Predigt über Jesaja 50,4-9

Der Predigttext für den Palm-Sonntag steht im Buch des Propheten Jesaja, im 50. Kapitel:

Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.

Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde.

Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir! Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie Kleider zerfallen, die die Motten fressen.
(Jesaja 50,4-9)

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!
Von einer rätselhaften Gestalt ist hier – wie auch an anderen Stellen – die Rede, von einem Propheten und Märtyrer. In unserem Text spricht er selbst. Wir verstehen seine Worte besser, wenn wir uns im Exil wissen: Verbannt von dem, was uns heilig ist. Getrennt von dem, was uns Heimat war. Getrennt vom Leben und getrennt von Gott. Denn dieser Abschnitt aus dem Propheten Jesaja wandte sich einmal an die Israeliten im Exil. Nach Babylon waren sie verbannt, getrennt von dem, was ihnen heilig war: vom Tempel, denn den hatten die Babylonier zerstört. Getrennt waren sie von ihrer Heimat, die war durch Krieg verwüstet. Getrennt und verbannt waren sie auch von Gott, so jedenfalls meinten viele.

Viele sagten damals: Wir wurden von den Babyloniern besiegt, unser Gott wurde von Marduk, dem babylonischen Gott, verdrängt. Lasst uns darum den stärkeren Göttern anhängen, den Werten und Göttern der Sieger. Dagegen setzt der Prophet seine Botschaft: die Botschaft von dem einen und einzigen Gott. Die Botschaft, dass die babylonischen Götter den Gott Israels nicht besiegt haben, dass sie gar nicht existieren. Vielmehr: dass dieser eine und einzige Gott alles bewirkt hat: Niederlage und Exil. Dass von ihm allein Unheil und Heil kommen. Dass aber auch in seiner Hand die Aufhebung des Exils liegt.

Aber der Prophet hatte wenig Erfolg. Er vertrat eine aussichtslose Sache. Heute erkennen wir in ihm zwar den Anfang eines neuen Glaubens, dem die Zukunft gehörte. Seine Zeitgenossen sahen in ihm nur den Vertreter eines aussterbenden Glaubens. Sie hörten ihm kaum zu. Erst später wurden die Menschen auf ihn aufmerksam, nachdem die Schüler des Propheten nicht nur seine Worte aufgeschrieben hatten, sondern auch Stationen seines Lebens mit seinen Worten verbunden hatten. So ist das Geheimnis um den namenlosen Propheten entstanden. Und mit seiner Botschaft begann etwas Neues.

Stellen wir uns zu den ersten Versen des Predigttextes eine damalige Schulklasse vor. Denn das Wort, das mit Jünger übersetzt ist, bedeutet zunächst einmal „Schüler“. Und lernen hieß damals: Auswendig lernen, was der Lehrer vorspricht, um das Gelernte dann wiedergeben zu können, um später ein Wort zu wissen, mit dem man die Müden ermuntern kann. So sehen wir auch den Propheten in einer großen Klasse sitzen und Morgen für Morgen die Worte des Lehrers wiederholen. Viele andere hören kaum hin, widersetzen sich vielleicht, weil sie in den alten Geschichten keinen Sinn mehr sehen. Doch er ist ganz Ohr, das der Lehrer ihm geöffnet hat. Er saugt das Wissen, das ihm vermittelt wird, in sich auf. Er ist das, was heutige Schüler abfällig einen Streber nennen, aus der Sicht des Lehrers wohl ein Musterschüler.

Solche Musterschüler haben es nicht leicht. In einer zweiten Szene gibt es eine Rauferei. Wer es ist, bleibt unklar, vielleicht die Mitschüler, vielleicht andere. Sie schlagen ihn, prügeln auf ihn ein. Der Drangsalierte reagiert völlig unerwartet. Er wehrt sich nicht. Er bietet freiwillig den Rücken dar. Er wird auf die Backe geschlagen. Er bietet die andere dar. Man rauft seine Barthaare aus und sagt so: Du bist kein Mann! Er läßt es geschehen. Man spuckt ihn an und sagt so: Du bist Dreck. Aber er steht wie unbeteiligt da. Sein Gesicht ist versteinert. Als setze er zwischen sich und die Demütigungen eine unsichtbare Mauer.

Einige Zeit später will der Schüler Gerechtigkeit. Er klagt sie ein im Gericht am Tor. Er ruft seinen Gegnern zu: Kommt, lasst uns prozessieren! Aber niemand nimmt die Herausforderung an – das Feld des Gerichtes bleibt außer ihm leer. Auch die Drohung der Strafe und seine Siegessicherheit kann niemanden dazu bewegen, gegen ihn aufzutreten und sich zu der Prügelei zu bekennen. Verhallt der Schrei nach Gerechtigkeit im leeren Raum?

Trotz allem – es ist keine Klage, die der Prophet uns hier hören lässt und die wir wohl erwarten würden. Es ist in seinem Schrei nach Gerechtigkeit keine Resignation zu hören. Es ist ein Lied des unbeugsamen Vertrauens auf seinen Gott. Denn der Prophet weiß: Gott ist es, der handelt, Gott ist es, der gerecht spricht und auf unserer Seite ist: Gegen den Trend der Zeit, sich den neuen Göttern anzuvertrauen, sich ihren glanzvoll, hohlen Versprechungen hinzugeben; gegen das Recht des Stärkeren, das unsere Wirklichkeit zu regieren scheint, wo Nächstenliebe und Barmherzigkeit nichts gelten; gegen das Gesetz, dass nichts wert ist, was keinen Erfolg bringt. Gegen dies alles verkündet der geheimnisvolle Prophet und mit ihm seine Schüler seinen Gott: Wofür du im Leben Prügel beziehst, das kann die Wahrheit sein. Auch wenn du leidest, hast du nicht unbedingt etwas falsch gemacht. Im Gegenteil: Der Gerechte muss leiden. Es mag uns äußerlich schlecht gehen. Aber diese Not muss uns innerlich nicht annagen. Man mag uns von außen anspucken. Aber deshalb müssen wir nicht vor uns selbst ausspucken. Man mag uns schlagen. Aber deshalb müssen wir nicht selbst auf uns eindreschen, als seien wir die Versager, wir die Schuldigen, wir die Nieten. Denn Gott ist es, der uns nahe ist, der uns hilft.

So leidet der Schüler Gottes nicht nur für sich, er steht vielmehr für das ganze Volk Gottes. Denn dieses Volk ist das erste gewesen, das diesen Gott erkannt hat und sich zu ihm bekannt hat. Dadurch wurde es zum Außenseiter und bekundet seither, dass dieser Gott nicht auf der Seite der Stärke und der Herrschaft, sondern auf der Seite der Leidenden und Geschmähten steht.

Schon für viele Menschen damals war der Prophet eine geheimnisvolle Gestalt. Er ist es geblieben, immer wieder haben Menschen versucht ihn zu enttarnen und aus der Mehrdeutigkeit eine Eindeutigkeit zu machen. Doch die Texte über ihn sind poetische und offene Texte, die sich nicht eindeutig bestimmen lassen. Sie haben viele mögliche Deutungen. Und noch mehr: Sie sind Texte mit Voraus-Deutungen, Vorschein dessen, was noch nie gewesen ist. Deshalb konnten Christen diesen Text als Vorausdeutung auf das Geschick Jesu lesen. So war es auch möglich, diesen und die anderen Texte des geheimnisvollen Propheten auch auf Jesu und seinen Weg ans Kreuz hin zu deuten.

Jesus ist der exemplarische Schüler, der Israels große Traditionen von Gottes Barmherzigkeit und von der Nächstenliebe gelernt und in sich aufgenommen hat. Er hat sie den Müden, den Mühseligen und Beladenen, weitergesagt, um sie zu erquicken. Was er vom Vater empfangen hat, gibt er an die Seinen weiter, wie er sich vom Vater geliebt weiß, so liebt er die, die ihm anvertraut sind. Jesus ist wie der Prophet, der demonstrativ verachtete Außenseiterrollen übernimmt. Er isst mit Zöllnern und Sündern, er geht auf die Aussätzigen zu. Er lehrt, die rechte Backe hinzuhalten, wenn man auf die linke geschlagen wird, die Feinde zu lieben. Er unterbricht so die Spirale der Gewalt.

Besteht da nicht ein Kontrast zu der Geschichte von Jesu Einzug in Jerusalem? Leidender Prophet und umjubelter Jesus? Heute sehen wir ihn zwar unter dem Jubel der Menge in Jerusalem einziehen, doch welcher König reitet schon auf dem Fortbewegungsmittel der armen Leute? Und wir wissen doch auch um den Fortgang der Geschichte. Jesus kommt nicht als der siegende Schlachtenheld, sondern wir sehen ihn schnell wieder als den, der geschlagen wird, der angespuckt und gedemütigt wird. Er ist, wie der Prophet damals in Babylon, der exemplarische Gerechte, der leiden muss. Schnell steht er in seinen niederen Hüllen da, wie es im Adventslied von Friedrich Rückert heißt, das fast ebenso gut unter den Passionsliedern stehen könnte, und uns daran erinnert: Jesu Weg endet, wie er begonnen hat. Nicht im Palast, sondern im Stall, den Hirten zuerst verkündet, nicht mit einer Siegesfeier, sondern mit dem Tod des Verbrechers am Kreuz. So verbinden sich Adventszeit und Passionszeit. Am 1. Advent wird der Einzug in Jerusalem nach Matthäus gelesen, heute nach Johannes.

Jesus ist der neue Mensch, Anfang einer neuen Menschheit, in der das Gesetz des Stärkeren überwunden ist. In der das Leben nicht mehr auf Kosten anderen Lebens lebt. In ihm wird mitten in der alten Welt zeichenhaft dies neue Leben sichtbar. Es hat einen Sinn, besonders dann, wenn Menschen im Geist Jesu stellvertretend für andere eintreten, wenn Menschen bereit sind, den Rücken hinzuhalten. Wie damals in Babylon mit der Botschaft und dem Leiden des Propheten begann mit dem Leiden und der Botschaft Jesu etwas Neues. Auch wenn zunächst, wie damals, die Worte Jesu unterzugehen drohten, das Neue noch nicht sichtbar war. Die Jüngerinnen und Jünger Jesu blieben ja nicht unter dem Kreuz Jesu stehen, auf das auch wir in diesen Tagen zugehen. Den Jüngerinnen und Jüngern wurde mit Ostern bestätigt, dass Jesu Leiden und Sterben einen Sinn hatte, sie wurden mit dem Heiligen Geist beschenkt hinaus in die Welt geschickt, um – den Schülern des Propheten gleich – die Botschaft Jesu weiter zu sagen.

So ist dieser poetische Text noch immer nicht in eine eindeutige Sicht gepresst worden. Auch die Deutung auf Jesus ist nur eine unter vielen. Immer wieder durch die lange Geschichte des Textes hat es Menschen gegeben, die in sich selbst etwas von diesem geheimnisvollen Propheten gespürt haben. Da ist das Morgenlied „Er weckt mich alle Morgen“, das Jochen Klepper am 12. April 1938 zu den Versen dieses Textes gedichtet hat. Er sah sich selbst als den Schüler, der sich von Gottes Wort das Ohr öffnen lassen wollte. Viele von uns werden den Text aus dem Buch Jesaja nur aus Kleppers Morgenlied kennen. Leider fehlen im Gesangbuch die Hinweise auf den biblischen Text vor allem bei den Strophen 2 und 3.

Mit seinem Lied hat uns Jochen Klepper den Text aus dem Buch Jesaja in unseren Mund gelegt. Wenn wir also Kleppers Lied singen, verkündigen wir das, was uns der geheimnisvolle Prophet in seinem Vertrauenspsalm überliefert hat: Es verwirklicht sich das neu, was dieser in Babylon erfahren hat: das Vertrauen in den Gott, der mit den Menschen geht. So hat es wohl auch Dietrich Bonhoeffer empfunden, der heute vor 61 Jahren hingerichtet wurde. So stehen auch wir in unserer heutigen Zeit in einer Welt, in der viele fremde Götter gesucht und gefunden werden, die nur äußerlichen Glanz verbreiten und die Herrschaft über die Menschen beanspruchen, in der Situation des Propheten von damals:

Heute hören wir das Wort des Propheten aus dem Exil: das Wort des Gottes, der zur Humanität verpflichtet und uns dadurch zu seinem Ebenbild macht: Den anderen Menschen zu sehen und zu hören, ihm, dem Müden das Wort zu sagen, das ermuntert. Und wir vertrauen darauf, dass Gott einem anderem das Ohr öffnet, der dann zu uns redet, wenn wir selber zu den Müden gehören, denen Gott das aufrichtende und ermutigende Wort zukommen lassen will.

Amen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.