Predigt zum Abschluss der Bibelwoche 2016

6729d-icon_predigtGnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder in Christus! Liebe Gemeinde!
Eine Woche lang Bibelwoche: Visionen und Prophetensprüche; eine Woche lang Texte aus einer längst vergangenen Zeit vor etwas über 2500 Jahren, die sich als absolut aktuell erweisen. Die Tage noch einmal im Schnelldurchlauf:

Tag eins, Sonntag – Wenn etwas in Bewegung kommt: Nicht mehr Stillstand und trügerische Ruhe 70 Jahre nach der Zerstörung des Tempels und Beginn des Exils in Babylon; Gottes Erbarmen über Jerusalem heißt: es geht los mit Trost und Tempelbau.

Tag zwei, Montag – Wenn man sich öffnen kann: Jerusalem von der Bedrohung durch die alten Feinde befreit und zum Wiederaufbau vermessen und mit der Spezial-Firewall ausgestattet, damit sie sonst keine Abschottung durch Tore nach außen braucht.

Tag drei, Dienstag – Wenn Gott neue Kleider bereithält: Die Verbindung zu Gott ist gesichert, denn Gott selbst beruft seinen Hohenpriester; Gott selbst nimmt Sünde und Schuld weg und kleidet neu ein; Gott schafft so Begegnung und lässt die Menschen untereinander teilen.

Tag vier, Mittwoch – Wenn Frieden greifbar wird: Nicht als Kriegskönig zu Pferd, sondern als Friedenskönig auf dem Esel, dem klugen Reittier der Könige Israels kommt der, der den Frieden bringt – als Diener Gottes und damit mit dem Mut zum Dienen. Wir sehen Jesus, wie er an Palmsonntag in Jerusalem einreitet.

Tag fünf, Donnerstag – Wenn Siege weh tun: Der Weg zum Leben aller führt für einen in den Tod und durch den Tod hindurch. Der Sieg über Sünde und Unreinheit aus der Quelle des Lebens ist mit der Klage erkauft, dass die vier davidischen Familien über den einen klagen müssen. Wir sehen Jesus am Kreuz von vier Frauen beweint.

Tag sechs, Freitag – Wenn der Hirte stirbt: Es geht nicht den einfachen und den schönen Weg, wie viele sind es, die mitkommen? Gott sagt: nur ein Drittel – und die haben eine schmerzhafte Läuterung vor sich. Aber hervor gehen Gold und Silber, hervor geht ein gegenseitiges Bekenntnis: Gottes zu seinem Volk und die Menschen seines Volkes zu ihrem Gott.

Und jetzt – heute: Tag sieben, Sonntag – Wenn man gemeinsam Schweigen lernt: Ein Einschub von Sacharja nach der dritten Vision, in einer verunsicherten Situation, denn der Prophet muss seine ganze Autorität aufbieten. Wir haben es eben vor der Predigt gehört: Geradezu fluchtartige Rückkehr nach Jerusalem ist nötig, denn Gott wird die Babylonier endgültig vernichten; Zion, der Augapfel Gottes, wird nicht nur gerettet werden, sondern den Bedrückern soll das widerfahren, was dem Volk Gottes widerfahren ist: wie mit einem Spiegel soll auf die Unterdrücker das Los des Gottesvolkes zurückgeworfen werden. Sacharja setzt seine ganze Autorität in diese Verheißung.

Es geht Gott – und damit Sacharja – aber nicht nur um eine Art Rache gegenüber den ehemaligen Bedrängern. Viel wichtiger ist die folgende positive Aussage, die so etwas wie die Vorlage für den so bekannten Vers aus dem 9. Kapitel ist: „Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen.“

Gott will bei Jerusalem, den Tochter des Zionberges, wohnen. Und wie so oft kommt Gott nicht allein, sondern er bringt die vielen Völker und Nationen quasi als Gäste gleich mit. Viele werden sich anschließen und ebenso Gottes Volk sein, wo Gott die Mitte ist.

„Ich komme und will bei dir wohnen.“ Ich höre schon die Zweifler: Das ist doch nur Zukunftsmusik. Zukunftsmusik? Wir sehen hier ein eschatologisches Zionslied, wie es in der Theologensprache heißt, denn es erfüllt sich nicht einfach so geschichtlich greifbar, sondern dann, wenn Gott mit seinem Volk und mit der Geschichte an sein Ziel kommt. Zukunftsmusik – schon damals und bis heute und über heute hinaus Zukunftsmusik. Aber eine Zukunftsmusik, die – äußerlich unsichtbar – Auswirkungen hat, denn sie hat Kraft und gibt Trost und Mut.

Eine Aussage, die die Zukunft als ganz nahe sieht, auch wenn die Nähe sich noch steigern lässt, wie uns dies Jesus in der Offenbarung des Johannes zuruft: Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.“
So wird Zukunft greifbar, so wird sie schon im Hier und Jetzt wirksam – jedes Mal, wenn wir im Gottesdienst in Jesu Namen und unter seiner Verheißung: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ versammelt sind. Jedes Mal, wenn wir – wie auch heute – das Mahl, das Abendmahl feiern – nach der Verheißung der Offenbarung.

Ja. Gott ist da. Und eben deshalb gibt es nicht nur den jubelnden Empfang mit „Tochter Zion, freue dich“ in barocker Fülle. Eben weil Gott da ist, braucht es auch das: „Psst, seid still vor dem Herrn!“ Die Gemeinde schweigt angesichts der Erscheinung des Gottes mit einem ehrerbietigen und gefüllten Schweigen, mit einem freudigen und erwartungsvollem Schweigen, so wie wir zu Beginn gesungen haben: „Gott ist in der Mitte, alles in uns schweige und sich innigst vor ihm beuge.“

Das Schweigen vor Gott ist also gerade keine ängstliche Sprachlosigkeit, die uns zitternd stumm bleiben lässt. Dieses Schweigen vor Gott ist die das Herz erwärmende Gewissheit, dass Gott schon hier und jetzt mit seiner heilvollen Nähe unser Leben erfüllt: Er hat sich schon längst von seiner himmlischen Wohnung her aufgemacht, um bei uns Wohnung zu nehmen.

Für Sacharja und die Menschen seiner Zeit war der Ort, wo Gott Wohnung nimmt, natürlich der nach der Zerstörung im Jahr 587 vor Christus neugebaute und im Jahr 515 vor Christus eingeweihte Tempel. Auch für Jesus war das noch so: Als 12-jähriger weist er seine Eltern darauf hin, dass er in dem sein muss, was seines Vaters ist: im Tempel. Für das junge Christentum blieb der Tempel schon bald verschlossen. Vor allem deshalb und auch durch die erneute Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 nach Christus durch die Römer, musste sich die Vorstellung von dem Ort, an dem Gott seine Wohnung nimmt, weiter entwickeln.

Auch das junge Christentum blickte in die Zukunft. So berichtet Johannes in seiner Vision der Offenbarung über das neue, das himmlische Jerusalem: „Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.“

Einen ganz anderen Akzent setzte der Apostel Paulus, der die Menschen als Ort der Gegenwart Gottes sieht. Paulus schreibt in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Korinth im 3. Kapitel: „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ Mit der Taufe kann Gott bei uns einziehen, auch wenn er – wie Joachim Schierbaum es einmal treffend gesagt hat, sein Wohnrecht nicht mit Gewalt wahrnimmt. Die Vorstellung von Paulus, dass Gott in uns wohnt – in jeder und jedem einzelnen von uns – sie hat ihre ganz besonderen Auswirkungen: Unser ganzes Leben sollte auf diese Mitte bezogen sein und unsere Gedanken, Pläne, Ziele – auch unser gesellschaftliches Leben in Politik und Wirtschaft bestimmen. Nicht, weil wir unsere eigenen, menschlichen Ideen von Gott durchsetzen wollten, sondern weil Gott durch seinen Geist in uns wirkt.

Wie wäre es also, wenn Gott so unmittelbar unser Leben prägen würde: Wenn sich das Leben selbst bei uns einnistet – dann gibt es keinen Tod mehr. Wenn die Liebe selbst ihr Zelt unter uns aufschlägt, dann heilen die Herzen von Menschen, dann entsteht Versöhnung, dann kommen Menschen nach Hause und werden geliebt, so wie sie sind. Wenn sich die Zukunft bei uns niederlässt, dann stehen uns alle Türen offen und Träume werden wahr und Pläne scheitern nicht mehr an der Hoffnungslosigkeit und an den Verhältnissen. Wenn die Freude selbst unter uns Wurzeln schlägt, dann kommt das Glück, um zu bleiben. Wenn der Segen selbst uns umgibt, dann kann uns nichts mehr von Gott trennen – auch unsere eigene Vergangenheit nicht. Wenn das Licht selbst uns überflutet, dann vergeht die Dunkelheit – auch im eigenen Herzen und zwischen den Menschen. Wenn der Friede selbst einzieht, dann enden alles Morden und alle Vertreibung und alle Ungerechtigkeit und alle Gewalt – überall und bei jedem! (1)

In einem Satz: Gott spricht: „Ich komme und will bei dir wohnen.“ Und ich höre schon die Zweifler: „Das ist doch nur Zukunftsmusik.“ Das haben wahrscheinlich genügend Leute auch zur Zeit Sacharjas gesagt. Aber er, Sacharja, hat mit der Gegenwart Gottes gerechnet. Und sein Vertrauen wurde nicht enttäuscht, auch wenn Gottes Weg mit seinem Volk an manchen Stellen doch ganz anders aussah, als Sacharja sich das gedacht hat.

Mit Jesus, der als der von Sacharja verheißene Friedenskönig in Jerusalem eingezog, ist der rettende und erlösende Christus erschienen, der uns in seinem Heiligen Mahl zur Gemeinschaft mit Gott vereint. Und mit dem Heiligen Geist an Pfingsten und in der Taufe ist uns der Geist gegeben, den schon Sacharja verheißen hatte: Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der HERR Zebaoth.
Amen.

(1) Dieser Absatz ist wörtlich übernommen aus: Thomas Pola, Kerstin Offermann „Augen auf uns durch“, Auslegungen, Bibelarbeiten und Anregungen zum Sacharjabuch (Texte zur Bibel 31), S. 143.

Gottesdienst am 7. Februar 2016

Am kommenden Sonntag ist der Letzte Sonntag vor der Passionszeit, der Sonntag mit dem lateinischen Namen Estomihi – benannt nach Psalm 31,3b, der altkirchlichen Antiphon für den Introitus-Gesang (Eingangsgesang): Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest! Um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen. (Psalm 31,3b+4b). Der Blick richtet sich an diesem Sonntag auf die kommende Passionszeit, was der Wochenspruch aus Lukas 18,31 mit einem Wort Jesu zusammenfasst: „Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.“

Für unsere Gemeinde geht es am Sonntag aber in besonderer Weise um den Abschluss der diesjährigen Bibelwoche, in der Texte aus dem Propheten Sacharja im Mittelpunkt standen. Der Schlusspunkt wird mit einer Reihe von Sprüchen aus Sacharja 2,10-17 gesetzt, die der dritten Vision folgen: Gott wird bald zum Zion zurückkehren, um in der Mitte seines Volkes zu wohnen. Für Sacharja war der Ort, wohin Gott zurückkehrt der neu aufgebaute Tempel. Was das für den christlichen Glauben heißt, nach dem Jesus Christus in der Feier des Abendmahls auf besondere Weise gegenwärtig sein will, nach dem die Menschen der Tempel Gottes sind, wie Paulus in 1. Korinther 3,16 schreibt – dem gilt es am Sonntag nachzugehen.

Herzliche Einladung zum Gottesdienst:

  • in der Möllberger Kirche
  • um 10.00 Uhr
  • mit Feier des Heiligen Abendmahls
  • anschließend: Kirchenkaffee

Kirche_mit_KindernNach dem gemeinsamen Beginn
in der Kirche ist im Gemeindehaus
Kindergottesdienst.

Gottesdienst am 9. August

Am Sonntag feiern wir den 10. Sonntag nach Trinitatis. Es ist ein besonderer Sonntag, der mit der Bezeichnung „Israelsonntag“ auch einen besonderen Namen und seine besondere (nicht zu allen Zeiten aus heutiger Sicht erfreuliche) Geschichte hat. Thematisch im Mittelpunkt steht das Verhältnis von Judentum und Christentum: dass wir als Christen an den Gott des Volkes Israel, an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs glauben, dass wir es aber auf eine ganz andere Weise als die Menschen des jüdischen Glaubens tun. In den letzten Jahrzenten ist viel über dieses besondere Verhältnis nachgedacht und vor allem miteinander gesprochen worden – auf ganz vielen verschiedenen Ebenen – in Deutschland vor allem auch auf den Kirchentagen. Wir können miteinander reden, können einander gelten lassen und miteinander nach Gott fragen.

Warum gibt es das Gedenken dann gerade an diesem Sonntag? Im Judentum wird am 9. Tag des Monats Av der Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch die Römer im Jahr 70 nach Christus gedacht. Dieses Datum liegt meist in der Nähe des 10. Sonntags nach Trinitatis. Und so ist schon sehr früh diesem Sonntag dieses Thema zugewachsen.

Die Trauer über die Zerstörung des Tempels ist im Judentum auch mit einem Nachdenken über das eigene Verhältnis zu Gott verbunden: Kann die Beziehung zu Gott weitergehen, wenn der Ort von Gottes Gegenwart nicht mehr da ist? Das Judentum hat seine positive Antwort gefunden und lebt sie seit fast 2000 Jahren.  Aus Sicht des Neuen Testamentes geben Jesus und der Schriftgelehrte Im Evangelium des Sonntags (Markus 12,28-34) gemeinsam eine Antwort auf diese Frage: „Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und von allen Kräften, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer.“ So können wir sagen: Ja, die Beziehung zu Gott kann weitergehen, weil sie sich nicht in im Vollzug der Tempelrituale erschöpft.

In der Neuordnung der Predigttexte, die zur Zeit erprobt wird, ist für die Reihe II ein Text aus dem ersten Teil der Bibel vorgesehen, der davon erzählt, wie Menschen gemeinsamen auf dem Weg zu Gott sein werden, weil sie spüren: da, wo Menschen dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs folgen, da kann man sich anschließen, weil Gott mit ihnen ist, denn seine Treue zu seinem Volk und zu seinen Verheißungen ist groß. Bei Sachaja 8,20-23 steht: So spricht der HERR Zebaoth: Es werden noch viele Völker kommen und Bürger vieler Städte,  und die Bürger einer Stadt werden zur andern gehen und sagen: Lasst uns gehen, den HERRN anzuflehen und zu suchen den HERRN Zebaoth; wir selber wollen hingehen. So werden viele Völker, Heiden in Scharen, kommen, den HERRN Zebaoth in Jerusalem zu suchen und den HERRN anzuflehen. So spricht der HERR Zebaoth: Zu der Zeit werden zehn Männer aus allen Sprachen der Heiden einen jüdischen Mann beim Zipfel seines Gewandes ergreifen und sagen: Wir wollen mit euch gehen, denn wir hören, dass Gott mit euch ist.“ (Luther 1984)

Wie wichtig ist das für den Weg des eigenen Lebens: für sich einen solchen Menschen zu finden, bei dem das zu spüren und zu erfahren ist: Gott ist mit ihm. Sich selber dann an ihn/sie dran zu hängen, wie es Sacharja beschreibt, ist viel mehr als nur sich ‚an Mutters Rockschoß hängen‘, wie es in einer Redewendung heißt. Man macht sich auch nicht unselbstständig damit. Es ist schlicht die Erfahrung, dass Glaube durch andere Menschen erfahrbar, vermittelt und so weitergegeben wird. Dass sie solche Menschen finden, wünsche ich besonders auch den beiden Täuflingen, die am Sonntag in Möllbergen und Holzhausen getauft werden.

Also:

Herzliche Einladung zum Gottesdienst:

  • am 9. August
  • mit Taufe
  • um 09.00 Uhr
  • in Möllbergen
  • oder um 10.30 Uhr für die Langschläfer in Holzhausen, auch dort mit Taufe 😉

Kirche_mit_KindernAm Sonntag gibt es
(wie immer in den Ferien)
leider keinen Kindergottesdienst.

Predigt am Weihnachtsmorgen

Predigt-Icon5Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus am Weihnachtsmorgen!

„Und sie hatten keinen Raum in der Herberge.“ Dieser Satz aus dem ersten Teil der Weihnachtsgeschichte geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Und zwar nicht erst seit den letzten Wochen: seit die Bilder von Flüchtlingen uns allabendlich im Fernsehen und morgens in der Zeitung beschäftigen – vor allem in Verbindung mit Demonstrationen, bei denen Menschen sich auch gegen die Aufnahme weiterer Flüchtlinge und für ein rigoroseres Abschieben von abgelehnten Flüchtlingen einsetzen. Ich weiß – Maria und Joseph sind in dem Moment, als sie in Bethlehem ankommen keine Flüchtlinge – noch nicht. Aber sie sind eben auch nicht freiwillig unterwegs. Maria und Joseph stehen in ihrer Notsituation vor zugeknallten und damit wieder verschlossenen Türen.

Wie reagieren wir, wenn jemand bei uns vor der Tür steht und uns eröffnet: Ich will bei dir wohnen? Manche haben vielleicht noch die Zeiten direkt nach dem 2. Weltkrieg vor Augen, als Menschen vor der Tür standen, die einziehen sollten, weil die Behörden das so verfügt hatten. Da stand die Macht der Behörde dahinter und es gab keine Ausflüchte.

Aber stellen wir uns vor: Heute steht jemand ganz unverhofft vor der Tür – ein entfernter Verwandter; ein Bekannter, der gerade aus seiner Wohnung rausgeflogen ist – wie auch immer. Und er oder sie sagt: „Ich will bei dir wohnen!“ Wir würden wohl erst einmal schlucken und dann fallen uns tausend Gründe ein, warum das gerade nicht geht: „Es ist nicht aufgeräumt; es passt nicht, weil ich gleich noch einmal für längere Zeit weg muss; ich habe nur ein Badezimmer!“ Wir könnten die Liste von Gründen unendlich fortsetzen. Es finden sich immer noch andere Gründe, warum es nicht gehen würde. Ja, wenn es ein Schlagerstar oder sonst eine Berühmtheit wäre, dann … Von dem oder der würden wir uns ja auch einen Vorteil erhoffen, welchen auch immer. Aber bei diesen Habenichtsen vor der Tür? Da kommt eben das Badezimmer zum Tragen.

Wichtig ist in meinen Augen bei allen diesen Gründen eines: Sie werden vorgebracht, weil sich die Situation des Wohnungsinhabers von einem auf den anderen Augenblick radikal verändern würde. Es bleibt ganz gleich, welche angeblichen Gründe vorgebracht werden: Aufräumen kann ganz schnell geschehen und ein Badezimmer kann man nacheinander benutzen. Menschen – wir – sind oft genug unfähig, uns mal eben auf eine neue Situation einzustellen und unser Leben umkrempeln zu lassen. Wenn, dann soll es gut überlegt sein – alle Risiken sollten mit den Vorteilen abgewogen sein. Und dann wären wir – vielleicht – bereit, unser Leben zu ändern. Selber zu ändern, nicht von außen ändern zu lassen. Ich sage es nicht als Vorwurf, ich stelle es einfach nur fest und bin mir ganz sicher: Mir geht es ebenso.

Und nun steht wirklich einer vor der Tür und sagt: „Ich will bei dir wohnen!“ Ja, er sagt auch noch dazu: „Freue dich und sei fröhlich!“ Diese Worte sind in das unaufgeräumte Leben von Menschen hineingesprochen, die selber gar nicht wissen, wie es weiter gehen soll; die selber kein Badezimmer haben, weil rings um sie herum noch alles in Trümmern liegt und die Zukunft nur düster aussieht, weil es einfach nicht vorangeht. Lange vor Weihnachten hören die Menschen in Jerusalem einen Propheten solche Worte sagen: Sacharja spricht zu den Verunsicherten und Verzagten, die aus dem Exil zurückgekommen sind und erleben müssen, dass es gar nicht so einfach ist, bei Null anzufangen und auf hundert zu kommen.

Im 2. Kapitel des Propheten Sacharja heißt es: 14 Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der HERR. 15 Und es sollen zu der Zeit viele Völker sich zum HERRN wenden und sollen mein Volk sein, und ich will bei dir wohnen. – Und du sollst erkennen, dass mich der HERR Zebaoth zu dir gesandt hat. – 16 Und der HERR wird Juda in Besitz nehmen als sein Erbteil in dem heiligen Lande und wird Jerusalem wieder erwählen. 17 Alles Fleisch sei stille vor dem HERRN; denn er hat sich aufgemacht von seiner heiligen Stätte!

Trostworte in schwierigen Zeiten mit einem doch etwas anderen Klang als beim berühmten „Tochter Zion, freue dich“, wie wir es im Gesangbuch singen. Trotzdem werden manche fragen: Ist das nicht doch eher der besondere Gast, von dem wir etwas erwarten könnten? Gerade, wenn es um die schwierigen Zeiten des Volkes Israel damals geht? Ja und Nein.
Ja, weil die Menschen damals und bis heute Gott eben wirklich so gesehen haben: als den Strahlenden, der mit Pauken und Trompeten einzieht und alle Sorgen und Ängste beiseite wischt und alles auf einmal gut sein lässt. Den würden sie und wir alle ganz schnell einlassen. Ja, weil es unserer Wunschvorstellung entspricht.

Aber auch Nein, weil die Art und Weise, wie Gott nach christlicher Überzeugung kommt, um auch diese Verheißung zu erfüllen, so ganz anders ist, als es sich Menschen vorstellen und akzeptieren können. So wie er schon damals zur Zeit des Sacharja nicht als der Supermann gekommen ist, um ganz einfach ein wenig an den Hebeln zu drehen.

„Freue dich und sei fröhlich! Ich will bei dir wohnen!“ So sagt es Gott und steht nicht als strahlender Held vor der Tür, sondern als wanderndes Paar, die Frau kurz vor der Niederkunft und auf den ersten Blick ist klar: Die Situation des Herbergswirtes in der Weihnachtsgeschichte und die Situation des modernen Wohnungsinhabers werden sich von einem auf den anderen Augenblick radikal verändern, wenn er oder sie dieses Paar aufnimmt und damit vor allem das Kind, das geboren werden soll.

Die Botschaft von Weihnachten ist in jedem Jahr wieder neu eine Zumutung an uns, die wir sie hören. Da helfen auch keine künstlichen Schneeflocken, Glühweinstände und „Driving Home for Christmas“-Töne, um diese Zumutung von unseren Ohren und Herzen fern zu halten. „Freue dich und sei fröhlich! Ich will bei dir wohnen!“ So steht einer auch in diesem Jahr vor unserer Tür – nämlich vor unserer Herzenstür und weiß: Wenn er, wenn sie mich einlässt, wird sich das Leben dieses Menschen radikal verändern.

Angelus Silesius, Johannes Scheffler aus Schlesien, hat es in seinem Buch vom Cherubinischen Wandersmannkurzen in wunderbarer Weise auf den Punkt gebracht: „Wird Christus tausendmal zu Betlehem geboren und nicht in dir; du bleibst noch ewiglich verloren.“ Und wir singen es betend in der Adventszeit immer wieder neu: „Ach zieh mit deiner Gnade ein, dein Freundlichkeit auch uns erschein!“ in „Macht hoch die Tür“ und „Zieh in mein Herzen hinein vom Stall und von der Krippen“ in „Mit Ernst, o Menschenkinder“. Und an den Weihnachtstagen singen wir mit Paul Gerhardt „Ich steh an deiner Kippen hier“, das wie kaum ein anderes Lied das „Willkommen“ an das Kind im Stall formuliert. Auf seine so kunstvolle Weise verbindet Paul Gerhardt den Zuspruch des Sacharja mit der Zumutung, die das Weihnachtsgeschehen immer wieder neu für uns bereit hält.

„Und sie hatten keinen Raum in der Herberge.“ Dieser Satz aus dem ersten Teil der Weihnachtsgeschichte geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Und er lässt mir keine Ruhe mehr, seit spazierengehende Demonstranten Türen schließen oder zu lassen wollen – aus Angst, es könnte sich etwas verändern. Wer dagegen Türen aufmacht, um Menschen aufzunehmen, die auch unsere Hilfe brauchen, wird feststellen, dass er – oft genug ohne es zu wissen – Engel, Boten Gottes beherbergt hat, wie es im Hebräerbrief heißt.

„Und sie hatten keinen Raum in der Herberge.“ Dieser Satz aus dem ersten Teil der Weihnachtsgeschichte geht mir nicht mehr aus dem Kopf, vor allem, weil ich eine Szene vor Augen habe, die in kindlicher Einfachheit die so bedrängende Situation des Heiligen Paares entschärft. Ich denke an eine Szene aus dem Weihnachtsspiel „Karli, der Herbergswirt“, in der zum Schrecken aller Kinder, die das Krippenspiel aufführen, Karli auf die Bitte des Joseph um eine Herberge vor Freude strahlend antwortet: „Ja, gerne! Kommt nur herein. Für Euch habe ich noch Platz!“ Wir können es uns nur zu gut vorstellen, wie den anderen Kindern das Schauspielerherz in die Hose rutscht: Da wird die ganze Szene auf den Kopf gestellt, die Pointe ist weg und der Fortgang der Weihnachtsgeschichte entscheidend gefährdet. Und Karli antwortet mit strahlendem Gesicht: „Ich sage nicht NEIN! Ich sage JA! Sie sind mir herzlich willkommen.“

Die Spielleiterin greift ein und rettet die Situation: „Spielt nur weiter! Aber geht jetzt nicht zur Krippe, sondern in Karlis Haus. Dort wird Jesus geboren. Dort ist heute Weihnachten. Bei ihm. Nicht im Stall. Karli hat etwas erkannt, was wir alle begreifen müssen: Man darf das heilige Paar nicht wegschicken. Wenn GOTT bei uns anklopft, müssen wir ihm öffnen. Spielt einfach weiter!“ Und so geht das Spiel dann zuende: Die Hirten bekennen: „Da ist es, das Kind! – Der neugeborene König! – Der Sohn Gottes … geboren in einem Haus … mit offener Tür!“ Und Karli, der Herbergswirt macht eine wunderbare Erfahrung, als er sein kindliches Leben von einem zum anderen Augenblick verändern lässt. Er erkennt und bekennt für sich – und das sind die Schlussworte des Stückes: „Ich bin so glücklich! Bei mir sind sie eingekehrt. Gut, dass ich sie nicht weggeschickt habe!“

Mögen auch unsere Türen immer offen sein: für das Heilige Paar, für das Kind in der Krippe, das in unseren Herzen neu geboren werden will, für die Menschen in Not, für Gott. Amen.