Predigt am 4. Advent (20. Dezember 2009)

Die Liturgie folgte dem in http://www.evangelische-liturgie.de vorgestellten Entwurf eines Gottesdienst nach dem Vorbild des Carol-Service. Die ausführliche Darstellung dieser Liturgie ist hier zu finden.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Bemühen im Reden und Hören. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!
Freut euch! Nun macht schon: Freut euch! Hallo: Freut euch! Nun freut euch doch! Was glaubt ihr eigentlich, wer ihr seid und vor wem ihr steht: Ihr sollt euch freuen! – So könnte es Stunden lang weiter gehen in der Karikatur des Apostels Paulus. Und es wäre wahrscheinlich so etwas wie eine mehr oder weniger lustige Comedy-Sendung. Aber das würde Paulus und seiner Vorstellung von Gott nicht gerecht. Was uns diese immer dramatischer werdende Aufforderung zur Freude deutlich macht, ist, dass es eben gar nicht möglich ist, das Sich-zu-freuen zu befehlen. Alle, denen aus welchen Gründen auch immer nicht nach Freude zumute ist, werden das bestätigen. Heraus käme allerhöchstens ein gequältes Lächeln.

Und: Wer könnte sich schon immer freuen, wie es gleich im nächsten Teil des Satzes heißt: zu allen Zeiten, immer und überall, allewege, wie Martin Luther es übersetzt hat. Und dann wiederholt es Paulus doch noch einmal: Freut euch. Gibt es nicht immer wieder Abschnitte im Leben, in denen einem nicht nach Freude zumute ist, in denen sich zu freuen einer Zumutung gleichkäme? Und ist Freude nicht auch etwas anderes als so eine Jubel-Trubel-Heiterkeit-Sause? Manchmal denke ich, dass die Ostwestfalen den Rheinländern doch etwas voraus haben, denn sie wissen, dass man sich auch nach innen freuen kann: eher still und zufrieden, mit einer ernsten Freude und einem freudigen Ernst. – Ein Befehl, eine Aufforderung kann es nicht sein, was Paulus da formuliert.

Also meint er es anders, muss er es anders meinen, und für mich kommt nichts anderes in Frage, als dass er es als Segen meint: für die Gemeinde in Philippi und so auch für uns. Eine sehr grundlegende Freude soll das Leben der Gemeinde und der Menschen in ihr bestimmen: Eine Freude soll es sein, die nicht von den Stimmungen des jeweils eigenen aktuellen Lebens abhängig ist, weil sie nicht von mir gemacht, sondern von außen her bestimmt und geschenkt wird.

Wenn Paulus der Gemeinde den Segen der Freude zuspricht, bleibt es nicht dabei. Der nächste Segen kommt bestimmt: „Eure Güte lasst kund sein allen Menschen.“ So hat es Silke Siekmeier eben vorgelesen. Aber was heißt das? Was bedeutet dieser Satz in dem etwas altertümlichen Deutsch? Dass die Güte, mit der die Christen untereinander umgehen, von allen Menschen bemerkt, erkannt und anerkannt werden soll. Gütig miteinander umzugehen, ist wahrscheinlich schon schwierig genug. Aber so gütig zueinander zu sein, dass es auch ganz anderen auffällt, das heißt schon einiges; wir können ja einmal unser Leben überschlagen und eine vorläufige Bilanz machen. Aber es geht sogar noch weiter: Wenn alle Menschen die Güte der Christen erfahren, dann können sie zunächst davon hören oder sie sehen; sie können die Güte aber auch am eigenen Leib erfahren, sie können die Erfahrung machen, dass Christen zu allen Menschen, also auch zu ihnen gütig sind.

So sind es schon zwei Verhaltensweisen, die Paulus den Philippern nahe legt: die Freude und die Güte, beides soll zusammengehören und hat ein und dieselbe Begründung: Der Herr ist nahe! Jetzt werden wir alle denken: Klar – am 4. Advent macht es Sinn, davon zu reden, dass Jesus Christus nahe ist; in vier Tagen ist Heiliger Abend, in 5 Tagen Weihnachten – näher geht es schon fast gar nicht mehr. Aber auch das wäre zu kurz gedacht. Paulus hatte sicher zweierlei vor Augen, aber Weihnachten war nicht dabei, denn das hat er so gar nicht gekannt.

Das eine, was für Paulus wichtig war, wenn er sagt, „der Herr ist nahe“, ist: Die Wiederkunft Christi ist für ihn nicht mehr weit weg. Sein Blick ging nicht 2000 Jahre zurück, sondern in die nahe Zukunft – hin zu dem, was den Menschen von Gott her zukommt. Eine Grundhaltung, die auch uns gut täte: uns auf das auszurichten, was von Gott her auf uns zu kommt und deshalb unsere Zukunft ist.

Das andere, was für Paulus wichtig war, wenn er sagt, „der Herr ist nahe“, ist: Christus ist auch im Alltag nahe; in der Zeit, bis er wieder kommt, ist Christus da, ist er gegenwärtig. Und das ist für die Menschen damals wie für uns heute etwas ganz Wichtiges: Jesus ist eben nicht nur zu Weihnachten da, wenn die Menschen sich in den Heilig-Abend-Gottesdiensten drängen und auf etwas religiöses Gefühl hoffen – er ist immer nahe und da. Gerade und vor allem dann, wenn wir gar nicht mit ihm rechnen, obwohl wir ihn ganz dringend brauchen.

Darum geht es im nächsten Vers: „Sorgt euch um nichts!“ – „Danke Paulus“, werden viele denken, „aber wir haben doch mehr als genug Sorgen: Gesundheit, Arbeit, Wirtschaft, Klima, Schule und, und, und!“ Und Paulus antwortet: Ja, gerade deshalb; lasst euch nicht von Euren Sorgen auffressen. Lasst nicht zu, dass die Sorgen euch in ihren Klauen haben.

Was sollen wir also tun? Paulus sagt: Das Nächstliegende, wenn Gott euch doch schon nahe ist: Beten. Unsere Anliegen sollen wir vor Gott bringen; alles, was ich eben aufgezählt habe, alles, was uns wichtig ist und uns bewegt. Und es ist gleich, ob wir in freien Worten Gott bestürmen oder ganz einfach die Worte des Vaterunsers nehmen, in denen alles zusammengefasst ist, was unser Leben ausmacht. Wir können auch einen Psalm nehmen und nachsprechen, der unsere Situation beschreibt, oder wir beten mit einem einfachen Seufzer, mit dem dann alles gesagt ist, weil der Heilige Geist uns mit einem unaussprechlichen Seufzen vor Gott vertritt. Denn eines ist immer gewiss: Er, Gott, ist nahe. Daran hatte Paulus uns eben noch erinnert. Dabei sollen wir trotz aller Not und Klage die Eucharistie, die Danksagung nicht vergessen. Denn es tut so gut, sich an das zu erinnern, was auch in unserem Leben gut ist.

Paulus weiß auf der anderen Seite auch, dass sich durch das Gebet nicht alle Sorgen in Luft auflösen lassen, als ob es sie nie gegeben hätte. Aber er weiß aus eigener Erfahrung, dass die Sorgen durch das Beten in einem anderen Licht da stehen. Denn die Menschen, die beten, bekommen zumindest eine Distanz zu ihren Sorgen. Dann haben die Sorgen nicht mehr den Menschen in ihren Klauen, sondern dann hat nur noch der Mensch Sorgen, die er angehen und lösen kann. Das ist ein großer Unterschied. Ganz abgesehen davon, dass es so viele Möglichkeiten gibt, mit denen Gott uns helfen kann.

Verstehen können wir Menschen das nicht – nicht immer jedenfalls. Deshalb gibt es zum Abschluss dieses Abschnittes noch einmal einen Segen. Paulus spricht uns den Frieden Christi zu: den Frieden, der über der Geburt Jesu im Stall von den Engeln verkündet und proklamiert wurde, den Frieden, den der Auferstandene seinen Jüngern zugesprochen hat, als sie total verängstigt in dem Raum mit den verschlossenen Türen waren, den Frieden, der eben alle Vernunft, alles historische Bewusstsein und allen kritischen Rationalismus übersteigt.

Mögen wir diesen Frieden immer wieder neu erfahren: an Weihnachten und immer; diesen Frieden, in dem alle unsere Sorgen und Nöte, unsere Wünsche und Träume, unsere Freude und unsere fröhliche Erwartung umschlossen ist. Amen.

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