Predigt zu Markus 2,1-12

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Evangelium nach Markus, im 2. Kapitel:
http://www.bibelwissenschaft.de/nc/online-bibeln/luther-bibel-1984/lesen-im-bibeltext/bibelstelle/Mk%202,1-5/anzeige/context/#iv

Großer Gott, dein Heiliger Geist ist Herr über Reden und Hören. Segne unser Bemühen durch Christus, unseren Bruder und Herrn. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!
Ich weiß, die Geschichte ist noch nicht zuende. Viele wissen auch, wie es weiter geht; aber ich halte es für richtig, an dieser Stelle innezuhalten und nicht weiter den Text vorzulesen; so wie Jesus und die anderen an dieser Geschichte Beteiligten damals zunächst innegehalten haben. Denn hier an dieser Stelle hätte die Geschichte zuende sein können und die direkt Beteiligten, also Jesus, der Gelähmte und seine Freunde wären alle zufrieden gewesen. Ja, Markus berichtet es so und nicht anders; nicht so, wie auch wir es wahrscheinlich erwartet hätten und wie ich es jetzt einmal erfinde:

Als Jesus diese Worte gesprochen hatte und aufsah, blickte er in entsetzte Gesichter. Sowohl der Gelähmte als auch seine Freunde konnten nicht bergreifen, was Jesus da getan und gesagt hatte. Alles war ganz anders gekommen, als sie es gedacht hatten, und die Feuerflammen ihres Glaubens waren zu einem Aschehäufchen zusammengefallen. „Jesus, das kann doch nicht sein“, riefen die vier Freunde wie aus einem Mund. „Wozu haben wir das Dach abgedeckt und die ganze Mühe aufgebracht – nur dass du unserem Freund hier mal eben sagst »Dir sind deine Sünden vergeben«? Wir hofften so sehr, dass du ihm seine Gesundheit wiedergeben würdest, dass er wieder stehen und gehen kann. Alles andere ist doch unwichtig!“

So kann ich es mir gut vorstellen: dass die Freunde und auch der Gelähmte so gesprochen hätten. Und ich bin da bestimmt ein Kind meier Zeit: des 21. Jahrhunderts, das die Gesundheit in manchen Gesellschaftsschichten zu einer Art Religion erhoben hat und das von der Medizin viel weitreichendere Wunder erwartet als die Menschen damals von Jesus.

„Ihr irrt euch.“ So könnte Jesus dann in meiner erfundenen Fortsetzung der Geschichte geantwortet haben. „Ihr irrt euch, wenn ihr meint, dass es das einzig Wichtige gewesen wäre, euren Freund so gesund zu machen, dass er wieder stehen und gehen oder sogar tanzen könnte. So wie ihr heute werden in etwa zweitausend Jahren viele Menschen denken. Wenn diese Menschen dann Geburtstag haben und die Glückwünsche ihrer Gratulanten entgegen nehmen, die ihnen »Alles Gute!« wünschen, werden sie antworten: »Ja, Hauptsache gesund!« Und sie werden daran denken, dass ein Leben angeblich nur dann Qualität habe, wenn man alleine und ohne Schmerzen oder ohne Beeinträchtigung im Bewegungsapparat von A nach B kommt.

Oder die Menschen werden von den Möglichkeiten der dann modernen Medizin eine Form von Gesundheit erwarten, die der Realität von Krankheit und Behinderung, der Realität von Bedrohung des Lebens nicht gerecht wird. Nur: eine medizinisch garantierbare Gesundheit wird es nie geben können. Aber diese nicht erfüllbare Erwartung an so eine Art von Gesundheit wird viele sogar in große Verzweiflung stürzen. Denn wenn es zu einer schweren Krankheit mit Einschränkungen und gar dazu kommt, dass das Leben bedroht ist, werden viele Menschen mit ihrem Schicksal hadern, ohne es je annehmen zu können.

Die wenigen Stimmen, die sich gegen diese Sehnsucht oder gegen diese fast krankhaft zu nennende Gier nach Gesundheit wenden, werden wenig Gehör finden. Aber ein sinnvolles Leben, ein Leben in Würde hängt heute nicht von einem ins utopische gesteigerten Gesundheitsideal ab – und ein würdevolles und mit Sinn erfülltes Leben wird auch in 2000 Jahren nicht von dieser Hypergesundheit abhängen.

Bevor ihr gekommen seid, habe ich den Menschen das Wort von der Liebe erzählt, die Gott für alle Menschen hat. Das ist das Wichtigste: zu wissen, dass Gott einem jeden Menschen so unendlich nahe ist, so wie ein liebender Vater seinem Kind nahe ist. Deshalb habe ich euren Freund auch nicht irgendwie, sondern im Auftrag meines Vaters mit »mein Kind, mein Sohn« angeredet. Und das hat doch auch euch hierher geführt: Euer Vertrauen, dass durch mich etwas von Gott und von seiner Macht und Liebe spürbar wird, die eurem Freund hilft. Und ihr habt ja recht behalten: Was ich eurem Freund geben konnte, die Vergebung seiner Sünden, hat ihm geholfen, nur ganz anders, als ihr es euch gedacht habt. Vor Gott macht die Gesundheit einen Menschen nicht besser und die Krankheit einen Menschen nicht schlechter.

Wichtig ist, dass sich die Menschen in ihrer Gesundheit aber eben auch in ihrer Krankheit von dieser Liebe Gottes getragen wissen und dass sie die Kraft, die er ihnen anbietet und schenkt, dass sie diese Kraft an- und in sich aufnehmen können: dass sie so ihre Krankheit oder Behinderung nicht nur irgendwie ertragen, sondern mit Würde tragen können und dass ihnen manchmal aus der Krankheit oder der Behinderung heraus sogar etwas in ihrem Leben erwächst, was ohne sie nicht möglich gewesen wäre.

Ich habe wohl euren Glauben gesehen. Und ich bewundere den Einsatz, den ihr für Euren kranken Freund bringt. Aber macht euch bitte klar, dass die Probleme eines Menschen nicht unbedingt die offensichtlichen Bedürfnisse sind: wie zum Beispiel bei eurem Freund, dass er nicht laufen und gehen kann. Viel entscheidender und für das Leben eines Menschen ist oft das, was in seinem Inneren vor sich geht.

Versteht mich bitte nicht falsch: Ich freue mich mit allen Menschen, die sich frei und ohne Einschränkungen bewegen können, ich bin dankbar für alle Menschen, die nach einer Krankheit – auch nach einer schweren Krankheit wieder gesund werden. Und ich bekenne: nicht gehen zu können oder in anderer Form körperlich oder auch geistig eingeschränkt zu sein, ist oft hart und schwer zu ertragen; und es hat keine Berechtigung, dass Menschen Schmerzen leiden. Ich wünsche es niemandem. Es hat auch keine Berechtigung, dass Menschen hungern oder kein frisches Wasser haben und sogar an Hunger und verschmutztem Trinkwasser sterben müssen.

Aber manchmal sind die inneren, die seelischen Nöte eines Menschen so groß, dass sie viel wichtiger sind als die Heilung seines offensichtlichen körperlichen Gebrechens. Das war bei eurem Freund der Fall. Vielleicht tröstet es auch Menschen in späterer Zeit, dass er nicht gesund in dem Sinn geworden ist, dass er wieder gehen kann.

Was ich auch noch einmal klarstellen möchte, ist, dass es bei ihm keinen Zusammenhang zwischen seiner Sünde gibt, die ich ihm vergeben konnte, und dem Gebrechen, mit dem er leben muss. Es ist keine Strafe für ihn gewesen. Es passiert allerdings manchmal, dass seelische Nöte auch Auswirkungen auf den Körper eines Menschen haben, dass sie von ihrer seelischen Not krank gemacht werden. Das ist dann aber ganz etwas anderes. Und da ist es dann um so wichtiger: Nicht einfach nur die körperlichen Symptome zu behandeln, sondern die seelischen Ursachen in den Blick zu bekommen und anzugehen. Und gerade die Schuld anderen Menschen gegenüber, die ja immer auch eine Schuld Gott gegenüber ist, kann Menschen zermürben und zerfressen, so krank machen, dass ein Leben in Würde nicht mehr möglich ist.

So habe ich euerem Freund das gegeben, was er am nötigsten brauchte: die Vergebung seiner Schuld. Denn sonst hätte sie ihn innerlich zerfressen – gründlicher, ja tödlicher, als es je seine Behinderung gekonnt hätte."

Hier endet meine erfundene Fortsetzung der Geschichte, wie sie aus heutiger Sicht wohl hätte auch stattgefunden haben können. Ich verzichte bewusst darauf, eine Reaktion der vier Freunde, des immer noch Gelähmten oder der umstehenden Menge zu erfinden. Das wäre eine Sache, die andere, die heutige Zuhörer sich ausdenken müssten, denn dieser Blick, den ich heute auf den ersten Teil der Geschichte vom Gelähmten, vom Gichtbrüchigen, wie sie früher genannt wurde, getan habe, ist mein Blick, den ich selber nicht beurteilen kann.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!
Die Geschichte ist nicht einfach mit der Sündenvergebung an den dann immer noch Gelähmten zuende gegangen; für den Gelähmten und seine Freunde wäre es wohl wirklich gut so gewesen, was Jesus getan hatte. Und Markus berichtet nichts davon, dass sie entsetzt gewesen wären, nichts davon, dass der Gelähmte enttäuscht oder traurig gewesen wäre. Die Geschichte ist auch nicht so wie eben geschildert zuende gegangen.

Sie geht – wie so viele es wissen – ganz anders weiter, ganz anders auch, als wir es für uns heute erwarten würden. Markus berichtet weiter: http://www.bibelwissenschaft.de/nc/online-bibeln/luther-bibel-1984/lesen-im-bibeltext/bibelstelle/Mk%202,6-12/anzeige/context/#iv

Dieses Ende der Geschichte greift das, was Jesus den Menschen geben konnte, von einer ganz anderen Seite an und droht es zunichte zu machen: Menschen sprechen ihm die Vollmacht ab, die Nähe zu Gott wieder herstellen zu können: den Sündern die Vergebung zuzusprechen. Und da erst setzt Jesus mit dem offensichtlichen Wunder der Heilung auch einen für alle sichtbaren Machterweis. Der lässt dann die Widersacher zunächst verstummen. Der nun vormals Gelähmte wird über sein neues Schicksal nicht unglücklich gewesen sein, ganz im Gegenteil.

Ich bin der Herr, dein Arzt. So sagt es Gott im 2. Buch Mose, als das Volk Israel wieder einmal in seiner Abkehr von Gott verstrickt war; es war Losungstext vorgestern am Freitag. Ich bin gekommen zu suchen und selig zu machen, was verloren ist – so sagt es Jesus an anderer Stelle im Evangelium: Heil machen will er die Menschen, allerdings oft ganz anders als wir es erwarten: indem er sie aus der Ausgrenzung und Vereinzelung heraus- und sie wieder in die Gemeinschaft mit Gott und mit den Menschen zurückholt. Darum geht es. Ganz gleich, ob sie körperlich krank oder gesund sind.
Amen.

Autor: PaToWi

Ich darf mein Leben frei gestalten unter dem liebenden Blick Gottes. Ist das nicht Grund genug auf IHN zu hören und mir von IHM den Weg weisen zu lassen?

2 Kommentare zu „Predigt zu Markus 2,1-12“

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