Predigt am Altjahrsabend über Johannes 8,31-36

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
Der Predigttext für den Altjahrsabend steht im Evangelium nach Johannes, im 8. Kapitel:

Luthertext: http://www.dbg.de/channel.php?channel=35&INPUT=Joh+8%2C31-36
Gute Nachricht: http://www.dbg.de/channel.php?channel=36&SELECT=gnb&INPUT=Joh+8%2C31-36

Großer Gott, dein Heiliger Geist ist Herr über Reden und Hören. Segne unser Bemühen durch Christus, unseren Bruder und Herrn. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder!

Die Zeit der Rückblicke ist auch in diesem Jahr da gewesen – wie alle Jahre. Land auf, Land ab, ob Radio- und Fernsehsender oder Zeitung: Alles blickt zurück. Auch wenn das Jahr noch nicht einmal ganz zuende ist, die ersten Rückblicke kommen schon im November.
Das Erinnern an das, was gewesen ist, ist unendlich wichtig für uns Menschen. Die Summe dessen, was andere an uns weitergegeben haben, was wir erlebt haben – Schönes und Trauriges, Erfolg und Misserfolg in allen Bereichen unseres Lebens über all die Jahre hin – diese Summe macht ja unser Ich, unsere Identität aus – diese Summe, das sind wir. Nähme man etwas aus unserer Vergangenheit weg, wir wären andere Menschen. Es ist also da, was gewesen ist, allerdings auch ohne eine multimediale Rückwende.

Manchmal beschleicht mich das Gefühl, viele Menschen brauchen aber solche Rückblicke. Denn ohne sie müssten sie – mit einer gewissen Angst vor dem Vakuum fragen: „Wo ist die Zeit hin? Wie habe ich, wie haben wir als Gemeinschaft sie zugebracht? Hatte es Sinn oder haben wir uns die Zeit nur – im echten Wortsinn – vertrieben? Ist von den vielen Tagen und Stunden Bleibendes geblieben?“ Also schnell den Rückblick her: „Das ist in der großen weiten Welt gewesen, das in unserem Land.“ Und in diese großen Daten der Weltgeschichte, in die vielleicht nicht ganz so großen Daten der Landes- und Regionalgeschichte, kann ich dann auch noch die Daten meiner ganz persönlichen Lebensgeschichte mit hineindenken und mit hinein weben.

Alles das hat seine Berechtigung – ob in Form von Videokassetten oder von Büchern, ob als glitzernde DVD-Scheibe, als Videosequenz im Computer oder im inzwischen etwas altmodisch anmutenden Fotoalbum. Auf seine Weise sagt aber jeder Rückblick dasselbe: Wir haben wirklich gelebt und es ist gut sich daran zu erinnern, sonst wäre alles sinnlos gewesen. Nun aber sind wir im Jetzt angekommen, an der Schwelle zum neuen Jahr und wir wollen darüber hinaus wissen, was jetzt auf uns zukommt. Was mag uns die Zukunft bringen?
„Wer sind wir, woher kommen wir und wohin gehen wir?“ Es sind die uralten Fragen der Menschheit. Sie stehen am Abend des Jahres für viele Menschen vor allem auf die eigene Person bezogen im Mittelpunkt: „Wer bin ich, woher komme ich und wohin gehe ich?“ – auch für Menschen, die sich zu Jesus Christus rechen, ist das nicht anders. Die letzte Frage wird dann allerdings oft in einer abgewandelter Form gestellt. Sie heißt dann nicht nur: „Wohin gehen wir?“ sondern auch „Wohin sollen wir gehen?“ Denn Christen suchen Wegweisung, wenn sie an diesem Abend ihr Leben vor Gott bedenken: mit all dem, was war und ist und sein wird.

Wohin gehen wir? – Wohin sollen wir gehen? Gefragt ist der, von dem wir uns diese Wegweisung erhoffen: von Jesus Christus selbst. Mit unserem Predigttext aus dem Johannesevangelium gibt er uns aber leider nicht die eine eindeutige Antwort, die wir so gerne hätten, die uns aller Sorgen entheben würde, kein Patentrezept. Aber Jesus eröffnet uns mit seinem Wort einen Horizont, in dem wir unsere Zukunft betrachten und angehen können: „Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wirklich meine Jünger, und ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch befreien.“

Im Wort Jesu bleiben – es geht also um Menschen, die schon drin sind im Wort Jesu, die sich zu ihm bekannt haben, die ihm nachfolgen, die – und das ist auch unsere Situation heute – getauft sind: Die sollen drin bleiben. Es ist eine Aufforderung, die nur dann Sinn macht, wenn die Gefahr besteht, dass man aus diesem Wort Jesu wieder hinausfallen kann. Und in der Tat, vieles ist da, was dazu führen und verführen kann, dass man sich abwendet und wieder herausfällt. Immer wieder haben Christen diese Erfahrung machen müssen. Denen es aber gelingt, im Wort Jesu zu bleiben, denen ist die wahre Jüngerschaft verheißen.

Damit tut sich aber die nächste Frage auf: Was heißt das, wahrer Jünger zu sein? Von Jesus wird es nach dem Evangelisten Johannes so umschrieben: „Sie, die Jünger, werden die Wahrheit erkennen.“ Und wir fragen erneut nach, vielleicht mit den Worten von Pontius Pilatus, der später bei dem Verhör Jesu fragen wird: „Was ist schon Wahrheit?“ Wahrheit ist im Johannesevangelium nicht einfach nur, dass Aussagen richtig sein müssen, um wahr zu sein. Wie etwa in einem Quizspiel, das seine Fragen auf den beiden Möglichkeiten „Wahr oder falsch?“ aufbaut. Wahrheit ist nach Johannes gleichbedeutend mit der Wirklichkeit Gottes, mit Gott selbst. „Ihr werdet die Wahrheit erkennen“, heißt: „Ihr werdet Gott erfahren, ihr werdet hinein genommen in Gottes Reich und unter seine Herrschaft.“ Eben dies geschieht in der Taufe. Menschen werden, wie es in der Taufliturgie heißt, der Herrschaft Gottes, seiner Wirklichkeit unterstellt. Jede und jeder Glaubende hat Anteil an der göttlichen Wirklichkeit, so wie alle, die glauben und am Abendmahl teilnehmen, Anteil an Leib und Blut Christi haben.

Die Folge von dieser Wahrheit, also von Gottes Wirklichkeit, ist Freiheit. Es ist das zweite große Wort in diesem Predigttext und auch hier müssen wir vorsichtig sein. Denn Freiheit im neutestamentlichen Sprachgebrauch meint nicht Freiheit, wie wir sie heute meistens verstehen. Freiheit hat nichts mit heutiger Selbstverwirklichung zu tun. Es gab keine Slogans nach dem Motto: „Ich will frei sein und so leben, wie ich will!“ Es gab keine Freiheit an sich, keine Autonomie des Einzelnen, es gab immer nur eine Freiheit von etwas. In diesem Sinn widersprechen die Zuhörer Jesu ja auch sofort: „Keiner von uns ist jemals Sklave gewesen! Wie können wir dann frei werden von der Herrschaft eines Menschen? Was redest du dann davon: Ihr sollt frei und befreit werden?“ Sklave zu sein, das ist eine absolute Abhängigkeit. Doch Jesus macht deutlich, dass es ihm nicht um die Herrschaft von Menschen über andere geht, sondern um eine viel gefährlichere, weil nicht offen sichtbare Herrschaft.

Jesus nennt den einen Sklaven, der Sünde tut – eben einen Sklaven der Sünde, und es ist einer, der unter der Macht der Sünde ist. Die Sünde beherrscht ihn – nicht der Mensch die Sünde, er ist nicht frei von ihr. Was Jesus in diesem Gespräch hier Sünde nennt, kann im Neuen Testament mit vielen anderen Begriffen auch ausgedrückt werden. Es sind Situationen und Verhaltensweisen, die auch den Menschen heute nicht fremd sind, Jesus findet auf alle diese Abhängigkeiten eine Antwort.

Menschen sind geradezu Sklaven der Sorge um Nahrung, Kleidung und Überleben. Jesus antwortet: „Sehet die Lilien auf dem Felde und die Vögel unter dem Himmel. Sie säen nicht und sie ernten nicht und ihr himmlischer Vater erhält sie doch. Es genügt, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“

Menschen sind Sklaven des Rückblicks und damit der Vergangenheit. Jesus antwortet: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“

Menschen sind Sklaven der Regel vom gegenseitigen Geben und Nehmen, ja vom eigenen Vorteil: Du bekommst nur etwas, wenn ich ein mindestens gleichwertiges Gegenstück dafür erhalte. Menschen sind Sklaven von Begierde und Besitztrieb. Jesus antwortet: Verkaufe deinen Besitz und gib ihn den Armen, von denen du nichts Materielles zurück bekommst, werde frei vom Besitz und folge mir nach.

Menschen sind Sklaven von Dämonen, sie sind Sklaven von Mächten und Gewalten, vom Tod. Jesus antwortet: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Ich lebe und ihr sollt auch leben.“

Menschen sind Sklaven des Buchstabends im Gesetz, der Traditionen und Rituale. Jesus antwortet: „Du sollst den Herrn deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und aller Kraft und deinen Nächsten wie dich selbst. Das Gesetz ist für den Menschen da, nicht der Mensch für das Gesetz.“

Menschen sind Sklaven ihres selbstgemachten Gottes. Jesus antwortet: „Ihr habt einen Vater im Himmel, ihr seid seine Kinder.“
Wer Sünde tut, ist ein Sklave der Sünde. Jesus sagt: die Wahrheit, die Gottes Gegenwart, seine Kraft wird euch befreien, sie wird euch frei, ledig und los machen von diesen Abhängigkeiten.

An der Schwelle zu einem neuen Jahr kehre ich noch einmal an den Anfang des Predigttextes zurück. „Wenn ihr in meinem Wort bleibt …“ Das Wort Jesu mag sich in einem ersten Moment sehr einfach anhören: „Klar, bleiben wir, warum sollten wir nicht, und wir sind doch getauft. Kein Problem!“ In einem zweiten Moment kann ein großes Erschrecken alles überlagern: Was ist eigentlich, wenn dieses „Wenn“ sich nicht erfüllen lässt. Diese Erfahrung machen Christen trotz aller guten Vorsätze auch immer wieder. Der Jahreswechsel ist von vielen dieser Vorsätzen begleitet: „Ich bessere mich, ich höre mit diesem oder jenem auf, ich fange mit diesem oder jenem an.“ Allein an diesen Vorsätzen müssen wir erkennen, dass eben doch diese oder jene Abhängigkeit da ist. Und wenn es nur die Abhängigkeit von der Bequemlichkeit ist, die gerade durch den guten Vorsatz offenbar wird: „Ich will im nächsten Jahr 2x die Woche joggen gehen.“ Da bekommt das „Wenn ihr in meinem Wort bleibt …“ seine Brisanz. „Was ist, wenn nicht?“

Jesus stellt das Gelingen dieses ersten „Wenn“ in einen neuen, entscheidenden Zusammenhang. Am Ende des Predigttext sagt er: „Wenn nun der Sohn euch befreit, so seid ihr wirklich frei.“ Ein neues „Wenn“, aber dieses „Wenn“ ist nicht von uns oder unserer Leistung abhängig, dieses „Wenn“ ist in Jesus erfüllt. Der Sohn ist für die Sünden der Welt am Kreuz gestorben. Gott hat ihn der Welt zum Zeichen auferweckt und so das besiegelt, was im Sterben Jesu geschehen sollte und geschehen ist: Befreiung der Menschen, ja der ganzen Welt aus aller Abhängigkeit. „Der Sohn hat euch befreit, so seid ihr wirklich frei.“ Möge uns dieses Wort im Rückblick auf das zuende gehende Jahr und im Ausblick auf das kommende Jahr einen weiten Horizont eröffnen und so eine Wegweisung sein. Möge uns immer wieder neu geschenkt werden, im Wort Jesu zu bleiben. Möge Gott das glaubende Vertrauen in uns immer neu schaffen und aufwachsen lassen. Und mögen wir es dann erkennen und annehmen.

Amen.

Autor: PaToWi

Ich darf mein Leben frei gestalten unter dem liebenden Blick Gottes. Ist das nicht Grund genug auf IHN zu hören und mir von IHM den Weg weisen zu lassen?

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