Der Predigttext ist die Taufe des äthiopischen Kämmerers aus Apostelgeschichte 8,26-39 wie er zum Beispiel in der Luther-Ü<bersetzung unter http://www.dbg.de/channel.php?channel=35&INPUT=Apg+8,26-39 nachgelesen werden kann.
Großer Gott, dein Heiliger Geist ist Herr über Reden und Hören. Segne unser Bemühen durch Christus, unseren Bruder und Herrn. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder in Christus!
„… und er zog seine Straße fröhlich.“ Wie in kaum einer anderen Erzählung aus der Bibel stellt uns Lukas sie hier vor Augen: die frohe und deshalb auch froh machende Botschaft von Jesus Christus. Da kommen wir schnell ins Schwärmen: Wie wunderbar schön das damals gewesen ist, wie wunderbar das alles funktioniert hat. Und mit jedem „Wie wunderbar“ mehr kann daneben aber auch so ein Gefühl in uns immer stärker werden, das sagt: Warum ist das bei uns heute, bei mir heute nicht auch so? Doch war und ist es wohl kaum die Absicht dieser Geschichte, uns als Hörerinnen und Hörer in die Depression über die eigene Gegenwart des 21. Jahrhunderts zu treiben, ganz im Gegenteil: Auch für uns soll sie die frohe Botschaft sein und auch für uns soll am Ende stehen: „… und sie ziehen ihre Straße fröhlich.
Wie so viele andere stellt auch diese Geschichte Fragen an uns – als Einzelne und als Kirche –, je nachdem mit wem wir uns in dieser Geschichte identifizieren wollen. Es sind aber keine Fragen, die uns deprimieren oder Berge von Problemen aufbauen sollen oder offen bleiben müssten. Ich sehe sie vielmehr als Fragen, die uns einen bewussten Blick auf unser Leben, auf unsere Taufe und auf unseren Glauben ermöglichen und uns zur Freude der Kinder Gottes führen sollen.
Die Fragen stehen dabei unter dem einen großen Vorzeichen, das auch die Erzählung prägt: Alles, was da passiert, geschieht nicht, weil es die Beteiligten so wollen, sondern weil der Geist Gottes mit im Spiel ist. Menschen für Jesus Christus und Gott zu gewinnen ist nicht der Verdienst der Prediger, sondern beruht auf dem Wirken des Geistes.
Der Kämmerer in uns stellt uns zu Beginn zwei Fragen: Auf was ist meine Sehnsucht im Leben gerichtet? Und: Wo sind die Schlüsselpunkte in meinem Leben, an denen ich darauf warte, dass sich einer zu mir in den Wagen des Lebens setzt?
Lukas berichtet von der tiefen Sehnsucht nach Gott, die den Kämmerer umtreibt: Eine 2000 Kilometer lange Reise nimmt er auf sich, um im Tempel von Jerusalem anzubeten. Und doch kann seine Sehnsucht am Tempel nicht ganz erfüllt werden. Als Finanzbeamter der Königin ist er Eunuch und als Eunuch ist ihm der Zutritt zum Innenbereich des Tempels und damit die volle Zugehörigkeit verwehrt. Er bleibt außen vor. Trotzdem fühlt sich der Kämmerer diesem Gott auch weiter verbunden, denn er kauft eine Schriftrolle, um mehr von ihm zu erfahren. Ralf Stolina, mein geistlicher Lehrer, nennt es die „sehnende Suchbewegung des Herzens“, die den Kämmerer treibt.
Diese sehnende Suchbewegung des Herzens haben alle Menschen. Sie richtet sich auf das, was uns im tiefsten Inneren wichtig ist. Ihr Ziel ist das, was uns in unserem Leben bestimmt. Es lohnt sich, einmal in sich hinein zu sehen und zu hören, wohin unser Herz uns führen will: eher hin zu Gott oder eher weg von ihm? Frage ich in meinem Leben mit einem Slogan der christlichen Jugendbewegung: „What would Jesus do?“ – „Was würde Jesus tun?“ Oder zieht mich mein Herz zu etwas ganz anderem? Was uns im Herzen bewegt, muss jeder und jede für sich selbst herausfinden. Aber ganz gleich, was es ist: Es ist nicht auf immer und ewig festgelegt. Wir selber können unserem Herzen gebieten, können es auf das ausrichten, was uns zum Leben bringt. Auch wenn uns das durchaus Kraft kosten kann. Aber da haben wir den Kämmerer als Beispiel: der hat sich auch nicht von 2000 Kilometern Entfernung abschrecken lassen, und noch nicht einmal von der Zurückweisung am Tempel.
Und dann, dann haben wir vielleicht diese Ahnung: mit diesem Gott, von dem wir sagen, dass er Himmel und Erde gemacht hat und der die Menschen zu sich ruft, hat es etwas ganz Besonders auf sich. Wir haben uns genähert und keine Schwierigkeiten gescheut und können es doch nicht erfassen, was es mit diesem Gott auf sich hat. Was will Gott von mir, das ich jetzt tue? Und da kommt dann Philippus ins Spiel. Er bringt das Wort von Gott mit Jesus zusammen. Er bringt den Kämmerer und das Wort Gottes zusammen. Philippus lässt den Kämmerer spüren, dass dieser Jesus Christus nicht nur für die Schönwetterperioden des Lebens taugt, sondern uns in den Katastrophen des Lebens ganz nahe ist und uns hindurchhilft.
So bringt Philippus aber auch die zweite Seite in uns zum schwingen. Denn der fragt in uns: Wo spricht mich der Geist Gottes an, in die Öde/in die Wüste zu gehen, um überraschende Begegnungen zu erleben? Wo bin ich gefragt, andere anzusprechen: „Verstehst du auch, was du liest?“ und ihnen dann Antwort zu geben.
Der Glaube an Gott ist nichts, was sich den Menschen einfach so im Vorbeigehen erschließen müsste: Auch der Kämmerer versteht nicht, was er liest, er braucht einen, der ihn mit hineinnimmt in das „Geheimnis des Glaubens“. Hier wird auf besondere Weise deutlich, was Eltern und Paten versprechen, wenn sie ihr Kind und Patenkind im christlichen Glauben erziehen wollen: Christsein kommt nicht von selbst. Es braucht die Vermittlung von anderen, die diesem Glauben ebenfalls verpflichtet sind. Wie Philippus ein Jünger ist, der andere Menschen zur Nachfolge Jesu beruft, so sind Eltern und Paten und die Kirchengemeinde vor Ort die Menschen, die in der Nachfolge Jesu stehend andere auf diesen Weg hinweisen und einladen, auf diesem Weg mitzugehen. Inwieweit dieses aktive „an den Glauben heranführen“ in unserer landeskirchlich geprägten Frömmigkeit wirklich statt findet, ist für mich eine offene Frage. Die Kirchengemeinde ist dabei sicher verpflichtet, Eltern und Paten Hilfestellung zu geben, damit diese ihrem Auftrag auch gerecht werden können: Kindergottesdienst, Kinder- und Jugendgruppen, Konfirmandenunterricht und sicher auch der Pastor vor Ort, zu dem man mit seinen Fragen hingehen kann. Abgeben und ganz an die Kirchengemeinde delegieren können Eltern und Paten ihre einmal übernommene Verantwortung aber nicht. Das wäre, wie wenn Philippuns einfach neben dem Wagen des Kämmerers hergegangen wäre, ohne ihn anzusprechen: Kein Gespräch wäre zustande gekommen, keine Taufe wäre erfolgt, kein Glaube gewachsen, der Kämmerer hätte keine Freude auf seinem Weg mit sich nehmen können. Philippuns ist derjenige, der den Kämmerer anspricht: „Verstehst du auch, was du liest?“ So wird Philippus zum Urbild eines Taufpaten, der einen Menschen auf dem Weg zum Glauben anspricht und begleitet.
Beide zusammen können uns fragen: Wo finden wir Wasser (und damit Leben) mitten in der Öde, weil Gott uns durch sein Wort das Leben hat schmecken lassen? Es ist zunächst bestimmt kein Zufall, dass sich beide in der Wüste treffen und nicht im lauten, umtriebigen Jerusalem. In der Öde lenkt sie nichts ab, da sind sie ganz mit sich selber zusammen. Und dann geschieht das Wunder: Wo Menschen in den Wüsten ihres Lebens über und damit auch mit Gott ins Gespräch kommen, da gibt es plötzlich neues Leben. Und das Sinnbild schlechthin für Leben ist Wasser – das Wasser, in das der Kämmerer bei seiner Taufe getaucht wird.
Und zum Schluss fragt uns der Kämmerer noch einmal: Wo haben wir das Wasser des Lebens erfahren, dass wir wie der Kämmerer selbst unserer Straße fröhlich ziehen können? Unsere Taufe, an die wir uns heute besonders erinnern, gehört bestimmt zu diesen Momenten. Aber auch viele andere Begebenheiten in unserem Leben, die sonst von Lärm und Getriebe überdeckt sind, werden uns einfallen, wo wir mit dem Wasser des Lebens übergossen wurden: ein Gottesdienst, ein Losungswort vielleicht, ein Lächeln eines Menschen oder ein unerwarteter Besuch; ein aufmunterndes Wort, eine Fügung, dass alles doch noch zusammen passte, weil unser Herz das Ziel seiner Sehnsucht erreichte: das Leben mit Gott.
Mit der Taufe findet der Kämmerer die Erfüllung seiner Sehnsucht und wird mit einer wunderbaren Fröhlichkeit beschenkt: Er, der als Eunuch immer nur am Rand stehen durfte und gestanden hat, gehört jetzt dazu, auch wenn er nach der damaligen Weltsicht wieder an den Rand der damals bekannten Welt zurückkehrt. Mit ihm erfüllt sich der Auftrag, den Jesus nach dem Lukasevangelium und der Apostelgeschichte den Seinen gegeben hatte: Zeugen zu sein bis an die Enden der Erde in der Gewissheit, wie es im Taufbefehl Matthäus 28,20 heißt, dass Jesus mit ihnen ist bis an das Ende der Welt.
Möge auch jeder und jedem von uns diese Sehnsucht des Herzens nach Gott und die Fröhlichkeit des Herzens, die der Kämmerer in seiner Taufe erfahren hat, immer wieder neu geschenkt werden, damit wir wie er werden: fröhlich auf unserer Straße und Zeugen der frohen Botschaft bis an die Enden der Erde, weil Jesus mit uns ist bis an der Welt Ende.
Amen.