentrum der damaligen Welt, mehrere Tagesreisen groß; aber nichts Konkretes von der Stadt wird im Bericht erwähnt, sie bleibt eigentümlich farblos und konturlos. So könnte diese große Stadt Ninive im Jonabuch eher so etwas wie ein Platzhalter sein für das große Ganze der damaligen Menschheit.

So kann in den Zeiten unserer globalisierten Welt Ninive auch für diese ganze heutige Welt als Adressat stehen. Und es sind nicht unbedingt 40 Tage, bis diese Welt untergehen könnte, aber das, was über den Zustand dieser Erde in 40 Jahren zu sagen ist, wird von kaum jemandem ernsthaft angezweifelt. Auch nicht, dass es ein „zu spät“ geben kann. Umdenken ist für unsere Zukunft und die Zukunft unserer Kinder und Enkel unbedingt nötig.

Zwei Fragen stellen sich mir: Gibt es heute einen Jona, der die Menschen wach rütteln kann? Und wenn ja, würden die Menschen heute auf ihn hören? Die Gefährdung des menschlichen Lebens in einem absehbaren Zeitraum ist inzwischen unbestritten und es gibt viele, die dringend und intensiv warnen und mahnen. Jona gibt es auch heute: in vielfältiger Gestalt. Und es gibt inzwischen viele Menschen über alle Parteigrenzen hinweg, die diese Botschaft hören und sie ernst nehmen; es gibt inzwischen viele Menschen über alle Parteigrenzen hinweg, die Konsequenzen ziehen wollen, statt den Kopf in den Sand zu stecken, und – um eines kurzen Vorteils willen – wie bisher weiter zu machen, weil es ja doch immer noch gutgegangen wäre. Auch heute nehmen Menschen die Botschaft von Jona so ernst, dass sie gegen ihr Schicksal glauben und damit hoffentlich am Ende erfolgreich sind.

Anders als die Menschen damals in Ninive müssen wir heute aber nicht den Sack anziehen und uns in die Asche setzten, um die Bereitschaft zur Umkehr sichtbar zu machen. Wir können und wir müssen vielmehr unser Verhalten in vielen Bereichen unseres Lebens ändern, wenn wir den Erfolg haben wollen, den die Niniviten damals auf die Predigt des Jona hin hatten: dass unsere Umkehr zu einem nachhaltigen und verantwortlichen Lebensstil eine Umkehr und eine Abkehr von der scheinbar unausweichlichen Zerstörung des Lebens – vor allem unseres menschlichen Lebens – möglich machen soll.

„Gott lädt ein!“ – das steht als Überschrift über diesem Sonntag. Diese Einladung kommt in Form der Predigt von Jona zwar nicht schön verziert oder grafisch besonders gestaltet bei uns an; aber die Einladung, die wir heute von Jona bekommen, hat sowohl einen befreiend-aufrichtenden wie einen festlich-fröhlichen Charakter. Denn nach unserer Umkehr steht die Freude darüber im Mittelpunkt, dass wir die alten eingetretenen aber zukunftslosen Wege verlassen haben und neu beginnen konnten; dass sich so Himmel und Erde berühren konnten. Lassen auch wir uns – wie Jona – zu Boten der Umkehr machen, die zu einem Leben einladen, das weiter reicht als 40 Tage oder 40 Jahre. Die Kraft dazu bekommen wir von Jesus Christus, der uns dafür frisch machen will, der er spricht: „Ich will euch erquicken!“ Amen.

Predigt am 1. Sonntag nach Trinitatis – 6. Juni 2021 über Jona 1,1-2,2.11

Schriftlesung und Predigt über Jona 1,1-2,2.11

Lesung: Jona 1,1–3

P: Liebe Gemeinde! Wie hätten wir wohl an der Stelle von Jona reagiert? Es ist ja keine Freudenbotschaft, die er da überbringen sollte. Dann wäre das bestimmt etwas anderes gewesen: Jemandem den Gewinn eines Lottojackpots mitzuteilen, das würden wir sicherlich sehr gerne machen; oder jemandem sagen: „Glückwunsch, du hast bestanden! Du hast eine Zwei oder sogar eine Eins geschrieben.“; oder: „Freue euch, ihr seid Eltern eines gesunden Kindes geworden!“
Aber das soll Jona nun nicht tun. Er soll Ninive den Untergang ankündigen, weil die Stadt in den Augen Gottes so böse ist. Jona sollte im wahrsten Sinn des Wortes ein Untergangsprophet sein. Noch einmal: Was hätten wir an Jonas Stelle getan? Ganz viele Menschen wünschen sich in solchen Situationen nicht nur ganz weit weg, sie setzten diesen Wunsch dann auch wie Jona in die Tat um und verschwinden: entweder, indem sie wirklich weglaufen; oder indem sie in die innere Emigration gehen und so tun, als hätten sie nichts gesehen oder gehört. Von der Alternative singen wir:
EG 361,1: „Befiehl du deine Wege“

Lesung: Jona 1,4–7

P: Jona macht eine Erfahrung, die wir Menschen auch immer wieder machen: Vor einer unangenehmen Aufgabe davon laufen und in die innere oder auch äußere Emigration gehen hilft nicht. Im Gegenteil: Nicht für den Adressaten – also die Menschen in Ninive – sondern für Jona selbst und die Schiffsbesatzung – die Menschen, die er durch seine Flucht in die ganze Angelegenheit mit hineinzieht, wird es immer schlimmer.
Jona merkt davon zuerst nichts und schläft den Schlaf des scheinbar Gerechten, während um ihn herum alles aus den Fugen zu geraten scheint. Die Schiffsbesatzung sucht Rettung: zuerst mit ihrem Möglichkeiten, indem sie die Ladung über Bord werfen und dann bei denen, die das Schicksal der Menschen bestimmen – bei ihren Göttern.
Und so problematisch die Suche per Los nach einem Schuldigen normalerweise ist, denn so etwas geht viel zu oft in die falsche Richtung los – dieses Mal trifft es den Richtigen. Wie reagiert Jona? Vertraut er Gott?
EG 361,2: „Dem Herren musst du trauen“

Lesung: Jona 1,8–13

P: Die Schiffsleute fragen ihn nach dem Wer, Wie, Wohin und Warum. Ja: Wer ist Jona? Vielleicht ist ihm selbst das erst jetzt so richtig klar geworden, wer er wirklich war. Deutet sich in seiner Antwort an die Schiffsleute vielleicht sogar der erste Schritt hin zu einer Wandlung an? Jona kann zu sich und seinem Gott stehen; er muss gar nichts über seinen Beruf und seine Familie erzählen. Das Bekenntnis zu seinem Ursprung und zu seinem Gott reicht, um zu sagen, wer er ist: „Ich bin ein Hebräer und fürchte Adonai, den Gott des Himmels und der Erde.“
Moment: Hat er das so gesagt? „Ich fürchte Gott“? Fast möchte ich es nicht glauben. Meine erste Reaktion ist: Dann hätte er doch nicht vor diesem Gott weglaufen dürfen! Und ich frage mich weiter: Will er nicht trotz dieses Bekenntnisses wieder diesem Gott davonlaufen: mit seinem Vorschlag, ihn über Bord zu werfen?
Nach einiger Zeit aber denke ich: Vielleicht ist es gerade die Ferne von Gott, in die er sich selbst gebracht hat, die ihn jetzt erkennen lässt: „Ich gehöre zu diesem Gott, ich komme von ihm nicht los und so ungewiss mein Schicksal in diesem Sturm des Lebens auch sein mag, will ich mich doch seiner Treue und Gnade anvertrauen.“
Wie dem auch sei. Jona sagt den Schiffsleuten: „Werft mich über Bord! Dann seid ihr wenigstens raus aus der Sache.“ Dass die das zunächst nicht tun, ehrt sie. Und es zeigt: Mit ihrer Suche nach dem Schuldigen durch das Los wollten sie nicht einfach nur einen Sündenbock haben, den man opfern könnte.
EG 361,3: „Dein ewge Treu und Gnade“

Lesung: Jona 1,14–2,1

P: Noch einmal richtet sich der Blick auf die Schiffsbesatzung: Sie scheuen vor dem Opfer zurück. Sie wollen sich vergewissern, dass sie keinen Unschuldigen den Wellen preisgeben. Sie haben alles getan. Und Jona hat sich selbst das Urteil gesprochen – im Vertrauen auf Gott oder als neue Flucht? Was zuerst wie ein sicheres Todesurteil aussieht, wird durch Gott aufgefangen.
Mit dem Fisch, der Jona verschlingt, beginnt der fantastische Teil der Jona-Erzählung, der etwas von der Verwandlung berichtet, die Jona nun durchmacht. Es sind zwar keine 40 Tage und Nächte, die Jona im Fischbauch verbringt, was an andere Wandlungsprozesse in der Bibel erinnern würde: bei Elia die Wanderung zum Gottesberg, die 40 Jahre des Volkes Israel auf der Wüstenwanderung. Aber mit drei Tagen und drei Nächten wird ein Zeitraum genannt, der seine ganz eigene Tiefe hat. Nicht umsonst ist es der dritte Tag, an dem Jesus aus dem Reich des Todes auferstehen wird. Es ist jedenfalls genug, dass Gott mit seinem Weg ans Ziel kommt, wie es bei Paul Gerhardt heißt:
EG 361,5: Und ob gleich alle Teufel

Lesung: Jona 2,2.11

P: So treffen wir Jona im Bauch des Fisches wieder: Ganz gleich, ob es Vertrauen in Gottes Hilfe oder eine erneute Flucht war, die ihn zu dem Vorschlag bewogen hat: „Werft mich ins Meer!“ Jetzt hat er genügend Zeit, über sich und seine Situation nachzudenken. Jona begegnet im Bauch des Fisches zunächst sich selbst: sich selbst und seinem Leben, seinem Davonlaufen. Solche Begegnungen sind nicht einfach und schön, denn sie zeigen uns nicht unsere Sonnenseiten, sondern schonungslos die Seiten an uns, die wir so gerne verstecken wollen. Die Wogen und Wellen über Jona, das Schilf, das ihn bedeckt, und schließlich die Riegel der Erde, die sich über ihm schließen – alles, von dem Jona in seinem Psalm erzählt – es sind Bilder über die Fesseln, die gefangen halten: das, was in seinem und in unserem tiefsten Innern verborgen ist und Macht über uns hat.
In den drei Tagen im Bauch des Fisches erfährt Jona eine heilsame Begegnung mit sich selbst. Auch wir haben in unserem Leben immer wieder solche Möglichkeiten, zu diesen heilsamen Begegnungen mit uns selbst zu kommen, die uns Klarheit über uns und unsere Situation, über unser Verhältnis zu Gott bringen.
Jona schließlich findet sich an einem Strand wieder; ausgespuckt von dem Fisch – es sieht aus wie das Bild einer Geburt, die einen neuen Anfang und neues Leben ermöglicht. Ja: Alles ist auf Null gestellt und Jona kann noch einmal neu anfangen – mit sich und seinem Leben und mit Gott; aber es ist nicht mehr derselbe Jona wie zuvor, der einfach meinte, weglaufen zu können.
Am Anfang stand für Jona das Wort Gottes und damit Gottes Auftrag. Am Anfang stand auch für uns das Wort Gottes und damit Gottes Auftrag. Was tun wir? Nicht an Jonas Stelle, sondern weil wir es sind, die gerufen sind: in unserer Taufe durch den heiligen Geist. Was tun wir? Amen.
EG 361,6-7: „Hoff, o du arme Seele“

Predigt am 9. Sonntag nach Trinitatis

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Gemeinde!

Es sind eine der berühmten Fragen in einem Steckbrief, den man ausfüllen soll, um sich in einer Gruppe vorzustellen: „Was würdest du tun, was würdest du verändern, wenn Du für eine Woche Bürgermeister in unsere Stadt wärest?“ Oder Vorsitzender in deinem Sportverein oder Ministpräsident oder Bundeskanzler oder – im Konfirmandenunterricht immer wieder sehr beliebt: Jesus oder Gott? „Was würdest du tun in dieser einen Woche?“

Das eine oder andere fiele uns ja bestimmt ein, was wir neu oder anders und in jedem Fall besser machen würden: Mehr Raum fürs Fahrradfahren, mehr für den Umweltschutz, mehr für die Wirtschaft, weniger Krieg, weniger Gründe, dass Menschen aus ihrer Heimat flüchten müssen; dass alle Kinder gleiche Chancen im Leben haben; dass niemand vor allem auch am Ende des Lebens einsam sein muss. Und bei manchen dieser Punkte hätten wir vielleicht sogar den einen oder anderen konkreten Gedanken, wie wir das auch umsetzen könnten.

„Was würdest du tun in dieser einen Woche?“ Ein schönes Spiel, um zu sehen, wie die einzelnen Teilnehmer in der Gruppe so ticken. Und dann haben wir unsere kleinen Gedanken in der netten Runde vorgetragen und wollen uns entspannt zurücklehnen, um den anderen Teilnehmenden zuzuhören – was die sich so vorstellen können. Aber bei den nächsten Worten des Gruppenleiters haut es uns dann vom Stuhl: „Super! Ab jetzt bist du Bürgermeisterin!“ Oder eben Vereinsvorsitzender oder Ministerpräsident, Bundeskanzlerin. „Und das“, so hörst Du es wie durch einen Nebel, „nicht nur für eine Woche, sondern für die nächste Wahlperiode oder noch besser für den Rest deines Lebens!“

Die Reaktion bei uns allen wäre wohl die, die ich gerne die „Jeremia-Reaktion“ nennen möchte. Mit schreckgeweiteten Augen würden wir den Gruppenleiter anstarren und rufen: „Das ist doch ein Witz! Ich kann das gar nicht, ich doch viel zu jung!“ Oder zu alt, zu klein oder zu groß, zu neu oder zu dumm oder zu irgendetwas!

Es wäre eine „Jeremia-Reaktion“, denn genau so hat Jeremia damals auch reagiert, als er von Gott seine Berufung zum Propheten bekam; dann aber lässt Jeremia alles Weitere mit sich geschehen, auch wenn er in diesem Moment der Berufung kein wirkliches „Ja, ich will!“, sagt. Aber das haben auch andere nicht getan, an die ich denken muss, wenn ich mir die Geschichte Gottes mit seinem Volk so vor Augen halte. Viele wurden berufen und haben das getan, was ihnen Gott aufgetragen hat; die meisten haben es einfach getan und damit ihre Zustimmung gegeben.

Ich denke an Mose, der Gott so gut entgegengehalten hat: „Ich kann doch gar nicht reden!“ Und der von Gott seinen Bruder Aaron als Sprachrohr an die Seite gestellt bekam. Ich denke an Jona, der Reißaus nahm, um dem Auftrag Gottes zu entfliehen, und dann doch nach Ninive ging. Ich denke an Maria, die von Gabriel den Auftrag zur Geburt Jesu bekam, keinen Mann dafür vorweisen konnte und trotzdem durch Gottes Geist Mutter Jesu wurde. Ich denke an Petrus, der bei seiner Berufung zu Jesus sagte: „Geh weg von mir, Herr, ich bin ein sündiger Mensch.“ Ihm hat Jesus dann gesagt: „Von nun an wirst du Menschen fischen!“

Ich denke an den Kriegsheimkehrer und Pfarrer Helmut Gollwitzer und seine Erinnerungen an Krieg und sowjetische Kriegsgefangenschaft, die er in seinem so wichtigen Buch „Und führen, wohin du nicht willst“ nieder geschrieben hat. Dort in den sowjetischen Lagern und auf dem Weg hat er manches Schöne und viel Schreckliches erlebt. Und auch später hat er sich immer wieder den Herausforderungen gestellt, vor die er sich als Christ gestellt sah. Ich denke an Dietrich Bonhoeffer, der seinen Weg in den Widerstand gegen Hitler ganz bewusst als Christ ging.

Mir kommen zwei Menschen aus meiner Lebenszeit in den Sinn, die sich in ihrem Handeln zwar nicht direkt auf Gott oder Jesus Christus berufen haben, die sich aber auch vor übergroße Aufgaben gestellt sahen: In jüngster Vergangenheit ist das Gret Thunberg mit ihrem Engagement für den Erhalt unserer Lebenswelt auf dem Planeten Erde. Und vor fast genau vierzig Jahren, am 14. August 1980 begann in der Danziger Leninwerft der Streik, der den Anfang vom Ende des damaligen Ostblocks bedeutete. Und an der Spitze dieses Streiks stand der Elektriker Lech Walesa, der sich schon vorher für Arbeiterrechte engagiert hatte und dafür im Gefängnis gewesen war. In manchen Zügen sind diese beiden „Jeremia-Figuren“, wenn man auf die Repressalien bei Lech Walesa und den Spott und die Häme bei Greta Thunberg sieht.

„Und führen, wohin du nicht willst“ – Der Buchtitel von Helmut Gollwitzer könnte auch der Titel des Jeremiabuches sein, denn was in den vielen Jahren seines Wirkens geschehen ist, das hat Jeremia ganz bestimmt nicht erleben wollen. Und geahnt hat er es in dem Moment seiner Berufung ganz bestimmt, sonst wäre die Ermutigung Gottes „Fürchte dich nicht vor den Menschen, denn ich bin bei dir und will dich erretten.“, nicht nötig gewesen. Was kommen würde, stand Jeremia wohl nur zu genau vor Augen.

Aber ein zu junges Alter wie bei ihm oder eine mangelhafte Rhetorik wie bei Mose sind für Gott noch nie ein Hinderungsgrund gewesen, um jemanden für ein besonderes Amt, ein Prophetenamt zu berufen.

Jeremia hat seine „Jeremia-Reaktion“ überwunden und die Berufung dann angenommen. Warum? Es wäre doch so verständlich gewesen, bei dieser Lebensperspektive Gott einen Korb zu geben. Jeremia hat die Herausforderung trotzdem angenommen. Aus zwei Gründen: Gott war mit seiner Zusage, dass er Jeremia unterstützen und schützen würde, im direkten Gespräch wohl sehr überzeugend. Und Jeremia hat in seinem Wirken immer wieder erfahren, dass die Macht über Völker und Königreiche, die Gott ihm bei seiner Berufung verliehen hat, zwar keine aktive politische Macht war; aber Gottes Wort durch Jeremia hat immer wieder beides bewirkt: Zerstören und Verderben einerseits und Bauen und Pflanzen andererseits.

Der zweite Grund war aus meiner Sicht, dass Jeremia mit seinem Prophetenamt das verwirklicht hat, was Gott ihm schon buchstäblich in die Wiege gelegt hatte. Sein Amt als Prophet, sein Beruf war Berufung, wie wir das ja gerne auch sagen. Es war einfach in ihm drin, es war die Gabe Gottes ganz speziell an ihn. Jeremia hätte wohl nie anders gekonnt.
Der nächste Schritt ist, glaube ich, ganz folgerichtig eine Frage: Was ist Gottes Gabe an uns? An jede und jeden von uns hier im Gottesdienst, in der Gemeinde? Und was ist Gottes Gabe dann auch an uns als Kirche insgesamt? Und was ist – aus den Gabe Gottes folgend – unsere Aufgabe, die Gott für uns hat?

Auch für uns alle gilt: Gott hat seine ganz besondere Lebens-Absicht mit jeder und jedem von uns. Er hat sie und weiß sie schon, bevor wir unseren Weg in diesem Leben gestalten. Auf seine Weise hat es der von mir so verehrte Sytze de Vries in seinem Lied in Worte gefasst, die wir am Anfang gehört haben: „Tief im Schoß meiner Mutter gewoben“. Dass unser Lebensweg oft genug wie bei Jeremia auch von Finsternissen bedroht ist, wissen wir: „Der du wirkst, dass die Kleinen dir singen: Gib mir, Gott, lebenslang deines Namens Gesang, um die drohende Nacht zu bezwingen.“

Und: Gott stattet uns für das, was er mit uns vor hat, mit Gaben aus, die uns helfen, unseren Auftrag auszuführen. Musikalität, Redegewandtheit, handwerkliches Geschick, Zuhören können, Gruppen leiten können, kochen oder backen können, Menschen begleiten; aber auch politisch aktiv werden und eintreten für den Erhalt der Schöpfung, für soziale Gerechtigkeit und Frieden. Alles gehört zu den vielen möglichen Bereichen, in denen deine und meine Aufgabe liegen können, die Gott für uns hat.

Bei Jeremia war es die Gabe der prophetischen Rede, mit der Gott ihn begabt hatte. „Ich lege meine Worte in deinen Mund.“, sagt Gott. „Deine Worte in meinem Mund“, wird Jeremia gedacht haben. Und ich frage mich, wie das wohl schmeckt – Worte Gottes im Mund zu haben. Aber das ist dann eine andere Predigt.

„Was würdest du tun in dieser einen Woche?“ Wir müssen zum Glück nicht von jetzt auf gleich in Porta Westfalica Bürgermeister werden – dafür gibt es genügend Kandidatinnen und Kandidaten; ebenso für das Amt des Bundeskanzlers und viele andere herausragende, wichtige und anspruchsvolle Aufgaben.

Aber wir sollen, müssen und wir dürfen immer wieder damit rechnen, dass Gott uns für diese oder jene Aufgabe anspricht, die wir für ihn erledigen sollen – zum Wohl der Menschen und zum Segen für seine Kirche. So schwierig wie für Jeremia wird es wohl nicht werden. Ich glaube: Wir brauchen keine „Jeremia-Reaktion“ mit einem „Aber ich bin doch viel zu dieses oder jenes!“

Wir kennen die Geschichte von Jeremia und wie Jeremia dürfen wir deshalb darauf vertrauen, dass Gott auch bei seinen Aufträgen für uns sagt: „Ich traue dir das zu, du schaffst das, denn ich bin mit dir, ich habe dir alle Gaben, alle Talente gegeben, die du dafür brauchst. Sie liegen schon seit deiner Geburt in dir bereit. Gehe du in Freiheit den Weg, den ich für dich bestimmt habe. Ich bin mit dir!“ Amen.

Predigt von Exaudi 2020

Der Predigttext Jeremia 31,31-34 wurde als Schriftlesung vorgetragen; der Wochenpsalm (Psalm 27,1.7-14) wurde von der Gemeinde in der Eingangsliturgie gesprochen.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

„Exaudi, Domine“. Es ist ein Ruf, der nichts an Dringlichkeit vermissen lässt: „Gott, du musst mir zuhören! Ich brauche dich und du hast doch gesagt, dass ich das tun soll; dass wir das tun sollen. So hast du es uns doch geboten. Ist jetzt davon nichts mehr übrig – von deinem Versprechen?“ So geht der Beter des Wochenpsalms Gott an. Genauer gesagt: Sein Herz tut dies. Das sind seine Worte. „Mein Herz hält dir vor …“ Das Herz – der Ort der Seele, der Ort der Liebe, der Ort der Beziehung. Auch in diesem Fall geht es „Herz über Kopf“, wie es der Vlothoer Sänger Joris so schön singt. „Herz über Kopf“ und damit Herz über Verstand, denn die Beziehung zu Gott ist – wie jede Beziehungssache – eine Sache des Herzens und nicht des Kopfes und damit des Verstandes.

Ich in mir sicher: Der Verstand kann sich wahrscheinlich das meiste von dem, was im Leben geschieht, erklären: Warum ich mich über etwas Schönes im Leben freue; warum ich über einen Verlust traurig bin; warum es bei dem Unglück so kommen musste; warum es keine andere Lösung gab. Diese Erklärungen sind bestimmt sehr einleuchtend und sehr schlüssig.

Aber alles Erklären der Welt hilft nicht, wenn das Herz verunsichert ist oder bleibt. Das Herz baucht etwas anderes als eine rationale Begründung für dieses oder jenes, um zur Ruhe zu kommen, um ausgeglichen zu sein, wie wir heute so schön sagen. Das Herz sucht das andere Herz, das mit empfindet, das mit leidet, das sich mit freut. Wir alle wissen doch, wie wichtig es ist, wenn die Mutter oder der Vater das Kind in den Arm nimmt und ihm das Herz öffnet. Da geht es ja auch nicht um Erklärungen, sondern um die Nähe des Herzens.

Und nachdem der Psalmbeter seinem Gott den ganzen Kladderadatsch von Verunsicherung und Angst in seinem Leben vor die Füße gekippt hat, darf er plötzlich diese Ruhe des Herzens spüren, die ihm eine neue Sicht auf das Leben und eine neue Perspektive für das Leben eröffnet: „Ich glaube aber doch dass ich sehen werde die Güte des Herrn im Lande der Lebendigen!“

Manchmal ist in dem Ich des Psalmbeters kein einzelner Mensch zu sehen, sondern eine Gruppe von Menschen. Das kann ich mir auch in Psalm 27 gut vorstellen: Da steht das Ich des Psalmbeters auch für das ganze Volk Gottes, das sich von seinen Feinden auf’s Äußerste bedrängt fühlt, das sich sogar von Vater und Mutter oder von allen guten Geistern verlassen fühlt.

Und der Schrei „Sei mir gnädig und antworte mir!“ – er wird erhört. So jedenfalls lesen sich die Worte Gottes, die Jeremia dem Volk Gottes ausrichten darf. Es sind Trostworte, die für die Menschen eine Zukunft eröffnen. Natürlich oder leider – je nach dem – beginnt diese neue Zukunft aber nicht sofort. Es braucht noch etwas Geduld. Aber sie steht immerhin unmittelbar bevor, man kann sie schon sehen: „Siehe, es kommt die Zeit!“

Das stelle ich mir auch für die Jünger vor, nachdem Jesus in den Himmel aufgenommen und nicht mehr da und das Pfingstfest mit dem versprochenen Heiligen Geist noch nicht da war. So frohgestimmt die kleine Gruppe der Jesusleute sicherlich in der nachösterlichen Zeit mit Jesus gewesen war, so schwierig dürfte diese Zwischenzeit ohne ihn gewesen sein. Wie wichtig ist es da, gesagt zu bekommen: „Siehe, es kommt die Zeit! Mache nur die Augen auf. Harre auf Gott, hab also vertrauensvolle Geduld!“

Das stelle ich mir auch für uns heute vor. Zum einen sehe ich, dass wir die erste kritische Zeit mit der Corona-Pandemie hinter uns haben. Von der alten Normalität vorher sind wir weit entfernt und ich möchte diese alte Normalität bestimmt nicht hundertprozentig wieder haben. Denn jetzt ist an vielen Stellen in unserem Leben die Möglichkeit da, neue Wege zu beschreiten. Aber eine neue Normalität für unsere Gesellschaft ist bisher höchstens in Ansätzen erkennbar: Wenn finanzielle Staatshilfen nicht für ein „Zurück zum Bisherigen“ verwendet werden, sondern vor allem dazu helfen, die anderen Probleme dieser Welt: Klima, Umwelt und Hunger, die es neben Corona ja auch noch und nicht weniger drängend gibt, anzugehen. „Siehe, es kommt die Zeit! Mache nur die Augen auf. Harre auf Gott, hab also vertrauensvolle Geduld!“

Zum anderen sehe ich eine stetige Veränderung in der Kirche in Deutschland. Viele bisher gültige Konzepte, mit denen auch ich noch großgeworden bin und die die Kirche seit vielen Jahrzehnten geprägt haben, verlieren ihre gestalterische Kraft, mit der die Bindung an die Kirche und den Glauben geschaffen und sichergestellt wurde: Gruppenstunden und kirchliches Vereinswesen sind schon seit längerer Zeit in der Krise. Vielen sagt das nichts mehr und sie gehen, treten aus.

Manches entwickelt sich neu – die Video-Gottesdienste während der letzten Wochen sind ein Teil dieser Entwicklung. Aber wo es genau mit der Kirche hingeht – auch hier ist eine neue Normalität bisher höchstens in Ansätzen erkennbar. Wenn für die Kirche als wanderndes Gottesvolk so etwas wie „Normalität“ überhaupt sinnvoll und wünschenswert ist. Auch hier gilt: „Siehe, es kommt die Zeit! Mache nur die Augen auf. Harre auf Gott, hab also vertrauensvolle Geduld!“

Gott verheißt seinem Volk also einen neuen Bund. Und ihm sind zwei Momente daran wichtig: Zum einen erinnert Gott an den alten Bund, der auf den Auszug Israels aus Ägypten zurückgeht; aber so soll dieser neue Bund nicht sein. Es soll nicht das Eine mit einem gleichen nur unter anderem Namen ersetzt werden. Es ist aber wichtig, an das Alte zu erinnern – nicht als Schuldzuweisung, denn Gott legt sein Volk nicht auf das Gewesene fest und öffnet so neue Wege. Aber: Nur, wenn ich weiß, woher ich komme, und einsehe, was falsch gelaufen ist, und wenn ich daraus lerne, kann das Neue gelingen. Ganz aktuell gilt das auch für unseren Weg nach dem Kriegsende seit 75 Jahren: Nur verantwortliches Erinnern ermöglich eine gute Zukunft.

Zum anderen – und da schließt sich der Kreis des heutigen Sonntags – ist dieser neue Bund mit seinem Volk für Gott eine absolute Herzenssache: Sein Gesetz will Gott seinen Menschen ins Herz geben und in ihren Sinn schreiben. Bei dem Wort „Gesetz“ zucken vor allem evangelische Christen gerne wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Dieses scheinbar so garstige Wort. „Es geht doch um Gnade!“ So höre ich manche rufen.

Ja, es geht um Gnade, es geht um die Liebe, mit der Gott unsere Herzen sucht. Aber Gottes Liebe ist nicht formlos und unverbindlich, sie ist nicht nur süß und flauschig. Gottes Liebe ist in seine Wegweisungen gefasst, wie er sie seinem Volk und durch Jesus Christus auch uns gegeben hat: also gestaltet und verbindlich, herzhaft und griffig – ohne sich in Paragrafen und Gesetzlichkeit zu verlieren. Es ist eben eine Herzenssache.

Und für diese Herzenssache braucht es auch von unserer Seite offene Herzen, die sich mit Gottes Wegweisung füllen lassen wollen. Sein Geist soll in uns atmen; sein Geist soll unser Herz und uns ganz erfüllen, in uns wirken. Das entscheidende an diesem Wirken des Geistes wird etwas wunderbar Befreiendes sein: In der Einheit des Gottesvolkes wird niemand einem anderen mehr den Glauben absprechen. Kein Katholik einem Reformierten, kein Lutheraner einem Pfingstler, kein Evangelikaler einem Liberalen; und jeweils umgekehrt. Niemand wird mehr sagen: „Erkenne den Herrn – aber nur auf die Weise, wie ich ihn erkannt habe.“ Nein, so nicht mehr. So vielfältig der Geist Gottes wirkt und so vielfältig seine Gaben sind, so wird auch der Glauben der Menschen sein, die zu diesem Volk Gottes gehören. Für die Richtigkeit dieses Glauben ist Gottes Geist der Garant, nicht ein anderer Mensch.

Das bedeutet Glauben in dieser Zwischenzeit: „Siehe, es kommt die Zeit! Mache die Augen auf. Harre auf Gott, hab also vertrauensvolle Geduld!“ Amen.