Predigt zum Epiphaniasfest über 2. Korinther 4,3-6

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Der Predigttext für den heutigen Sonn- und Festtag steht im 2. Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth, im 4. Kapitel: (Der Predigttext wurde aus der neuen Zürcher Bibel gelesen.)
3 Sollte unser Evangelium aber dennoch verhüllt sein, so ist es doch nur verhüllt für die, die verloren gehen. 4 Ihnen, die nicht glauben, hat der Gott dieser Weltzeit die Gedanken verfinstert, dass sie das Licht nicht sehen, das aufleuchtet durch die Verkündigung des Evangeliums von der Herrlichkeit Christi, der Gottes Ebenbild ist.
5 Denn nicht uns selbst verkündigen wir, sondern Jesus Christus als den Herrn, uns selbst aber als eure Knechte, um Jesu willen. 6 Denn der Gott, der gesagt hat: Aus der Finsternis soll Licht aufstrahlen, er ist es, der es hat aufstrahlen lassen in unseren Herzen, so dass die Erkenntnis aufleuchtet, die Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes auf dem Angesicht Jesu Christi.
(in der Lutherübersetzung: http://www.die-bibel.de/nc/online-bibeln/luther-bibel-1984/lesen-im-bibeltext/bibelstelle/2.Kor%204,3-6/anzeige/single/#iv)

Großer Gott, dein Heiliger Geist ist Herr über Reden und Hören. Segne unser Bemühen durch Christus, unseren Bruder und Herrn. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!
Wir kennen es wahrscheinlich alle: Da haben wir etwas besonders Kostbares oder sogar Wichtiges bei uns in unserem Haushalt: einen Schlüssel, ein Schmuckstück, einen besonderen Geldschein oder ein Foto, das uns an einen besonders schönen Moment in unserem Leben erinnern sollte. Aber dieses Schöne und Kostbare liegt unter irgendetwas anderem verborgen. Vielleicht ist es ein Tuch, das achtlos darüber geworfen wurde, oder das schöne Stück war hinter etwas anderes gerutscht. Völlig aus dem Sichtfeld ist es geraten, und damit vielleicht sogar völlig aus dem Gedächtnis. Wir kennen zumindest den alten Spruch: „Aus den Augen aus dem Sinn!“? Immer wieder einmal geht es uns so.

Und dann nehmen wir zufällig das weg, was das andere, das Kostbare verbirgt und wir finden es wieder. Die unverhoffte Freude ist riesengroß, oft auch die Erleichterung, wenn es nicht nur etwas Schönes, sondern auch Wichtiges gewesen ist, was wir aus den Augen und damit dem Sinn verloren hatten. Besonders bei Kindern können wir die Reaktionen gut beobachten: An was sie lange Zeit gar nicht mehr gedacht haben, weil es eben nicht da war, ist plötzlich wieder das wichtigste Spielzeug, dem nichts anderes in der Bedeutung nahe kommt.

Manchmal kennen wir aber auch diese Situation: Da liegt etwas in wunderbarer Offenheit zutage, auf den ersten Blick ist es für uns oder für andere zu sehen; nur die Person, die es sehen soll, die sieht es nicht. Ob es die Butterschale im Kühlschrank ist, die ganz vorne dran steht – das ist das Beispiel, wo sich viele Männer angesprochen fühlen können; oder ob es eine Landmarke oder ein weiter weg stehendes Verkehrsschild ist – das ist das Beispiel, wo sich eher die Frauen angesprochen fühlen können. Der Blick ist wie vernagelt, wir oder die anderen sehen einfach nicht, was doch offensichtlich ist.

In unserem Predigttext werden uns beide Möglichkeiten vor Augen geführt: die des Sehens und die des Nicht-sehen-Könnens. Nicht umsonst ist der Abschnitt aus dem 2. Korintherbrief dem Epiphanias-Fest zugeordnet, nach dem auch eine Reihe von Sonntagen nach dem 6. Januar gezählt wird. Auch wenn das Wort Epiphanias für viele Menschen zuerst einmal erklärt werden muss.
Das griechische Wort Epifainw heißt „erscheinen“. Das Epiphaniasfest ist das „Erscheinungs“-Fest – das Fest, bei dem wir feiern, dass die Herrlichkeit Gottes in Jesus Christus erschienen ist. Zwischen Weihnachten und Epiphanias besteht so eine ganz enge Beziehung. Beide Feste erzählen davon, dass Gott in die Welt kommt. Wir können es uns wie bei einer Ellipse vorstellen, die zwei Brennpunkte hat; oder wie bei einer Münze, die zwei Seiten hat:

An Weihnachten bildet die Menschwerdung Gottes in besonderer Weise den Schwerpunkt: Das kleine Kind, das unter scheinbar unwürdigen aber eben so menschlichen Bedingungen im Stall zu Welt kommt. An Epiphanias bildet die Herrlichkeit Gottes den Schwerpunkt des Festes, die in Jesus mit seiner Weisheit und seinen Wundern sichtbar wird. Die Abschnitte aus den Evangelien, die an diesem Fest in der frühen Kirche gelesen wurden und die inzwischen auf den Festtag und die Sonntage vor und nach Epiphanias verteilt wurden – diese Abschnitte erzählen uns davon: Da ist der erst 12-jährige Jesus im Tempel, der den großen Theologen seiner Zeit ebenbürtig oder sogar überlegen ist; da kommen Weise und bringen königliche Geschenke; da wird Jesus im Jordan getauft und es ertönt diese wunderbare Berufungsstimme; da verwandelt Jesus Wasser zu Wein und zeigt so: da wo ich bin, findet die Feier des Lebens statt.

Zusammengefasst wird das alles im wunderbaren Bild vom Licht, das in der Finsternis aufscheint; im Bild vom Morgenstern, der nach langer Nacht den neuen Tag ankündigt und der so die Angst weichen lässt; im Bild vom hellen Schein, den Gott in unsere Herzen gegeben hat, wie es unser Predigttext sagt: Und wie das Licht plötzlich aufscheint und alles hell macht, so ist es auch mit der Herrlichkeit Gottes gewesen, die in Jesus Christus erschienen ist. Paulus stellt dieses leuchtende Licht in der dunklen Welt noch in einen ganz besonderen Zusammenhang: Mit Jesus ist nicht nur das Licht erschienen, das Jesaja verheißen hat: „Mache dich auf und werde licht, denn dein Licht kommt.“ Paulus sieht im Erscheinen Jesu den Gott am Werk, der es zum allerersten Mal hat licht werden lassen: „der Gott, der gesagt hat: Aus der Finsternis soll Licht aufstrahlen, er ist es, der es hat aufstrahlen lassen in unseren Herzen.“ Da ist der Schöpfer der Welt aus 1. Mose 1 gemeint: „Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.“

Für viele Menschen ist es seit Jesu Lebzeiten wohl so gewesen wie im eingangs geschilderten Beispiel vom Schlüssel, vom Schmuckstück und dem verlegten Bild: Zuerst hatten sie gar nicht bemerkt, dass ihnen etwas gefehlt hatte. Sie lebten so dahin und gingen ihrer Arbeit nach – vielleicht wie Petrus und Andres beim Fischen. Und dann waren sie Jesus begegnet – oder besser: Jesus war ihnen begegnet und hatte sie mitgenommen. Und bei dem, was sie mit Jesus erlebten, wurde es in ihnen licht und sie konnten Gott zu erkennen.

Und auch in den späteren Generationen des Christentums ist es ganz oft so gewesen: Der Zugang zu Gott war für die Menschen zuerst irgendwie wie verhängt oder überdeckt gewesen. Und dann hatten sie von Jesus gehört oder von ihm gelesen und mit einem Mal war die Abdeckung oder der Vorhang weg gewesen und sie konnten das Licht und die Wärme, die von diesem Licht ausging, in sich spüren; sie konnten die Liebe Gottes spüren. Und durch diese Menschen wurde es dann auch bei vielen anderen hell und licht und warm.

Aber immer wieder mussten Christen auch die Erfahrung machen, dass es Menschen gab, die dieses Licht nicht wahrnehmen konnten oder wollten. Es gab immer und gibt immer noch Menschen, die sich nicht zu Jesus als dem Christus, dem Licht Gottes bekennen.

Schon bei Paulus war das so – vielleicht auch vor allem bei Paulus, der nicht verstehen konnte, warum seine Geschwister im Glauben, warum die Juden seinen Glauben an Christus nicht teilten. Immer wieder versucht er es, zu erklären. Und auch heute – vielleicht auch vor allem heute gibt es Menschen, die von Christus nichts wissen wollen. Und wir fragen uns, warum das so ist.
Blicken wir noch einmal auf die alltägliche Situation, wenn Menschen das Gute und Schöne, das Kostbare nicht sehen können. Wir sind dann ganz schnell dabei, denen die Schuld in die Schuhe zu schieben. Wir sagen dann ganz schnell: Die wollen das nicht sehen. Und wir sind empört über so viel Unaufmerksamkeit, wir fühlen uns vielleicht sogar verletzt, weil wir es doch so gut gemeint haben, und weil wir die Wahrnehmungsschwierigkeiten der anderen als Kränkung empfinden.

Sobald wir aber selbst in die Situation kommen, dass wir etwas nicht finden, obwohl es doch offensichtlich ist, erfahren wir die andere Seite – suchen nach Entschuldigungen, die unser scheinbares Versagen in ein angenehmeres Licht rücken. In den Beispielen mit der Butterschale und dem Verkehrsschild brauchen wir das aber gar nicht, weil das allem Anschein nach in unserem Gehirn seit der Jäger und Sammelzeit unserer Vorfahren so angelegt ist: Männer sind darauf trainiert, für die Jagd die Ferne zu beobachten; Frauen sind darauf trainiert, die Nähe und die Gefühle von anderen Menschen wahrzunehmen.

Bei dem Wahrnehmen der Herrlichkeit Gottes, die in Jesus Christus erschienen ist, liegen die Dingen ähnlich und doch auch ganz anders. „Sollte unser Evangelium aber dennoch verhüllt sein, so ist es doch nur verhüllt für die, die verloren gehen.“ So schreibt Paulus und er vermutet, dass das Evangelium für Menschen, die nicht glauben, irgendwie verdeckt ist, obwohl es in Jesus Christus doch für alle sichtbar geworden ist. Und Paulus findet einen Schuldigen für seine Vermutung und schreibt: „Ihnen, die nicht glauben, hat der Gott dieser Weltzeit die Gedanken verfinstert, dass sie das Licht nicht sehen.“

Der Gott dieser Welt – in modernen Übersetzungen heißt es oft: der Satan. Wir können ihn auch unpersönlich die „Macht des Bösen“ nennen oder umschreibend sagen: der Gott dieser Welt ist alles, was uns von Gott wegbringen will. Dieser Gott dieser Welt hat den Menschen die Blick verdunkelt, sodass sie das eben nicht sehen können, was doch offensichtlich ist. Nicht nur für Paulus ist das Böse real und wirkmächtig. Es ist eine machtvolle Wirklichkeit, die sich zwischen Mensch und Gott schieben kann. Seine Macht endet aber da, wo Gottes Liebe angenommen wird: „Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Jesus Christus ist, unserem Herrn“, schriebt Paulus im Römerbrief. Völlig geschützt ist vor der Macht des Bösen allerdings niemand. Immer wieder stehen wir in der Gefahr, unser Leben und die Gemeinschaft mit Gott zu verfehlen und in den destruktiven, den zerstörerischen Machtbereich des Bösen abzurutschen. Jederzeit aber dürfen wir und können wir umdenken. Immer wieder wird deutlich, dass die Macht des Bösen schon gebrochen ist. Denn jederzeit kann es passieren, dass in dieser ungerechten Welt, die so voller Leid und Gewalt ist, in uns und anderen dann plötzlich das Licht aufgeht, das Gott durch Jesus Christus in uns hat aufscheinen lassen: das Licht der Kreativität Gottes, die uns neu sehen, lieben, handeln und gegen das Böse kämpfen lässt.

Weihnachten kann jedes Jahr neu zu diesem Moment werden, in dem Gott uns den Vorhang oder das Tuch wegzieht, das uns den Blick auf Jesus Christus, den Schatz unseres Lebens versperrt hatte; aber auch jeder andere Gottesdienst, jede Feier des Abendmahls, jeder Besuch, den andere bei uns oder den wir bei anderen machen. Jede Tat der Liebe lässt dieses Licht in uns aufgehen, denn Liebe zerstört nicht, wie es die Macht des Bösen tut, sondern sie baut auf und stärkt. Und zwar nicht nur einen von beiden, sondern beide. Dies war so bei den Taten Jesu, dies ist so bei den Taten der Liebe, die wir tun.

Und wie Jesus es bei den Menschen hat hell werden lassen, ohne sie zu blenden, so lässt Gott auch bei uns immer wieder sein Licht aufscheinen: nicht grell, kalt und blendend, sondern wärmend und weich und strahlend; so wie das Licht bei einem Sonnenaufgang allmählich kommt, um alles in seinen Schein zu tauchen, so wie Jesus im Gesicht eines Menschen als Liebe aufleuchtet. Dies ist die strahlende Herrlichkeit, die wir mit dem Epiphaniasfest feiern: dem Fest vom aufstrahlenden Erscheinen Gottes, das alle Dunkelheit vertreibt.
Amen.

2 Kommentare zu „Predigt zum Epiphaniasfest über 2. Korinther 4,3-6

  1. Anonymous writes:

    Wieder mal eine gelungene Predigt!!! Wobei Elke und ich weniger an die Butterdose im Kühlschrank sondern mehr an etwas anderes gedacht haben – etwa an gewisse Hausschuhe :)LG Silke

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