Predigt am Karfreitag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Bemühen im Reden und Hören. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Früher einmal war der Karfreitag der höchste evangelische Feiertag. Aber das ist inzwischen wohl nicht mehr so. Manches hat sich geändert in den letzten Jahren.

Da werden an diesem Tag die unterschiedlichesten Angebote zu den unterschiedlichsten Uhrzeiten gemacht: ob um 11.00 Uhr der Beginn ist oder um 15.00 Uhr, ob die Vereine eine interne Veranstaltung machen oder private Parties organisiert werden oder in manchen Bundersländern ganz reguläre öffentliche Veranstaltungen stattfinden. Den Karfreitag als Tag des stillen Gedenkens an den Tod Jesu gibt es so nicht mehr. Noch viel weniger gibt es den Karsamstag, der ja in aller Welt nur noch Ostersamstag heißt, obwohl Ostern an diesem Tag noch gar nicht gewesen ist.

Ich möchte nicht jammern und mich auch nicht aufregen – darüber, dass es so ist. Ich nehme es nur wahr. Es ist die Realität. Denn es gab seit jeher Menschen, denen der Karfreitag wichtig war und es gibt auch heute noch Menschen, denen dieser Tag etwas bedeutet. Es gibt aber eben auch – und es sind viele – es gibt eben auch die anderen. Und diese anderen werden, wenn sie gefragt würden, wohl nie auf den Gedanken kommen, dass das Ostereierschießen oder Ostereiersuchen zwei Tage vor Ostern nicht mit dem Inhalt des Karfreitags zusammenpasst. Denn das Begehen von solchen wichtigen Tagen des Kirchenjahres habe doch nichts mit dem Glauben zu tun.

So bleiben wir zunächst bei dieser Feststellung: Da stehen Menschen vor diesem Tag und damit vor dem Kreuz Jesu und die einen sagen sagen vielleicht: „Das sagt mir nichts mehr, das ist doch schon so lange her.“ Und die anderen sagen vielleicht: „Das ist mir zu grausam, ich will mir lieber nur die schönen Seiten ansehen – die schönen Seiten des Glaubens mit der Krippe und die schönen Seiten des Lebens mit dem Sonnenschein.“ Zwei mögliche Antworten, es gibt bestimmt noch viele mehr.

Der eine Einwand: „Das ist mir zu grausam.“ – Nun ja, es kommt wohl immer darauf an, was wir als grausam empfinden und was nicht. Ich behaupte: Wir Menschen sind immer wieder fasziniert von der Grausamkeit des Lebens und von dem Leid – der anderen – nämlich aus der sicheren Entfernung. Durch das Fernsehen als Nachrichten von weit her oder als fiktive Welt von Krimis und anderen Spielfilmen ins Haus gebracht oder durch den Computer als virtuelle Welt aufgebaut oder einfach durch die Revolver-Seite der Tageszeitung – Grausamkeit und Leid dürfen uns nur nicht zu nahe kommen! So viel harmloser im Betrachten von Gewalt und Leid als die Menschen früher sind wir Menschen heute wohl kaum, auch wenn wir es gerne so sehen.

Der andere Einwand: „Das sagt mir nichts heute mehr – das ist doch lange her.“ Der Punkt, den Menschen heute hinter diesen Satz machen, wandelt sich bei mir sehr schnell zu einem Fragezeichen. Das ist lange her? Ist es wirklich schon so lange her? Historisch betrachtet sicherlich: Der Tod Jesu war vor fast 2000 Jahren. Aber – reicht es denn, das einfach so in den Raum zu stellen und zu sagen: Das war vor 2000 Jahren und deshalb ist es auch seit 2000 Jahren schon zu Ende und betrifft mich deshalb nicht mehr? Nein. Und ich sage dieses Nein mit Überzeugung und aus tiefster Seele. Das Leiden des Jesu von Nazareth ist zwar vor 2000 Jahren geschehen, das Leiden Christi geschieht bis heute.

Und dann sehe ich mir die Menschen an: wie sie sich heute zum Karfreitag und zum Kreuz Jesu stellen, und wie sie mir von Matthäus, Markus Lukas und Johannes geschildert werden. Die Menschen damals und die Menschen heute sind sich so ähnlich, als ob sich in uns heute die Zeit damals spiegelt. Ich finde in den Berichten der Evangelisten ganz unterschiedliche Menschen unter dem Kreuz Jesu, so unterschiedlich, wie sich die Menschen auch heute zu Jesus und seinem Kreuz verhalten.

Da sind zuerst Menschen, die aus der sicheren Entfernung zusehen und ihre guten Ratschläge mitbringen. Und da kommen viele. Es sind die Spötter unter dem Kreuz, die ihre Köpfe schütteln: „Der du den Tempel abbrichst und baust ihn in drei Tagen wieder auf. Wenn du Gottes Sohn bist, dann hilf dir selber und steige herab vom Kreuz!“ Und da sind die Glaubens-Autoritäten, die nicht glauben und akzeptieren wollten, dass Gott anders sein könnte als sie ihn sich vorstellten und die deshalb in Jesus einen Angriff auf ihr Gottesverständnis sahen: „Ist er der König von Israel, so steige er herab vom Kreuz. Dann wollen wir glauben!“

Es ist schon immer die Faszination des Sichtbaren gewesen, die die Menschen dazu gebracht hat, an dieses und jenes zu glauben. Immer wieder haben sich Menschen auf das, was sie gesehen haben, eingelassen; sogar wenn sie das vorher nicht wollten. Mit diesem Automatismus wird spottend und kokettierend gespielt. Denn darin sind sich alle diese Menschen einig: Es wird ja nichts passieren. „Wir haben dir doch eine Chance gegeben, dich zu beweisen, und du, Jesus, hast sie nicht genutzt.“ Und so wird aus der Wahrscheinlichkeit, dass sich eben nichts sichtbar ereignen wird, dass von Gottes Macht in der erwarteten Art und Weise nichts sichtbar werden wird, die eigene Selbstsicherheit gewonnen. Die Spötter können sich sicher sein: Wir müssen uns nicht ändern, denn ich bin auf dem richtigen Weg, es passiert ja nichts.“ Nichts ist schwerer, als Gott anders zu denken, bis heute.

Jesu Macht offenbart sich aber genau im Umgekehrten: Indem er erträgt und erduldet, wird die Kraft sichtbar, die in ihm wirkt. Doch das können sie nicht wahrnehmen, denn sie haben sich einen Panzer der Distanzierung angezogen, der undurchdringlich ist. Sonst würden sie, sonst müssten sie merken: „Was da geschieht, hat etwas mit mir zu tun. Das ändert mein Leben.“ Der Panzer der Distanz – damals hieß er Hohn und Spott, heute heißt er vielleicht: Lieber schon jetzt an die Ostereier denken, als sich dem Leid auszusetzen – dem Leid, das hier und heute sichtbar ist.

Denn so wie damals haben neben denen, die mit dem Panzer der Distanz bekleideten waren, die gestanden, die sich das Geschehen zu Herzen nahmen. Da stehen die Frauen und sehen hilflos zu: Trauernde am und unter dem Kreuz. Tun können sie nichts, so wie heute Menschen hilflos am Bett eines kranken oder sterbenden Menschen stehen und nichts tun können. Keine Worte werden von den Frauen berichtet, sie sind stumm angesichts des Leides, so wie auch wir heute verstummen und nichts zu sagen wissen.

Karfreitag ist der Tag, an dem wir der Wirklichkeit des menschlichen Lebens ins Auge zu sehen wagen. Und diese Wirklichkeit des Lebens ist nicht nur der helle Sonnenschein und das fröhliche Lachen, sondern auch der Tod. Damit wir uns mit dieser Wirklichkeit des Lebens nicht im Tod verlieren, mutet uns der Karfreitag etwas zu: Wir sollen da Gott zu vertrauen wagen, wo Gott für uns völlig unsichtbar geworden ist, wo wir uns von ihm so verlassen fühlen wie Jesus und die Frauen damals. So stehen wir heute am Karfreitag und immer, wenn wir dem Tod ins Auge sehen, am Kreuz Jesu – sprach- und regungslos wie die Frauen.

Und wie soll es weiter gehen? Lange vor den Ereignissen in Jerusalem hatte Jesus den Menschen um ihn herum ein Kind in die Mitte gestellt und ihnen gesagt: „Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“

Ich habe Kinder und Jugendliche vor Augen, die bei der Erzählung vom Tod Jesu traurig sind, die Tränen in den Augen haben. Kinder und Jugendliche, die auf ihre Weise spüren, was da geschieht – erschüttert davon, was Menschen einander antun können; erschüttert aber auch, weil da ein zentrales Symbol ihres Lebens in den Tod sinkt. Denn Gott und Jesus sind für viele Kinder und Jugendliche die Lebensvokabeln. Für die Kinder und Jugendlichen ist es dann gleichsam ein Mitsterben. Anders als Erwachsene, die ihre psychologischen Tricks auf Lager haben, lassen sie sich ganz direkt berühren von diesem 2000 Jahre alten Geschehen und bekommen so gleichsam Anteil am Tod Jesu.

Ja, auf‘s Engste mit Jesus und seinem Tod verbunden sind wir durch unsere Taufe, auch wenn uns das nicht so sehr bewusst ist: Hineingetauft sind wir durch die Taufe in seinen Tod, sagt der Apostel Paulus. Und zugleich ist uns damit die Auferstehung verheißen. Das eine geht aber nicht ohne das andere. Wie könnten wir etwas von der Auferstehung erfahren, wenn wir nicht zuvor etwas vom Tod gesehen haben? Wie sollten wir das Leben erfassen, wenn wir nicht auch um die Begrenztheit und die Gefährdung des Lebens wüssten?

So wie Kinder und Jugendliche die Geschichte von Karfreitag und von der Auferstehung erleben, so sollen und dürfen auch wir diesen Weg gehen. So sich anrühren lassen und diese Berührung des Leides aushalten. So sich anrühren lassen und eben auch mitsterben – heute, im Gottesdienst am Karfreitag und auch über diesen Gottesdienst hinaus – das ist das, was Gott uns hier zumutet. Das müssen wir aushalten, das können wir aber auch aushalten.

Zum einen, weil es doch unser ureigenstes Leben ist, was wir da betrachten. Und zum anderen, weil wir heute – anders als die Jünger und die Frauen damals – wissen, dass Karfreitag nicht der Schlusspunkt der Geschichte Jesu ist.

Einer schließlich fehlt noch in der Aufzählung derer, die unter dem Kreuz stehen und sich zu dem verhalten, was da passiert. Auch er ist wie ein Spiegelbild für uns: da steht dieser Hauptmann, der sieht, was geschieht und der dann sein Bekenntnis spricht: „Dieser ist wahrhaftig Gottes Sohn gewesen.“ Da ist einer, der den Panzer der Distanz nicht angezogen hat, und dieser eine erkennt, was sich da ereignet: Jesus bringt eine andere Kraft auf, als einfach vom Kreuz zu steigen. Jesus bringt die Kraft auf, dem Tod und der Gottverlassenheit ins Auge zu sehen. So – und nur so – kommt er denen nahe, die ähnliches erdulden müssen: den Sterbenden und den Menschen, die dem Sterben hilflos zusehen müssen. Der Hauptmann sieht eben dies und erfasst so die Wirklichkeit Gottes.

Der Karfreitag – auf ganz unterschiedliche Weise stehen Menschen auch heute am Kreuz Jesu: Als Menschen, die sich mit dem Panzer der Distanz abschotten, und als Menschen die sich in Jesus oder in den Frauen in ihrer empfundenen Gottverlassenheit wiederfinden. Als Menschen schließlich, denen im Angesicht des Kreuzes aufgeht: es gibt keinen Ort, an dem Gott nicht ist, weil der, der da am Kreuz hängt, in Wahrheit Gottes Sohn ist – auch wenn er für die einen in ihrem Schmerz und für die anderen in ihrer Distanzierung nicht zu sehen ist.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere menschliche Vernunft, stärke und bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Autor: PaToWi

Ich darf mein Leben frei gestalten unter dem liebenden Blick Gottes. Ist das nicht Grund genug auf IHN zu hören und mir von IHM den Weg weisen zu lassen?

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