Predigt am Buß- und Bettag 2009 über Lukas 13,1-9

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Der Predigttext für den heutigen Buß- und Bettag steht im Evangelium nach Lukas, im 13. Kapitel:
http://www.bibelwissenschaft.de/nc/online-bibeln/luther-bibel-1984/lesen-im-bibeltext/bibelstelle/Lk%2013,1-9/anzeige/context/#iv
Großer Gott, dein Heiliger Geist ist Herr über Reden und Hören. Segne unser Bemühen durch Christus, unseren Bruder und Herrn. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!
Lasst mich mit einer kleinen Geschichte beginnen: Ich weiß nicht genau, ob sie sich vor sechs oder zwölf Jahren zugetragen hat; es war jedenfalls der Bußtag eines der Jahre, an dem das heutige Evangelium damals eben auch Predigttext war. Da saß ein Mensch im Gottesdienst und er hatte, wie es so oft in der Eingangsliturgie heißt, alles mitgebracht, was ihn belastete und bedrückte, was ihn erfreut hatte und was schön gewesen war; die ganzen Erfahrungen der Tage vorher, sein ganzes Päckchen.

Besondere Gedanken hatte er sich um sein Kind gemacht, das wenige Wochen zuvor eingeschult worden war. In den ersten Tagen war auch alles ganz gut gelaufen; je länger das Schuljahr aber dauerte, desto größer waren die Schwierigkeiten geworden: die Hausaufgaben wurden zum täglichen Kampf, in der Klasse wurde es schwierig und immer deutlicher war: Das Kind fühlte sich todunglücklich. Nicht nur dem Vater und der Mutter war das aufgefallen; auch die Lehrerinnen und Lehrer waren besorgt und sprachen die Eltern an: so könne es nicht weiter gehen, was sollte werden, wenn das Kind den Anfang seiner Schullaufbahn nur negativ und schrecklich empfände? Würde dann nicht das ganze weitere Leben wie mit einem großen Minuszeichen vor der Klammer gekennzeichnet sein?

Es hatte sich so ergeben, dass das entscheidende Gespräch mit den Lehrerinnen und Lehrern am Morgen des Bußtages sein sollte. Als Lösungsmöglichkeit stand im Raum, das Kind aus der Klasse herauszunehmen und in den Schulkindergarten zu geben, den es damals an der Schule noch gab. Ja, das wäre wohl das Beste. Die Eltern stimmten zu. Trotzdem gingen dem Vater immer noch Gedanken durch den Kopf: „Was wäre, wenn sich in der nächsten Zeit doch alles noch ändern würde? Wenn sie, die Eltern, das Kind doch in der ersten Klasse ließen und sich alles zum Guten wenden würde? Ist es wirklich zum Wohl des Kindes, wenn wir es ein Jahr länger zur Schule gehen lassen?“

Dann kam der Abend und mit dem Abend auch der Gottesdienst. Da saß er nun und versuchte, seine Gedanken und den Gottesdienst zusammenbringen; aber so richtig wollte ihm das nicht gelingen. Dann kam die Predigt und der Predigttext wurde verlesen. So wie ich es gerade gemacht habe. Und plötzlich wurde für den Mann dieses Evangelium, diese frohe und frohmachende Botschaft, zur geradezu greifbaren Wirklichkeit. Denn ganz am Ende des Predigttextes hatte er den einen Satz gehört, der eigentlich nur ein Halbsatz ist. Da sagt der Weingärtner zu seinem Weinbergbesitzer über den Feigenbaum: „Lass ihm noch dieses Jahr, dass ich um ihn grabe und ihn dünge …“ – Für unseren Vater im Gottesdienst war es die Antwort auf seine Fragen; es war eine Antwort, mit der er nie gerechnet hatte, die ihn aber freimachte und die seine grübelnde Ungewissheit mit einem Mal beiseite wischte.

Liebe Gemeinde! Es war vielleicht ein etwas langer Anmarsch, bis es jetzt zu unserem Predigttext zurück geht. Aber der Weg hierher mit der Geschichte war mir wichtig, denn sie zeigt: Mit einem Schlag hatte dieser Mann etwas davon erfahren, was der Buß- und Bettag in meinen Augen zu allererst bedeutet: dass Menschen befreit und aufgerichtet werden, weil das, was sie in ihrem Leben bedrückt und nieder hält, plötzlich von ihnen genommen wird. Bußtage sind – und ich befürchte, das ist in vergangenen Zeiten auch in der evangelischen Kirche nicht deutlich genug geworden – nur zu einem Teil Zerknirschung und Reue, ehrlicher Blick auf uns selbst; und Furcht hat da gar nichts zu suchen.

Bußtage sind von ihrem Ziel her eine wirklich freudige Angelegenheit, man geht nach dem Gottesdienst nicht trauriger nach Hause, als man gekommen ist, weil man nur noch denken kann: „Ach, ich armer Sünder. Wie soll ich bloß vor Gott und den Menschen bestehen; ich komme bestimmt in die Hölle.“ Wenn das so wäre, hätte der Bußtag seinen Sinn verfehlt. Man geht vielmehr leichter und beschwingter nach Hause, weil Jesus Christus uns die Last und die Sorgen unseres Lebens von den Schultern nimmt und uns ein neuer Weg in die Freiheit der Kinder Gottes gewiesen wurde.

Bußtage sind nur zu einem Teil Zerknirschung und Reue. Ja, diesen Teil dürfen wir nicht einfach so ausfallen lassen, weil uns das unangenehm wäre oder weil es heute einfach nicht mehr in ist, zu dem zu stehen, was wir falsch machen, wo wir uns in Sackgassen verrennen, aus denen wir nicht wieder herausfinden. Und ich warne davor, diese Sackgassen im Leben nur bei den Prominenten aus Wirtschaft, Show und Politik zu suchen und zu finden, bei denen das so schön einfach ist, weil sich deren Leben öffentlich abspielt. Die Versuchung, den Satz „Ich war das nicht!“ zu benutzen und damit alle Verantwortung für das, was ich getan habe, einfach wegzuschieben, diese Versuchung kennen wir alle: ob Konfirmandinnen und Konfirmanden, Teens und Twens, ob Menschen in den mittleren Jahren von 30 bis 60 oder Menschen in der älteren Generation sind. Ich kenne es selbst; er sagt sich so leicht, dieser Satz „Ich war das nicht!“ In einer anderen Variation heißt er: „Damit habe ich nichts zu tun!“ Und leider kommen wir immer wieder damit durch und werden unserer Verantwortung nicht gerecht – zum Schaden anderer.

Also: Es braucht eine ehrliche Sicht auf das, was in meinem Leben ist. Diese Sicht ist nötig, so schwer es auch fallen mag, denn wer gesteht sich schon gerne Schuld ein? Aber ich spüre auch: Ohne dieses Eingeständnis kann sie nicht bearbeitet werden, kann sie auch nicht vergeben werden.
Sehr harsch macht es Jesus seinen Zuhörern deutlich: die, die als Beispiel angeführt werden: die Galiläer, deren Blut vergossen wurde, und die, die beim Einsturz des Turmes ums Leben gekommen sind – sie alle sind nicht schuldiger oder unschuldiger gewesen als alle anderen. Und dann fährt Jesus zu seinen Zuhörern gewendet fort: „Und wenn ihr euer Leben nicht ändert, wird es euch genau so ergehen.“ Vielleicht sind diese beiden Aussagen Jesu ein Widerspruch in sich; aber sie sind sinnvoll, denn Jesus macht mit ihnen deutlich, dass das Reden von der Schuld anderer Gott gegenüber für Jesus nie geschehen kann, ohne dass eigene Schuld und eigene Bereitschaft zur Umkehr zur Sprache kommen.

Und so uns schwer das Schuldbekennen zuerst auch fallen mag: Ich frage mich, wo, wenn nicht hier, vor einem Gott, der uns zu seinen Mitbürgern und Heiligen berufen hat, der uns durch die Taufe zu seinen Kindern gemacht hat, und der uns jeden Tag und gerade auch jetzt mit seinem liebenden Blick ansieht, wo sonst – wenn nicht hier – sollten wir denn ehrlich mit uns sein können? Warum tun wir uns so schwer damit, uns die Seele leicht machen zu lassen? Oder sind wir uns nicht wirklich sicher, dass Gott tatsächlich größer ist als unsere Kleinlichkeit?

Gerade weil wir doch schon zu den Heiligen berufen sind, brauchen wir Gott nicht die heilige Ausgabe von uns selbst vorzuspielen und ihm zu zeigen, wie scheinbar toll wir doch sind. Er kennt uns doch sowieso besser als wir uns selbst und er weiß genau, dass unser Leben hier vorläufig ist und deshalb nicht vollkommen.

Auch im Gleichnis Jesu vom Feigenbaum wird diese ehrliche Sicht auf uns selbst angesprochen: An dem Baum ist sogar gar nichts schlecht oder falsch; er bringt nur keine Frucht. Etwas stimmt also nicht; was, das ist nicht so genau zu sagen, es muss auch nicht an dem Baum selber liegen. Vielleicht liegt es an ihm. Aber es kann auch daran liegen, dass die Erde um ihn herum nicht locker genug ist, sodass er nicht genug Wasser und Luft an die Wurzeln bekommt; es kann auch sein, dass ihm die Nährstoffe fehlen. Für beides – die zu feste Erde und die fehlenden Nährstoffe – ist der Baum gar nicht verantwortlich, sondern der, der für seine Pflege zuständig ist, der Weingärtner.

Der Weingärtner hat in diesem Gleichnis eine faszinierende Doppelrolle: Er ist dem Weinbergbesitzer gegenüber der Anwalt des Baumes und gelichzeitig ist der für den Baum der, der ihm dient und ihm hilft, das Ziel zu erreichen. In beiden Rollen sehe ich für mich zuallererst Jesus Christus: er ist es, der zum einen vor Gott für uns eintritt und für uns bittet; er ist es aber auch, der die festgetretene Erde um uns herum auflockert und uns Nahrung gibt: Luft zum Atmen und Wasser zum Trinken; Nährstoffe für die Kraft, Frucht zu bringen.

Beide Rollen lassen sich auf uns heute übertragen, wenn wir uns nicht selbst in der Rolle des Büßenden sehen. Denn wer sollte heute Jesus sein, der uns die Vergebung und den Trost zuspricht, wenn nicht die anderen, die uns Kraft geben und Trost spenden, die unsere Freuden und vor allem auch unsere Sorgen mit uns teilen und die uns im Auftrag Jesu das Wort der Befreiung und Vergebung sagen?
Der Vater in meiner Geschichte wäre aus seinen quälenden Gedanken wohl nicht alleine herausgekommen, wenn er nicht von jemand anderem den Zuspruch Jesu gesagt bekommen hätte. Und auch wir alle kämen aus unseren Gedanken und Sackgassen des Lebens nicht heraus, wenn uns das Wort der Vergebung und der Befreiung nicht von einem anderen zugesagt würde. Wir können es uns nicht selber sagen. Wir können uns nicht selbst entschuldigen – es ist eine der größten Unmöglichkeiten in der deutschen Sprache, wenn wir sagen: „Ich entschuldige mich.“ Wir können nur um die Entschuldigung, um die Entschuldung bitten; zusprechen und gewähren muss sie ein anderer. Und deshalb können wir auch nie alleine Christ sein. Wir brauchen die Gemeinschaft der Getauften eben dafür.

Jesus stellt uns dazu eben den Weingärtner vor Augen, der sich um den Feigenbaum besonders kümmern will, der voller Hoffnung wieder ein neues Jahr dransetzt und auf die Früchte wartet. Er sieht sich selbst in dieser Rolle und – das ist das Faszinierende: er beruft uns, anderen ein solcher Weingärtner zu sein. Wem werden wir zum Weingärtner, dem wir den Boden um ihn herum lockern und dem wir Nährstoffe geben? Es lohnt sich, darüber nachzudenken oder – noch besser – die Augen offen zu halten, für die Menschen, denen wir diesen Dienst tun können: denen wir Luft zum Atmen schaffen können, indem wir ihnen zuhören und ihnen die Last zu tragen helfen; denen wir Lebenswasser zum Trinken geben können, indem wir das Leben zu ihnen bringen und sie wieder ins Leben zurück führen; denen wir Nahrung geben können: Nahrung für den Leib, denen die hungern und Nahrung für die Seele, indem wir ihnen von Gottes Liebe erzählen.

Wenn wir dann schließlich den Schlusssatz hören: dass der Weinbergbesitzer den Baum abhacken mag, wenn er im folgenden Jahr keine Frucht auf dem Baum fände, dann möchten wir wohl gerne von einer Galgenfrist für den Baum reden. Das zeigt leider nur unsere eigene pessimistische Sicht auf unser eigenes Leben. Wenn wir aber die hoffnungsvolle Sicht des Weingärtners Jesus Christus uns zueigen machen, dann wandelt sich die Frist: von der Galgenfrist zur Gnadenfrist. Der Chor singt davon: von den blühenden Bäumen, die gesehen wurden, wo niemand sie vermutet; von denen, die selig sind, indem sie sich ihren Nächsten zuwenden und ihnen Barmherzigkeit erweisen, in welcher Form auch immer.

Und ich versichere Euch, es braucht gar nicht viel dazu: den anderen diesen Dienst der Barmherzigkeit zu erweisen. Wenn wir gleich von dem kleinen Stein singen, der heimlich, still und leise ins Wasser fällt und der doch weite Kreise zieht; wenn wir davon singen, wie ein kleiner Funke es in der Dunkelheit hell macht; wenn wir davon singen, dass wir bei alledem nicht alleine am Gange sind, sondern dass uns Schwestern und Brüder an die Seite gestellt sind, dass Gottes Liebe in uns eingesenkt ist und von uns aus weiterfließen will, dann werden wir erfassen, dass Buße eine freudige und befreiende Sache ist, weil wir von Gott erfasst sind.
Amen.

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