Predigt beim Gottesdienst auf der Costedter Schulwiese

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
Der Predigttext für den heutigen 3. Sonntag nach Trinitatis steht im Lukasevangelium, im 15. Kapitel:

http://www.bibelwissenschaft.de/nc/online-bibeln/luther-bibel-1984/lesen-im-bibeltext/bibelstelle/lk%2015,1-32/anzeige/context/#iv

Großer Gott, dein Heiliger Geist ist Herr über Reden und Hören. Segne unser Bemühen durch Christus, unseren Bruder und Herrn. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Es ist eine der schönsten und bekanntesten Geschichten des Neuen Testamentes, ja der ganzen Bibel überhaupt. Ich selbst kenne sie seit frühesten Kindergottesdiensttagen und dem Religionsunterricht in der Grundschule. Und je länger ich diese Geschichte kenne, desto schillernder, vielschichtiger erscheint mir der Titel: „Der verlorene Sohn“. Zum einen geht es ja in dem Gleichnis um zwei Söhne und der Titel verrät nicht, wer mit der Bezeichnung „verloren“ gemeint ist.

Und zum anderen hat die Geschichte, zumindest wenn wir auf den jüngeren Sohn sehen, ein Happy-End, sie endet eben nicht in einem tragischen Showdown. So ein tragischer Showdown und damit die Bezeichnung „verloren“ würde vom Ende der Geschichte her eher auf die Situation des älteren Sohnes passen. Aber von dem erzählt Jesus pikanter Weise nicht, wie er sich entscheidet.

Was also hat es mit dieser Überschrift auf sich? Sie erscheint schlicht falsch, wenn es um den jüngeren Sohn geht. Sie erscheint ebenso falsch wie die Überschriften zu den beiden vorangehenden Gleichnissen vom „Verlorenen Schaf“ und vom „Verlorenen Groschen“, denn alle drei werden gefunden! Darauf kommt es Jesus doch an: auf das Finden und die Freude darüber; das Verloren-Gehen ist doch nur der Betriebsunfall vorher, der dann zurechtgebracht werden soll und muss. Deshalb sollte das Finden auch in der Überschrift zum Tragen kommen: „Vom wiedergefundenen Sohn“ wäre doch gut; oder: „Von der Freude über den wiedergefundenen Sohn“. Das würde doch die Grundstimmung des christlichen Glaubens viel besser transportieren, die frohmachende und deshalb die „Frohe Botschaft“ des Evangeliums.

Aber ich komme ins Grübeln: Was ist, wenn die alte Überschrift vom „Verlorenen Sohn“ den einen Zweck hätte, Menschen anzusprechen, denen es in diesem Moment genau so geht: die sich verloren fühlen und deshalb sagen: „Ich kann keine Geschichten von glücklichen Menschen mehr hören, denn das ist wirklich nicht meine Lebenserfahrung. Bleib mir weg mit den ewig Glücklichen; ich gehören zu den Loosern, zu den Verlorenen.“
So macht die alte Überschrift wieder neu Sinn. Denn das kennen doch viele und viele werden sich so in diesem jüngeren Sohn und seinem Lebensweg wiederfinden: dass die Verbindungen abgeschnitten sind – die Verbindungen zum Leben, wenn das Geld nicht mehr da ist und auf diese Weise auch nicht mehr die sogenannten Freunde, die man sich mit dem Geld erkauft hatte. Wie lange braucht es, um zu dem Entschluss des Sohnes zu kommen, sich klein zu machen und zurück zu gehen? Lange, sehr lange, denn zuerst ist ja noch der Stolz da, es aus eigener Kraft wieder schaffen zu wollen, da ist noch der Glaube an die eigenen Fähigkeiten. Und dann ist es fast wie bei Dornröschen, wenn die Dornen den letzten Rest des Lebens auch noch zu ersticken drohen.

Was aber bleibt, ist diese Ursehnsucht, dass es im Haus des Vaters noch andere Möglichkeiten gibt: Da leidet niemand Hunger, da geht es gerecht zu. Die bange Frage könnte nur sein: Reichen die Kräfte, um das Dornengestrüpp durchhauen zu können, um sich zu befreien?

Das erstaunliche aber ist: Es braucht keine eigene Kraft, um diesen Schrift zu gehen; so paradox es klingt: erst wenn keine Kraft mehr da ist, eröffnet sich der Weg zurück. Erst mit der Einsicht, dass es nicht an meiner Kraft und meinem Können liegt, ob Gott mich annimmt, und dass wir nichts vorweisen können, um uns vor Gott gut dastehen zu lassen, erst mit dieser Einsicht gelingt der Weg zurück: „Hier bin ich, ich bin ich, so wie ich bin, mehr nicht.“ Und dann dürfen wir die Stimme des Vaters hören, der uns sagt: „Du bist du, so wie du bist, nicht weniger als mein geliebtes Kind und du bist zurück, wie wunderschön.“

Hier könnte die Predigt zuende sein. Aber das ist nicht alles an dieser eindrücklichen Geschichte. Denn mit dem Freudenfest über den wiedergefundenen Sohn ist das Gleichnis nicht zuende. Es gibt ja noch einen zweiten Sohn: den, der zuhause geblieben ist und seinem Vater die Treue gehalten hat. Es bleibt die Frage: Wer ist der verlorene Sohn?

Und diese Frage hängt – das wird mir immer deutlicher – ganz eng damit zusammen, dass wir zurückfragen sollen und fragen müssen: Wer sind denn wir in dieser Geschichte? Bei dem positiven und glücklichen Ende für den jüngeren Sohn würden wir uns wohl gerne in ihm wiederfinden. Aber ich frage mich: Sind wir wirklich dieser jüngere Sohn? Haben wir denn alles durchgebracht? Haben wir wie er an dem Trog der Schweine gesessen und diese Worte vor uns hingesprochen, sie eingeübt und uns so zu eigen gemacht, dass wir sie auch noch im Angesicht des Vaters über die Lippen bringen, wenn der uns schon aufgehoben hat: ‚Ich bin nicht mehr wert dein Sohn zu heißen‘?

Oder: Sind wir – wenn nicht der jüngere Sohn – dann doch der Vater, der geradezu auf der Lauer liegt und sehnsüchtig darauf wartet, dass sein jüngerer Sohn zurück kommt? So, wie der jüngere Sohn seinen Vater enttäuscht hat, bin ich mir nicht so sicher, ob ich das so wie der Vater könnte: Vorbehaltlos den Sohn wieder aufnehmen und das Beste hervorholen, was in Haus und Stall zu finden ist. Diese Rolle ist eindeutig die Rolle Gottes, nicht meine.

Aber: Sind wir vielleicht einer der Knechte, die dem älteren Sohn erzählen, was los ist? Das wäre für manche das einfachste, denn dann wären wir am wenigsten beteiligt, dann würde uns das alle ja gar nichts angehen. Aber es tut mir leid; durch unsre Taufe sind wir nicht nur Knechte oder Arbeitskräfte, nicht Gäste und Fremdlinge, sondern wir sind Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, ja sogar sein Kinder. Wir können nicht sagen: „Wir gehören nicht dazu, uns geht das nichts an, sollen die Herrschaften doch zusehen, wie sie das regeln!“

Es bleibt dabei: Entweder sind wir der jüngere Sohn, oder wir sind der ältere Sohn. Und von ihm und dem, wie er sich am Ende entscheidet, erzählt Jesus spannender Weise nichts. Jesus lässt offen, wie der Ältere reagiert; als ob er auf die Antwort der Zuhörenden warten würden, die ja alle zu denen gehören, die in ihren eigenen Augen schon immer dazu gehörten und sich nicht von Gott abgewendet haben. Jesus lässt ihre Reaktion offen, als ob er auf eine Antwort wartet auf seine Frage: Kommst Du mit herein und freust dich über die, die verloren waren und wiedergefunden und das Leben wiedererlangt haben?

Und wir, die heutigen Zuhörer Jesu, finden wir uns im älteren Sohn wieder? Für viele wahrscheinlich eine ungewohnte Sicht, aber eine zutreffende: Denn wir glauben doch, dass wir durch die Taufe zu Gottes Kindern gemacht wurden, seit Kindheitstagen! Wir glauben doch, dass wir mit Sicherheit Erben des Reiches Gottes sind! Und ich bin mir sicher, dass wir uns immer wieder einmal fragen: Gott könnte sich doch auch einmal erkenntlich zeigen und uns für unsere Treue belohnen? Ich befürchte, dass wir uns auch schwertun mit denen, die neu dazu kommen oder die nach manchen Irrwegen von Gott mit offenen Armen wieder aufgenommen werden; dass wir uns schwertun mit denen, die in unseren Augen Gottes Liebe nicht verdient haben. Der ältere Sohn ist uns wahrscheinlich näher, als wir oft meinen. Was antworten wir?

Jesus erzählt Gleichnisse vom Reich Gottes, vom Himmel. Wir sind noch nicht im Himmel, aber was für den Hirten gilt, der sein Schaf wiedergefunden hat, und für die Frau, die ihren Groschen wiedergefunden hat, das gilt auch für den zuvor verlorenen Sohn, der wiedergefunden ist: im Himmel ist über ihn unbeschreibliche Freude. Jesus lässt es offen, ob der ältere Sohn mit ins Haus geht und sich mitfreut. Das ist seine Frage an uns: Freuen wir uns mit, wenn Menschen, die so ganz anders sind als wir, den Weg zu Gott finden? Freuen wir uns mit, wenn Menschen, die so ganz andere Erfahrungen mit Gott gemacht haben als wir und die ihrem Glauben eine so ganz andere Gestalt geben als wir, dennoch ihren Weg zu Gott finden und von Gott geliebt sind, obwohl wir doch meinen die größeren und älteren Rechte zu haben? Freuen wir uns dann mit? Wenn wir es schaffen, uns über diese zu freuen und hineinzugehen: zum Fest des Glaubens, zum Fest Gottes, dann ist bei uns ein Stück Himmel Wirklichkeit geworden, dann haben wir ein Stück Himmel auf Erden. Dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut, dann wohnt er schon in unserer Welt – so wie wir es jetzt gleich singen.
Amen.

Autor: PaToWi

Ich darf mein Leben frei gestalten unter dem liebenden Blick Gottes. Ist das nicht Grund genug auf IHN zu hören und mir von IHM den Weg weisen zu lassen?

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