Predigt zur Eröffnung der Bibelwoche über Apostelgeschichte 3,12-26

Der Predigttext Apostelgeschichte 3,12-26 (Luthertext) wurde vor der Predigt als Schriftlesung gelesen. Die Fassung der Gute Nachricht Bibel ist hier zu finden.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Bemühen im Reden und Hören. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Die Heimat ist vielen Menschen wichtig. Manchmal hat es sogar den Anschien, als ob die eigene Stadt, das eigene Dorf zum berühmten ‚Nabel der Welt‘ erklärt wird, wo allein das Leben wirklich lebenswert ist. Auch bei uns hier in Möllbergen ist das so – in allen Abstufungen der Meinungen. Für die einen ist Möllbergen nur der Ort, wo sie wohnen – mehr auch nicht; für die anderen aber ist Möllbergen der wahrscheinlich schönste und liebenswerteste Ort auf der Welt, den man für nichts hergeben möchte: ist der Arbeitsplatz auch noch so weit entfernt – von hier fortziehen kommt nicht in Frage, und selbst wenn, dann höchstens bis ins geradezu feindliche Ausland nach Eisbergen oder Lohfeld, denn dann kann man ja weiter im TuS Mitglied bleiben und seine Kinder hier in den Kindergarten oder in die Schule schicken. Es ist ja auch verständlich: Hier kennt man die Menschen, hier hat man seine Freunde und weiß, wie alles läuft.

Trotzdem zieht es viele Menschen einmal oder mehrere Male im Jahr in die Ferne. Im Urlaub können wir dann einmal Neues schnuppern, können wir uns einen anderen Wind um die Nase wehen lassen. Um dann nach ein oder zwei, spätestens nach drei Wochen wieder glücklich nach Möllbergen zurück zu kommen, wo eben alles ist wie immer. Und darauf kommt es an: wir können in die Ferne reisen, weil wir wissen, wohin wir zurück kommen; weil wir wissen, dass wir hier unseren sicheren Ausganspunkt haben. Ein Aufbruch ohne diese Sicherheit fiele uns sehr viel schwerer.

Wie uns ist es den Menschen bestimmt auch ergangen, die sich zu allererst zu Jesus als dem Christus, dem Gesalbten und Gesandten Gottes bekannt haben. Das waren, wie Petrus und Johannes, Andreas und Jakobus, wie die Frauen, die Jesus nachgefolgt sind, alles Menschen, die vor allem ihre Heimat Galiläa kannten und sich dort auch zuhause fühlten, und gerade noch in Jerusalem von den Wallfahrtsfesten her.

Und dann bekommen sie den Auftrag Jesu: Zeugen sollten sie sein, von Jerusalem bis an die Enden der Erde. Jerusalem, das kennen sie, aber weiter hinaus? Bis wohin soll es denn gehen? Das ist die Situation, in der die Texte der Bibelwoche in diesem Jahr ihren Ausganspunkt haben: von Jerusalem aus, dem unbestrittenen Zentrum der jüdischen Welt, hinaus in die Welt. Für die Apostelgeschichte heißt das Ziel zunächst einmal Rom, das Zentrum der damals bekannten Welt. Aber die Apostelgeschichte ist ja nicht das Ende der Entwicklung, sonst glaubten wir hier heute immer noch an Wallhall und den nie endenden Schweinebraten.

Der Titel der Bibelwoche weist uns den gedanklichen Weg: „Über den Horizont hinaus!“ Über den Horizont hinaus – und das in mehrfacher Hinsicht: rein geografisch nach dem Auftrag Jesu über den Horizont der Stadt Jerusalem hinaus; dann aber auch über den Horizont des jüdischen Denkens und der jüdischen Tradition hinaus bis hin zu den Heiden; schließlich über den Horizont der eigenen Gotteserfahrung hinaus. Dies stellt uns die Bibelwoche in diesem Jahr vor Augen. Und immer wieder fragen diese Texte die Menschen damals und vor allem auch uns heute: Wie sieht es mit deinem Horizont aus? Bist du bereit mitzugehen, oder bleibst du bei dem, was du kennst? Bist du, ja auch du heute in Möllbergen bereit, dich diesem Gott anzuvertrauen und dich über deinen Horizont hinaus führen zu lassen?

Wer sich, wie die Jünger, als Jesus sie gerufen hat, auf diese Frage einlässt, muss mit Konsequenzen für sein Leben rechnen – mit Konsequenzen, die das Leben verändern werden. Aber – anders als wenn wir heute mit drohendem Unterton sagen: »Das wird Konsequenzen haben!« – mit Konsequenzen, die das Leben zu einem echten Leben machen, zu einem Leben, das sich eben nicht im Vertreiben der Zeit oder im Absitzen von Stunden, Tagen und Jahren erschöpft.

Schon im ersten Text dieser Bibelwoche, der uns heute beschäftigt, werden wir darauf hingewiesen. Im Schlusssatz der Predigt des Petrus kommt dies besonders zum Tragen. Petrus spricht zu den Menschen im Tempel, nachdem er zusammen mit Johannes den Gelähmten geheilt hatte. Und mit seinem letzten Satz fasst er noch einmal alles das zusammen, auf das es ihm ankommt: „Für euch zuerst hat Gott seinen Knecht Jesus erweckt und hat ihn zu euch gesandt, euch zu segnen, dass ein jeder sich bekehre von seiner Bosheit.“

Da klingt zunächst das an, was wir in den vergangenen Wochen gefeiert haben und noch feiern: Weihnachten und Epiphanias – dass sich Gott mit Jesus ein menschliches Gesicht gegeben hat und uns auf diese Weise so unendlich nahe gekommen ist. Doch es mischt sich bei uns wohl auch Unbehagen oder sogar Ärger in die Betrachtung, wenn wir den Rest des Satzes mithören: „… dass ein jeder sich bekehre von seiner Bosheit.“ So etwas wollen wir nicht hören, so etwas stellt uns mit unserem bisherigen Leben in Frage. Sind wir böse gewesen, dass wir es nötig hätten, uns zu demütigen und Gott etwas einzugestehen?

Aber es geht nicht in erster Linie um unsere Bosheit, sondern um das, was Jesus damit zu tun hat. Es geht darum, dass Jesus gekommen ist, um uns eine Möglichkeit zu geben, unser Verhältnis zu Gott neu zu gestalten und neu auszurichten. – Weil wir das von uns aus gar nicht könnten. In Jesus ist eben nicht eine Freude Gottes am Zerschlagen des Lebens, sondern Gottes Liebe zu den Menschen aufgeschienen.

Trotzdem: Eine Hinwendung – auch jede neue Hinwendung zu Gott fängt damit an, dass ich erkenne, dass ich mich vorher von Gott abgewendet hatte. So bitter das sein mag, so schwer wir Menschen uns damit auch tun mögen. Ohne das geht es nicht.
Ja, solche Wahrheit schmerzt – Und so ist dieser erste Text für die Bibelwoche überschrieben, und dieser Titel trifft denn auch unsere Gefühle und unsere Situation. Aber der Schmerz, den die Wahrheit uns bereitet, ist auszuhalten. Denn wir haben eine Perspektive. Wir sind nicht verdammt dazu, uns immer wieder neu auf das Gewesene festlegen zu lassen. Denn das ist doch das schlimmste: Fehler machen wir alle, aber wie oft werden wir immer wieder neu und nur an diesen Fehlern gemssen: Einmal gehauen – immer ein Schläger; einmal gelogen – dem kann man nie trauen; einmal arbeitlos – nie mehr zum Arbeiten zu gebrauchen; einmal eine fünf – nie wieder gut beim gleichen Lehrer?

In seiner Predigt im Tempel von Jerusalem stellt Petrus den Menschen damals und uns heute dies alles vor Augen. Er geht von dem Erstauen und der Bewunderung aus, die die Menschen ihm und Johannes entgegen bringen. Das ist das Vordergründige. Doch Petrus weitet den Menschen ihren Horizont und stellt das, was da geschehen ist, in einen großen, unendlich wichtigen Zusammenhang: Er verbindet drei Gedanken: zuerst die Tradition seiner Zuhörer, ihr ganzes Selbstverständnis als Juden, die sich auf den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs berufen; mit der Heilung des Gelähmten im Tempel und schließlich mit dem Weg Jesu, vor allem seine Ablehnung und Verurteilung durch die Jerusalemer Tempeloberen und viele andere Menschen.

Petrus hält den Menschen im Tempel ihre eigene Vergangenheit vor, ihre eigene Schuld, ihr eigenes Versagen: Jesus nicht angenommen zu haben, sondern ihn vielmehr ausgeliefert und ans Kreuz geliefert zu haben. Wie sehr muss die Menschen das damals geschmerzt, ja sogar geärgert haben. Doch dann wendet sich die Sprachrichtung von Petrus. Er erinnert an die Auferstehung Jesu, die Petrus mit den anderen Jüngern bezeugt, und führt die Heilung des Gelähmten direkt auf diese Auferstehung zurück. Größer kann die Anklage kaum noch werden.

Doch Petrus besteht dann nicht mehr auf der Schuld der Menschen vor ihm, er drückt sie nicht immer wieder hinein, sondern er baut ihnen vielmehr Brücken, geradezu goldene Brücken, um sie für seine und damit für die Sache Jesu zu gewinnen: „Ich weiß, dass ihr‘s aus Unwissenheit getan habt wie auch eure Oberen. Gott aber hat erfüllt, was er durch den Mund aller seiner Propheten zuvor verkündigt hat: dass sein Christus leiden sollte.“

Trotz allem aber: Die Schuld wird von Petrus nicht ungeschehen gemacht, sie wird nicht weggewischt, als wäre sie ein Nichts. Aber die Menschen im Tempel sollen nicht mehr auf sie festgenagelt werden. Petrus fordert die Anerkennung der Schuld, dieses schmerzhafte Eingeständnis, aber er verheißt dafür auch das Ende dieser Schuld: So tut nun Buße und bekehrt euch, dass eure Sünden getilgt werden.
Petrus wendet im Grunde die Grundsätze der modernen Pädagogik an: keine Strafe, die doch nur in Trotz, Verstockung und Abweisung führen würde; aber auch keine Kuschelpädagogik, die jeden Fehler relativiert oder gar nicht mehr ernst nimmt. Petrus geht es darum, den Menschen einen Weg nach vorne zu zeigen. Dazu baut er auf ihre Einsicht, ihr eigenes Einsehen – und damit auf eine echte Umkehr.

Als kleiner Junge habe ich so eine Art von Pädagogik selbst erlebt. Wenn ich etwas kaputt gemacht hatte oder wenn etwas schief gelaufen war, hat mein Vater mich beiseite genommen, hat sich alles erklären lassen und mir dann jedesmal dieselbe Frage gestellt: „Nun, Torsten, was lernen wir d‘raus für‘s Leben?“ Und dann habe ich für mich meine Konsequenzen ziehen müssen und – was unendlich viel wichtiger war – ich habe meine Konsequenzen ziehen dürfen. Ein kleiner aber entscheidender Unterschied. Und auch wenn ich meine eigenen Erkenntnisse nicht immer so ganz konsequent eingehalten habe, vieles ist mir wohl selbstverständlich geworden. So hat mir mein Vater, weil er mich zum einen nicht auf das Vergangene festgelegt hat und weil er zum anderen den Fehler nicht relativiert und belanglos gemacht hat, einen Weg nach vorne, in die Zukunft gewiesen. Er hat mir meinen Horizont für ein neues Leben geöffnet.

So tut es Petrus auch. Ihr seht, sagt er sinngemäß, was damals mit Jesus gewesen ist, was sich seit Mose und den Propheten schon abgezeichnet hat, und was jetzt mit der Heilung des Gelähmten geschehen ist. Seht der schmerzenden Wahrheit eurer Vergangenheit ins Auge, und zieht eure eigenen Schlüsse daraus: Gott wird euch dann nicht auf eure Vergangenheit festlegen, sondern mit eurer Umkehr zu Gott bekommt ihr einen Weg in die Zukunft gewiesen. Wenn ihr euch eurer Vergangenheit aber nicht stellt, dann bleibt ihr auf sie festgelegt, dann wird sie immer drückender, bis sie euch eines Tages erdrückt.

Das alles gilt nicht nur für die Menschen damals im Tempel; es gilt auch und gerade für uns: Nur wenn wir uns den oft schmerzenden Wahrheiten unseres Lebens stellen, können wir sie bearbeiten und so einen neuen Weg in die Zukunft, ins Leben gehen. So wächst aus dem zuerst Unangenehmen ein Leben, das sich dann mit den Stichworten Heil und Heilung verbindet. So wird etwas erfahrbar und spürbar von Gottes Liebe zum Leben, von seiner Liebe zu unserem Leben. Mögen wir dies immer wieder neu erfahren: dass Jesus von Gott gesandt wurde, um uns zu segnen, um uns gutzusprechen, um uns die Freiheit von unserer Vergangenheit zuzusprechen. Das ist die Frohe Botschaft. Eine Horizonterweiterung der ganz anderen Art. Sie wartet auf unsere Konsequenz.

Amen.

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