Predigt am Ostermontag über 1. Korinther 15,50-58

L: Der Herr ist auferstanden! G: Er ist wahrhaftig auferstanden!

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem auferstandenen Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Bemühen im Reden und Hören. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Wenn es in unserem Leben etwas gibt, das wir nicht zuordnen können, dann haben wir mit unserer Sprache zwei Möglichkeiten, das zu kennzeichnen. Wir sprechen dann entweder von einem Rätsel oder von einem Geheimnis. Wir wissen aber alle, dass diese beiden Begriffe nicht gleich sind, sie bezeichnen nicht ein und dasselbe.

Das Rätsel braucht eine Lösung, die wir durch mehr oder weniger Nachdenken erhalten können. So wie bei den japanischen Sudoku-Rätseln, die seit einiger Zeit so in Mode sind. Oder wie bei den ganz normalen Kreuzwort-Rätseln. Man muss die Lösung eben wissen, oder sollte zumindest wissen, wo es im Lexikon steht; oder einen kennen, der es weiß, oder einen kennen, der weiß wo es steht. Je diffiziler, verwinkelter und kniffliger das Rätsel ist, desto größer sind die wissenschaftlichen Anstrengungen, um es zu lösen. Bis hin zum Beispiel zu den Analysemethoden, die es ermöglicht haben, das Erbgut des Menschen zu entziffern und so das Rätsel zu lösen, warum Menschen so sind, wie sie sind und wie bestimmte Merkmale von Generation zu Generation weitergegeben werden.

Bei einem Geheimnis sieht das ganz anders aus. Ein Geheimnis hat keine Lösung und deshalb versagen alle noch so wissenschaftlichen Vorgehensweisen, um dahinter zu kommen. Ein Geheimnis kann allerhöchsten gelüftet werden, offenbar werden, oft aber – vielleicht sogar meistens – bleibt das Geheimnis ein Geheimnis, und wenn ich um es weiß, habe ich Anteil daran. Das ist etwas ganz anderes, als die Lösung eines Rätsels gefunden zu haben, denn die gehört hinterher allen.

Wenn ich dagegen Anteil an einem Geheimnis bekomme, bleibt es für die anderen nach wie vor eines. Vielleicht könnten wir sogar noch einen Schritt weiter gehen und sagen: um an einem Geheimnis Anteil zu bekommen, muss ich mich ihm anvertrauen und dann habe plötzlich nicht mehr ich ein Geheimnis, sondern dieses Geheimnis hat mich, ich bin ein Teil dieses Geheimnisses geworden.

Warum ich diese Unterscheidung an den Anfang der Predigt gestellt habe? Nach den ersten Worten des Predigttextes wird es deutlich sein. Hören wir auf das, was der Apostel Paulus in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Korinth geschrieben hat, im 15., dem großen Auferstehungs-Kapitel:

50 Dies aber sage ich, liebe Schwestern und Brüder: Fleisch und Blut können nicht das Reich Gottes erlangen, und das Vergängliche wird nicht die Unvergänglichkeit erlangen.
51 Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden; 52 plötzlich, in einem Augenblick, zu der letzten Posaune, Ja, sie erschallt und die Toten werden auferstehen zur Unvergänglichkeit und wir werden verwandelt werden. 53 Denn es muss dieses Vergängliche die Unvergänglichkeit anziehen und es muss dieses Sterbliche die Unsterblichkeit anziehen. 54 Wenn aber dieses Vergängliche die Unvergänglichkeit anziehen wird und dieses Sterbliche die Unsterblichkeit anziehen wird, dann geschieht das Wort, das geschrieben ist: „Versunken ist der Tod in den Sieg / 55 Wo, Tod, ist dein Sieg? / Wo, Tod ist dein Stachel?“ 56 Der Stachel des Todes ist die Sünde, die Kraft der Sünde aber ist das Gesetz.
57 Gott aber Dank, der uns den Sieg gibt durch unseren Herrn Jesus Christus. 58 Daher aber, geliebte Geschwister, seid standhaft und unerschütterlich, tut euch hervor im Werk des Herrn allezeit und wisst: Eure Mühe ist nicht wirkungslos in dem Herrn.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Paulus schreibt: „Dies aber sage ich, liebe Schwestern und Brüder: Fleisch und Blut können nicht das Reich Gottes erlangen, und das Vergängliche wird nicht die Unvergänglichkeit erlangen. Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden!“ Es ist das Problem unserer Zeit, der Zeit des angeblich so klugen, aufgeklärten 20. und 21. Jahrhunderts, dass wir bei den Fragen unseres Glaubens – nach Gott, dem Leben, dem Tod und dem Leben nach dem Tod – vergessen haben zu unterscheiden: ob es sich bei diesen Fragen um Rätsel handelt, die ich mit mehr oder weniger Verstand wissenschaftlich erforschen und lösen kann, oder ob es sich um ein Geheimnis handelt, das sich – der Natur eines Geheimnisses entsprechend – jeder wissenschaftlichen Betrachtung entzeiht.

Natürlich kann man mit historischen Methoden fragen, ob das Grab Jesu leer war, ob Jesus Wunder gewirkt hat oder ob es Steine unsichtbar unter der Wasseroberfläche des Sees Genezareth gegeben hat, auf die Jesus beim Seewandel getreten ist. Natürlich kann man so fragen. Und viele historisch-wissenschaftliche Fragen sind gut und richtig, weil sie uns eine Welt näher bringen, die wir sonst gar nicht mehr erfassen könnten. Aber Paulus und die Evangelisten haben ihr Schriften nicht unter den Voraussetzungen einer historisch-kritischen Bibelwissenschaft als wissenschaftliche Berichte geschrieben und schon gar nicht als Rätselbuch, damit wir heute mal eben hobbymäßig und so einfach nebenbei eine harte Nuss zu knacken hätten.

Im Radio habe ich am Samstag-Morgen eine Umfrage aus Siegen gehört, was denn die Menschen über Ostern wissen. Es war erschrekkend zu hören, wie wenig Menschen über ihre eigene Kultur wissen, aus der sie stammen und die ihnen die gesetzlichen Feiertage beschert, vom Glauben ganz zu schweigen.

Aber ich frage: Wie ist das mit einem Kreuzworträtsel, das ich nicht lösen kann? Ich lasse es links oder rechts liegen. Und so haben auch viele Menschen die Botschaft Gottes links oder rechts liegen gelassen, weil sie Glauben mit Wissenschaft, mit Rätsellösen oder gar Rätselraten verwechselt haben, und am rätsellösen gescheitert sind. Viele Menschen haben die Botschaft Gottes links oder rechts liegen gelassen, weil sie nie davon erfahren haben, dass es sich um ein Geheimnis handelt – Um ein Geheimnis, dem ich mit Vertrauen entgegenkommen muss; um ein Geheimnis, an dem ich Anteil erhalten kann und das dann dereinst einmal gelüftet werden und offenbar, aufgedeckt werden wird: dann, wenn Jesus Christus wiederkommt: „in einem Augenblick, zu der letzten Posaune“, wie Paulus schreibt. Ostern ist die vorweggenommene Feier dieses Geheimnisses: des Weges vom Tod zum Leben.

Paulus sagt: „Dies aber sage ich, liebe Schwestern und Brüder: Fleisch und Blut können nicht das Reich Gottes erlangen, und das Vergängliche wird nicht die Unvergänglichkeit erlangen. Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden!“ Wir feiern das Geheimnis von Ostern als den Weg des Übergangs vom Tod zum Leben, den Christus für uns vorangegangen ist, den im Alten Israel Hanna mit der Geburt des Samuel erfahren hat und den die Emmaus-Jüngern nachgehen konnten, weil Jesus sie begleitet und ihnen nicht die Augen des Verstehens, sondern vor allem das Herz der brennenden Liebe geöffnet hat.

Der Übergang vom Tod zum Leben – Mit diesem Übergang kommen dann auch die Fragen der Korinther in den Blick, die bis heute auch unsere Frage geblieben sind: die Fragen nach dem eigenen Tod und der eigenen Auferstehung: „Wie soll das denn gehen mit der Auferstehung? So viele Menschen, die seit damals gelebt haben, die passen doch gar nicht mehr auf diesen Erdball. Das kann ich nicht glauben.“

Und schon sind wir wieder beim Rätsellösen gelandet, mit dem Anspruch alles fein säuberlich und wissenschaftlich zu erklären. Und bei einer solchen Herangehensweise müssen die Menschen, müssen wir notgedrungener Weise feststellen: das ist nicht zu glauben. Aber das wusste auch schon Paulus. Und deshab spricht er vom Geheimnis der Verwandlung. Deshalb er sagt: So wie bisher wird es nach der Wiederkunft Jesu nicht weitergehen, „Fleisch und Blut können nicht das Reich Gottes erlangen, das Vergängliche wird nicht die Unvergänglichkeit erlangen“. Alles wird verwandelt werden. So wie auch Jesus nach seiner Auferstehung verwandelt war, denn er hatte, um mit Paulus zu reden, Unsterblichkeit angezogen. Er war es! Das wussten seine Jünger sicher und doch war er ganz anders, sodass sie ihn nicht erkannten.

Wissenschaftliche Erkenntnis ist abschließend. Das ist so – Punkt, Ende. Das Faszinierende bei Paulus und seiner Vorstellung der Verwandlung ist, dass sie offen bleibt für das Geheimnis, das wir Glauben nennen und vor allem für das tiefste Geheimnis, das wir Gott nennen. Nicht umsonst erinnern wir uns in der Osternacht an unsere Taufe. Denn in der Liturgie der Taufe wird diese Verwandlung schon zeichenhaft und geheimnisvoll vorweggenommen. Der getaufte Mensch soll nicht so bleiben wie er ist, sondern das Wesen Jesu anziehen. Und je mehr wir Menschen bereit sind, das zu tun und uns also auf das Geheimnis des Glaubens und damit auf das Geheimnis Gott einzulassen, desto mehr wird diese Verwandlung sichtbar sein. Desto mehr wir der Tod seine Macht über die Menschen, über die Glaubenden verlieren.

Zu Beginn hatte ich gesagt: „Vielleicht könnten wir sogar noch einen Schritt weiter gehen und sagen: um an einem Geheimnis Anteil zu bekommen, muss ich mich ihm anvertrauen und dann habe plötzlich nicht mehr ich ein Geheimnis, sondern dieses Geheimnis hat mich.“ Glauben hat nicht nur etwas, sondern ganz viel mit Vertrauen zu tun, mit Beziehung. Vertrauen ist etwas, bei dem ich mich aus meiner Hand gebe und einem anderen anvertraue, bei dem ich mich los- und fallenlasse, weil ein anderer mit trägt und auffängt. Bei dem, was Kinder ihren Eltern gegenüber haben, ist es uns offensichtlich. Das nennen wir Urvertrauen.

Vertrauen: was bei kleinen Kindern selbstverständlich vorhanden ist, wird im Verhältnis zu dem Geheimnis, das wir Gott nennen, zu einem Geheimnis, das uns zwar mitgeteilt werden kann, an dem wir aber nur Anteil bekommen, wenn wir uns öffnen und darauf einlassen. So wie Vertrauen zwischen zwei zunächst fremden Menschen nur wachsen kann, wenn sie sich öffnen und sich aneinander Anteil geben.

Vertrauen heißt: Anteil haben; Glauben heißt Anteil haben an dem Geheimnis Gottes: zum Beispiel in Brot und Wein wird es sichtbar, sobald wir Abendsmahl feiern: in der sichtbaren Gemeinschaft, die sich um den Altar herum versammelt, und in der – noch – unsichtbaren Gemeinschaft mit Christus. Und dann haben wir nicht mehr ein Geheimnis, dann hat das Geheimnis Gottes plötzlich uns und verändert unser Leben.

Paulus scheut sich nicht, mit seinem Brief den Korinthern sowohl ins Stammbuch als auch in Poesiealbum einen Standhaftigkeitssegen zu schreiben: „Geliebte Geschwister, seid standhaft und unerschütterlich, tut euch hervor im Werk des Herrn allezeit und wisst: Eure Mühe ist nicht wirkungslos in dem Herrn.“

Das Werk des Herrn ist vielfältig und lässt sich doch mit wenigen Worten zusammenfassen: Schon im Alten Testament sagt der Prophet Micha im Auftrag Gottes: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ Jesus hat es mit dem Doppelgebot der Liebe gesagt: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst«.

Menschen, die Anteil an dem Geheimnis Gottes bekommen haben, Menschen, die getauft sind und etwas von diesem Geheimnis erfahren haben, werden solches tun. Statt selbst den Herren zu spielen, werden sie den Mut zum Dienen haben. Aber nicht, weil sie irgend etwas wissen, in dem Sinn, dass sie ein Rätsel gelöst haben. Vielmehr werden diese Menschen den Mut zum Dienen haben, weil sie Anteil an dem Geheimnis des Lebens haben, weil sie ein Teil davon sind, weil das Geheimnis sie hat und nicht sie das Geheimnis haben. Sie werden Liebe üben an ihren Nächsten und den Mut zum Dienen aufbringen und so dafür sorgen, dass dieses Geheimnis weiter geht und immer mehr Menschen in seinen Macht zieht: Denn ihre Mühe wird – so schreibt schon Paulus – nicht wirkungslos sein.
Ostern und die Auferstehung sind kein Rätsel, aber sie bleiben wie das Abendmahl und die Taufe ein Geheimnis, so wie Gott ein Geheimnis ist und bleibt, an dem wir aber Anteil bekommen. Gott sei dank, der uns den Sieg gibt durch unseren Herrn Jesus Christus.

Amen.

Ein Kommentar zu „Predigt am Ostermontag über 1. Korinther 15,50-58

  1. Tssss… da habe ich tatsächlich während des Telefonats wieder vergessen, dass ich mich für diese Predigt bedanken wollte *kopfschüttel* Also: hat mir sehr gut gefallen, als ich sie vorgestern gelesen habe, auch wenn ich nicht alles gleichermaßen unterschreiben würde."Menschen, die Anteil an dem Geheimnis Gottes bekommen haben, Menschen, die getauft sind und etwas von diesem Geheimnis erfahren haben, werden solches tun. Statt selbst den Herren zu spielen, werden sie den Mut zum Dienen haben."<ranting>Das erinnert mich an die CDU/CSU.Neulich in Staatsorganisationsrecht ging es darum, ob es ein unzulässiger Druck im Sinne der Wahlfreiheit ist, wenn der Pfarrer von der Kanzel aus die Gläubigen auffordert, als gute Christen auch "die Partei mit dem "c" im Namen" zu wählen. Da dachte ich nämlich: Wie wäre es wohl, wenn der Pfarrer spricht: Denkt an Christus, wählt kommunistisch oder grün!?Denn man kann sich ja darüber streiten, ob die CDU/CSU so christlich ist, wie ihr Name das suggeriert. Wenn ich nur an, sagen wir mal, Bruder Wagner denke (Michaelsbruder, MdL + hessischer Justizminister) – dessen Reformen des hessischen Justizvollzugs sind eindeutig popularistisch und zumindest meinem Verständnis von Christentum entgegengesetzt. Popularismus aber dient nur der eigenen Wiederwahl, nicht dem Volkswohl. *find*</ranting>Schöner Hinweis auf den Unterschied zwischen Geheimnis und Rätsel 🙂 Erinnert mich an meine eigenen Versuche, den Unterschied zwischen Glauben und Wissen zu formulieren. Du kannst das aber besser ;-)Ciao,Antonia

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