Predigt zum Abschluss der Bibelwoche über Apostelgeschichte 28: Schritt 7 auf dem Weg von unserem „Jerusalem“ nach unserem „Rom“

Der Predigttext Apostelgeschichte 28,16-31 findet sich hier. Er wurde vor der Predigt als Lesung im Gottesdienst vorgetragen.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Bemühen im Reden und Hören. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder!

Lasst mich, bitte, ganz am Anfang anfangen: Zwar nicht beim 1. Buch Mose, aber immerhin ganz am Anfang der Geschichte Jesu, wie sie Lukas uns erzählt. Ich möchte mit zwei Menschen beginnen, die etwas über diesen Jesus gesagt haben: Der erste ist der Priester Zacharias, der in seinem berühmten Lobgesang über Jesus sagt: „Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk.“ Mit Jesus ist das Heil Gottes auf besondere Weise zum Volk Gottes gekommen.

Aber dabei bleibt es nicht, denn ein Kapitel später schon und eine Woche nach der Geburt Jesu, sagt der greise Simeon, als er Jesus im Tempel erblickt: „Meine Augen haben deinen Heiland gesehen, den du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volkes Israel.“ Das Heil Gottes gilt nicht nur seinem Volk, sondern hat sein Ziel auch bei den Heiden. Und es ist sogar mit Auseinandersetzungen um Jesu willen zu rechnen, wie Simeon es Maria sagt: Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: „Siehe, dieser ist gesetzt zum Fall und zum Aufstehen für viele in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird.“ An Jesus scheiden sich die Geister. Das steht schon zu Beginn des Evangeliums fest.

Damit ist der Beginn eines riesigen Bogens gesetzt. Dieser Bogen reicht mit seiner Spannung bis an das Ende der Apostelgeschichte, wenn Lukas sein Evangelium und seine Apostelgeschichte enden lässt: mit dem Gespräch des Paulus mit den Vertretern der römischen Juden.

Ungefähr bei der Halbzeit sind wir in dieses Ringen eingestiegen und haben am Anfang noch etwas nachklingen hören: den Segen und dem Auftrag Jesu, die er seinen Jüngern und damit auch uns gegeben hat: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.“
Ein Auftrag, der es in sich hat. Und ein Segen, der Großes erreichen lässt. Ich weiß zwar nicht, wie es die Jünger empfunden haben, als Jesus ihnen direkt vor der Himmelfahrt die Worte gesagt hat. Lukas berichtet sie uns am Beginn seiner Apostelgeschichte. Für mich bedeuten sie zweierlei: Zuspruch und Anspruch. Zu allererst Zuspruch: wir bleiben wie die Jünger schon mit unserem Glauben nicht allein. Wir bekommen wie sie die Kraft des Geistes als Beistand. Und wir bekommen die Bestimmung, Zeugen zu sein bis an die Enden der Erde. Das ist mehr als nur eine Aufforderung oder ein Befehl: „Ihr werdet Zeugen sein!“ setzt eine Tatsache. Es ist eine Tatsache, die nur als Segen gedeutet werden kann: In den Augen Jesu sind die Jünger schon dort – an den Ende der Erde – und wie ginge das ohne den Segen Christi?

Aber es ist eben nicht nur Segen, sondern in diesem Zuspruch ist der Auftrag, der Anspruch enthalten: Weil Jesus die Jünger schon dort sieht, müssen sie sich ja aufgemacht haben und seinem Ruf gefolgt sein. Der Anspruch Jesu ist umhüllt von seinem Zuspruch, er ist nicht versteckt hinter dem Zuspruch, dass man ihn nicht sehen würde und falsche Tatsachen vorgespiegelt bekäme. Der Anspruch Jesu ist frei und offen sichtbar, aber er ist umhüllt von Jesu Zuspruch. Dies Zuspruch ist die Voraussetzung für den Anspruch – nicht umgekehrt.

Das ist die Voraussetzung unter der wir mit Petrus und Johannes an der Schönen Pforte im Tempel gestanden und der Predigt des Petrus in der Halle Salomos gelauscht haben; die Vorausetzung, unter der wir mit Philippus auf den Wagen des Kämmerers gestiegen sind, um mit beiden auch in das Taufwassen zu steigen. Mit dem Segen Jesu konnten wir miterleben, wie Gott für Petrus und damit für alle Christen die Grenzen von rein und unrein niedergerissen hat und die Mahlgemeinschaft aller ermöglicht hat, die sich im Namen Jesu versammeln.

Wir konnten so Paulus in Athen hören: und mussten erkennen: am Bekenntnis zu Jesus als dem Christus scheiden sich die Meinungen und die Geister: Die Predigt des Paulus hat eben keine Massenbekehrung bewirkt. Aber sie hat doch Glauben gefunden. Und wir konnten in Ephesus am Aufstrand des Demetrius sehen, wie schnell die Religion im Allgemeinen und das Christentum im Besonderen gefährdet sind, wenn sie für andere Interessen missbraucht werden.

Jede Station der Bibelwoche war vom Entzünden einer Kerze begleitet, deren Licht uns über unseren Horizont hinaus gewiesen hat. Immer weiter wurde dieser Horizont, immer mehr wurden die Grenzen des Denkens hinausgeschoben, bis wir nun heute mit Paulus in Rom angekommen sind.

Hier und jetzt kommt für Lukas alles an sein Ziel: auf der einen Seite das immerwährende Bemühen von Petrus und Paulus und all den anderen um die, die ihnen innerlich so nahe sind, und die doch immer wieder den neuen Glauben und die Begeisterung für die Sache Jesu ablehnen. Und auf der anderen Seite die immer weiter schreitende Hinwendung zu denen, die vorher keine Juden gewesen waren.
Jetzt, in den letzten Versen wird deutlich: Das Ziel der Apostelgeschichte ist eine Entscheidung. Und – so schwer es Paulus und Petrus und auch uns fallen mag, das zu hören: diese Entscheidung ist – gerade auch mit ihrem Wortsinn – eine Scheidung: eine Trennung zwischen den meisten des alten Gottesvolkes auf der einen Seite und den wenigen aus dem alten Gottesvolk und den vielen aus dem neuen Gottesvolk auf der anderen Seite.

An Christus scheiden sich die Meinungen und die Geister – so hatte es Paulus in Athen auf dem Areopag bei den meisten seiner heidnischen Gesprächspartner erfahren müssen. An Christus scheiden sich die Geister – so muss es Lukas jetzt auch am Ende der Apostelgeschichte mit den Worten des Paulus feststellen: „So sei es euch kundgetan, dass den Heiden dies Heil Gottes gesandt ist; und sie werden es hören.“

Paulus musste sich damals damit abfinden, dass seine Glaubensbrüder und -schwestern sich auf seinen Weg nicht oder eben nur in ganz geringen Zahlen einlassen wollten. „Wir können nichts machen.“ Das scheint das Resumee für Lukas zu sein: 24 Kapitel Evangelium und 28 Kapitel Apostelgeschichte haben es nicht vermocht, dem Glaubensgeschwistern von Petrus und Paulus den Heiland Jesus Christus und das Heil Gottes, das in ihm erscheinen ist, nahe zu bringen. Sinngemäß könnte Lukas heute es wohl so formulieren: „Wir können nichts machen, Jesajas jahrhunderte alte Sicht der Dinge gilt anscheinend auf andere Weise neu: der Weg Gottes mit Israel ist ein anderer als der, den er mit den Heiden gehen will.“

Für uns heute stellen sich die Frage und die Entscheidung des Paulus ähnlich und doch ganz anders: Wir müssen immer wieder feststellen: Es gibt so viele Menschen, denen wir uns verbunden fühlen – sei es durch Verwandschaft oder durch Nachbarschaft, durch Freundschaft oder auch nur durch gleiche Zugehörigkeit zu unserer Stadt und unserem Land. Aber diese Menschen wollen die Lehre und den Glauben, die wir ihnen anbieten und vorleben, nicht für sich akzeptieren und annehmen. Und das, obwohl sie durch die Taufe sogar den Zugang schon haben.

Das ist der entscheidende Unterschied zu Paulus: Er wollte seinen Glaubensgeschwistern etwas Neues, einen neuen Horizont im Glauben vermitteln, die aber wollten beim Alten bleiben, das sie bewusst gelebt und lebendig gestaltet haben. Wir wollen im Grunde ja – in Anführungsstrichen – „nur“ das für uns Alte, was schon da ist, wieder beleben, weil es bei so vielen Menschen so selten bewusst gelebt und so wenig gestaltet wird. Und wir müssen doch auch immer wieder feststellen, dass so viele Menschen in großer Gleichgültigkeit dem Glauben gegenüber verharren.

Wie ist es also bei uns? Würden wir uns trauen das Wort des Jesaja von der Verstockung des Gottesvolkes auch auf unsere Zeit anzuwenden und es darauf beruhen zu lassen, um uns dann anderem zuzuwenden? Ich halte das für die falsche Blickrichtung. Denn es geht nicht um die Frage, ob wir uns so etwas trauen, sondern es geht die Frage nach unserer Aufgabe: Wir stehen den Menschen unserer Zeit doch nicht als die besseren Christen gegenüber, die für sich das Heil schon sicher hätten und am Ziel wären.

Auf dem Weg des Glaubens sind wir alle gemeinsam, so wie auch Paulus auf seinem Weg des Glaubens noch nicht an seinem Ziel angekommen war. Und wenn wir meinen, dass den anderen das Bekenntnis zu Gott und zu Jesus noch nicht nahe genug ist, dann sollen und dürfen wir nicht über sie urteilen und ihnen Verstockung vorwerfen, sondern wir dürfen es machen wie Paulus: unsere Häuser und unser Herzen aufmachen und vor allem den Mund und Predigen und erzählen, erzählen und predigen.

„Paulus aber blieb zwei volle Jahre in seiner eigenen Wohnung und nahm alle auf, die zu ihm kamen, predigte das Reich Gottes und lehrte von dem Herrn Jesus Christus mit allem Freimut ungehindert.“ Das erst ist der Schluss der Apostelgeschichte, darauf kommt es Lukas an: Das Haus des Paulus war offen für alle, auch wenn er ein Gefangener war. Aber dieses Gefangensein das hat ihn nicht daran gehindert, von dem Heil Gottes zu sprechen und von Jesus Christus zu predigen: er tat es offen – Lukas nennt es „mit allem Freimut“ und Paulus tat es ungehindert. Mit diesem Wort „ungehindert“ ist trotz der Gefangenschaft des Apostels der freiheitliche und befreiende Schlusspunkt der Apostelgeschichte gesetzt.

Auch wir sind bestimmt nicht in allem so frei, wie wir es gerne wären oder es den Anschein hat. Auch wir sind durch manche Gegebenheiten eingeschränkt. Wir können uns, glaube ich, gut mit Paulus vergleichen. Und so bleiben wir wie er unter dem Anspruch und damit vor allem unter dem Zuspruch Jesu: Wir bekommen seinen Heiligen Geist und wir sind Zeugen bis an die Enden der Erde. Wir müssen nicht, sondern wir dürfen wie Paulus in der Freiheit der Kinder Gottes, von Gottes Liebe zu erzählen: von der Liebe, die den Menschen den Horizont weitet über die enge eigene Sicht der Dinge hinaus; von der Liebe, die die Menschen verändert. Darauf kommt es an.

Amen.

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