Predigt über 1. Petrus 5,1-4

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im 1. Brief des Apostels Petrus, im 5. Kapitel:

1 Die Ältesten unter euch ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi, der ich auch teilhabe an der Herrlichkeit, die offenbart werden soll:
2 Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist; achtet auf sie,
nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt;
nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund;
3 nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde.
4 So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unvergängliche Krone der Herrlichkeit empfangen.

Großer Gott, dein Heiliger Geist ist Herr über Reden und Hören. Segne unser Bemühen durch Christus, unseren Bruder und Herrn. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Ich weiß ja nicht, was Menschen heute denken, wenn sie von einem Erzhirten hören, den der Schreiber des Predigttextes erwähnt. Aus dem Zusammenhang ist es klar, aber wenn man beim Lesen des Predigttextes nicht so ganz genau hingehört hat, stellt sich ganz schnell diese Frage: Um wen geht es da eigentlich?

Und ganz schnell ist man mit dem Wort Erzhirte bei dem gelandet, der das für viele Menschen unserer heutigen Zeit zu sein scheint: bei Papst Benedikt XVI. oder bei seinem Vorgänger Johannes Paul II.. Denn wenn die Menschen noch etwas über Kirche und über das Christentum wissen: dann doch über den Papst und dass er der Oberhirte der Kirche sein soll und will.

Auch bei den Evangelischen findet sich diese Meinung immer wieder einmal – da weiß man dann wenigstens, an wen man sich zu halten hat, so sehr einem im einzelnen die Standpunkte des Papstes gegen den Strich gehen mögen. Dass die evangelische Kirche nicht mit einer Stimme spricht, und auch nicht sprechen kann, wird immer wieder als Problem empfunden.

Der Erzhirte, von dem der Apostel Petrus hier spricht, ist aber nun gerade nicht sein Nachfolger im sogenannten Petrusamt. Es ist vielmehr der, der von sich sagt, dass er der Herr der Kirche seit Anbeginn ist, dass er der Hirte, ja sogar der Gute Hirte ist, wie wir es eben von Manuel Schoel vorgelesen bekommen haben: Der Erzhirte ist Jesus Christus. Ihm gehört die Kirche, denn er ist der Grundstein, auf dem sie erbaut ist, denn er kennt alle, die dazu gehören und für alle hat er die Verantwortung von seinem himmlischen Vater übertragen bekommen.

Ich halte es für ganz besonders wichtig, dass uns dieses deutlich vor Augen steht: dass es im Gegenüber zu Jesus als dem einen und einzigen Herrn der Kirche niemanden gibt, der näher dran wäre, der größer wäre oder besser. Indem wir auf Jesus sehen, stellen wir fest, dass wir alle nur Schafe sind.

Wenn jetzt die Konfirmanden und Katechumenen und mit ihnen viele Erwachsene sagen: „Ich bin doch nicht blöd, ich blöke doch nicht wie ein Schaf und so treudoof bin ich auch nicht“, dann kann ich das gut verstehen. Blöd-blökend und dummdämlich möchte ich mich auch nicht sehen. Und das bin ich nicht, weil auch die Schafe das nicht sind. Sie gehen dahin, wo sie denken, dass es gutes Futter für sie gibt, spielen miteinander und halten zusammen, weil sie in der großen Herde sicherer sind als alleine. Sie sind aber immer wieder in der Gefahr, in ihrem Suchen nach Futter und in ihrer Neugierde die Herde und damit den Schutz aus den Augen zu verlieren. So wie wir Menschen auch.

Denn wenn wir ehrlich sind: Orientierung und Wegweisung brauchen wir alle, damit wir uns in einer Welt, die immer komplizierter wird, nicht total verrennen. Die Frage ist nur, woher wir solche Orientierung bekommen: vielleicht – das ist die harmlose Variante – aus der Werbung, die doch nur scheinbar an die Vernunft der Menschen appelliert, aber doch die eigenen Interessen verfolgt werden: die Gewinn-Maximierung des eigenen Konzerns. Oder bekomme ich – und das ist die gefährliche, ja tödliche Variante – bekomme ich meine Orientierung vielleicht von Menschen, die bereit sind, für ihre Ideen und politischen Ziele andere sterben zu lassen – auch mich? So wie das zur Zeit vor allem im Bereich des Islamismus geschieht, wenn Menschen zu Handlangern des Todes gemacht werden, indem der Islam für politische Ziele missbraucht wird.

Die Gefahr ist doch groß, dass es die Falschen sind, an die wir uns hängen. Seien wir nicht zu sicher, dass das bei uns nicht funktionieren würde. Auch in unserem Kulturkreis, der ja durch das Christentum geprägt ist, hat es vor nicht allzulanger Zeit das Phänomen gegeben, dass Menschen zu einer Blöd-blökenden und dummdämlichen Herde gemacht wurden, weil sie nicht aufgepasst haben, von wem sie ihre Orientierung bekamen.

Das besondere an Jesus Christus und seinem Hirtenamt ist: Bei ihm sind die Rollen von Geben und Nehmen umgekehrt. Er setzt sich für uns ein, er sucht uns, aber nicht – wie die Herren dieser Welt – um seinetwillen, weil ihm etwas vom Lohn abgezogen würde, wenn wir verloren gingen. Sondern um unseretwillen bringt Jesus sich ein, bis zum Äußersten, bis in den Tod und darüber hinaus.

Es war vielleicht ein etwas weiterer und verschlungener Anweg an den Predigttext. Aber ich denke, dass es gut war, sich klar zu machen, an wen wir uns hängen, wenn Jesus Christus unser Hirte, ja der Erzhirte sein soll. Denn von seiner Art, das Hirtenamt auszufüllen, fällt ein
Licht auf das, was unseren Predigttext ausmacht.

Denn um was es Petrus geht, lässt sich mit ein paar Worten beschreiben. Es geht ihm um das Gelingen des Projektes Kirche. Dass in der Organisation, die sich auf Jesus Christus als ihren Herrn beruft, dass in ihr auch etwas spürbar wird vom Haus aus den lebendigen Steinen, von Menschen, die vom Geist Gottes erfasst sind und die frohe Botschaft von der Erlösung aus Sünde und Tod nicht nur gehört haben, sondern auch zum Inhalt ihres Lebens und ihrer Hoffnung gemacht haben. Es geht Petrus um das Gelingen des Projektes Kirche.
Und wie funktioniert das? Eine der ältesten Beschriebungen davon, was es heißt, in der Kirche zu sein, stammt aus der frühen Zeit der Kirche. Damals sagten die Menschen: In der Kirche zu sein, heißt, einen zu haben, der auf einen sieht. Und dann steht da im Griechischen und im Lateinischen das Wort Episkopos. In der Kirche zu sein, heißt, einen Episkopos zu haben. Es bedeutet wörtlich eben das, was ich eben gesagt habe: einen zu haben, der auf mich sieht. Etwas provokant vielleicht auch: einen Aufseher zu haben. Das Wort, mit dem Episkopos allerdings normalerweise übersetzt wird, lautet Bischof. In der Kirche zu sein, heißt, einen Bischof zu haben.

Damit scheinen wir ganz schnell wieder beim Papst, dem Bischof von Rom, zu sein und vielleicht auch ganz schnell bei allen unseren Vorurteilen, die sich mit dem Wort Bischof verbinden: Da überwacht einer seine Untergebenen, lässt keine anderen Meinungen zu, u.s.w.
Doch das hieße viererlei: Es hieße erstens, den vielen Menschen nicht gerecht zu werden, die ihr Bischofsamt mit großer Gewissenhaftigkeit führen; es hieße zweitens, dem Wortsinn nicht gerecht zu werden und es hieße drittens, auch dem nicht gerecht zu werden, was Petrus an seine Gemeinden schreibt. Und es hieße viertens: dem nicht gerecht zu werden, wie Jesus sich und seinen Auftrag als Hirte und in diesem Sinn auch als Bischof sieht, als der, der auf uns sieht: Mit dem liebenden Blick des Hirten, dem jedes einzelne seiner ihm Anvertrauten lieb und wert ist. Und Jesus ist in dieser Weise bestimmt als das Vorbild zu sehen, dem ein Bischof als Abbild ähnlich sein soll. Seelsorge in ihrer besten Form ist von denen gefordert, die auf andere sehen sollen.

Die Ältesten unter euch – so schreibt Petrus – ermahne ich: Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist; achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt; nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund; nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde.

Was Petrus hier als Ermahnung in den Raum stellt, ist einleuchtend und ohne Schwierigkeiten zu akzeptieren, es ist pure Selbstverständlichkeit. Viel spannender wird es, wenn wir fragen: Wer sind hier die Ältesten, denen Petrus dies schreibt? Von anderen das zu fordern, ist ja bekanntlich immer einfacher, als sich selbst daran halten zu müssen. Sind die Ältesten, an die sich Petrus wendet, also diejenigen, die die Gemeinde leiten – bei uns die Presbyterinnen und Presbyter zusammen mit den Pfarrern? Es würde sich nahelegen, denn das griechische Wort Presbuteroj steht als Anrede in unserem Text. Und wer einmal in die Kirchenordnung der Evangelischen Kirche von Westfalen gesehen hat, wird feststellen, dass unser Predigttext neben anderen sicherlich verwendet wurde, um zu beschreiben, was Presbyter tun sollen. Also liebe Presbyter, alles klar? Seid mal bitte so! Und wir, die Gemeindeglieder, können uns beruhigt zurücklehnen: uns geht es ja nichts an. Aber wie eben schon, wäre dieses Zurücklehnen ein heftiger Kurzschluss. Denn es sind ja nicht nur die Presbyter, denen es aufgetragen wäre, auf andere zu sehen und so das Hirtenamt auszuüben. Weder die Presbyterinnen und Presbyter, noch die Pfarrerinnen und Pfarrer wären es alleine. Denn ich möchte den Begriff der „Ältesten“ hier nicht nur als Amtsbegriff verstehen, schon gar nicht als Altersbezeichnung für die über sechzig, siebzig oder gar achtzig Jährigen. Vor allem geht es doch hier um Menschen, die Verantwortung übernommen haben und eine gewisse Erfahrung mitbringen, die also nicht mehr ganz neu sind in den Dingen des Glaubens und der Gemeinde. Älteste sind hier doch die im Glauben Erfahrenen, die ihre Stellung nicht gegenüber denen ausnutzen sollen, die noch jung sind im Glauben.

Denn diese Jüngeren brauchen noch mehr als die Älteren das Vorbild, das den Weg in den Glauben und in die Gemeinde weist. Und in diesem Sinn kommen als schnell als Älteste die Menschen in den Blick, die in besonderer Weise ein Amt und damit Verantwortung in der Gemeinde übernommen haben und weiterhin haben: Das sind Menschen, die in der Taufe ihrer Kinder das Elternamt oder das Patenamt übernommen haben und nun gefordert sind, im Sinne des Petrus Vorbild zu sein. Das sind dann auch alle, die in vielen Bereichen der Gemeinde mit Verantwortung übernehmen: in der Jugendarbeit und im Konfirmandenunterricht, in den musikalischen Gruppen, in der Frauenhilfe. Und nicht zuletzt im täglichen Du-zu-Du, wenn Nachbarn nach einander schauen, wenn Enkel sich um ihre Großeltern sorgen, wenn Freundinnen und Freunde auf einander acht haben.

Mögen alle, die auf andere sehen wollen und sollen, dieses von Herzensgrund tun, mit den liebenden Augen ihres Herzens; in dem Wissen, dass wir alle der Aufsicht in diesem liebevollen Sinn, der Aufsicht durch unseren Erzhirten Jesus bedürfen, und in der Gewissheit, dass er uns mit seinem liebevollen Blick und der helfenden Tat begleitet.

Amen.

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