(Konfirmations-)Predigt am Sonntag Exaudi

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!
Liebe N.N. am Tag deiner Konfirmation!

„Höre, Gott – Höre meine Stimme, wenn ich rufe“ – Es ist dieser Vers aus Psalm 27, der dem Sonntag Exaudi seinen Namen gegeben hat. „Höre, Gott, wenn ich rufe!“ Exaudire – ist eine besonders intensive Form des Hörens. Nicht einfach nur, dass da einer seine Aufmerksamkeit mal eben von etwas anderem abwendet und ein paar Fetzen unserer Worte aufnimmt, um sie vielleicht doch gleich wieder zu vergessen. „Exaudi – höre mir zu, ganz und gar, stelle dich ganz auf mich ein, sodass alles andere unwichtig wird und du in diesem Moment nur für mich da bist.“ Das klingt in diesem Psalmvers und in seinem ersten Wort alles mit.

Es spricht aus diesen Worte eine ungeheure Sehnsucht nach Geborgenheit – vielleicht weil der Mensch, der sie gebetet hat, bei den Menschen nur allzu oft das Gegenteil erfahren hat: dass er meinte, da höre einer zu und es hat doch niemand getan. Oder er hat vielleicht die Angst, dass Gott ihm nicht zuhören könnte, weil doch so viel anderes da ist, was in den Augen Gottes noch viel wichtiger wäre als sein kleines Problem. Oder der Mensch weiß gar nicht, was er sagen soll; er findet einfach keine Worte, weil ihm das die Kehle zuschnürt, was heraus müsste. „Höre genau hin, Gott, ich brauche dich – jetzt!

Manchmal bekommen wir, wenn wir uns so nach Aufmerksamkeit und Geborgenheit sehnen, eine Antwort, die über ein Zuhören sogar noch hinaus geht: „Du brauchst nichts sagen …; ich versteh Dich schon!“ Wie schön ist es, so etwas zu hören. Wo Menschen miteinander vertraut sind, da braucht es manchmal keine Worte. Freundinnen und Freunde brauchen sich manchmal nur anzusehen – und sie wissen Bescheid. Eltern verstehen die Tränen eines Kindes, ohne dass es etwas sagt oder groß erklärt. Liebende verstehen einander, ohne dass sie dafür Wort brauchen. Es genügt eine Geste, ein Blick, ein Seufzen. Liebende verstehen sich ohne Worte: davon handelt der Predigttext von heute aus dem Römerbrief:

[26] Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich‘s gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen. [27] Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er vertritt die Heiligen, wie es Gott gefällt. [28] Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind. [29] Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. [30] Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.

Liebe Schwestern und Brüder!
Ich stelle mir einen jungen Mann vor, von dem die Bibel erzählt. Lange bevor der Apostel Paulus seinen Brief geschrieben hat, hat er gelebt; lange bevor Jesus gelebt hat, ja sogar lange bevor der Psalm entstanden ist, der dem Sonntag seinen Namen gegeben hat. Diesem Mann war es nicht viel anders zumute gewesen als den Menschen, die Paulus vor Augen hat: die auf der Suche nach Halt und Trost sind, die vielleicht gar nicht so genau wissen, wen oder was sie eigentlich suchen, die aber merken: ohne diesen Halt geht es nicht weiter, denn der Weg, den sie vor sich haben, diesen Weg kennen sie noch nicht. Der junge Mann hatte also auch geseufzt – aus tiefster Seele, weil er einfach nicht mehr weiter wusste und hatte sich mitten in der Wüste hingelegt und war eingeschlafen. In einem Traum war ihm dann Gott ganz nahe gekommen, er hatte die Verbindung zwischen sich und Gott ganz deutlich gesehen, sein Seufzen war nicht nur gehört sondern auch erhört worden. Denn am Ende seines Traumes hörte der junge Mann folgende Worte: „Siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst.“

Es ist – wie viele wahrscheinlich schon erkannt haben werden – die Geschichte von Jakob und der Himmelsleiter, die mir eingefallen ist, die mir vor Augen steht, wenn ich mir überlege, wie der Abschnitt aus dem Römerbrief des Paulus anschaulich zu machen wäre: Jakob, der erst einmal alle Sicherheiten verloren hatte, weil er seinen Vater und seinen Bruder übers Ohr gehauen hatte; Jakob, der aus Angst vor der Rache Esau Hals über Kopf abgehauen war. Diesem Jakob nun eröffnet Gott eine neue Zukunft, indem er ihm die Zusage gibt, dass Jakob – wo auch immer er hinzieht – von Gott begleitet wird. „Siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst.“

Warum nun diesen Jakob? Es ist eigentlich ganz einfach: der Segen, den Jakob zugesprochen bekommt, das ist der Vers, den sich N.N. als ihren Konfirmationsspruch ausgesucht hat; dieser Vers hat mich auf diese Spur gebracht: dass in der Geschichte von Jakob etwas deutlich wird, was Paulus in seinem Brief beschreibt. Der zentrale Satz des Predigttextes ist ein Vers, der vielen Menschen als Konfirmationsspruch mitgegeben wurde, obwohl es nicht immer so einfach ist, damit zurecht zu kommen. Paulus schreibt: Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.

Wenn Menschen auf der sonnigen Seite des Lebens stehen, ist dieser Vers bestimmt gut zu hören: es ist eine wunderbare Bestätigung: Du bist O.K., du machst alles richtig. Du stehst auf Gottes Seite, denn du liebst ihn, weil er dich liebt. – Wer fühlte sich nicht so schön bestätigt.
Aber wie hätte Jakob diesen Vers gehört, als er gerade losgegangen war, mit einem zumindest erst einmal gescheiterten Lebensentwurf, ohne Heimat und einem Todfeind im Rücken? Hätte er sich auf der Sonnenseite des Lebens gesehen? Hätte er geglaubt, dass ihm diese Situation zum Besten dient? Wie ist das, wenn ich in meiner eigenen Lebenssituation einfach nicht glauben, nicht einsehen kann, dass sich alles zu meinem Besten entwickelt – bin ich dann etwa nicht berufen? Oder liebe ich Gott nicht genug?

Der Satz, der nach Paulus ein Zuspruch sein soll, dieser Satz scheint sich in manchen Lebenssituationen in sein Gegenteil zu verkehren. Denn es kann aus der Tatsache, dass ich erwählt bin, eine Frage werden, ein Anfrage an meine Leistung, weil ja das Ergebnis in meinen Augen nicht stimmt. Dies ist die Gefahr, in der wir stehen, wenn wir mit unserer kurzen Sicht versuchen, Gottes Sicht auf die Dinge zu beurteilen. Zu schnell verwechseln wir Voraussetzung und Folge.

Am Anfang steht die Erwählung, die dann in dieser wunderbaren Reihe von Paulus durchbuchstabiert wird: „Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt […]. Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.“ Das ist aber nicht die Folge, sondern die Voraussetzung. Paulus schreibt nicht: „Das wird so sein“; er schreibt: Das ist so!! Und es ist für ihn keine Frage, ob die Römer, an die er schreibt, dazugehören oder nicht – Das ist so!! Und es wäre für ihn, wenn er heute hier stünde, auch keine Frage, ob wir dazu gehören. Auch das ist so!! Denn wir alle sind – wie die Gemeindeglieder in Rom damals auch – wir alle sind getauft. Gott hat uns berufen, er wird es nicht irgendwann einmal tun, er hat schon! Daran ändert sich nichts; die Taufe ist nicht rückgängig zu machen. Denn sonst würde Gott sich selbst untreu. Die Taufe und damit unsere Erwählung hängt nicht von unserer Leistung ab.

Und trotzdem sind wir gefordert. Es wäre ebenso falsch zu sagen, wir könnten unser Leben nun einfach sausen lassen und bräuchten nicht mehr nach Gott zu fragen. Paulus schreibt: Die Gott lieben, denen dienen alle Dinge zum Besten. Ich möchte es ein wenig umformulieren: Die an Gott unbedingt dran bleiben und die ihn an seine Verheißungen erinnern, Jakob geht auf Gottes Zusage ein, und er bleibt dran an diesem Gott und seinem Versprechen, auch wenn es nicht nur manchmal, sondern immer wieder in seinem Leben so aussieht, als ob alles schief laufen würde: er dient seinem Onkel Laban sieben Jahre und bekommt am Ende die falsche Tochter zur Frau; er dient noch einmal sieben Jahre und dann will ihn Laban nicht gehen lassen. Und als Jakob auf dem Heimweg ist, kommt sein Bruder Esau ihm mit 400 Bewaffneten entgegen, als wolle er kurzen Prozess mit seinem Bruder machen. Jakob ringt mit der dunklen Seite Gottes, er bleibt dabei auch nicht unverletzt, am Ende hinkt er – so erzählt es die uralte Geschichte vom Kampf am Jabbok– und – er bleibt Sieger, Gott segnet ihn. Denn Gott steht zu seinen Zusagen, auch wenn es für uns manchmal nur schwer zu sehen ist.

Jakob ist lange vor Jesus und Paulus einer, der Gott einfach unbedingt ernst nimmt und ihn an seine Versprechungen erinnert. Am Anfang dieser besonderen Beziehung stand aber kein Versprechen von Jakob sondern von Gott und vor dem Versprechen Gottes war der Seufzer Jakobs, den ich – zugegebener Maßen – etwas frei hinzugefügt habe. Und dieser Seufzer des nicht mehr weiter Wissens, dieser Seufzer wurde von Gott mit einem Versprechen, mit einem Segen beantwortet.

Das Seufzen Jesu am Kreuz auf dem sicheren Weg in den Tod, als auch Jesus keinen Sinn in allem mehr sehen konnte: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ wurde von Gott mit der Auferstehung Jesu beantwortet. Und auch unser Seufzen, wenn wir noch nicht einmal genau wissen, was uns fehlt und was uns bedrückt, auch unser Seufzen wird von Gott gehört und beantwortet: Mit der Taufe als dem unumstößlichen Ja Gottes zu uns und mit dem Abendmahl, das uns die Gemeinschaft Gottes mit uns spüren lässt. Er, Gott, sagt zu uns: Dich will ich dabei haben, Du sollst zu mir gehören. Ich verstehe Dich, ohne große Worte. Gott ist wie der Vater, auf dessen Schoß wir sitzen dürfen, seufzen dürfen: aus Freude und Erleichterung oder um ihm unseren Kummer anzuvertrauen. Und er versteht uns – ohne große Worte. Er kennt unser Herz, weiß, was wir fühle, nimmt Anteil an meinem Leben. Darauf können wir uns verlassen. Gott lässt uns nicht los, lässt uns nicht fallen, darum wird es gut ausgehen mit uns, was immer wir auch durchstehen müssen. „Du brauchst nichts zu sagen …; ich versteh dich schon!“ sagt er und: „Siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst.“

Danke, Gott.
Amen.

Autor: PaToWi

Ich darf mein Leben frei gestalten unter dem liebenden Blick Gottes. Ist das nicht Grund genug auf IHN zu hören und mir von IHM den Weg weisen zu lassen?

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