Predigt über Jakobus 2,1-13 am 18. Sonntag nach Trinitatis (15. Oktober)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Brief des Jakobus, im 2. Kapitel:
Übersetzung nach der Lutherbibel: http://www.dbg.de/channel.php?channel=35&INPUT=Jak+2,1-13
Übersetzung nach der Gute-Nachricht-Bibel: http://www.dbg.de/channel.php?channel=36&SELECT=gnb&INPUT=Jak+2,1-13

Liebe Schwestern und Brüder!

Es ist ein harter Text – ein Text, der nicht nur sagt, wie es ein sollte, sondern der auch sagt, dass es in den Gemeinden, an die Jakobus schreibt, eben nicht so ist. Da steht eben nicht nur: Hütet euch davor, dass es so oder so werden könnte; nein – da steht: Ihr aber verachtet den Armen. Dieser Satz ist aus dem Text nicht wegzuschieben, so unbequem er auch sein mag. Aber wie ist das – wenn wir die Bibel an uns gerichtet sehen – müssen wir dann eben auch diesen Satz wörtlich auf uns beziehen oder können wir ihn auch nur im übertragenen Sinn für uns deuten? Manch einer könnte dann sagen: Wer sich den Schuh anzieht, der hat es wohl nötig. Denn wer sich verteidigt, zeigt sein schlechtes Gewissen, und er zeigt damit auch, dass die Vorwürfe berechtigt sind. Doch wen treffen die Vorwürfe, die vor fast 2000 Jahren geschrieben wurden, wenn ich sie heute und hier verlese? Sind es heute nicht diejenigen, die sich ihrer Fehler und Schwächen sowieso schon bewusst sind, und die an diesen Schwächen arbeiten – die sich bemühen, gerade nicht so zu handeln, wie Jakobus es den Gemeinden vorwirft. Denn viele von Ihnen heute morgen haben diese Stelle entweder schon einmal gelesen oder Sie kennen andere Stellen der Bibel, die ähnliches sagen. Damit sind Sie also heute morgen also kaum die richtigen Adressaten. Es sei denn, dass es gut tut und richtig ist, wieder einmal daran erinnert zu werden.

Und trotzdem möchte ich auf diesen Text des Jakobus eingehen – nicht platt, um zuerst irgendjemandem ein schlechtes Gewissen zu machen, damit ich dann das Evangelium nur um so strahlender schildern kann, nein – so nicht. Ich möchte vielmehr fragen: Wie ist das mit der Person und dem Ansehen, das wir einer Person entgegenbringen. Ich möchte auch nach dem Gesetz fragen, das hier in Form der Gebote zitiert wird, und nach dem Gesetz der Freiheit, das Jakobus hier nennt und das auch den Christen zu halten aufgegeben ist. Und ich möchte nach der Barmherzigkeit fragen, die dieses Gesetz überbietet.

Zuerst: Was also meinen wir heute mit dem Wort ‚Person‘, die wir nach dem Jakobusbrief nicht ansehen sollen, wenn es um Jesus Christus und damit Dinge des Glaubens geht? Die Person ist für uns heute das, was den Menschen ausmacht. Es ist das, was ihn unverwechselbar macht, sein Charakter. Es ist das, an das andere Menschen nicht herankommen: das Unantastbare und Unverfügbare, das Ureigene eines Menschen. Es ist das, was mich zu Torsten Willimczik macht; es ist das, was Sie zu dem Menschen macht, der mit Ihrem Namen untrennbar verbunden ist.

Das Beispiel, das im Brief des Jakobus genannt wird, macht deutlich, dass es damals nicht so gemeint gewesen ist. Das Ansehen der Person scheint hier etwas Äußerliches zu sein: Es geht um die Art des Auftretens, um das äußere Erscheinungsbild in Gestalt der Kleidung und des Schmucks. Da wird zunächst der Reiche genannt, der durch seine Kleidung auf andere Menschen großen Eindruck macht. An dessen Seite würde ich gerne gesehen werden. Der bekommt den Ehrenplatz, damit ich mich selbst in seinem Glanz ein wenig sonnen kann. Dann wird auf der anderen Seite der Arme genannt, der durch seine Kleidung ins Abseits gestellt wird; bloß nicht mit dem zusammen gesehen und dadurch mit ihm auf eine Stufe gestellt werden.

Aber: Nach der Kleidung soll ein Mensch gerade nicht beurteilt werden. Wie falsch man bei einer solchen Beurteilung eines Menschen liegen kann, zeigt zum Beispiel Karl Zuckmeyers „Der Hauptmann von Köpenick“. Da wird der Schuster Vogt für seine Umwelt erst durch die Kleidung als Offizier zu einer Person. Andersherum ist es biblisch: „Manche haben ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“ weiß der Hebräerbrief. Es geht also für den Schreiber des Jakobusbriefes um das, was hinter dem Äußeren, was hinter der Kleidung und dem Auftreten steht. So will es schließlich auch das Recht und unsere Verfassung: dass vor diesem Recht kein Ansehen der Person sein soll, dass nicht nach Stand, Kleidung, Einfluss und Macht eines Menschen geurteilt wird, sondern ohne das Äußere nur der Mensch betrachtet wird.

Und eben dieses Äußere war damals mit dem Wort ‚Person‘ gemeint: genauer gesagt bezeichnete das Wort ‚persona‘ die Maske, die die Schauspieler im Theater trugen. Die Masken machten damals in Tragödien, Komödien oder in den Mysterienspielen deutlich, welche Rolle ein Schauspieler spielte. Der Mensch hinter der Maske wird als eigenständiger Mensch unwichtig, er verschwindet zugunsten der Rolle, die er darstellt. Den unseren Predigttext können wir dann auch so übersetzen: Schaut nicht auf die äußerliche Maske, die ein Mensch sich vor das Gesicht bindet, schaut nicht auf das äußere Erscheinungsbild, sondern schaut auf … Und bei diesem ‚sondern‘ wird es schwierig. Wenn man nicht nach dem Äußeren über einen Menschen urteilen und auf ihn zugehen soll, möchte und muss man weiter fragen: Was für ein Mensch verbirgt sich hinter der Maske, die bei manchen ja so fest sitzt, dass man kaum oder gar nicht dahinter sehen kann? Für viele Menschen ist so eine Maske und so eine Rolle ja auch ein Schutz, weil sie sonst in der Welt nicht zurecht kämen. Da ist es doch nötig, das Besondere, das Geheimnisvolle eines solchen Menschen zu bewahren. Es darf gerade nicht aufgerissen werden, weil sonst der ganze Mensch zerstört würde. Gott allein schaut in die Herzen – er kann es mit seiner unermesslichen Liebe, wir können es nicht. Gott ist es, der sich den Menschen zuwendet und die Menschen sind seine Geschöpfe, vor ihm sind sie alle gleich, denn Christus ist für alle Menschen gestorben.

Der Schreiber des Jakobusbriefes stellt uns mit seiner Argumentation hinein in diese grundsätzliche Spannung zwischen Gott und uns Menschen. Wie schnell sind wir mit unserem Urteil über andere Menschen da, ohne genau zu wissen, wie es hinter der Maske, wie es in dem anderen Menschen aussieht. Die Diskussionen in den letzten Wochen mit allen ihren Konsequenzen um das freiwillige Eingeständnis von Günter Grass, er wäre einige Wochen bei der Waffen-SS gewesen, hat es wieder einmal auf den Punkt gebracht. Und es ist beileibe kein Kavaliersdelikt, wenn die Würde eines Menschen – unabhängig von dem, was er getan hat oder nicht getan hat – zerstört wird.

Die Überschrift über den Texten dieses Sonntags lautet: „Das höchste Gebot“. Gemeint ist damit das, was Jesus nach der Überlieferung der Evangelien auf die Frage nach diesem Höchsten Gebot geantwortet hat: „»Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften«. Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«. Es ist kein anderes Gebot größer als diese.“ Der zweite Teil davon, der Abschnitt aus dem 3. Buch Mose wird auch in unserem Text zitiert. Darum geht es. Gott zu lieben und zu ehren mit allem, was wir sind und haben. Und das geht nicht, ohne den Menschen neben mir in den Blick zu bekommen und zu lieben. Wir sollen von der Person unserer Geschwister im Glauben und von der Person unserer Mitmenschen absehen – von der Maske des Äußeren und der Maske des Verhaltens, weil diese Menschen von Gott ebenso geliebt und angenommen werden wie wir selber. Nichts, aber auch gar nichts haben wir ihnen voraus.

Mit dem höchsten Gebot – unseren Nächsten zu lieben wie uns selbst – werden wir unmissverständlich darauf gestoßen, dass die Barmherzigkeit dem anderen Menschen gegenüber ebenso grundlegend geboten ist wie das Verbot, die Ehe zu brechen oder das Verbot zu töten. Sonst ist ein Leben in Freiheit nicht möglich, denn dazu sollen die gebote und eben auch das höchste Gebot helfen: Zu einem Leben jenseits von Sklaverei. Und das Land Ägypten, wo das Volk Israel in der Gefangenschaft war, steht für viele Orte unseres Lebens, wo wir gefangen sind, gefangen vor allem in meinem Urteil über mich und andere. Da merken wir, wie wichtig es ist, dass mit uns barmherzig umgegangen wird und dass wir mit uns und anderen barmherzig umgehen.

Ich kann und darf meinen Nächsten nicht nach seinem Äußeren und nach seinem Verhalten beurteilen, nicht nach seiner Maske. Denn hinter dieser Maske steht der Mensch, der von Gott ebenso geliebt ist wie ich. Hinter dieser Maske steht der Mensch, den ich deshalb ebenso lieben kann wie mich selbst, weil ich mich von Gott geliebt weiß.

Und der Friede Gottes, der euch frei macht zu einem neuen Leben in Christus, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

Veröffentlicht von PaToWi

Ich darf mein Leben frei gestalten unter dem liebenden Blick Gottes. Ist das nicht Grund genug auf IHN zu hören und mir von IHM den Weg weisen zu lassen?

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