Predigt zur Eröffnung der Bibelwoche 2010

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Familiengeschichten – Familiengeschichten haben die Menschen schon immer fasziniert und neugierig gemacht. Da ist es ganz gleich, ob es sich um hochgeborene Königshäuser handelt: wie die Familie Windsor in England, die mit Elisabeth II., mit Charles und Diana und vielen anderen Mitgliedern seit Jahren die Berichterstattung füllt, oder das schwedische Königshaus, in dem demnächst eine Hochzeit ansteht und das so eine ganze Nation in den Ausnahmezustand versetzt. – Es können erfundene Familiengeschichten sein: wie die vom „Kleinen Lord“ oder wie die im modernen Zeichentrick-Format herausgebrachte Geschichte der Simpson mit Homer und Bart, Lisa, dem Baby Maggie und Mutter Marge. – Es können heute aber auch Pseudofamilien sein, wie die Fernseh-Seifenopern Model-WG, Big Brother und andere Boulevard-Sendungen deutlich machen: Menschen, die in familienähnlichen Strukturen zusammen leben.

Familiengeschichten sind in und haben seit jeher die Menschen fasziniert, ja schon vor 3000 Jahren war das nicht anders: da hieß die Familie Isaak ben Abraham und dazu gehörten Isaak und Rebekka, Jakob und Esau sowie viele ungezählte und namentlich meistens nicht genannte Knechte und Mägde. Was der Familie an Freuden und großen und kleinen Katastrophen zugestoßen ist, das haben sich die Menschen damals an den Lagerfeuern erzählt und später sogar aufgeschrieben, damit es nicht verloren gehen sollte. Denn eines war ganz besonders an dieser Familie: die von Ur in Chaldäa ohne ersichtlichen Grund aufgebrochen war, um über Haran nach Palästina zu ziehen und sich dort eine neue Heimat zu suchen. Das Besondere war, dass immer wieder deutlich geworden war: die Familie hatte einen ganz direkten Draht zu ihrem Gott. Und dieser Gott war nicht nur einer, der ein schönes Standbild in seinem Tempel stehen hatte und ansonsten stumm blieb, dieser Gott war einer, der mit den Menschen redete und sie in seine Entscheidungen eingeweihte und so einband; der hatte dem Vater Abraham ein großes Versprechen gemacht: ein großes Volk sollte aus ihm und seinen Nachkommen werden in einem wunderbaren Land. Und wirklich große Katastrophen gab es immer nur dann, wenn die Familienoberen meinten, es ohne diesen Gott auf die eigene Faust ausprobieren zu wollen.

Die Fortsetzung – und was wäre eine Familiengeschichte ohne Fortsetzungen – die Fortsetzung dieser Familiengeschichte von Abraham und Isaak mit ihrem Gott, die ist das Thema der diesjährigen Bibelwoche. Im Mittelpunkt der Episode steht ein Mann namens Jakob, der zu Beginn unseres Abschnitts noch gar nicht geboren ist, dessen Geburt aber schon das Zeug zu einer ganz dramatischen Familiensaga hatte.

Hören wir noch einmal den ersten Teil des Bibelwochentextes für den ersten Tag aus dem 1. Buch Mose, im 25. Kapitel (1.Mose 25,19-26). Diesmal in der Übersetzung der Volxbibel:
19 Ab jetzt wird die Geschichte von der Familie vom Isaak erzählt. Erst mal zur Erinnerung: Isaak war ein Sohn von Abraham. 20 Als Isaak die Rebekka heiratete, war er vierzig Jahre alt. Und Rebekka war die Tochter vom Betuel, der ein Aramäer war und in Paddan-Aram, Mesopotamien, lebte. Ihr Bruder war der Laban.
21 Rebekka konnte irgendwie keine Kinder kriegen. Darum betete Isaak für sie, dass Gott das regeln sollte. Gott erhörte dieses Gebet, und sie wurde schwanger. 22 Als sie schon einen dicken Bauch hatte, wurde klar, dass es wohl Zwillinge werden würden. Sie hatte das Gefühl, die beiden Babys kämpften richtig miteinander. Das fand sie erst mal nicht so toll und stöhnte rum: „Muss das jetzt sein? Warum immer ich?“ Sie befragte dann mal Gott zu dem Thema. 23 Gott sagte zu ihr: „Rebekka, das ist so, weil beide Kinder eine eigene Nation starten werden. Die beiden Nationen werden sich nicht gut verstehen und sich sogar bekämpfen. Dabei wird die Nation, die aus dem älteren Sohn kommen wird, der von deinem jüngeren Sohn einmal dienen müssen, sie wird die stärkere sein.“ 24 Der Geburtstermin rückte immer näher, und als die Kinder geboren waren, passte es tatsächlich: Zwillinge! 25 Das erste Baby, das zur Welt kam, hatte am ganzen Körper rote Haare. Darum nannten ihn seine Eltern Esau, das bedeutet: „der Rote“. 26 Gleich danach kam das zweite Baby raus. Seine Hand hielt noch bei der Geburt den Fuß vom Esau fest. Darum bekam er den Namen Jakob, das heißt: „der Abzocker, der den Fuß festhält“. Denn so war nicht klar, wer der älteste Sohn war. Isaak wurde mit 60 Jahren glücklicher Vater.

Liebe Schwestern und Brüder!
Freunde kann man sich suchen – seine ganz Familie, Schwestern und Brüder – und bei Zwillingen noch einmal potenziert –, die hat man und kann sie sich nicht aussuchen. Die alte Weisheit durchzieht auch unseren Abschnitt und weiter alle anderen Abschnitte. Und trotzdem kann man mit ihnen, mit seiner Familie auskommen, ja man kann sogar gut miteinander auskommen. Wenn, ja wenn da nicht solche Vorzeichen sein würden, wie wir sie eben gehört haben: Vorzeichen, die alle Tradition über den Haufen zu werfen scheinen und die von vorneherein auf einen erbitterten Kampf der beiden Brüder Jakob und Esau hindeuten.

Auch manche Schreiber der Bibel liebten Statistiken und Zahlen und so haben sie genau festgehalten, wer wann wie alt war, bis es endlich zu den so lang ersehnten Nachkommen gekommen war. Das hat aber nichts mit Zahlenspielerei zu tun. Uns wird vielmehr deutlich gemacht, wie sehr Isaak seine Rebekka geliebt haben muss, dass er auch 20 Jahre nach dem Eheschluss noch in Treue zu seiner Frau gestanden hat, obwohl sie den Erwartungen bisher nicht gerecht geworden war und dem Isaak noch kein Kind, noch nicht einmal eine Tochter geboren hatte. Zuvor Abraham und später Jakob hatten sich bei dem gleichen Problem ihren Mägden zugewendet. Von Isaak wird nichts dergleichen berichtet.

An dieser Stelle kommt wieder einmal die enge Beziehung der Familie zu ihrem Gott ins Spiel. Isaak betet. Wie lange er gewartet hat, bis er Gott bat und wie oft er gebetet hat, vielleicht sogar über Jahre hinweg – davon wird nichts gesagt. Isaak – ein besonderes Beispiel für glaubendes und geduldiges Vertrauen Gott gegenüber und ein besonderes Beispiel und Vorbild für partnerschaftliche Zuwendung, die auch bei Enttäuschungen standhält. Und Gott erhört das Gebet, er bekennt sich damit auch zu der Verheißung, die er Abraham, dem Vater Isaaks, gegeben hatte: Aus dieser Familie soll – trotz der immer wieder gefährdeten Generationenfolge – ein großes Volk werden.

Aber damit nicht genug. Nachdem Rebekka schwanger geworden ist, wird diese Schwangerschaft zur Tortur. Schon im Mutterleib herrscht Hauen und Stechen zwischen – wie es sich herausstellen sollte – den beiden Zwillingen. Aber auch Rebekka gibt sich nicht mit stillem Leiden zufrieden. Auch sie will Klarheit und betet. Was heute durch vorgeburtliche Diagnostik erreicht wird, konnte Gott damals auch: Es handelt sich um Zwillinge; und Gott konnte die Tritte nicht nur erklären, sondern sogar mit einem Spruch über die Zukunft deuten – und das geht weit über die heutigen Möglichkeiten hinaus.
Schon hier, noch vor der Geburt, wird das sichtbar, was für die beiden Völker, für die die beiden Zwillinge stehen, zum alltäglichen und immerwährenden Problem wurde: immer aufeinander bezogen und in steter Konkurrenz und Rivalität zu sein, ohne sich je wirklich voneinander lösen zu können. Viele Zwillingspaare werden so etwas bestätigen können: Immer wieder geht es gut – ohne die Kämpfe, wie sie zwischen Jakob und Esau ausgefochten wurden. Aber das ist nicht selbstverständlich: weder bei eineiigen noch bei zweieiigen Zwillingen.

Mit dem Spruch über die beiden Kinder wird aber zugleich schon – wie in der Mathematik mit einem Vorzeichen von einer Klammer – das, was an Familiengeschichte noch kommen wird, in einen ordnenden Rahmen gebracht. Für Jakob steht ein Plus vor der Klammer, für Esau ein Minus – bis hinein in die charakterliche Beurteilung. Hören wir dazu und zum weiteren Fortgang den zweiten Abschnitt des heutigen Bibelwochentextes aus 1. Mose 25 (1. Mose 25,27-34):
27 Die beiden Jungs wurden immer größer. Als Jugendlicher war Esau schon immer etwas wilder unterwegs. Er streunte in den Wäldern rum und liebte es zu jagen. Jakob war dagegen eher so ein Nesthocker, der lieber zu Hause blieb, um auf die Tiere aufzupassen. 28 Esau war voll der Liebling vom Isaak, auch weil er genauso auf Grillfleisch stand wie er. Jakob war mehr der Liebling von seiner Mutter Rebekka.
29 Irgendwann kam Esau mal total kaputt von der Jagd nach Hause. Jakob hatte gerade mal wieder Pommes gemacht. 30 Esau meinte zu Jakob: „Hey, kann ich was von den Pommes abhaben? Ich hab voll Hunger! Aber bitte mit viel von dem roten Zeug, von diesem Ketchup!“ Wegen diesem Spruch nannten einige Esau später auch Edom, das bedeutet so viel wie „der Rote“. 31 „Klar“, antwortete Jakob. „Kannst du haben. Aber ich hab eine Bedingung: Du musst mir dafür die Rechte verkaufen, die dir zustehen, weil du der älteste Sohn in unserer Familie bist!“ 32 „Ich sterbe vor Hunger! Was soll ich jetzt mit diesem komischen Recht? Davon werde ich jetzt auch nicht satt!“ 33 „Okay, dann schwör mir jetzt, dass du dieses Recht ab sofort an mich abtrittst!“, sagte Jakob. „Ich schwöre!“, antwortete Esau. 34 Jetzt gab Jakob dem Esau seine Portion Pommes mit Ketchup. Esau aß alles auf, trank noch etwas, und ging dann wieder. Sein Recht als ältester Sohn war ihm dabei pupsegal.

Ja, liebe Gemeinde, schon gleich zu Beginn dieses Abschnittes werden die Unterschiede der beiden Jungen deutlich. Und dann auch noch die so ungleich verteilte Liebe der Eltern. Ich weiß nicht, wie es Ihnen, den Erwachsenen, als Eltern geht, wie es Ihnen als Kindern gegangen ist; ich weiß nicht, wie es den heutigen Kindern geht, wenn sie zu mehreren aufwachsen. In der Theorie wollen Eltern keine Lieblingskinder haben; in der Praxis kristallisieren sich dann aber oft engere und weniger enge Beziehungen zwischen einzelnen Kindern und einzelnen Elternteilen heraus. Und oft wird es, auch wenn die Eltern meinen, dass sie ihre Liebe gleich verteilen, von Kindern ganz anders empfunden.
Bei Jakob und Esau waren die Liebesfronten also eindeutig verteilt. Kein Wunder – möchte man sagen, dass das nicht gut gehen konnte; dabei hätte Rebekka ihrem Mann Isaak doch nur ein Wörtchen von Gottes Spruch zu sagen brauchen, dann wäre manches einfacher gelaufen. Hat sie aber wohl nicht. Und Esau und Jakob scheinen in unserem Anschnitt ja auch zu einer guten Lösung gekommen zu sein: Für Jakob billig, für Esau mit weitreichenden und in gewisser Weise verlustreichen Folgen – aber immerhin. Doch wir werden morgen sehen, dass es so einfach leider nicht war.

Nur eines ist deutlich geworden: Was Gott in seinem Spruch vorher gesagt hatte, ist durch dieses Geschäft mit der Linsensuppe für alle sichtbar geworden: Jakob ist der schlauere, der seinem Bruder trotz dessen Stärke und seiner offiziellen Rolle als Erstgeborener durchaus gewachsen ist.
Und Gott hatte auf den Richtigen gesetzt. Gott hatte entschieden zwischen Jakob und Esau – ob wir das gerecht finden oder nicht, tut nichts zur Sache. Ebenso war es gewesen, als Gott die Opfer von Kain und Abel betrachtet hatte. Es geht sogar so weit, dass Jakob ein gesitteter Mann, ein – wie es wörtlich heißt – „vollkommener, redlicher Mann“ genannt wird; das wird in der ganzen Bibel sonst nur noch über Noah und Hiob gesagt, noch nicht einmal über Abraham.

Und die Entscheidung Gottes war richtig gewesen, denn er hatte sich mit Jakob für denjenigen entschieden, der an seiner Zukunft arbeiten wollte. Jakob sah weiter als nur für die Stunden und den Tag oder für höchstens die Woche. Jakob hatte die großen Zusammenhänge im Blick und die Vorteile, die ihm die Rechte der Erstgeburt bringen würden.

Esau dagegen lebte als Mensch des Augenblicks. Auch wenn er in der Szene mit den Linsen durch seine Erfolglosigkeit bei der Jagd frustriert und auch „sterbenshunrig“ war, den Wert des Erstgeburtsrechtes für die Zukunft so gering zu achten, zeigt ihn als Augenblicksmensch, dem das hier und jetzt so viel mehr bedeutet als seine Zukunft. In Mozarts Oper „Die Zauberflöte“ ist in der Figur des Papageno so ein Augenblicksmensch sehr liebe- und humorvoll gezeichnet. Und es gibt durchaus auch in unserem Leben Momente, in denen das Genießen dessen angesagt ist, was Gott uns schenkt.

In der Jakobsgeschichte aber gilt das nicht. Auch wenn es die Nachkommen Jakobs sind, die es aufschreiben: Esau verachtet aus biblischer Sicht mit seinem so billigen Verkauf des Erstgeburtsrechtes das Recht und damit die Tradition der Väter. Um des Heute willen hat er das Morgen, die Zukunft verkauft.

Hier tun sich für mich besonders, aber nicht nur schöpfungstheologische Perspektiven von ungeheurer Tragweite auf, wenn ich an uns und unsere Zeit denke. Denn wir heute leben, bei unserem Gesamtschuldenstand und dem Raubbau, der an der Natur getrieben wird, und bei vielem anderen wie der Augenblicksmensch Esau. Wir, als Menschen des 21. Jahrhunderts insgesamt, verkaufen unsere Zukunft um des heutigen, des jetzigen Wohlstands und der heutigen Gemütlichkeit willen. Und diejenigen, an die wir unsere Zukunft auf Kosten unserer Kinder verkaufen, heißen nicht Jakob, der später einen gütigen Gott und eine Zukunft für das Volk Gottes auf seiner Seite wissen durfte. Was wir bezahlen, fließt in ganz andere Taschen. Wollen wir das? Wollen wir das so belassen und immer weiter hinnehmen? Auch wenn in unserer Taufe über uns das Wort der Zukunft Gottes durch Jesus Christus ausgerufen ist? Von Gott her sind wir doch wie Jakob. Jakob ist ein Zukunftsmensch. Er will sich nicht mit dem zweiten Platz und den Zurücksetzungen zufriedengeben, die mit dem Platz des Nachgeborenen verbunden sind. Ich frage noch einmal: Wollen wir das – unsere Zukunft verkaufen?

In dem ganzen zweiten Abschnitt kommt Gott auf den ersten Blick nicht vor. Und wer nur diesen Abschnitt betrachtet, sieht auf Jakob und Esau wie auf den Innenteil einer mathematischen Klammer. Da sieht manches wie mit anderen Vorzeichen aus: Jakob scheint Esau übervorteilt zu haben, indem er dessen Schwäche ausnutzte.

Wer aber die Verheißung Gottes im Ohr oder vor Augen hat, sieht das Vorzeichen Gottes vor der Klammer, das besagt, dass alles, was in der Klammer geschieht, ein Schritt auf der Spur dieser Verheißung ist. Hieß es dort nicht, dass der Ältere dem Jüngeren dienen muss? Bedeutet das nicht, dass dieser jenem das Erstgeburtsrecht streitig machen muss, damit es so kommen kann?

Schritt um Schritt beginnt sich, das Wort Gottes zu erfüllen. In der Jakobsgeschichte ganz handfest und innerweltlich, denn was gäbe es Handfesteres und Weltlicheres als Erbschaftsangelegenheiten, die mit dem Erstgeburtsrecht verbunden sind?
Amen.

Autor: PaToWi

Ich darf mein Leben frei gestalten unter dem liebenden Blick Gottes. Ist das nicht Grund genug auf IHN zu hören und mir von IHM den Weg weisen zu lassen?

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