Predigt am Sonntag Exaudi (20. Mai 2007)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Evangelium nach Johannes, im 14. Kapitel. Es ist ein Stück aus der Zeit kurz vor Jesu Tod, als er seine Jünger auf den Abschied vorbereitet hat:

Jesus spricht zu seinen Jüngern: „Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten. Und ich will den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein. Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch. Es ist noch eine kleine Zeit, dann wird mich die Welt nicht mehr sehen. Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe, und ihr sollt auch leben.

Großer Gott, dein Heiliger Geist ist Herr über Reden und Hören. Segne unser Bemühen durch Christus, unseren Bruder und Herrn. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus! Liebe Diamantene und Goldene Konfirmandinnen und Konfirmanden!
Wie war das denn damals vor 60 und vor 50 Jahren? Sie wurden konfirmiert und Sie gingen damals schon aus der Schule und dem Elternhaus hinaus in das sogenannte feindliche Leben. „Stock und Hut steht ihm gut; ist ja wohlgemut! Aber Mama weinet sehr hat ja nun kein Hänschen mehr.“

Wahrscheinlich hat es paar Jahre länger gedauert als bei Hänschen klein, dass sie sich besonnen haben, aber bestimmt ist auch ihnen manche Jahre später klar geworden, wie sehr sich Ihre Mutter und Ihr Vater um Sie Sorgen gemacht haben, als Sie dann selbst zuschauen mussten, wie Ihre eigenen Kinder aus dem Haus gingen.

Ihr Eltern haben Ihnen Ratschläge auf den Weg gegeben. In den klassischen Rollenmustern: „Junge, pass auf dich auf!“ – „Mädchen, dass du schön auf Sauberkeit achtest.“ Sie wissen heute bestimmt noch sehr gut, was Ihre Eltern damals zu ihnen gesagt haben. Damals haben Sie so manche Ratschläge in den Wind geschlagen, später haben Sie selbst Ihren Kindern solche Ratschläge gemacht. Jesus sagt das so zu seinen Jüngern zum Abschied: „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Regeln bewahren.“

Damals aber waren Sie noch wohlgemut! Sie haben Ihre Lehre angetreten und Ihre Ausbildung gemacht! Dann sind Sie erwachsen geworden. Sie wurden in Ausbildung und Beruf gefordert. Sie mussten die Schwierigkeiten des Alltags allein bewältigen und haben sich nach der Geborgenheit der Kindheit zurückgesehnt. Doch nicht immer waren die Eltern in der Nähe. Da heiß es endgültig, selbst klar zu kommen mit sich selbst und mit den Dingen, die so anfallen.

Meine Gedanken gehen drei Tage zurück. Himmelfahrt – wir feiern jedes Jahr ein fröhliches Fest, in diesem Jahr zwar nicht ganz unter freiem Himmel aber immerhin an einem ganz anderen Ort als in der Kirche, wir singen „Jesus Christus herrscht als König“ und dann gehen wir einfach so auf Pfingsten zu: es sind ja nur 10 Tage. Die Himmelfahrt von Jesus muss für die Jünger damals aber nicht so ganz einfach gewesen sein. Wie würde es weiter gehen? Von Pfingsten, vom Heiligen Geist wussten sie ja noch nichts außer der Verheißung.

Und erlebt hatten sie, dass die Gemeinschaft mit Jesus mit seinem Tod erst einmal zu Ende war. Die schöne und spannende Zeit vorher mit den Wanderungen durch Galiläa und Judäa war vergangen. Viele Monate, in denen Jesus den Jüngern viel erzählt und sie viel gelehrt hatte, in denen er ihnen zum Freund geworden war; viele Monate, in denen plötzlich das Glauben an Gott ganz lebendig geworden war: „So ist es also bei Gott gemeint“, werden sie oft genug gedacht haben, auch wenn ihnen vieles nicht immer ganz klar war. Die Jünger spürten die Sehnsucht der Menschen und erlebten den Zulauf, den Jesus hatte. Und – was wohl das Wichtigste war – sie hatten eine Orientierung in schwieriger Zeit: Wie ein guter Hirte hatte Jesus sie geleitet, es war einfach geworden mit dem Leben. Jesus sagte ja, wie alles zu verstehen war. Jesus machte es deutlich, wie man sich entscheiden musste.

Und dann waren die Jünger mit Karfreitag in ein riesiges schwarzes Loch gestürzt. Sie waren allein und verwirrt. Dann der Ostermorgen. Da war es fast wieder wie früher – kaum zu glauben – aber Jesus war zu sehen, zu spüren, zu hören. Wo sie waren, war er dabei, kam dazu. Die alte Sicherheit war wieder da, die Gemeinschaft mit ihm.

Nach wenigen Wochen dann der neue Schreck. Jesus sagt: „So wie bisher kann ich nicht bleiben. Ich werde an Himmelfahrt ganz gehen. Nicht in die Atmosphäre oder die Stratosphäre, sondern in die Sphäre von Gott. Ihr werdet mich nicht mehr sehen und auch nicht mehr hören. Jetzt müsst ihr selber in meinem Sinne leben. Jetzt müsst ihr selber entscheiden, wie Gott das gemeint hat in den heiligen Schriften. Es kommen neue Zeiten und ihr müsst euren Weg gehen.“

Ich kann mir gut vorstellen: da war sie wieder – die Unsicherheit, die sie meinten überwunden zu haben, schneller als gedacht, kam sie wieder. Die Jünger ahnten vielleicht auch schon, wie schwierig-spannend es sein würde, als Menschen zu leben, denen Jesus mehr bedeutet als nur ein Mensch unter vielen.

Manchmal können wir diese Gefühle nachfühlen: diesen Wechsel von Zuversicht und Unsicherheit im Leben und im Glauben. Jesus nachfolgen wollen wir – Die Konfirmation ist ein deutliches Zeichen dafür, auch Ihre vor 60 und vor 50 Jahren. Gottes Willen beachten wollen wir und Jesu Gebote halten, wie es im Predigttext heißt, das wollen wir auch. Aber wie das machen? Wir haben die Bibel, sicher, aber die ist kein Buch, in dem es wie in einem Rezeptbuch zugeht: „Man nehme dies und das und eine Priese von jenem und alles wird locker flockig – im Handumdrehen fertig, schon wird alles gut.“

Vieles, was uns heute bewegt und was spätere Generationen bewegen wird, kommt in der Bibel so direkt nicht vor. Da können wir nicht einfach sagen: „Das gibt es in der Bibel nicht!“ und den Kopf in den Sand stecken, als ginen uns unsere Probleme und die der Welt nichts an. Also müssen wir sie auslegen, in unser umsetzen, praktisch machen.

‚In der Liebe leben‘: Für die einen heißt das, was Jesus von seinen Jüngern sagt, einfach nur ‚nicht streiten‘ oder ‚alles hinnehmen‘, für andere heißt es ‚in Liebe die Wahrheit sagen‘, ‚deutlich und ehrlich sein‘, für wieder andere heißt ‚in der Liebe leben‘ ‚sich aufopfern‘, ‚sich selbst geradezu aufgeben‘. Und es macht uns unruhig, dass das absolut Richtige nicht greifbar ist, dass wir in der Gefahr sind, immer wieder einmal Fehler zu machen und dass wir Suchende bleiben. Was ist für unser persönliches Leben wichtig, was für unsere Gemeinde? Wir haben verschiedene Vorstellungen, die wenigsten sind falsch, aber was kommt der Wahrheit am nächsten, was ist wirklich richtig und wichtig?

Könnte man doch Jesus eben mal fragen: „Was meinst du, was heutige Konfirmanden wirklich brauchen, gib mir doch mal einen Tip. Wie gestalten wir Jugendarbeit? Wie erreichen wir als Christen die Menschen, die uns zwar ganz nahe sind, die aber kaum an unsere Schwelle, geschweige denn über unsere Schwelle kommen?“ Viele Fragen. Auch solche wie: „Wie machen wir unsere Kinder und Enkel fähig, in dieser Gesellschaft zu leben, was geben wir ihnen mit, dass sie Gefahren erkennen, mit ihnen umgehen lernen, dass sie sich aber nicht isolieren, in dem sie aus Angst alles meiden?“ Könnte man doch Jesus mal fragen. Richtig fragen. Viele würden es gern tun. Aber es geht nicht.

Die Jünger stehen an Himmelfahrt auf dem Berg und starren nach oben. So ist es uns in der Apostelgeschichte des Lukas berichtet. Die Wolke hat ihn aufgenommen und alles verdeckt. So wie manchmal im Leben alles verdeckt ist. Kein Ausweg, keine Hoffnung. Der Optimismus von gestern ist verschwunden. Manchmal auch der Glaube von gestern. Die schwierigen Zeiten des Lebens mit Krankheiten und Krisen, die Kinder: kleine Kinder – kleine Sorgen; große Kinder große Sorgen, – Sie als Konfirmandenjahrgänge 1947 und 1957 haben dieses alles noch vor Augen. Wie macht man das richtig? – Manchmal ist alles verdeckt.

Doch Jesus versichert: „Ich gehe zwar, Ihr seid aber doch nicht allein.“ Da ist noch etwas anderes. Jesus weiß, wie es den Jüngern gehen wird, wie es uns gehen wird. Und er weiß, dass seine Sache nicht am Ende ist. Er weiß auch, dass wir Menschen ganz frei entscheiden und verantwortlich sein müssen. „Darum“, so könnte er gesagt haben, „schicke ich euch einen Beistand. Einen Tröster. Ich komme zu euch, aber ganz anders als bisher. Ihr werdet diese Wahrheit entdecken. Ja, die Wolke ist da, aber es kommt eine Kraft durch die Wolke hindurch. Eine Kraft, die nicht einfach so in der Welt da ist, die würde ja nichts bringen, sondern eine Kraft, die ich euch schicke und in der ich selbst da bin. Ihr müsst schon leben und euren Weg gehen, aber ihr geht ihn nicht allein. Ich lebe,“ sagt Jesus, „daran ändert sich auch nichts, wenn ich weggehe, und ihr sollt auch leben. Ihr sollt entdecken, was das Leben ausmacht, ihr sollt einander begegnen und dabei menschlich bleiben. Und Ihr sollt bei euren Überlegungen immer einen guten Rat bekommen. Es wird nicht einfach sein, ihr müsst genau hinhören, denn der Geist der Wahrheit kann sich nur zwischen den vielen anderen Stimmen bemerkbar machen und diese anderen Stimmen werden immer mehr und lauter werden. Aber ihr werdet ihn spüren, Ihr werdet Dinge wahrnehmen und entdecken, die wichtig sind und werdet verstehen lernen, was in den alten Schriften steht. Ihr werdet es übertragen können auf eure Zeit und eure Situation.“

Noch können die Jünger das nur staunend glauben, von Pfingsten wissen sie noch nichts. Die Überraschung kommt erst noch, so wie sie immer wieder kommt: in jedem einzelnen Leben, in meinem, in Ihrem, in unser aller Leben. Plötzlich ein klarer Blick, plötzlich eine tolle Idee, plötzlich Menschen, die Hilfe anbieten; die auch in der Gemeinde auftauchen und mitmachen, plötzlich zieht es die Wolke fort und es wird einfach hell. Dann, egal wann, dann ist es Pfingsten.

Gott hat mit Pfingsten seinen Geist zu den Menschen gesandt. Bei der Konfirmation vor 50 und 60 Jahren wurden Sie daran erinnert, dass Sie alle durch die Taufe Gottes Geist empfangen haben. Gott spricht durch seinen Geist der Wahrheit in unser Gewissen hinein. Der Geist Gottes ist es, welcher Glauben weckt, Hoffnung gibt und Liebe möglich macht. Jesus Christus ist bei uns alle Tage bis an das der Welt. Bei ihm finden wir Geborgenheit und Schutz! Er führt uns den Weg zum Leben! Denn Jesus Christus sagt: Ich lebe, und auch ihr werdet leben!
Amen.

Anmerkung: Der Anfang der Predigt (die ersten 4 Absätze) geht auf eine Predigt von Ekhard Brandes (vom 27.05.2001) zurück.

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