Predigt am Ostersonntag über 1. Korinther 15,1-11

P: Der Herr ist auferstanden!
G: Er ist wahrhaftig auferstanden!
Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem auferstandenen Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

„Gestorben nach der Schrift…“ – „begraben …“ – „auferstanden nach der Schrift …“ – „gesehen worden…“ Wort für Wort, Silbe um Silbe liest der hohe Beamte vor, was auf dem Blatt steht, das man ihm gereicht hat. Dann wirft er es zu Boden: „Eine Katastrophe! Ist das erst einmal in der Welt, haben wir ausgespielt. Überall und jederzeit kann er uns von nun an in die Quere kommen. Die Ordnung bricht, auf der wir gründen. Und täglich größer wächst der Bruch …“ Einer der Untergebenen räuspert sich, wagt Widerspruch: „Exzellenz, das sind doch alles Fabeln, Hirngespinste nur, leicht zu zerstreuen. Morgen schon spricht keiner mehr von dem Mann aus Nazareth …“ Ärgerlich fällt ihm der andere ins Wort: „Hast du nicht gehört? Sie haben ihn gesehen! Spricht sich das herum – und setzt sich das erst einmal in den Köpfen, in den Herzen fest –, dann entfaltet es eine eigene Gewalt. Kein Bann mehr, den wir verhängen, wird ihn binden können. Keinem Gesetz mehr ist er Untertan. Ein von den Toten auferstandener Messias! Wo ist das Grab, in das er sich noch sperren ließe? Wo das Gefängnis, das ihn hält?“

Liebe Gemeinde!
Können Sie sich das Entsetzen dieses weitsichtigen römischen Beamten vorstellen? Sie haben ihn gesehen – auf dieses Argument baut dann auch Paulus in seinem Brief an die Korinther, in dem er von denen erzählt, die Jesus gesehen haben, als Zweifel daran aufkamen, ob Jesus wirklich auferstanden wäre. Paulus konnte auf diejenigen zurückgreifen, die das alles miterlebt hatten, die Menschen konnten die Augenzeugen treffen und befragen. Es ist in der Anfangszeit des Christentums immer wieder so gewesen, dass das das stärkste Argument war: sie – oder noch besser: wir haben ihn gesehen, den Auferstandenen.

Aber wen oder was haben denn sie, die Jünger gesehen? Die Berichte über die Erscheinungen des Auferstandenen in den Evangelien sind ja keine Gedächtnisprotokolle und Polizeiakten. Die Berichte beruhen auf Hörensagen, zu einem Teil in ihren Ausschmückungen vielleicht auch auf die Ereignisse deutender Fantasie. Warum? Weil die, die erzählt haben, in irgendeiner Weise etwas berichten wollten, was sich aller Berichtbarkeit entzieht. Es sind Versuche, dem Unerhörten Gehör zu verschaffen. Das Unbeschreibliche zu beschreiben. Dem Ungreifbaren, dem Unbegreiflichen Gestalt zu geben. In diesen Berichten werden die so unglaublich unterschiedlichen und so widersprüchlichen Erfahrungen derer zusammengefasst, die an diesem Erzähl- und Überlieferungsprozess beteiligt waren. Und von denen kannte jeder und jede einen, der eine kannte, die einen kannte … Das dürfen wir heute nicht vergessen, gerade weil unsere heutige Vorstellung davon, was Wahrheit ist, so materialistisch ist: Wahr ist für uns heute im 21. Jahrhundert doch meist nur etwas, von dem wir auch ein Beweisfoto haben, auch wenn wir ganz genau wissen, dass so ein Foto auch wunderbar manipuliert sein kann.

Blenden wir auf unserer Spurensuche, auf unserer Seh-Suche noch einmal zurück und versuchen wir, die Berichte von der Auferstehung und den Erscheinungen Jesu vor den Jüngern zu ordnen und zusammenzufassen:

Der Ostertag beginnt mit einer großen Verwirrung. Und, für uns heute kaum nachvollziehbar, mit einer großen Leere. Die Frauen, die in der Frühe zum Grab kommen, finden es verlassen. Was die dort postierten Lichtgestalten zu sagen haben, löst unterschiedliche Reaktionen aus: Die Frauen fliehen, wie Markus berichtet, voll Furcht, Zittern und Entsetzen. Oder, so erzählt, Matthäus mit Furcht und großer Freude. Weinend und verwirrt bleibt nach Johannes Maria von Magdala am Grab zurück. Die Jünger halten alles für Geschwätz, wie Lukas berichtet. Oder sie kehren ratlos wieder um, nachdem sie den Ort besichtigt haben, wie Lukas und Johannes übereinstimmend berichten.

Wenn Jesus sich später zeigt, geschieht das zunächst gänzlich unerwartet. Plötzlich stellt er sich den fliehenden Frauen in den Weg. Plötzlich steht er hinter Maria Magdalena. Plötzlich geht Jesus mit den Emmausjüngern mit und plötzlich erkennen sie ihn beim Mahl. Plötzlich tritt er in den Kreis der Jünger, sogar wenn die Türen verschlossen sind. Höchstens weil der Auferstandene immer wieder zu den Jüngern kommt – vierzig Tage lang – konnten die Jünger ab irgendwann in gewisser Weise damit rechnen, dass es geschehen würde – aber wann, das wussten sie nie.

Und wo er sich zeigt, wird er keineswegs auf Anhieb erkannt. Maria Magdalena verwechselt ihn mit dem Gärtner. Nach Lukas halten die Jünger ihn für einen Geist. Die Emmaus-Jünger erkennen ihn erst beim Brotbrechen, nachdem sie stundenlang unterwegs gewesen waren. Nachdrücklich besteht Thomas auf Merkmalen, an denen er ihn eindeutig identifizieren kann. Auch die sieben Jünger am See Tiberias erkennen ihn zunächst nicht. Selbst auf dem Berg in Galiläa, wo Jesus sie mit der weltweiten Verkündigung und Taufe beauftragt, gibt es nach Matthäus nicht nur etliche, die zweifeln, im griechischen Text gibt es keine Einschränkung, sie zweifeln alle.

Seine Erscheinungen sind flüchtig. Niemals und nirgends hält er sich lange auf. Kaum haben sie ihn erkannt, entzieht sich Jesus den Jüngern wieder. Nur zu Beginn der Apostelgeschichte scheint Jesus etwas länger zu bleiben. Und doch: Wenn er sich zeigt, erscheint er im Leib. Er lässt sich berühren, isst vor und mit den Jüngern, lädt zum Mahl.

Sie, die Jünger Jesu, haben ihn gesehen. Und Paulus kann in seinem zusammenfassenden Bericht auch noch weitere Begebenheiten berichten, die in den erst Jahre später aufgeschriebenen Evangelien so nicht wiederzufinden sind. Die Erscheinungen Jesu vor Petrus und den Zwölfen finden sich auch in den Evangelien, aber von den Erscheinungen Jesu vor den 500 Brüdern und vor Jakobus und noch später vor allen Aposteln finden sich in den Evangelien keine Spuren.

Schließlich kann Paulus noch einen anführen, dem der Auferstandene erschienen ist: sich selbst. Paulus redet mit sehr viel Demut davon: „Zu allerletzt aber ist er auch mir erschienen, mir, der Missgeburt. Ich bin nämlich der geringste unter den Aposteln, der es nicht wert ist, Apostel genannt zu werden, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe. Durch Gottes Gnade aber bin ich, was ich bin.“ Es soll nicht danach klingen, als ob er sich für etwas Besseres hielte; Paulus ist sich seiner Rolle als früherer Verfolger der Christen und des Misstrauens bei den Christen in der ersten Zeit durchaus bewusst. Dazu kommt, dass sich die Art, wie der auferstandene Jesus ihm erschienen ist, so sehr von den anderen Erscheinungen unterscheidet: „Ich war in keiner Weise darauf vorbereitet“, so könnte er es vielleicht abends in vertrauter Runde erzählt haben. „Aber so viel kann ich sagen. Es kam ganz unerwartet über mich, aus heiterem Himmel, buchstäblich. Wie ein Riss in der Zeit. Und es zerriss mein Leben. Ja: Es riss mich an sich. Riss mich in sich hinein … Schaut mich an: Ich bin nicht mehr ich selbst. Ich bin – wie soll ich‘s sagen – seither außer mir. Ich lebe im Messias. Und er lebt in mir.“

So führt Paulus alle die an, die ihn, Jesus als den Auferstandenen gesehen haben, um den Korinthern die Wahrheit, die Glaubhaftigkeit seiner Botschaft darzulegen; den Korinthern, die uns so ähnlich sind, weil sie Jesus ebenso wenig gesehen hatten wie wir: weder als Jesus von Nazareth noch als Jesus, den Auferstandenen.

Aber darum geht es nicht in erster Linie, diese Aufzählung hat doch nur einen Sinn: den Inhalt seiner Botschaft zu bezeugen; der Botschaft, die er selber empfangen hat, um sie dann rast- und ruhelos weiterzugeben: „Gestorben nach der Schrift…“ – „begraben …“ – „auferstanden nach der Schrift …“ – „gesehen worden…“ Es ist mehr als nur eine Abfolge von verschiedenen logischen Schritten, die Paulus da benennt: Es ist das absolute Kernstück christlichen Glaubens und Bekennens, die Mitte des Glaubens. In nur etwas anderer Form sind diese paulinischen Glaubensartikel zuerst in das Apostolische Glaubensbekenntnis und später dann auch in das Nicänische Glaubensbekenntnis aufgenommen worden: „Gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten“, so heißt es im Apostolischen Glaubensbekenntnis, das wir an fast jedem Sonntag und als Taufbekenntnis sprechen. „Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus, hat gelitten und ist begraben worden, ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift,“ heißt es im Nicänum, das wir an hohen Festtagen und auch gleich miteinander sprechen werden.

Die Worte aus dem 1. Korintherbrief und dann auch die Worte aus unseren Glaubensbekenntnissen sind mehr als nur ein mehr oder weniger historischer Bericht dessen, was sich da in den drei Tagen von Karfreitag bis zur Osternacht abgespielt hat. Es ist die Mitte unseres Glaubens. Alles andere könnte fehlen, nur dieses nicht.

Paulus benennt es den Korinthern ganz lapidar: Ich habe das weiter gegeben, was ich empfangen habe, ich kann gar nicht anders. Und wir – heute – fast 2000 Jahre später tun es immer noch und werden hoffentlich nichts anderes tun: Auch wir geben das weiter, was wir empfangen haben: „Gestorben nach der Schrift…“ – „begraben …“ – „auferstanden nach der Schrift …“ – „gesehen worden…“ – Ja, auch das „gesehen worden…“, auch wenn es so nicht im Credo steht, denn unser Glaube gründet sich darauf, dass der Auferstandene gesehen worden ist.

Und mit diesen Worten geben auch wir weit mehr weiter als nur den irgendwie geordneten Ablauf von Ereignissen vor 2000 Jahren: Es verbinden sich damit die Erfahrungen der vielen Generationen seither, die sich in diesem Bekenntnis geborgen wussten; die sich in diesem Bekenntnis so geborgen wussten, dass sie Leid und Schmerzen, ja sogar Folter und Tod in Kauf nahmen, um daran festzuhalten. Es verbinden sich mit diesem Bekenntnis die Erfahrungen, den Himmel offen zu sehen, wie ihn Stephanus offen gesehen hat; die Erfahrungen, sich trotz aller Dunkelheit im Leben nicht verlassen zu fühlen, sondern sich begleitet und gehalten zu wissen. Es verbinden sich mit diesem Bekenntnis die Erfahrungen, in der liebevollen Zuwendung zu unserem Nächsten Jesus Christus zu entdecken.

So verbinden sich schließlich auch unsere eigenen Erfahrungen mit diesem Bekenntnis – Erfahrungen, die wir machen: wenn wir das Glück dieser Welt erfahren, mit dem uns Gott reich beschenkt, und andere an unserem Glück teilhaben lassen; vor allem aber auch dann, wenn wir getröstet werden in unserem Kummer und wenn wir trösten können; dann, wenn wir von Sorgen gequält Unterstützung finden und wenn wir andere unterstützen können; dann, wenn wir – vom Tod betroffen – erfassen können: Der Tod ist keine Sackgasse ohne Wendemöglichkeit und er hat auch nicht das letzte Wort in unser aller Leben. Dieses letzte Wort hat Gott und es heißt: „Leben!“

Vielleicht haben Sie es gemerkt? Was bei Paulus schon begonnen hat, das hat sich über die Jahrhunderte bis heute fortgesetzt: die Art und Weise, wie wir Jesus zu sehen bekommen, wie wir ihn als den Lebendigen erfahren – die Art und Weise hat sich verändert, die Tatsache nicht. Sie ist so vielfältig wie damals auch und wahrscheinlich ebenso widersprüchlich. Aber sie ist da.

Und das ist dann der Beginn unserer Auferstehung – heute, hier und jetzt, begründet in der Mitte unseres Glaubens: „Gestorben nach der Schrift…“ – „begraben …“ – „auferstanden nach der Schrift …“ – „gesehen worden…“ Ja, auch von uns. Ja, der Herr ist auferstanden. Halleluja.
Er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja!

Insbesondere der Anfang geht auf die Predigtmeditation von Karl-Heinrich Bieritz zurück, die er in den Göttinger Predigtmeditationen 64 (2010), S. 204-201 veröffentlicht hat (ISSN 0340-6083).
Für die Anregungen: Vielen Dank!

Autor: PaToWi

Ich darf mein Leben frei gestalten unter dem liebenden Blick Gottes. Ist das nicht Grund genug auf IHN zu hören und mir von IHM den Weg weisen zu lassen?

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