Predigt am 2. Weihnachtsfeiertag über „Jauchzet, ihr Himmel, frohlocket, ihr Engel, in Chören“ (EG 41)

Eine Bemerkung zuvor:
Herzlichen Dank für Predigt-Anregungen zu diesem Lied von
– Reinhard Deichgräber aus "Gott ist genug. Liedmeditationen nach Gerhard Tersteegen", Göttingen, 2., neub. Auflage 1997
– Gustav Adolf Benrath aus "Jauchzet ihr Himmel" in: Kirchenlied im Kirchenjahr, hg. von Ansgar Franz, Tübingen und Basel 2002, S. 115-122
– dem Team des Gottedienstinstitutes in Nürnberg durch die Arbeitshilfe "Erleuchtete Wege – Stille Zeiten im Advent", Nürnberg 2006.

Der Text richtet sich mit Ausnahme der siebten und achten Strophe (der Text der beiden strophen ist unten mit aufgeführt) nach der Fassung des EG unter der Nummer 41. Leider fehlt die 8. Strophe im Evangelischen Gesangbuch; ebenso auch im "alten" EKG und im Gotteslob, wo auch die Strophen 5 und 6 fehlen; nur das Schweizer RG hat alle acht Strophen. Siehe zur Liedgeschichte ausführlich bei G.Benrath.

"Jauchzet, ihr Himmel, frohlocket, ihr Engel, in Chören" und "Jauchzet, ihr Himmel, frohlocket, ihr Enden der Erde"

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Bemühen im Reden und Hören. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

„Jauchzet ihr Himmel, frohlocket, ihr Engel, in Chören.“ Mit den beiden ersten beiden Strophen haben wir eben Gerhard Tersteegens Weihnachtslied begonnen. Dieses bei uns eher unbekannte Lied soll heute im Mittelpunkt der Predigt stehen – und zwar mit allen acht Strophen. Leider haben die Redaktoren des Evangelischen Gesangbuches, wie schon ihre Vorgänger beim EKG die achte, die letzte Strophe weggelassen. An mehreren Stellen wurde auch der Text verändert. An manchen Stellen, weil wir heute so nicht mehr sprechen, in der siebten Strophe aber auch sehr stark inhaltlich. Weil ich für die achte Strophe sowieso ein Lied-Blatt brauchte, habe ich die siebte Strophe in ihrer originalen Gestalt mit abgedruckt. Wir singen das Lied auch auf die Melodie, für die das Lied auch geschrieben wurde: „Lobe den Herren, den mächtigen König“. Die war in den reformierten Gemeinden, für die Tersteegen schrieb, von Joachim Neanders Lied her gut bekannt – wie bei uns heute ja auch noch.

Gerhard Tersteegen lebte von 1697 bis 1769. Er war zu seiner Zeit ein bedeutender geistlicher Schriftsteller und gesuchter Seelsorger, heute sind von ihm aber fast nur noch seine Lieder bekannt. Gerhard Tersteegen suchte die Gegenwart Gottes, das war seine große Sehnsucht. Diese Suche brachte für ihn auch einschneidende berufliche Entscheidungen mit sich. Mit 22 Jahren stieg Tersteegen aus seinem ungeliebten Beruf als Kaufmann aus und wurde Seidenbandweber. Dieser zurückgezogene Beruf am Webstuhl zuhause ermöglichte ihm nebenbei das, was ihm am Herzen lag: sich mit seinen geliebten Büchern zu beschäftigen. Er lernte die Schriften der Mystiker kennen und übersetzte einige dieser Schriften ins Deutsche. Mit 31 Jahren gab Tersteegen dann auch den Beruf als Seidenbandweber auf, zog sich aus jedem geschäftlichen Leben zurück und lebte äußerst bescheiden in einer einfachen Hütte, wo ihn viele Bedürftige aufsuchten. Er betreute Kranke und Notleidende und wirkte als Prediger in der protestantischen Erweckungsbewegung. Das Weihnachtslied „Jauchzet, ihr Himmel“ entstand zwischen 1729 und 1731, also ganz zu Beginn dieser „berufslosen“ Zeit seines Lebens.

In den ersten beiden Strophen, die wir eben gesungen haben, wird vor allem die himmlische Welt des Weihnachtsgeschehens zum Gotteslob aufgerufen. Es reichen ein paar Stichpunkte: die angeredeten Engel, der Titel Heiland der Menschen, Gott, der sich freundlich und nah zu den Verlorenen hinwendet – So malt Tersteegen den Sängerinnen und Sängern die Szene mit der Verkündigung an die Hirten und die Menge der himmlischen Heerscharen vor Augen. Es ist nicht nötig, die Szene im Einzelnen nachzuerzählen; der Dichter kann den Bericht der Weihnachtsgeschichte getrost voraussetzen. Mit dem Ende der ersten Strophe wagt Tersteegen dann aber auch schon einen Ausblick auf das, was für Jesus später so etwas wie das Grundsatzprogramm seines Wirkens sein wird: Jesus kommt, um die Verlorenen zu suchen und zu Gott zurück zubringen, damit sie –Gott und Sünder – Freunde werden, wie es dann in der nächsten Strophe heißt.

Auch in dieser zweiten Strophe steht dann der Aufruf zur Freude im Himmel im Mittelpunkt, jetzt kommen aber auch die Enden der Erde dazu und dann auch die Hirten, ja sogar ihre Herden. Die Freude ist alles umfassend. Denn das, wonach sich die Menschen am meisten sehnen: Friede und Freude – das ist die Botschaft, die uns verheißen und verkündigt wird. Uns – aus der Sicht der Weihnachtgeschichte sind das die Hirten damals; uns – aus der Sicht derer, die es singen, sind es auch die Menschen heute. Friede und Freude, weil es einen Ausgleich gibt zwischen Gott und den Menschen, die sich durch die Macht der Sünde immer wieder von ihm abwenden.

Die dritte und die vierte Strophe sind dann wie vorher durch Aufforderungen an die Engel und die Enden der Erde, also alle Menschen geprägt. Es ist aber jetzt mehr eine theologische Ausdeutung der ersten beiden Strophen. Lasst uns die Strophen 3 und 4 gemeinsam singen:

„Sehet dies Wunder“ und „Gott ist im Fleische“

Liebe Schwestern und Brüder!
Voller Staunen steht der Dichter als Betrachter da – und wir mit ihm: Was da geschieht, ist ein Wunder, das von uns Menschen mit unserem Verstand so nicht zu erfassen ist: Nicht nur, dass der Höchste sich erniedrigt, sondern wie tief; nicht nur, dass er Liebe in sich trägt, sondern dass er sie für die Menschen erfahrbar und spürbar macht, darauf kommt es an. Mit dem Kind in der Krippe wird der Graben überwunden, den es zwischen Gott und der Welt gibt, mit diesem Kind wird das Unvereinbare vereint.

Auch wenn es Tersteegen vor allem darauf ankommt, dass der Glaube an Gott und die Liebe zu ihm im Herzen der Mensch wachsen; wenn es ihm auf die persönliche Gotteserfahrung ankommt, die in der Innerlichkeit des Herzens geschieht – das Weihnachtsgeschehen ist für ihn nicht unwichtig oder gar unnötig. Die Sichtbarkeit der Liebe Gottes in dem Kind im Stall vor 2000 Jahren ist das Unterpfand für die Menschen später: Gott ist da und nah – auch wenn es – davon steht in diesem Lied nichts – auch wenn es bei den Menschen Zeiten gibt, in denen von der Nähe Gottes im eigenen Herzen nichts zu spüren ist. Was Gerhard Tersteegen zum Teil über Jahre hinweg auch erlebt hat.

Ganz anders als bei Paul Gerhard der Einzelne: "und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen“ – ganz anders hält wegen der Geburt dieses Kindes, hinter dem auch das Kreuz schon aufscheint, die ganze Welt den Atem an und betet an und schweigt. Und doch muss Gerhard Tersteegen, muss der Betrachter von diesem geheimnisvollen Geschehen reden. Es ist so überwältigend, dass er nicht schweigen kann, sondern –wenn auch nur in Fragen und eher stammelnd – davon reden muss.

Aber auch in der vierten Strophe 4. kommt das Wort zum tragen, das für Tersteegen wie für viele andere so entscheidend ist, wenn sie von Gott reden: das Wort „Geheimnis“. Und in dieser Strophe ist es sogar ein doppeltes Geheimnis: Es geht zum einen ganz grundsätzlich um das Geheimnis, das wir Gott nennen, über den wir doch nichts sagen können, weil alle Worte und Vorstellungen zu kurz oder zu eng sind, um ihn zu erfassen. Und es geht dann in einem zweiten Schritt um das Geheimnis, dass dieser unbegreifliche Gott sich ein menschliches Gesicht gibt: „Gott ist im Fleische, wer kann dies Geheimnis verstehen?“ Vielleicht haben wir noch das Evangelium im Ohr, das ebenfalls davon spricht, wie Gott Mensch wird: „… und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.“ Weil Gott Mensch wurde, ist die Pforte zum Leben eröffnet.

Für Gerhard Tersteegen reicht alleine das aber nicht aus: Gott wird nicht nur Mensch, Gott wird Kind. Der Weg zu Gott führt von nun an über die Gemeinschaft mit dem Kind Jesus: „Gehet hinein, eins mit dem Kinde zu sein!“ fordert er die Welt und so auch uns auf. Es mag bei diesen Worten der Stall bei uns anklingen, in den die Hirten eintreten sollen, es mag vielleicht sogar das „Niemand kommt zum Vater, denn durch mich!“ anklingen; aber die Betonung bei Tersteegen ist unüberhörbar: „Gehet hinein, eins mit dem Kinde zu sein!“

Mit der fünften Strophe beginnt deshalb ein ganz neuer, der zweite Abschnitt im Lied Tersteegens, um zu zeigen, was das heißt. Nicht mehr der Aufruf an die Himmel, und die Enden der Erde steht so im Mittelpunkt, sondern das Gespräch des Dichters und damit auch unser Gespräch mit dem Kind, dem menschgewordenen Gottessohn. Lasst uns zunächst die Strophen 5 und 6 singen.

„Hast du denn, Höchster“ und „König der Ehren“

Das Strophenpaar fünf und sechs nimmt uns mit hinein in das Zwiegespräch des von dem Weihnachtsgeschehen ergriffenen und in diesem Sinn frommen Menschen mit dem göttlichen Kind. Die Fragen der fünften Strophe sind natürlich mit Ja zu beantworten: Ja, der Kind gewordene Gott denkt auch an mich und schenkt mir seine Liebe. Und so sind nicht staundendes Schweigen und Anbetung für das Ich des Dichters und das Ich der Singenden wichtig, sondern die innige Freude und die Demut, die Unterordnung unter Gottes liebenden Willen.

Davon singt dann die sechste Strophe: Die Liebe Gottes, die ich empfange, fordert mich dazu heraus, dass ich Gott meine Liebe zurück gebe. Und so ist diese ganze Strophe ein einziges Gelöbnis der liebenden Treue, die ich Gott, dem Kind, darbringe. Zuerst wird es positiv formuliert: Gott alleine soll in meinem Leben die bestimmende Kraft sein – und dann mit dem gleichen Sinn ganz entschieden negativ: Ich verwahre mich gegen alles, was mich von Gott wegbringen will, gegen das, was Tersteegen hier die Sünde nennt.

So gut und ernst dieses doppelte Gelöbnis gemeint sein mag – die Liebe zu Gott und die Absage an die Sünde – ihre Erfüllung kann nur Jesus Christus selbst verbürgen und bewirken. Glaube ist eben auch für Gerhard Tersteegen nichts, was wir Menschen machen könnten, sondern ein Geschenk. Und so münden die Strophen fünf und sechs in eine fünffache Bitte in der siebten Strophe ein: Dass die Geburt Jesu eben nicht nur eine äußerliche Sache vor vielen Jahren gewesen sein möge, sondern dass sie auch in mir geschieht; dass ich aus meinem Elend mit dem ganzen Leid und aller Gottesferne befreit werde; dass Jesus in meinem Herzen wohnt und ich von ihm immer wieder neu belebt werde: wie vom Geist Gottes in der Taufe und durch die Gaben des Abendmahls als Wegzehrung auf dem Weg des Glaubens. Dass ich eins werde mit ihm, weil nicht mehr ich, sondern Christus in mir lebt, wie es der Apostel Paulus ausgedrückt hat.

Das ist das Ziel: Dass Jesus im Herzen des glaubenden Menschen wohnt und ganz von ihm Besitz ergreift. Das scheint auf den ersten Blick vielleicht nicht viel und doch wissen wir es alle, wie schwer das in Wahrheit ist. Der Weg dahin wird darüber hinaus für jeden Menschen unterschiedlich aussehen. Allein nach dem Gefallen Jesu zu leben, wie es in der achten Strophe schließlich heißt, kann und wird für jede und jeden eben sehr unterschiedlich sein. Für Tersteegen war es neben der Versenkung in die Innerlichkeit des Herzens die tätige Liebe an den Kranken und Ratsuchenden. Für uns mag es jeweils Ähnliches oder etwas ganz Anderes sein. Dies gilt es zu hören.

Das Entschiedende ist die Bitte in der letzten Zeile: die Bitte um die Kindergestalt im Glauben. Und wie sich in anderen Gedichten zeigt, ist es nicht das Kind als Klein- oder Schulkind, das Tersteegen vor Augen hat, sondern eben das Neugeborene, das Krippen- und Wiegenkind. So vereinen sich mit Weihnachten für ihn zwei Worte des erwachsenen Jesu, das erste aus dem Matthäusevangelium, das zweite aus dem Johannesevangelium: Wer in das Reich Gottes kommen will muss umkehren und werden wie die Kinder; ja, er muss von neuem geboren werden. Tersteegen prägt es uns mit seinem Weihnachtslied ein: Die Kindwerdung Gottes verlangt die Kindwerdung des Menschen.

Lasst uns auch diese beiden letzten Strophen singen.

„Süßer Immanuel“ und „Menschenfreund Jesu“

7. Süßer Immanuel, werd auch geboren, inwendig,
komm doch, mein Heiland, und lass mich nicht länger elendig
Wohne in mir, mach mich ganz eines mit dir, und mich belebe beständig!

8. Menschenfreund Jesu, dich lieb ich, dich will ich erheben!
Laß mich doch einzig nach deinem Gefallen nun leben:
Gib mir auch bald Jesu, die Kindergestalt, an dir alleine zu kleben.

Amen.

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