Predigt zu Silbernen Konfirmation am Sonntag Lätare

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Evangelium nach Johannes, im sechsten Kapitel:

Luthertext von Johannes 6,47-51 oder Gute Nachricht Bibel: Johannes 6,47-51

Großer Gott, dein Heiliger Geist ist Herr über Reden und Hören. Segne unser Bemühen durch Christus, unseren Bruder und Herrn. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Brot ist Leben. Ganz gleich, ob sie es gerne essen, ob Sie es lieber körnig oder fein, ob Sie es lieber hell oder dunkel, ob Sie es lieber knusprig oder weich haben, ob sie es lieber süß oder salzig haben – immer wird sich auch bei uns in Deutschland mit dem Wort Brot das Wort Grundnahrungsmittel verbinden. Brot bedeutet Leben. Es ist so wichtig wie das Wasser, das wir zum Trinken brauchen, es ist so wichtig wie die Luft, die wir zum Atmen brauchen. Ohne Brot gibt es kein Leben. Sie alle haben heute morgen gefrühstückt, haben mehr oder weniger viel Brot gegessen. Vielleicht waren es auch Cornflakes oder Müsli – ich möchte das alles mit zu Brot rechnen. Ich weiß nicht, ob Sie sich etwas dabei gedacht haben. Vielleicht wissen Sie ja auch, dass die Deutschen immer noch Europameister im Brotessen sind: im Durchschnitt vier Scheiben und ein Brötchen pro Tag und 83,2 kg im Jahr. Haben Sie sich dabei etwas gedacht? Und da gibt es Menschen, die kein Brot, zumindest kein Weizen- oder Roggenbrot und kein Getreide essen dürfen, weil sie dagegen allergisch sind. Da muss man dann gut überlegen, was kann ich dann noch essen?

Auch bei den ersten Christen war das Brot wichtig: »Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.« So heißt es in der Apostelgeschichte des Lukas. Brot ist etwas ganz Wichtiges beim Abendmahl, das aus dem urchristlichen Brotbrechen entstanden ist. Wenn in den Einsetzungsworten über den Oblaten die Worte Christi gesagt werden: »Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird.« Dann ist die Oblate das Zeichen für das Brot, das Jesus damals gebrochen hat. Was denken Sie, wenn Sie beim Abendmahl stehen? Oder – Was denken Sie, wenn Sie beten: »Unser tägliches Brot gib uns heute.«?

Brot ist Leben. Auf diese so kurze Formel kann man es bringen. Auch wenn heute viele Menschen unter Leben etwas anderes verstehen.

Da heißt Leben dann vielleicht: Leben ist für mich nur, wenn ich im Luxus schwelgen kann, ohne zu arbeiten, wenn ich das Sahnehäubchen des Lebens genieße, ohne mich um den Cappuccino zu kümmern, der darunter ist – das ist Leben.

Oder Leben heißt: Leben erfahre ich nur in dem Moment, in dem ich dem Tod ins Auge schaue. Bei so harmlosen Dingen wie Bungee-Springen angefangen bis hin zu anderen – vielleicht tödlichen Spielen.

Oder Leben heißt: Leben ist für mich das Eintauchen in meine virtuelle Welt des Computerspiels, da lebe ich wirklich, alles andere hat keinen Wert und ist kein Leben, jedenfalls wenn man der Werbung für eine bestimmte Art von Computerspielen glauben will.

Ich möchte dagegen halten: Brot ist Leben. Brot – so wie ich es in einer Geschichte beschrieben gefunden habe:

An der Jakobstraße in Paris liegt ein Bäckerladen, da kaufen viele hundert Menschen ihr Brot. Der Besitzer ist ein guter Bäcker. Aber nicht nur deshalb kaufen die Leute des Viertels dort gern ihr Brot. Noch mehr zieht der Bäcker sie an: der Vater des jungen Bäckers. Meistens ist nämlich der alte Bäcker im Laden und verkauft. Der alte Bäcker weiß, dass man Brot nicht nur zum Sattessen braucht. Und gerade das gefällt den Leuten. Brot braucht man nicht nur zum Sattessen. Manche erfahren das zum ersten Mal beim Bäcker an der Jakobstrasse; zum Beispiel der Autobusfahrer Gerard, der einmal zufällig in den Brotladen an der Jakobstraße kam. »Sie sehen bedrückt aus«, sagte der alte Bäcker zum Busfahrer. »Ich habe Angst um meine kleine Tochter«, antwortete der Busfahrer Gerard. – Sie ist gestern aus dem Fenster gefallen, vom 2. Stock!« – »Wie alt?« fragte der Bäcker. »Vier Jahre,«, antwortete Gerard. Da nahm der alte Bäcker ein Stück vom Brot, das auf dem Ladentisch lag, brach zwei Bissen ab und gab das eine Stück dem Busfahrer. »Essen Sie mit mir«, sagte der alte Bäcker zu Gerard, »Ich will an Sie und Ihre kleine Tochter denken.« Der Busfahrer hatte so etwas noch nie erlebt, aber er verstand sofort, was der alte Bäcker meinte, als er ihm das Stück Brot in die Hand gab. Und sie aßen beide ihr Stück und schwiegen und dachten an das Kind im Krankenhaus. Zuerst war der Busfahrer mit dem alten Bäcker allein. Dann kam eine Frau herein. Sie hatte auf dem nahen Markt zwei Tüten Milch geholt und wollte nun eben noch ein Brot kaufen. Bevor sie ihren Wunsch sagen konnte, gab ihr der alte Bäcker ein kleines Stück Weißbrot in die Hand und sagte: »Kommen Sie, essen Sie mit uns: Die Tochter dieses Herrn liegt schwer verletzt im Krankenhaus, sie ist aus dem Fenster gestürzt. Vier Jahre ist das Kind. Der Vater soll wissen, dass wir ihn nicht allein lassen.« Und die Frau nahm das Stückchen Brot und aß mit den beiden.

Es wird nicht erzählt, was der Busfahrer Gerard gesagt oder gedacht hat. Ich spüre nur: Brot ist Leben – Geteiltes Brot ist Leben. Brot ist im wahrsten Sinn „Lebensmittel“ – das Mittel zum Leben. Jesus sagt von sich: „Ich bin das Brot des Lebens.“ Da geht mir auf einmal und auf ganz andere Weise die Bitte aus dem Vater unser durch den Kopf: Unser tägliches Brot gib uns heute – natürlich: ohne Brot gibt es kein Leben, täglich haben wir es nötig. Doch bleibt auch die Erkenntnis, dass nur mit Brot das Leben auch nicht gelingt.

„Ich bin das Brot des Lebens.“ sagt Jesus. Er setzt sogar noch eines drauf: „Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist.“ Es werden neue Linien gezogen. Und bei diesen Linien ist Himmel nicht das mehr oder weniger blaue Firmament. Vom Himmel – das heißt für Jesus: von seinem Vater, von Gott, dem Urgrund des Lebens.

Die Worte kennen wir – wir haben sie immer wieder gehört, wir haben uns immer wieder damit beschäftigt – im Lauf unseres Lebens mal mehr und mal weniger – wir haben uns damals bei der Konfirmation zu solchen Aussagen bekannt oder werden es noch tun – und doch bleiben sie ein Geheimnis. Wahrscheinlich ist das auch gut so, denn sonst würden diese Worte in den Augen mancher Menschen veralten und dadurch ungültig werden. Sie bleiben geheimnisvoll und behalten gerade so ihre Kraft: „Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist.“

Ich möchte einen großen Bogen zum Beginn des Evangeliums schlagen, um diesem Wort etwas näher zu kommen. Jesus sagt von sich: „Ich bin das Brot des Lebens, das lebendige Brot, das vom Himmel kommt.“ Der Schreiber des Johannesevangeliums sagt über Jesus: »Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.« Jesus ist das Brot des Lebens, Jesus ist das Wort Gottes, Jesus ist die Gute Botschaft, die auch uns gegeben ist. Durch ihn haben wir das Leben.

So wird Jesus, so wird das Wort Gottes, das wir hören, zur geistlichen Nahrung. Die Bitte aus dem ‚Vater Unser‘ bekommt noch einmal eine ganz neue Dimension, denn sie ist durch das, was Jesus sagt, auch eine Bitte um das tägliche Wort, das Gott uns schenken möge. Ein Tag ohne Gottes Wort wäre wie ein Tag ohne Brot – Das tägliche Brot, wenn wir es haben, wird umgekehrt zum Zeichen und es will uns erinnern an das, was über die lebensnotwendigen leiblichen Bedürfnisse hinaus geht: dass wir von Gottes Gnade leben.

So wird auch das Brot, wenn wir es miteinander teilen und gemeinsam essen, zum Zeichen dafür, dass Jesus unter uns ist und uns das Leben immer wieder neu schenkt. Mir geht dabei der Busfahrer Gerard nicht aus dem Kopf, der eben dies erfahren hat: Das geteilte Brot – das ist Jesus: Jesus ist das Brot des Lebens.

Die Worte bleiben geheimnisvoll, aber es ist wie bei jedem echten Geheimnis: Es gehören zwei dazu, damit es eines ist, damit es seine Kraft entfaltet und die beiden Seiten auf das Engste miteinander verbindet. Wenn wir nachher gemeinsam um den Altar stehen und von dem Brot empfangen, dann werden wir wie bei jedem Abendmahl mit hineingenommen in dieses Geheimnis.

So, wie es auch in der ersten Gemeinde gewesen ist, von der der Evangelist Lukas gesagt hat: »Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.« Möge uns das als Gemeinde, als Kirche, die die Menschen unter Gottes Wort, unter Jesus Christus vereint, nie verloren gehen.

Amen.

(Die Geschichte vom Bäcker in Paris habe ich zuerst gefunden in:
Hans-Martin Lübking: Kursbuch Konfirmation. Ein Arbeitsbuch für Konfirmandinnen und Konfirmanden, Patmos-Verlag, Düsseldorf, 2. Auflage 1996)

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