Predigt am Vorletzten Sonntag im Kirchenjahr (Volkstrauertag)

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Bemühen im Reden und Hören. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Es ist ein besonderer Sonntag heute. Mit dem Volkstrauertag sind wir in einen wichtigen weltlichen Zusammenhang unseres Lebens gestellt. Denn dieser Tag erinnert uns daran, dass wir nicht im luftleeren Raum leben, sondern durch Räume und Zeiten mit anderen Menschen und ihren Schicksalen verbunden sind: Mit Menschen, die Gutes und Böses erfahren haben im Krieg und danach: als Opfer von Gewaltherrschaft und Machtmissbrauch. Wir sind mit Menschen verbunden, nicht mit Seiten aus einem Geschichtsbuch.

Aber nicht nur weil Volkstrauertag ist, hat dieser Sonntag einen besonderer Charakter. Die Texte aus der Bibel an diesem Tag haben ihr eigenes Gepräge unter der Überschrift „Das große Weltgericht“. Es geht aber nicht einfach nur darum, den moralischen Zeigefinger auszufahren und den Menschen unter der Kanzel dadurch ein schlechtes Gewissen zu machen. Nichts wäre falscher. Denn das macht Menschen nur klein und das ginge an Gottes Lebensabsicht mit uns vorbei. Es geht vielmehr ganz positiv darum, das Gott die Menschen zu einer Entscheidung zu rufen: Willst du nun mit mir oder nicht? Sei dir bewusst: Es geht um das Ganze, dein Leben und das endet nicht mit dem Tod.

Dies ist der doppelte Horizont in den unser heutiger Predigttext gestellt ist. Er steht in der Offenbarung des Johannes, im 2. Kapitel:

Predigttext: Offb 2,8-11
Luthertext: http://www.dbg.de/channel.php?channel=35&INPUT=offb+2,8-11
Gute Nachricht: http://www.dbg.de/channel.php?channel=36&SELECT=gnb&INPUT=offb+2,8-11

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Es ist ein Text wie aus einer anderen Welt, der uns heute aufgegeben ist. Er stammt aus dem Buch mit den buchstäblichen sieben Siegeln. Die Offenbarung des Johannes stammt aus der Zeit vor dem Jahr 100 nach Christus, ist also für uns heute im Jahr 2006 sehr weit weg. Der Predigttext ist Teil einer großen Vision. Mit ihren Bildern und Visionen ist die Offenbarung des Johannes damit Teil von etwas, was den evangelischen Christen seit je her etwas suspekt gewesen ist; sie ist etwas, was wir nur schwer in unsere Wirklichkeit übersetzen können.

Und doch werden viele mit diesem oder jenem Wort aus diesem Text etwas verbinden, der Text ist uns viel näher, als wir es zunächst meinen: „Sei treu bis an den Tod und ich werde dir die Krone des Lebens geben.“ ist ein Spruch, der immer wieder als Trauspruch oder als Konfirmationsspruch Verwendung gefunden hat. Andere werden mit dem Wort von der Treue bis an den Tod eher den Treueeid verbinden, den sie als Soldaten geleistet haben. Und da ist das Wort von der Synagoge des Satans – ein Wort, das viele Menschen mit Schrecken an das denken lässt, was Angehörigen des jüdischen Volkes angetan wurde – leider auch mit diesem Vers aus der Bibel als Begründung. Wieder andere werden die Bedrängnis der Gemeinde damals nachfühlen können – voller Furcht, was an Leiden, an Schmerz und Angst auf einen zukommen mag. Oder Sie fühlen sich selbst von der Versuchung des Teufels bedroht.

Gebündelt wird alles durch den letzten Vers des Predigttextes, der auf das Thema hinweist, das diesen Sonntag regiert. Da ist vom zweiten Tod die Rede – das Herausfallen aus Gottes Gnade. Das Matthäusevangelium hat dieses als ein großes Bild vor unsere Augen gestellt. Wie in diesem großen Gleichnis spricht auch in unserm Predigttext Christus. In der Vision des Sehers Johannes lässt er Briefe schreiben: An sieben Gemeinden in Kleinasien, auch die in Smyrna, dem heutigen Ismir. Jede dieser Gemeinden steht unter einem besonderen Schutz, je ein Engel wacht über ihnen. In allen Briefen stellt Christus sich vor – je auf die Situation der Gemeinde bezogen: hier als der, der zwar tot war, der aber lebendig wurde. Schon damit klingt an, um was es im folgenden gehen wird: um die Frage von Tod und Leben und damit um den, der spricht, und um den Glauben an ihn: an Christus.

Er kennt seine Gemeinden, über jede weiß er Bescheid, kennt auch die kleinen Nuancen. Und das Leben für die Gemeinde in Smyrna ist nicht leicht gewesen: sie ist bedrängt, ihr Glaube wird geschmäht und sie ist arm. Smyrna ist damals eine reiche Handelsstadt, die finanzielle Armut der Gemeinde und ihrer Glieder sticht anscheinend besonders ins Auge. Und doch wird ihr gesagt: „Du bist reich!“ Im ersten Moment mag es wie Hohn klingen, doch kennen wir das heute auch. Menschen haben zwar wenig oder gar kein Geld, aber in ihrem Leben und vor allem in ihrem Glauben sind sie reicher, als wir es zu träumen wagen. Immer wieder berichten Menschen aus Europa über den Glauben von Christen in der sogenannten dritten Welt. Da sei etwas von dem zu spüren, wie es am Anfang gewesen sein muss: voller ansteckender Freude und Glaubensgewissheit – trotz der vielen Schwierigkeiten und aller menschlicher Tragik und Schmerzen.

So ähnlich stelle ich mir die arme Gemeinde in Smyrna vor, die von Christus als reich gepriesen wird: reich im Glauben – reich an Beziehung zu Jesus und damit reich an Miteinander und Anteilnahme, reich an Mitleid und Mitfreude – arm sind andere: die mit einem hingeworfenen „Ich entschuldige mich“ deutlich machen, dass sie den Menschen gar nicht mehr wahrnehmen, dem sie etwas angetan haben, dass es ihnen eben gar nicht um den anderen Menschen geht, sondern dass sie sich nur um sich selbst drehen, weil sie sich nur noch selbst verwirklichen wollen – ohne Beziehung zu Gott und zu den Menschen.

Du bist reich – so sagt Christus es der Gemeinde in Smyrna, auch wenn sie angegriffen wird: Sie wird bedrängt und muss manches fürchten – sie wird geschmäht und gelästert und mit ihr auch der, dem sie sich anvertraut: Christus und Gott. Die Lästerungen kommen von Menschen – so heißt es in unserem Text –, die behaupten, sie seinen Juden und sind es nicht. Die Lästerungen kommen damit von Menschen, die sich als rechtgläubig ausgeben, es aber nicht sind – von Menschen, die die Seligkeit versprechen, aber nur auf ihren eigenen Profit schauen. Eben genau so wie jene, die vor über 60 Jahren auch diese Stelle der Bibel zur Speerspitze eines mörderischen Antisemitismus machten, obwohl die Offenbarung des Johannes das Buch des Neuen Testamentes ist, in dem am allerwenigsten von einer Feindschaft gegenüber dem Judentum geredet werden kann.

„Ich weiß um die Schmähung von denen, die behaupten, sie seien die, die die Welt verbessern und erlösen – und sind es nicht, sondern sie sind das Sammelbecken des Satans.“ So könnte und sollte man heute übersetzen, um jedem Missverständnis zuvor zu kommen. Denn das Böse, der Teufel – wenn man dem Bösen einen Namen geben will – ist der Urheber der Verfolgung. Der Teufel will die Menschen der Gemeinde in Smyrna zum Abfall von ihrer Glaubensgewissheit verführen und er ist dabei sehr gerissen, indem er sich als das Gute und Heilbringende tarnt.

Für den Seher Johannes damals wurde der Teufel vom römischen Staat verkörpert, der hatte die Macht, ins Gefängnis zu werfen und zu verurteilen. „Das ist doch heute nicht so, wir dürfen doch glauben, was wir wollen, vom Staat geht heute keine Gefahr für den Glauben aus!“ So oder ähnlich mag mancher denken. Aber auch heute gibt es Situationen, in denen der Teufel nach unserem Glauben trachtet:
Wie sehr verunsichern spöttische Bemerkungen über den Glauben von Arbeitskollegen, von Freunden oder Verwandten, dass man als Christ versucht ist, gar nichts mehr sagen. Wie schwer ist es, anderen Menschen gegenüber christliche Werte zu vertreten, wenn die Grundhaltung der heutigen Gesellschaft in vielem ganz anders ist. Wie schwer ist es, auf schreckliche Ereignisse im Privaten und auf Weltereignisse zu antworten, die einem die Frage in den Mund legen: Wie kann Gott das zulassen? Wie schnell kann man sich in einer Situation wiederfinden, in der es darum geht, seinen christlichen Glauben auch unter Gefahr des Todes vertreten zu müssen, dann wenn randalierende Radikale auf ausländische Mitbürger Jagd machen?

Es ist, so wird es im Predigttext deutlich, immer wieder mit dem Schlimmsten zu rechnen: Vom Leiden ist die Rede, vom Gefängnis und der Bedrohungdurch Menschen und den Tod. Die Gefahr und die Furcht davor will Christus nicht weg reden und nicht beschönigen – die Seinen stehen in einem Kampf mit dem Bösen, bis Christus wiederkommt. In dieser Welt und diesem Kampf leben sie. In dieser Welt und diesem Kampf – das soll nicht vergessen werden – leben auch wir heute als christliche Gemeinde. Und das Böse führt diesen Kampf auf Leben und Tod.

Und Christus spricht zu den Seinen: „Sei getreu bis zum Tod, bis in den Tod hinein, denn das Leben ist Dir verheißen.“ Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und lebendig wurde. Darum geht es: um Treue zu Christus, nicht um Treue zu diesem oder jenem in der Welt. Es geht um den Glauben an Christus im Angesicht des Bösen und des Todes, mit der einen Gewissheit: Die Krone des Lebens ist verheißen. Anders herum: Es steht mehr auf dem Spiel als scheel angesehen zu werden oder sich scheinbar lächerlich zu machen von und vor Leuten, die Kränze und Kronen der Gesellschaft auf Kosten anderer tragen. Denn was nützt es dem Menschen, wenn er die Welt gewönne aber nähme Schaden an seiner Seele.

Das Sendschreiben an die Gemeinde in Smyrna ist ein Trostbrief in bedrängender Zeit, von einem, der den Trost des Glaubens selber erfahren hat: von dem Seher Johannes, der auf der Insel Patmos gefangen war und wohl auch immer wieder den Tod um seines Glaubens willen vor Augen gehabt hat. Einer, dem dies ebenso gegangen ist; einer, der auch nicht daran glauben wollte, dass das Heil von Menschen kommt, die auf Kosten anderer ihre Macht durchsetzen; einer, auf den diese Verse aus dem Brief an die Gemeinde in Smyrna so gut passen, ist Dietrich Bonhoeffer. Er hat sich der Frage nach der Entscheidung gestellt und im Glauben die Bedrängnis ausgehalten. Mit den Texten, die er im Gefängnis – in seiner Bedrängnis geschreiben hat, könnte man eine ganz eigene Auslegung des Predigttextes und des Volkstrauertages gestalten. Zwei von diesen Texten prägen den heutigen Gottesdienst. Auf einem Blatt haben Sie ein „Ich glaube“ bekommen, das wir heute als Glaubensbekenntnis sprechen. Dieses Bekenntnis wird von dem Lied gerahmt, das zur Jahreswende 1944/45 als eines der letzten Lebenszeichen Bonhoeffers entstand und das die positive Antwort auf die Bedrohung durch die bösen Mächte ist: Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.

Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt.

Amen.

Der Text "Ich glaube" von Dietrich Bonhoeffer ist zum Beispiel im Evangelischen Gesangbuch (Ausgabe der der Landeskirchen Rheinland, Westfalen und Lippe) abgedruckt: Nach Nummer 526 und als Nummer 813. Leider in je zwei unterschiedlichen Abgrenzungen, die eigentlich zusammen gehören.

Autor: PaToWi

Ich darf mein Leben frei gestalten unter dem liebenden Blick Gottes. Ist das nicht Grund genug auf IHN zu hören und mir von IHM den Weg weisen zu lassen?

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