Predigt in der 2. Christvesper über Johannes 7,28-29

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Bemühen im Reden und Hören. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!
Mit den Hirten stehen wir jetzt an der Krippe. Mit den Hirten, denen der Engel etwas über dieses Kind gesagt hatte, und die Hirten hatten sich aufgemacht, weil sie sehen und wissen wollten, wer denn dieses Kind ist. Mit den Hirten stehen auch wir jetzt an der Krippe. Und wie für die Hirten stellt sich auch für uns und viele andere Menschen die Frage: „Wer ist das denn, dieser Jesus von Nazareth?“

Manche haben ein klares Bild von Jesus mit auf den Lebensweg bekommen von den Eltern und Großeltern und sie möchten es für sich bewahren und festhalten. Andere sind ganz ohne eine solche Hinführung aufgewachsen und haben sich den Weg an die Krippe selbst suchen müssen – getrieben von einer unbestimmten Ahnung, dass sie hier das finden könnten, was sie suchen: einen Weg zu Gott. Wieder anderen ist die ursprüngliche Sicherheit aus Kindertagen über Gott und Jesus verloren gegangen, ihr Jesus-Bild und ihr Gottes-Bild hat Risse oder Sprünge bekommen; es ist vielleicht gänzlich auseinandergebrochen aus welchen Gründen auch immer.

Trotz diesem allen – oder gerade deswegen stehen wir mit den Hirten an der Krippe – mit der Ahnung oder der Gewissheit: Es muss doch in meinem Leben dieses Verbindungselement geben, das die Menschen brauchen, um Gott zu finden. Deshalb fragen auch wir: „Wer ist Jesus, wo kommt er her?“

Gehen wir für diese Frage von unserem Alltag aus. Wenn wir einen Menschen treffen, den wir noch nicht kennen, und wissen wollen, wer er oder sie ist, dann fragen wir ganz einfach, zum Beispiel: „Woher kommst du?“ Und sobald wir eine Antwort bekommen, entsteht in uns ein Bild: von der Gegend, aus der dieser Mensch kommt und von den Menschen in dieser Gegend.
„Ich komme aus dem Allgäu.“ lässt uns an Berge und Menschen in zünftiger Trachtenkleidung denken, aber auch an volkstümliche Musik und Weißbier. – So können wir uns unsere eigenen Gedanken machen, unser eigenes Bild zu: „Ich komme aus Sachsen.“ – „Ich komme aus Berlin.“ – „Ich komme aus Lippe.“

„Sag mir, woher du kommst, und ich sage dir, wer du bist.“ So weiß es der Volksmund. Ja, aber: Wie falsch kann man damit auch liegen. Nicht alle Allgäuer tragen Trachtenkleidung oder trinken den ganzen Tag Weißbier. Und die wenigsten Lipper sind Hinterwäldler, auch wenn die Ostwestfalen das gerne so hätten.

Die in vielen Fällen ehrlichere Variante der Spruchweisheit „Sag mir, woher du kommst, und ich sage dir, wer du bist.“ scheint mir diese zu sein: „Sag mir, woher du kommst, und deshalb weiß ich schon, wer du bist, bevor ich dich überhaupt näher kennengelernt habe.“ Denn dann kann ich meinen Vorurteilen freien Lauf lassen und brauche mich auf mein Gegennüber gar nicht erst einzustellen. Schublade auf, Gegenüber rein, Schublade zu und fertig. So einfach ist das Leben.

Auf eine etwas andere und doch so ähnliche Art wird in unserer Zeit nach Jesus gefragt. Die meisten Menschen wissen zwar noch ein bisschen über ihn, aber eben meistens nur noch ein bisschen; das Bild von Jesus ist für viele unsicher und wacklig geworden. Immer mehr kann deshalb im Fernsehen, in Büchern oder in Zeitschriften über ihn gesagt und geschrieben werden – vor allem, wenn es gegen das Bild gerichtet ist, was die meisten Menschen gerade noch in ihren Köpfen haben: Neue, angebliche Wahrheiten über Jesus haben jedes Jahr Konjunktur – in Fernsehsendungen und bei Zeitschriften wie Spiegel und Focus: „War Jesus Buddhist?“ – „Lebte Jesus in Indien weiter?“ – „Das Grab war gar nicht leer!“ oder „Neue Handschriftenfunde – die Lehre Jesu wurde von der Kirche verfälscht, ein neues Jesusbild muss her!“ So jagen sich fast jedes Jahr neu die Überschriften. Die Artikel und Bücher werden gelesen, die Sendungen im Fernsehen gesehen. Warum? Viele werden antworten: „Ich hoffe, das ich da die Sicherheit für meinen Glauben zurückbekomme, die ich verloren habe. Denn dann weiß ich genauer, wie das mit Jesus wirklich war.“

Woher kommt Jesus, wer ist er? Antworten nach dem Motto: „Sag mir, Fernsehmacher und Bücherschreiber, woher Jesus kommt, dann weiß ich, wer er ist. Denn da kann ich mich auf wissenschaftlich gut fundierte Erkenntnisse verlassen und brauche mich auf ihn selbst gar nicht erst einzustellen.“ Wie angenehm, geht es mir dann durch den Kopf, es geht allem Anschein nach auch mit Jesus so: Schublade, eventuell auch: neue Schublade auf, Jesus rein, zu und fertig.

Wie falsch aber kann man mit einer solchen Einstellung Jesus gegenüber liegen. Wie falsch konnten die Menschen schon zur Zeit Jesu selbst damit liegen, indem sie nur danach gefragt haben: „Woher kommt der denn? Aus Nazareth? Das kennen wir: was kann aus Nazareth Gutes kommen. Also ab in die Schublade.“

So war es bei Jesus, lange Jahre nach der Geburt, auf dem Laubhüttenfest in Jerusalem: Da ging es hoch her mit den Diskussionen um Jesus: „Wer ist dieser?“ Die ewig alte und ewig neue Frage. Hören wir, was Jesus während der Diskussionen auf dem Laubhüttenfest gesagt hat. Der Evangelist Johannes berichtet es im siebten Kapitel seines Evangeliums: Da rief Jesus, der im Tempel lehrte: „Ihr kennt mich und wisst, woher ich bin. Aber nicht von mir selbst aus bin ich gekommen, sondern es ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt hat, den ihr nicht kennt. Ich aber kenne ihn; denn ich bin von ihm, und er hat mich gesandt.“

Liebe Weihnachtsgemeinde!
Bei dem, was Jesus den Menschen auf dem Laubhüttenfest gesagt hat und es so auch uns heute sagt, ahnen wir es schon: Alle, die heute mit unseren landläufigen, scheinbar so sicheren historisch-kritischen Methoden nach Jesus fragen – alle die Lüdemanns und Spiegel-, Focus- und Fernseh-Redakteure – sie alle laufen ebenso in die Irre wie die Menschen damals, weil sie nur danach fragen, was im Personalausweis oder Reisepass, in den Gerichtsakten und Polizeiberichten stehen würde. Eben wie die Menschen damals, mit denen Jesus diskutierte: „Nazareth? Kennen wir. Ende.“ Weil sie damals und heute alle vergessen, weiter zu fragen: „Woher ist Jesus gekommen, bevor er in Nazareth aufgewachsen ist und in Bethlehem geboren wurde?“

Hören wir also auf Jesus und fragen wir noch einmal. Und diesmal fragen wir Jesus direkt und lassen nicht andere für ihn antworten: Wer
und woher um Himmels willen kommst du, Jesus: du Kind in der Krippe und Menschensohn, du Wort vom Vater, wer und woher bist du? Um Himmels und vor allem um der Menschen willen. Mit dieser Frage stehen wir an deiner Krippe!“ Und Jesus antwortet liebevoll und wegweisend: „Ihr kennt mich und wisst, woher ich bin. Aber nicht von mir selbst aus bin ich gekommen, sondern es ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt hat, den ihr nicht kennt. Ich aber kenne ihn; denn ich bin von ihm, und er hat mich gesandt.“

Jesus bestätigt uns zunächst das Offensichtliche; das, was offen für alle Augen sichtbar ist: Natürlich ist er der Zimmermannssohn aus Nazareth und das Baby, das in Bethlehem geboren ist; natürlich ist er der Wanderprediger, der Jünger um sich schart und das Himmelreich Gottes verkündigt. Aber das alles erklärt noch nicht seine Autorität, seine Vollmacht. Das alleine würde bei uns auch keine echte Weihnachtsfreude hervorbringen: Wenn Jesus nur so käme, wie jemand aus der Verwandschaft regelmäßig ein Mal im Jahr zu Besuch kommt. Jesus kommt anders, weil er von woanders her kommt.

Unsere alten Weihnachtslieder haben das in beschreibende Worte gefasst. Der Gottesbote singt: „Vom Himmel hoch da komm ich her, ich bring euch gute neue Mär.“ – vom Gottessohn singen wir: „Er kommt aus seines Vaters Schoß und wird ein Kindlein klein.“ Von dort kommt Jesus, aus dem Bereich des ganz Anderen. Jesus öffnet uns unseren engen Horizont, über den wir sonst so gar nicht hinausblicken können. Jesus weitet uns den Blick über die Grenze des Zeitlichen und unsere Beschränktheit hinaus. Je mehr wir etwas von dem Blick auf dieses andere erfassen, desto größer wird das Fest und die Festfreude sein.

Je mehr wir erfassen – Jesus sagt uns mit seinen Worten aus dem Johannesevangelium auch etwas, was wir nur schwer ertragen können, ähnlich wie die Menschen seiner Zeit. Jesus sagt: „Ihr – ihr Menschen im Tempel in Jerusalem beim Laubhüttenfest im Jahr 30, ihr Menschen im 21. Jahrhundert, auch ihr Menschen in der Möllberger Kirche am Heiligen Abend 2006 kennt den nicht, der hinter allem steht, der alles ins Dasein gerufen hat.“

Und wenn wir ehrlich sind, müssen wir Jesus wohl recht geben. Wie könnten wir behaupten, Gott zu kennen, ihn erfasst und begriffen zu haben. Gibt es doch immer wieder Momente im Leben, an denen wir feststellen müssen, dass Gott doch wieder ganz anders ist, als wir gedacht haben.

Wir können, wenn wir von dieser ganz anderen Wirklichkeit etwas sagen wollen, im Grunde nur von „dem Geheimnis“ sprechen, das wir Gott nennen. Und für dieses Geheimnis, das so ganz anders ist, haben wir keine Worte und Begriffe. Wir benutzen zwar Wörter, um das Geheimnis Gott zu beschreiben, aber diese Wörter sind immer zu kurz oder zu lang, sie legen zu sehr fest und engen deshalb Gott ein.
Und hier und jetzt, in dieser so ausweglosen Situation, dass wir von Gott weder reden noch ihn begreifen können, kommt Weihnachten ins Spiel. Denn mit Weihnachten geschieht das völlig Unglaubliche: Der so unfassbare Gott kommt uns entgegen und gibt sich in dem Menschen Jesus ein Gesicht. In Jesus können wir erfahren, wer der ist, der hinter ihm steht und auf den es ankommt. Jesu Hinweis: „Wer mich sieht, der sieht den Vater.“ ist die einzige Möglichkeit, von Gott mit unseren Worten etwas zu sagen. Mit Weihnachten und mit dem Leben Jesu insgesamt ist die Verbindung hergestellt zwischen dem, der die Schöpfung werden sah und sie vollenden wird – und uns im hier und jetzt. Mit Weihnachten tut sich der Himmel auf und in dem Kind in der Krippe und später in dem Mann Jesus von Nazareth scheint uns Gott auf: In Jesus, wie er sich den Jüngern im Sturm auf dem See Genezareth liebevoll zuwendet und ihnen die Angst nimmt. In Jesus, wie er den Menschen die Schuld von ihrer Seele nimmt und sie aufrichtet, wie die verkrümmte Frau. In Jesus, wie er Ausgrenzung überwindet und Menschen wieder in die Gemeinschaft zurückholt, weil er mit ihnen isst und trinkt. In Jesus, wie er die Armen sieht und ihnen ihre Würde wiedergibt. In Jesus, wie er nicht Gewalt übt, sondern sie erleidet. In Jesus, wie er am Kreuz seine ganze Gottverlassenheit herausruft und so doch auch offenbar macht, dass es keinen Ort im Leben eines Menschen gibt, wo Gott nicht wäre. In Jesus, dem Kind in der Krippe, das so hilflos ist, wie es ein Lebewesen nur sein kann. In Jesus wird Gott, der Unsagbare und Unsichtbare sagbar und sichtbar.

Auch für uns heute, weil wir erfahren, was die Menschen damals erfahren haben: Dass Menschen in den Stürmen meines Lebens plötzlich da sind, die mir Mut zusprechen und mir so die Angst nehmen; dass mir von anderen meine Schuld vergeben wird und ich diese Menschen dann wieder offen ansehen kann; dass Menschen mich mit offenen Armen aufnehmen; dass mir die Hand liebevoll hingehalten wird, statt der drohenden Faust; dass ich auch in Krankheit und im Sterben nicht allein bin. Und dass ich es schaffe, dies so auch anderen zu tun. Da – in Jesus wird Gott, der Unsagbare und Unsichtbare sagbar und sichtbar.

Kommen wir noch einmal zurück zu unserer Frage: „Woher kommt Jesus?“ Und zu der verbreiteten Art und Weise mit ihm umzugehen: „Schublade, eventuell auch: neue Schublade auf, Jesus rein und fertig.“ So haben die Hirten vielleicht auch einmal gedacht: „Irgend wann kommt er, der Messias.“ Und sie haben diese Verheißung in eine Schublade gepackt, weil sie kaum damit gerechnet haben, dass es mit ihnen etwas zu tun haben würde.

Wenn man sich die Hirten so vorstellen kann, dann sind sie uns sehr ähnlich gewesen: Sie haben nicht damit gerechnet, dass es etwas mit ihnen zu tun haben könnte, der Messias war ja gut in der Schublade aufgehoben. Und dann hat sie der Ruf erreicht: „Christ der Retter ist da.“ Und seitdem haben ungezählte Menschen diese Erfahrung ebenfalls gemacht: „Christus ist da!“ Er ist keine Sache für die Schublade, sondern er bringt Gott in eine Welt der Gottesfinsternis und der Gottesferne. Christus bringt Gott aber auch in eine Zeit der Gottsuche und der oft uneingestandenen Gottessehnsucht hinein. Mit sich selbst macht er den unbekannten Gott den Menschen bekannt, bringt ihnen den fernen Gott nahe; er stellt dem toten Gott der menschlichen Logik den lebendigen Gott entgegen. Der von Gott gekommen ist, kann uns wieder zu ihm führen.

Wir stehen heute Abend mit den Hirten an der Krippe. Ob das nicht ein guter Ausgangspunkt ist?

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

Autor: PaToWi

Ich darf mein Leben frei gestalten unter dem liebenden Blick Gottes. Ist das nicht Grund genug auf IHN zu hören und mir von IHM den Weg weisen zu lassen?

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