Predigt über Matthäus 25,31-46 am Volkstrauertag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!
Was ein Offenbarungseid ist, das wissen wir wohl alle. Da ist jemand, der hat Schulden, meistens sogar hohe Schulden und die Gläubiger wollen wissen: „Was ist bei dem denn noch zu holen.“ Den Offenbarungseid leistet also jemand, der seine finanziellen Möglichkeiten und damit in gewisser Weise seinen Handlungsspielraum als Mensch in der Gesellschaft dem Gericht darlegen muss. Insgesamt keine angenehme Angelegenheit, vielmehr äußerst peinlich, auch wenn wir wissen, dass oft erst durch einen solchen Offenbarungseid der Weg frei wird für eine echte Entschuldung und damit für ein neues Leben.
„Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.“ Paulus erinnert uns mit diesem Satz und dem altertümlichen Begriff „offenbar werden“ daran, dass es auf einer ganz anderen Ebene als der eines weltlichen Gerichtes noch eine andere Instanz gibt, die von uns so etwas wie einen Offenbarungseid fordern kann und fordern wird. Und wie bei einem weltlichen Offenbarungseid wird es auch vor dem Richterstuhl Christi darum gehen, dass wir entschuldet werden und so zu einem neuen Leben finden.

Doch um das zu erreichen, müssen die Fakten über unser Leben erst einmal auf den Tisch, so unangenehm das für uns zuerst auch sein mag. Aber wenn wir das Ziel des Ganzen vor Augen haben, wird es uns doch deutlich leichter fallen: frei zu werden von den drückenden Schulden, die keinen Raum mehr lässt zum Atmen, frei zu werden von den bösen Kräften und Mächten, die uns immer wieder fesseln, frei zu werden auch vom Tod, der uns wie ein tödliches Netz einzufangen sucht.

„Wir müssen offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.“ Paulus erinnert uns mit dem Wochenspruch daran, dass wir nicht nur als Christen, sondern als Menschen überhaupt nicht einfach vor uns hinleben. Vielmehr ist uns Verantwortung aufgetragen worden: zuerst Verantwortung für uns selbst, dann auch Verantwortung für die Menschen, die mit uns verbunden sind: in den kleinen Gemeinschaften von Familie und Dorf, in den großen Gemeinschaften von Stadt, Bundesland und Nation; und schließlich Verantwortung für das Land, auf dem wir als Menschen insgesamt leben, für unsere Erde.

Ebenso wie Paulus verwendet auch Jesus in seinem Gleichnis, das heute unser Predigttext ist, das Bild vom Gericht. Jesus malt uns die Zukunft vor Augen – das, was am Übergang von dieser Welt hinein in Gottes Welt sein wird. Es ist ein Gemälde von ferner Zukunft, das aber seine Auswirkungen auf die Gegenwart der Hörerinnen und Hörer haben soll und damit auch Auswirkungen auf die nähere Zukunft dieser Menschen und damit der Welt insgesamt.

Aber warum erzählt Jesus gerade so ein Gleichnis; eines, das auf den ersten Blick nur Angst macht, das nur die alten Vorurteile bestätigt, dass es eben in der Kirche doch nicht um Gott als einen liebenden Vater ginge, sondern um einen Gott, der nur darauf aus ist, alle Menschen in die Tonne zu treten, weil sie die Heils-Bedingungen Gottes ja doch nicht erfüllen können? Erzählt Jesus dies Gleichnis vor allem, um die einen voller Freude zu verurteilen und ins Verderben zu schicken?

Nein! Liebe Gemeinde! Nein! So zu reden, hieße, Jesus und die ganze biblische Botschaft völlig falsch zu verstehen. Immer wieder hat Jesus davon gesprochen, dass er – wieder in einem Bild gesprochen – nicht zu den Gesunden kommt, die gar keinen Arzt brauchen, sondern dass er sich zu den Kranken geschickt sieht, die so dringend einen Arzt brauchen, um wieder gesund zu werden; dass er da zum Leben helfen will, wo Menschen vom Tod bedroht sind. Und schon im Alten Testament wird immer wieder betont, dass Gott nicht den Tod des Sünders will. Gott will vielmehr, dass der Sünder sich bekehrt und lebt.
Und genau das gilt auch für die Gleichnisse, die Jesus am Ende seiner öffentlichen Wirksamkeit erzählt; darum erzählt Jesus sie: Nicht, um die Menschen der Verdammnis auszuliefern, sondern um sie wach zu rütteln, damit sie sich ihres bisherigen Lebens bewusst werden und dass sie ihr Leben ändern. Dass die Menschen schon in diesem Leben sich selbst Rechenschaft abgeben darüber, wie es um sie bestellt ist.

Liebe Gemeinde!
Jesus teilt ganz eindeutig ein: in Schafe und Böcke und damit in ja und nein, in gut und böse, in Seligkeit und Verdammnis, in schwarz und weiß. Da ist und da passt kein Grau dazwischen. Ich weiß nicht, wo Sie sich einsortiert hätten: bei den Schafen oder bei den Böcken; bei denen, die eine Zukunft bei Gott haben, oder bei denen, die der Verdammnis zugeordnet werden? Oder haben Sie für sich gesagt: Das geht doch gar nicht! Und ich gebe ihnen recht.

Wir wissen wohl nur eines: Am Ende, wenn es für uns darum geht, ob wir Zugang zu Gottes Reich und seiner Herrlichkeit bekommen, wollen wir gerne auf der richtigen Seite stehen und nicht dem ewigen Nichts, der Verdammnis überantwortet werden. Aber wir erleben uns ganz anders: Zwar gelingt es uns manchmal, das zu tun, wofür Jesus die auf der rechten Seite lobt – aber dann gibt es immer wieder Momente in unserem Leben, da tun wir sie nicht.

Auf uns selbst angewendet, könnte es vielleicht so heißen: Da war eine ganz kleine Gruppe von Schafen
auf der rechten Seite und da war eine kleine Gruppe von Böcken auf linken Seite; und in der Mitte stand eine riesige Gruppe, von denen der Menschensohn sagen musste: „Ich weiß auch nicht, was ich mit euch machen soll. Ihr seid weder richtig gut noch richtig schlecht; irgendwie ist beides in euch.“ Deshalb habe ich Sie vorhin in der Schriftlesung die Antworten von beiden Seiten lesen lassen. Denn ich bin überzeugt, dass alles das, was Jesus in dem Gleichnis beschreibt, in jeder und jedem von uns passiert.

Aber werfen wir doch einmal einen Blick auf die einzelnen Situationen, die Jesus seinen Zuhörerinnen und Zuhörern vor Augen malt. Um was geht es: um spektakuläre Sachen? Nein, es scheinen die alltäglichsten Begebenheiten zu sein, die wir uns vorstellen können: Da hat einer Hunger und bekommt zu essen, da hat eine Durst und bekommt zu trinken; da weiß einer nicht wohin und bekommt eine Unterkunft; da ist eine fremd und sie wird angesprochen und aufgenommen, da fehlt es einem an Kleidung für den Winter und er bekommt einen Anorak, da ist einer krank und wird besucht, da ist einer im Gefängnis und bleibt auch hinter Gittern nicht allein.

Zu jeder dieser Szenen könnten Sie alle eine Geschichte erzählen. Sie alle kennen Menschen, die genau das tun: in der Familie und in der Nachbarschaft, im Beruf und in der Schule: wenn jemand neu in die Klasse kommt und geholfen wird, damit er oder sie Anschluss findet: an die anderen in der Klasse und an den Stoff, der bisher durchgenommen worden ist; wenn in der Nachbarschaft jemand krank ist, und sich ganz selbstverständlich die Nachbarn um Haus und Garten kümmern und darum, dass die Kinder versorgt sind. Da geben Menschen ihren Beruf auf, um Angehörige zu pflegen und zur Unterstützung von armen Kindern wird Spielzeug an die Portaner Tafel abgegeben. Eine ganze Kirchengemeinde unterstützt eine Flüchtlingsfamilie, die von Abschiebung bedroht ist.

Aber gerade weil die Situationen so alltäglich zu sein scheinen, gibt es immer wieder auch Begebenheiten, in denen diese scheinbar so selbstverständlichen Hinwendungen zu den Nächsten unterbleiben: weil der oder die Neue so komisch aussieht; weil die Familie nebenan allem Anschein nach dem Islam angehört; weil Menschen sich belogen und ausgenutzt fühlen, bei den Geschichten, die ihnen an der Haustür erzählt werden, die in Kurzform auf eine Pappe geschrieben in Minden in der Bäckerstraße zu lesen sind; weil die Zusammenhänge in der Weltwirtschaft so undurchschaubar sind, dass wir hier gar nicht merken und gar nicht merken können, auch wenn wir es wollen, dass wir den Menschen woanders das Wasser abgraben und das Einkommen stehlen und sie damit dem Hunger preisgeben. In beiden Gruppen finden wir uns wieder.

Für Jesus kommt noch eines hinzu: Beide Gruppen haben nicht gewusst, dass wem sie die Barmherzigkeit erwiesen haben, beiden Gruppen ist es nicht klar, dass es Jesus ist mit dem Gesicht dieser Menschen, dem sie das eine getan und das andere nicht getan haben.

Die in der einen Gruppe werden wahrscheinlich sagen: „Ach Jesus, was du da so bei uns lobst, das ist doch selbstverständlich; das tun wir doch gerne und einfach so, und nicht, weil du das gewesen wärest oder weil wir uns damit den Himmel verdienen wollten. Rede doch nicht so über Selbstverständlichkeiten.“

Und die in der anderen Gruppe werden sich ebenso nicht bewusst gewesen sein, dass sie Jesus war, dem sie begegneten: „Meinst du nicht, Jesus, dass du es uns viel zu schwer gemacht hast, dich zu erkennen? Wie sollte das denn gehen, wenn Du uns als Landstreicher oder als muslimische Familie gegenübertrittst? Wie sollen wir dich erkennen, wenn wir nur die schönen Früchte und die billigen Waren sehen können und nicht ahnen, dass Menschen dafür hungern und dürsten und unter unwürdigen Arbeitsbedingungen schuften müssen? Wie hätten wir wissen können, wieviel Gewalt zwischen Menschen geschieht: in den vier Wänden der Wohnung nebenan oder gar bei uns selbst und ganz offen in Palästina, in Afghanistan und, und, und. Und vor allem, wie hätten wir etwas dagegen tun können, Jesus?

In beiden Gruppen werden wir uns wiederfinden, können zu allem sagen: Ja, das sind wir auch. Und weil wir das wissen und weil wir wissen, dass Gott uns mit seinem liebenden Blick ansieht, können wir es frei uns offen bekennen und wir müssen Gott und uns nicht die heilige Ausgabe von uns selbst präsentieren. Wir dürfen und können mit uns selbst ehrlich sein und brauchen einfach nur zu sagen: „Ja, Gott, das sind wir.“

Der Offenbarungseid im weltlichen Recht soll dazu helfen, dass Menschen neu anfangen können. Mit unserem Offenbarungseid vor Gott wird uns dasselbe für unser Leben hier und jetzt und darüber hinaus für Gottes Reich ermöglicht. Denn: Wie sonst sollten wir das alles von uns aus tilgen können, was zischen uns und Gott und damit zwischen uns und dem Himmelreich Gottes steht? Die Frohe Botschaft dieses Gleichnisses vom großen Weltgericht erschließt sich dann im weiteren Verlauf des Evangeliums: wenn Jesus für alles das gekreuzigt wird und Gott mit der Auferweckung Jesu das Beglaubigungssiegel auf unsere Akte drückt: Abschlossen und deshalb zum Leben befreit: für Gottes Reich und für die Lebenszeit, bis es so weit ist.

Und weil das so ist, können wir froh und mutig – oder mit dem alten Wort – frohgemut unsere Verantwortung wahrnehmen, die uns Gott aufgetragen hat: für uns und unsre Nächsten in der Nähe und für unsere Nächsten in der Ferne und für unsere ganze Welt.

Der Gottesdienst am Vorletzten Sonntag im Kirchenjahr hat in besonderer Weise unsere Verantwortung für die Welt, in der wir leben, zum Thema. Der Blickwinkel dabei ist der Blick aus der Zukunft, die Gott für uns bereithält. Von der anderen Seite – mit dem Blick auf die Vergangenheit wird diese Verantwortung vom Volkstrauertag her betrachtet. Aus dem unendlichen Elend, das Krieg und Vertreibung, Hass und Unterdrückung in den beiden Weltkriegen und seitdem hervorgebracht haben, wächst die Erkenntnis, dass es so nicht weitergehen kann und darf, dass vielmehr das Miteinander der Menschen vom Grundgedanken des Friedens getragen sein muss.

So treffen sich Kirchenjahr und Kalenderjahr, denn in beiden Kalendern geht es um die Verantwortung für das eigene Tun hier und jetzt in der Gegenwart, um eine gute und freie Zukunft zu ermöglichen. Möge Gott uns dazu immer neu die Kraft geben und uns starkmachen für das, was jetzt getan werden muss, stark für die Werke der Barmherzigkeit. Um der Zukunft willen, um Jesu Christi willen. Amen.

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