Gottesdienst am Gründonnerstag 2007

Nachdem ich dankenswerter vom Gütersloher Verlagshaus die Erlaubnis zur Veröffentlichung der Textpassagen aus dem Buch von Nico ter Linden bekommen habe, kann ich jetzt hier den Gottesdienst wiedergeben. Die in TimesNewRoman gesetzten Abschnitte sind folgendem Buch entnommen:

Nico ter Linden, Es wird erzählt…, Band 2: Markus und Matthäus sehen die Geschichte Jesu. © by Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Die in diesen Abschnitten kursiv gesetzten Stellen sind biblischer Text, wie er im genannten Buch gekennzeichnet ist. Das Gedicht am Schluss ist von Rainer Maria Rilke und beendet das Kapitel in Nico ter Lindens Buch.

Vielen Dank an Daniel Mohme für das tolle Lesen und an Helga Heckmann für das einfühlsame Orgelspiel!

Gottesdienst am Gründonnerstag, dem 5. April 2007, in der Evangelisch-Lutherischen Kirche zu Holzhausen an der Porta

Glockengeläut und Orgelvorspiel

Votum und Begrüßung
L: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
G: Amen.
L: Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn.
G: Der Himmel und Erde gemacht hat.
L: Der Herr sei mit euch.
G: Und mit deinem Geist.
L: Willkommen zum Gottesdienst am Gründonnerstag, dem Tag der Einsetzung des Heiligen Abendmahls.
Der Gottesdienst folgt heute allerdings nicht der gewohnten Liturgie, der Gottesdienst ist vielmehr Liturgie und erzählende Predigt in einem, an mehreren Stellen von den angezeigten Liedern eingeteilt. Innerhalb der Erzähl-Liturgie werden die Worte, die direkt aus der Bibel entnommen sind von dem/der Lektor/in gelesen.
Ungefähr in der Mitte des Gottesdienstes werden wir aus der Erzähl-Liturgie heraustreten und miteinander das Heilige Abendmahl feiern.
Nach dem ersten Lied werden sprechen wir im Wechsel den Psalm (EG 748, S.1177).
Ich möchte auch schon jetzt das abkündigen, was bekanntzugeben ist: – Abkündigungen –

Lied 75 „Ehre sei dir Christe“

Psalm 111 (EG 748, S.1177)
Halleluja! Ich danke dem Herrn von ganzem Herzen
im Rate der Frommen und in der Gemeinde.
Groß sind die Werke des Herrn;
wer sie erforscht, der hat Freude daran.
Was er tut, das ist herrlich und prächtig,
und seine Gerechtigkeit bleibt ewiglich.
Er hat ein Gedächtnis gestiftet seiner Wunder,
der gnädige und barmherzige Herr.
Er gibt Speise denen, die ihn fürchten;
er gedenkt ewig an seinen Bund.
Er lässt verkündigen seine gewaltigen Taten seinem Volk,
dass er ihnen gebe das Erbe der Heiden.
Die Werke seiner Hände sind Wahrheit und Recht;
alle seine Ordnungen sind beständig.
Sie stehen fest für immer und ewig;
sie sind recht und verlässlich.
Er sendet eine Erlösung seinem Volk;
er verheißt, dass sein Bund ewig bleiben soll.
Heilig und hehr ist sein Name.
Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang.
Klug sind alle, die danach tun.
Sein Lob bleibet ewiglich.

Eingangsgebet
L: Beten wir in der Stille zu Gott, der die Welt durch seine Liebe erlöst: – Stille –
Gott des Lebens.
In der Hingabe Jesu sehen wir, wer du bist für diese Welt.
Im gebrochenen Brot und im geteilten Kelch
empfangen wir die Verheißung,
dass du die Vergebung unserer Sünden schenkst.
Wir bitten dich – weil er alles vollbracht hat – :
nimm uns auf in deinen Frieden, wer wir auch sind,
nimm uns auf in den Neuen Bund des Lebens
durch ihn Christus, unsern Herrn.
G: Amen. (aus: http://www.evangelische-liturgie.de: GDT 2007 b)

Lesung
Zu Beginn seines Evangeliums hatte Markus die ersten Schritte Jesu auf seinem Weg, hatte er den Anfang seiner Worte und Werke in einem einzigen Tag zusammengefasst: Ein Tag in Kapernaum.
Nun, da Jesus das Ende seines Weges erreicht und auch somit auch Markus das Ende seiner Geschichte, erzählt der Evangelist Jesu letzte Worte und Werke in einer Zeitspanne von sieben Tagen: eine Woche in Jerusalem. Der erste Tag war der Tag der Ankunft mit dem Einzug in Jerusalem gewesen, am zweiten Tag hatte Jesus den Feigenbaum verflucht, auf dem er keine Früchte gefunden hatte, und er hatte die Händler und Wechsler aus dem Tempel vertrieben. Am dritten Tag hatte er mit vielen Menschen diskutiert: über seine Vollmacht und die Steuer, über das höchsten Gebot und das Schärflein der Witwe. Am dritten Tag hatte Jesus auch seine Rede über die Endzeit gehalten. Am vierten Tag schließlich war er von der namenlosen Frau gesalbt worden.
Jeden Tag aber war Jesus vor Einbruch der Dunkelheit wieder hinaus nach Betanien gegangen. Nun beginnt unsere Geschichte, mit dem Donnerstag, dem fünften Tag Jesu in Jerusalem.

Am ersten Tage der Ungesäuerten Brote, am Tag, an dem man das Passahlamm schlachtete, fragten ihn die Jünger: »Wo willst du, dass wir hingehen, und alles bereiten, um das Passahlamm zu essen?«
Der fünfte Tag von Jesu Aufenthalt in Jerusalem ist angebrochen. Es ist der erste Tag des Festes der Ungesäuerten Brote, an dem Israel seines Auszuges aus Ägypten gedenkt, des übereilten Aufbruchs, wodurch das Brot keine Zeit hatte aufzugehen.
Wann wird Judas ihn ausliefern? Wenn er es jetzt macht, wird Jesus beim Pessachfest den Tod finden. Dann wird sein Blut zum selben Zeitpunkt fließen, wie seinerzeit das Blut des Lammes. Doch wollten die Autoritäten das nicht gerade vermeiden? »Ja nicht bei dem Fest, damit es keinen Aufruhr im Volk gebe.«
In den Evangeliengeschichten wird es aber gerade am Fest geschehen. Um Jesus Geheimnis zu verstehen, müssen wir – so die Evangelisten – Jesu Leben und Sterben im Zusammenhang mit Israels Befreiung aus der Sklaverei und Israels Erwartung des Reiches Gottes sehen. Nach jüdischer Tradition wird in der Pessachnacht der Messias erscheinen.
Jesus sandte zwei seiner Jünger aus: »Geht hin in die Stadt. Dort werdet ihr einem Mann begegnen, der einen Krug mit Wasser trägt. Folgt diesem Mann, und wo er hineingeht, da sprecht zu dem Herrn des Hauses: Unser Meister lässt fragen: »Wo ist der Raum, in dem ich mit meinen Jüngern das Passahmahl essen kann?« Er wird euch einen großen Raum im Obergeschoss zeigen, mit allem, was notwendig ist. Dort bereitet alles für uns vor.«
Die Szene ist nicht neu! Wie schon ein paar Tage zuvor sendet Jesus zwei Jünger in die Stadt, und wieder sagt er bis in die kleinsten Einzelheiten voraus, wen und was sie dort antreffen werden. War es erst ein Eselsfüllen, auf dem noch kein Mensch gesessen hatte, festgebunden am Weg, so ist es hier nun ein Mann, der einen Krug trägt. Diese zweite Vorhersage ist beinahe noch verwunderlicher als die erste. Hat man denn jemals einen Mann gesehen, der mit einem Krug Wasser auf der Straße lief? So etwas sieht man höchstens in Träumen und Gesichten. Sollte jener Wasserträger gar ein Engel sein?
Als es Abend geworden war, kam Jesus mit den Zwölfen. Und während sie nun bei Tisch waren und aßen, sagte Jesus: »Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten.«
Jesu Worte sind wohlgewählt. Es sind Worte aus einem Psalm:
Auch mein Freund, dem ich vertraute,
mit dem ich mein Brot teilte,
tritt mich mit Füßen.
(Psalm 40,10)
Es ist ein Psalm Davids. Ein Psalm, den er – so will es die Tradition – gebetet hatte, als einer seiner Getreuen während des Aufstandes von Absalom zum Gegner überlief. Nun trifft Jesus, den Davidssohn, dasselbe Schicksal.
Jedes Wort in Markus' Geschichte ist wohlgewählt. Der Evangelist schreibt keinen »historischen« Tatsachenbericht von Jesu Leben und Sterben. Er versucht vielmehr, Jesu Leben und Sterben in der Tradition von Israels Geschichten zu sehen, und auch Jesu Geschichte damit im Lichte von Gottes befreiendem Handeln durch die Jahrhunderte zu deuten.
»Einer unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten.«
Die Jünger wurden betrübt und einer nach dem anderen fragte ihn: »Bin ich's?«

Der Verrat lauert im eigenen Kreis. Wer von ihnen wird der Verräter sein? Sie schauen sich im Kreise um, dann sehen sie wieder auf Jesus: »Bin ich's?« In ihren Stimmen klingt Zweifel. Steckt in jedem von ihnen ein Judas?
»Einer von den Zwölfen, der mit mir sein Brot in die Schüssel taucht, der wird es sein. Denn der Sohn des Menschen geht dahin, wie es von ihm geschrieben steht. Weh aber dem Menschen, durch den er verraten wird! Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre.«
Jesu Blut wird fließen. Es lässt sich nicht vermeiden, denn Propheten wie er werden umgebracht. Man kann es in der Schrift nachlesen. Wehe aber dem Menschen, der seine Hände dabei auch wirklich im Spiel hat.

Lied 223,1-4 „Das Wort geht von dem Vater aus“

Lesung
Das war ihr letztes Beisammensein. Mit diesem Mahl nahm Jesus von den Seinen Abschied – er, der er in Galiläa so manches Mal mit ihnen zusammen ein Mahl gehalten hatte.
Später, als Jesus von ihnen gegangen war, und sie alles allein bewältigen mussten, haben sie weiterhin diese Mahlzeiten gehalten. Als gute Juden gingen sie am Schabbat in die Synagoge, doch darüber hinaus kamen sie zusammen, um Jesu zu gedenken, indem sie das Brot brachen und einander ermutigten. Mahlzeiten mit Brot, Fisch und Wein. Und er nahm die Brote und die Fische, sah auf gen Himmel, dankte, brach die Brote und gab sie seinen Jüngern. Abendmahlsworte.
Beim Brechen des Brotes gedachten sie daran, wie Jesu Leib gebrochen wurde, beim Schenken des Weines, wie sein Blut geflossen war. Und doch war ihr Beisammensein nicht nur ein Rückblick in Schuld und Kummer, sie waren auch in freudevoller Erwartung. Das Weizenkorn in der Erde hatte ja Frucht getragen, dreißig-, sechzig-, hundertfältig. Und Jesus hatte ihnen versprochen, dass sie dereinst gemeinsam mit ihm im Reiche Gottes erneut von der Frucht des Weinstockes trinken würden. War der Sohn des Menschen nicht wie das Pessachlamm, das mit seinem Tod Israel Leben schenkte? Sie glaubten, dass der Vater, im Himmel hoch, für ihn eingetreten ist, – und in ihm für die Welt, die ihn verwarf. Damit haben Schuld und Tod nicht das letzte Wort. Und sollten sie, seine Nachfolger, das dann nicht gemeinsam mit einem Mahl feiern? Sie glaubten, dass sie damit in seinem Geiste handelten.
Und während sie das Mahl hielten, nahm Jesus das Brot, dankte und brach's und gab's ihnen und sprach: »Nehmet, das ist mein Leib.« Und er nahm den Kelch, dankte und gab ihnen den; und sie tranken alle daraus. »Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen ist. Wahrlich, ich sage euch: Ich werde nicht mehr trinken von der Frucht des Weinstocks bis an den Tag, an dem ich aufs neue davon trinke im Reich Gottes.«
Das ist tiefgründige Geheimsprache. Frei übersetzt: »Vater, wenn ich sterben muss, lass dann meinen Tod sein wie das Weizenkom und die Traubenrebe. Möge meine Weise zu leben und möge meine Weise zu sterben wie Brot und Wein sein für alle Menschen aller Zeiten.«

Lied 228 „Er ist das Brot, er ist der Wein“

Bereitung
L: Feiern wir Abendmahl, so lassen wir uns einfach etwas geben.
Nicht wir handeln hier, sondern wir dürfen Empfangende sein.
Brot und Kelch werden uns von anderen gereicht.
Das ist ein Zeichen, das sagt:
Vor unserem Denken, Fühlen und Handeln,
vor unseren Ungenügen und unserem Können,
vor unserer Unschuld und unserer Schuld
steht immer die Liebe Gottes und sein Erbarmen.
Im Abendmahl zeigt sich, wovon wir In Wahrheit abhängig sind:
Nichts gibt es, was wir aus uns selber hätten.
Nichts Ist da, dessen wir uns vor Gott rühmen könnten.
Nichts braucht es, das wir als Vorleistung einbringen müssten.
Gottes Gnade – sie lässt uns leben
und macht uns frei, zu glauben und zu hoffen und zu lieben.
So lasst uns Gott über diesen Gaben danken.
Für das Brot; für alles, was wir nötig haben wie Brot;
für die Luft, die wir atmen;
für die Menschen, die unser Leben teilen; für den Frieden;
für Gottes Nähe in Worten und Zeichen.
Und lasst uns ebenso danken für den Wein;
für alles, was wir genießen können wie Wein;
für die Sonne und den Nachthimmel;
für die Liebe, die uns geschenkt wird;
für Zeiten der Stille und der Erholung;
für die Hoffnung auf Gottes ewiges Reich.(aus verschiedenen Stellen bei: http://www.evangelische-liturgie.de)

Einsetzungsworte
L: Denn in der Nacht, da unser Herr Jesus Christus verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach‘s und gab‘s seinen Jüngern und sprach: Nehmet hin und esset, das ist + mein Leib, der für euch gegeben wird. Solches tut zu meinem Gedächtnis.
Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Abendmahl, dankte wiederum und gab ihnen den und sprach: Nehmet hin und trinket alle daraus: Dieser Kelch ist das Neue Testament in + meinem Blut, das für euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Solches tut, sooft ihr‘s trinket zu meinem Gedächtnis.

Akklamation
L: Sooft wir von diesem Brot essen und aus diesem Kelch trinken verkündigen wir das große Geheimnis des Glaubens:
G: Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.

Abendmahlsgebet
L: So gedenken wir des Leidens und Sterbens Jesu Christi.
Wir preisen seine Auferstehung und Himmelfahrt
und vertrauen auf seine Herrschaft über alle Welt.
Wir bitten dich, Gott:
Wie alle, die seinen Leib empfangen ein Leib sind in Christus,
so bringe deine Gemeinde zusammen von den Enden der Erde
und lass uns mit allen Gläubigen voll Freude
das Mahl feiern in deinem Reich.
Durch Jesus Christus sei dir im Heiligen Geist
Preis und Anbetung, jetzt und allezeit
und von Ewigkeit zu Ewigkeit. (aus: http://www.evangelische-liturgie.de: GDT 2007 i)

Vater unser

Agnus Dei „Christe, du Lamm Gottes…“

Einladung

A u s t e i l u n g

Lesung
Das war Jesu Abschiedsmahl. »Das ist mein Leib.« So empfingen sie, was sie von nun an selbst sein sollen: der Leib des Herrn. Ehe er ausgeliefert wurde, blieb Jesus nichts anderes mehr, als seinen Glauben und seine Berufung in die Hände seiner Nachfolger zu legen. Nun ist es ihre Aufgabe, seinen Traum weiterzuführen. Er wird sich dabei wohl wenig Illusionen gemacht haben: Sie werden ihn verraten, sie werden leugnen, dass sie seine Freunde sind, sie werden fliehen. Doch sie werden für immer und ewig wissen, dass es einem Menschen möglich ist, bedingungslos zu lieben und treu zu sein bis in den Tod.
Sie sangen die Lobpsalmen.

Lied 179 „Allein Gott in der Höh sei Ehr …“

Lesung
Sie sangen die Lobpsalmen und zogen hinaus an den Ölberg. Sie sangen die Lieder, die Israel seit Jahrhunderten beim Pessachmahl singt.
Wer ist wie der Herr, unser Gott?
Der Sitz hat in der Höhe, der Sicht hat in der Tiefe!
Aus dem Staub richtet er den Schwachen auf,
aus dem Schmutz erhöhet er den Armen.
(aus Psalm 113)
Wenn Gott mit mir ist,
was können mir dann Menschen tun. (aus Psalm 118)
Diese Nacht ist anders als andere Nächte. Israels Söhne und Töchter gedenken der großen Taten Gottes vergangener Tage, und sie nähren den Traum der großen Taten Gottes, die sie noch erwarten.
Nachdem sie die Psalmen gesungen hatten, zogen sie zum Ölberg. Nur Judas ging nicht mit.
Warum ist Jesus eigentlich nicht geflohen, über den Ölberg, hinein ins judäische Bergland? Er hätte sich mühelos aus dem Staub machen können. Viele Könige haben das vor ihm getan.
Nicht aber dieser König der Juden. Wenn Gott mit ihm ist, was können ihm dann Menschen tun? Er kann nicht anders, als dass er seiner Berufung treu ist. Er wollte nie etwas anderes, als dass sich die Menschen Gott zuwendeten, all ihrer Ängste zum Trotz. Gäbe er jetzt auf, würde er seine eigene Botschaft zunichte machen.
Jesus sprach zu ihnen: »Ihr werdet alle zu Fall kommen.«
Davon sprach er schon im Gleichnis vom Sämann: Nachfolger, bei denen die Saat des Königreiches auf felsigen Grund fällt. Ihr Glaube erblüht schnell, doch er schlägt keine Wurzeln. Wenn sie um dieses Königreiches willen verfolgt werden, kommen sie zu Fall.
»Ihr werdet alle zu Fall kommen, denn es steht geschrieben: »Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe werden zerstreut werden.«* Danach aber, wenn ich auferstanden sein werde, werde ich euch vorgehen nach Galiläa.«
Bald wird ein Hirte ohne Herde und eine Herde ohne Hirte sein. Doch so wird es nicht enden. »Wenn ich auferstanden bin, sehen wir einander wieder, in Galiläa.«
Was für eine geheimnisvolle Verabredung! In ihr erklingt Jesu Gottvertrauen, sein Glaube, dass keine Macht der Welt seine Träume zu zerstören vermag. Er verlässt sich auf den Gott, der Sitz hat in der Höhe, der Sicht hat in der Tiefe, den Gott, der den Schwachen aufrichtet aus dem Staub und den Armen aus dem Schmutz. Hinter der traurigen Aussicht, dass die Schafe zerstreut werden, eröffnet sich in der Ferne der Blick auf ein glückliches Wiedersehen. Kein Mensch, auch Jesus nicht, kann Unrecht und Leiden akzeptieren, wenn er darin keinen Sinn erblicken kann, – und sei es auch nur einen Schimmer. Diesen Sinn schöpft er aus den Propheten, die ihm vorgegangen waren:
Der Herr hat uns zerrissen und wird uns auch heilen,
er hat uns verwundet und wird uns verbinden,
er macht uns lebendig nach zwei Tagen,
am dritten Tage richtet er uns auf,
und wir werden leben vor seinem Angesicht.
(Hosea 6,1-2)
Petrus Felsengrund indes weigert sich zu glauben, dass sie zu Fall kommen werden. Und er schon gar nicht! »Und sollten alle anderen zu Fall kommen, – ich bestimmt nicht!«
Jesus sprach zu ihm: »Wahrlich, ich sage dir: Heute noch, in dieser Nacht, ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.« Petrus aber beteuerte: »Auch wenn ich mit dir sterben müsste, würde ich dich nicht verleugnen;« Das gleiche sagten auch alle anderen.

Sie kennen Jesus schlecht, – und sie kennen sich selbst schlecht. Hat Jesus denn je Unfug geredet? Eben noch zu Tisch waren sie sich gar nicht so sicher, ob sie Jesus nicht auch verraten könnten: »Bin ich's?« »Bin ich's?« Und nun will Petrus auf einmal sicher wissen, dass er ihm treu sein wird bis in den Tod? Lauthals versucht er, seine eigene Unsicherheit zu übertönen.
Und sie gingen zu einem Ort mit Namen Gethsemane, und Jesus sprach zu seinen Jüngern: »Setzt euch hierher und wartet, bis ich gebetet habe.« Und er nahm mit sich Petrus, Jakobus und Johannes.
In dieser letzten Stunde wählt Jesus die Nachfolger der ersten Stunde aus, um bei ihm zu sein. Dieselben drei waren auch Zeugen der Auferweckung von Jaïri Tochter und der Verklärung auf dem Berg. Diese drei haben mit eigenen Augen gesehen, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, sondern das Leben. Auf seinem letzten Wegesstück kann sich Jesus keine besseren Jünger in seiner Nähe wünschen.
Eine heftige Unruhe ergriff Jesus, Angst überfiel ihn. »Meine Seele ist sehr betrübt bis an den Tod,« sprach er, »bleibet hier und wachet.« Und er ging ein wenig weiter, warf sich zur Erde und betete zu Gott, dass, wenn es möglich wäre, diese Stunde an ihm vorüberginge. »Abba,« sprach er, »Vater, alles ist dir möglich, nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst!«
Die Nacht der Seele. Angstschweiß bricht ihm aus. Jesus kämpft gegen die Verzweiflung und sucht deswegen bei seinem Vater Halt. »Abba, alles ist dir möglich.«
Alles? Greift Gott ein? Jesus weiß, dass Gott das nicht tun wird. Jesus wird den Weg nach Golgatha gehen. Anders als es die Legende will, wird sich die Sonne nicht verfinstern, wird die Erde nicht beben. Strahlend blau wird sich der Himmel über den Hügeln erheben, die Vögel werden ihr Lied singen, der Bauer wird mit dem Pfluge pflügen, die Erde scheinbar unbekümmert.
Jesus schickt seine Jammerklage gen Himmel. »Lass diesen Kelch an mir vorübergehen.« Ihn treibt kein Todesverlangen, kein Verlangen, als Märtyrer zu sterben. Er fügt sich auch nicht einem grausamen Gott, der seinen Kreuzestod will. Nicht Gott will seinen Tod, die Menschen sind's.
Jesus will, dass dieser Kelch an ihm vorübergehe. Zugleich will er seiner Berufung treu bleiben. Wird Gott denn das Werk fahren lassen, das seine Hand begonnen hat? Aber dann darf auch er, Jesus, das Werk nicht fahren lassen, das seine Hand begonnen hat. Er wird Gott nicht loslassen. Gott wird ihn nicht loslassen. In seinem Geist hat er gelebt, in seinem Geiste will er nun auch sterben. Können seine Freunde ihn in diesem Geist denn begleiten und ihm nahe sein?
Er fand sie schlafend, und er sagte zu Petrus: »Simon, schläfst du? Vermochtest du nicht, eine einzige Stunde zu wachen?«
Doch kein natürlicher Schlaf hat sie übermannt, sie haben ihre Augen vor dem verschlossen, was den Mann Gottes bewegt. Sie sitzen im Dunkeln. Sie können sein Leiden nicht sehen, sein Gebet nicht teilen. Der Schlaf der Jünger ist der Schlaf all derjenigen, die sich vor dem Menschensohn, der stets aufs Neue gekreuzigt wird, verschließen. »Wachet, damit der Hausherr euch nicht schlafend finde,« sagte Jesus, als er von den letzten Dingen sprach.

Lied 585 „Bleibet hier und wachet mit mir“

Gebet „Gehorsam und frei“
L: So lasst uns beten: Jesus, Sohn Gottes, du bist gehorsam und frei, frei und gehorsam den Weg gegangen, den uns der Vater gewiesen hat. Wir möchten dir folgen. Du hast geredet, wie kein anderer redet. Im gesprochenen Wort, im Gespräch kommst du uns nah. Wecke Worte in uns, die befreien und heilen.
Du hast den Leuten nicht dies und das gegeben, sondern dich selbst, du hast dich verschenkt. Hilf uns teilen, hilf uns gerecht sein. Du hast für Verbrechen gelitten, die du nicht begangen hast, um uns noch im Sterben Gottes Güte zu zeigen. Der Weg, den du gegangen bist, Jesus, soll unser Weg sein. Dein Geist soll uns treiben, dass wir ihn gehen, zur Freude des Vaters.
G: Amen. (aus: http://www.evangelische-liturgie.de)

Lied 585 „Bleibet hier und wachet mit mir“

Lesung
Mit seiner Geschichte vom Garten Gethsemane hofft Markus, die verfolgten Christen seiner Tage zu ermutigen. Er weckt sie auf, um zu wachen und zu beten. Jesus verkörpert in seiner Geschichte den Menschen, der sich auf Gott verlässt, während Petrus als Mensch beschrieben wird, der sich – von Angst übermannt – in den Schlaf flüchtet. Petrus, der Simon hieß, und gerade jetzt mit diesem Namen von Jesus angesprochen wird. »Simon, weißt du noch, dass ich dich rief, als du beim Fischen warst, und dass du mir nachfolgtest in Glauben und Vertrauen? Auch eben noch meintest du, dass du mich nimmer verleugnen würdest.«
»Simon, schläfst du? Vermochtest du nicht, eine einzige Stunde zu wachen? Wache und bete, dass du nicht in Versuchung fällst. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.«
Und er ging wieder hin und betete mit denselben Worten. Und wieder kam er zuruck und fand sie schlafend, denn ihre Augen waren ihnen zugefallen. Sie wussten nicht, was sie ihm antworten sollten.
Und Jesus kam zum dritten Mal. -»Schlaft nur und ruht. Es ist genug.«

Jesus hat gesät, gelehrt, getröstet, geheilt, ermahnt und prophezeit. In Wort und Tat hat er das Reich Gottes verkündet. Dreimal hatte er zu ihnen von seinem Leiden gesprochen, dreimal von seinem Glauben an das ewige Leben, – und dreimal haben sie ihn nicht verstanden. Nicht ein einziges Wort über sein dienendes Leben, nicht ein einziges Wort über sein Leiden und nicht ein einziges Wort über seine Auferstehung scheint zu ihnen je durchgedrungen zu sein. Nun hat er sie dreimal schlafend gefunden, – und nun ist es genug.
»Die Stunde ist gekommen, siehe, der Menschensohn wird überantwortet in die Hände der Sünder. Steht auf, lasst uns gehen! Siehe, der mich verrät, ist nahe.«
Jesus hat seine Angst überwunden. Im Vertrauen auf Gott wird er seinen Weg zu Ende gehen.

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Segen
L: So gehet in diese Nacht im Frieden des Herrn.
Der Herr segne Dich und behüte Dich, / Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig, / Der Herr erhebe seine Angesicht auf Dich und schenke Dir seinen Frieden.
G: Amen. Amen. Amen.

Orgelnachspiel

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