Predigt am 24. Oktober 2010 über Epheser 6,10-17

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Bemühen im Reden und Hören. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder in Christus!
Was verbinden Sie, was verbindet Ihr mit dem Wort „stehen“? Außer vielleicht, dass es eine Art von Haltung ist, die ein Mensch einnehmen kann: neben sitzen und liegen? Wenn wir begeistert von etwas sind, springen wir auf und stehen, die Ränge im Fußballstadion, die noch Stehplätze haben, sind bei den Fans viel beliebter. Konzerte von Pop-Größen und Rockgruppen entfalten ihren Reiz vor allem dann, wenn es Stehkonzerte sind: man steht enger als man sitzt, die Atmosphäre ist dichter, man ist näher dran.

Manche werden aber auch denken: Stehen ist anstrengend und viele Menschen sind es gar nicht mehr gewohnt. Wie schnell suchen wir uns einen Ort zum Anlehnen, Aufstützen oder gleich zum Hinsetzen, wenn wir irgendwo hinkommen. Wer längere Zeit warten muss, am Bahnhof oder an der Bushaltestelle vielleicht, weiß das nur zu gut. Ja, stehen ist anstrengend.

Bei dem Wort stehen werden manche aber auch an Begriffe wie Standhaftigkeit oder Widerständigkeit denken – die Proteste in Stuttgart sprechen eine deutliche Sprache. Besonders deutlich wird der Zusammenhang von Stehen und Überzeugung in dem Satz: „Ich stehe zu jemandem oder etwas.“: zu meinem Fußballverein, auch wenn der dauernd verliert; zu meiner Freundin, auch wenn die von anderen geschnitten wird; zu meiner politischen Partei, auch wenn die gerade im Umfragetief steckt; zu meinem Hobby, ganz gleich, ob das Briefmarken, Zinnsoldaten, Computerspiele, Puppen, Eisenbahn oder Modellbau ist. Das auch öffentlich zu bekennen, ist manchmal gar nicht so einfach, wenn man nicht gerade unter Gleichgesinnten ist. Es ist anstrengend, zu etwas zu stehen, seine Überzeugungen immer wieder neu zu vertreten. Es ist ermüdend und wir brauchen Stärkung, um etwas durchzustehen.

Besonders spannend wird es mit dem „zu etwas stehen“, der Widerständigkeit und der Standhaftigkeit, wenn es um den Glauben geht. Dabei müssen wir uns hier in Deutschland nicht vor Nachteilen oder vor Verfolgung wegen unseres Glaubens fürchten. Das, was es anstrengend macht – das, was uns unsere Standfestigkeit abfordert, liegt auf einer anderen Ebene. Wir merken es immer wieder:

Wir wollen ja glauben, wir wollen auf Gott vertrauen; und wir wollen dem auch eine Gestalt geben, wollen mit Gott in Kontakt bleiben und regelmäßig beten, wollen zum Gottesdienst gehen und unser Leben nach dem ausrichten, was uns die Bibel als Richtschnur an die Hand gibt. Wir wollen auch mit den Menschen neben uns so umgehen, wie Jesus uns das gezeigt und vorgelebt hat, denn wir spüren: Dann lebt es sich besser, freier, zufriedener.

Wir müssen aber feststellen, wie schnell unser Vertrauen ins Wanken gerät, wenn wir traurige, belastende oder erschütternde Situationen erleben. Und wir müssen feststellen, wie schnell diese guten Vorsätze nicht funktionieren: wie schnell etwas anderes wichtiger wird, wie schön es ist, am Sonntag einfach im Bett liegen zu bleiben und – und – und. Und wenn wir das nächste Mal unseren Lieblingsfeind treffen, über den wir uns so gerne aufregen, der uns immer wieder neu zur Weißglut bringt, dann sind auch die guten Vorsätze wie weggeblasen, was Achtung und Aufeinanderzugehen anbelangt.

Vielleicht ist es den Gemeindegliedern in Ephesus vor fast 2000 Jahren auch schon so ergangen wie uns heute. Denn der Abschnitt aus dem Epheserbrief, der uns heute als Predigttext aufgegeben ist, antwortet auf eben diese Fragen. Der Apostel Paulus schreibt im 6. Kapitel:
10 Für die Zukunft werdet stark durch den Herrn und durch die Kraft, die aus seiner Kraft kommt. 11 Zieht euch an die volle Waffenrüstung, die Gott zur Verfügung stellt, damit ihr bestehen könnt gegen die Ränke des Teufels. 12 Denn wir kämpfen nicht gegen Menschliches aus Fleisch und Blut, sondern gegen die Mächte, gegen die Gewalten, gegen die Weltbeherrscher dieser Finsternis, gegen die Geister der Bosheit in der Himmelswelt.
13 Deshalb dieses: Nehmt die volle Waffenrüstung Gottes auf, damit ihr widerstehen könnt an dem bösen Tag und alles besiegen und bestehen könnt. 14 Steht nun und umgürtet eure Hüfte mit Wahrheit und zieht an den Panzer der Gerechtigkeit 15 und bindet euch wie Sandalen unter die Füße die Bereitschaft für das Evangelium des Friedens. 16 Zu allem nehmt den Schild des Glaubens, mit dem ihr alle brennenden Pfeile des Bösen auslöschen könnt, 17 und den Helm der Rettung nehmt und das Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes. (eigene Übersetzung)

Liebe Schwestern und Brüder!
Auf den ersten Blick, auf das erste Hören scheint dieser Predigttext nicht zu unserem heutigen Verständnis des christlichen Glaubens zu passen: Sehen wir heute doch im Christentum eine Religion des Friedens, wo die Verwendung von Waffen und das militärische Reden höchst suspekt sind. Trotzdem hat diese Redeweise auch heute für mich ihre Berechtigung, denn es gehört zu unserer Realität als Menschen und als Christen, dass wir immer wieder in Lebens- und Glaubenskämpfe verstrickt sind. Es ist eben nicht so, dass wir als Christen in einem windgeschützen Fleckchen der Erde uns von der Sonne warm bescheinen lassen könnten, während um uns herum der Sturm des Lebens tobt. Christinnen und Christen sind dem Wind, manchmal auch dem Sturm des Lebens ebenso ausgesetzt wie alle andern Menschen auch. Wir sind ebenso in die Verantwortung für unsere Erde gestellt wie alle anderen.

So beschreibt diese Sprache durchaus die Realität des christlichen Lebens und es geht mit ihr in Ordnung. Viel wichtiger ist, dass Paulus sich hier nicht gegen irgendwelche menschlichen Gegner wendet. Er sieht den Gegner der Christen in den übermenschlichen Mächten, im Diabolos, dem Teufel, dessen griechischer Name bedeutet, dass er alles durcheinander wirft. Und es ist gemeint, dass er das Leben der Menschen, der Christen durcheinander bringt.

Die Mächtigkeit des Bösen macht Paulus deutlich, indem er ihn viermal hintereinander benennt: „die Mächte, die Gewalten, die Weltbeherrscher dieser Finsternis, die Geister der Bosheit in der Himmelswelt.“ Und wie geschickt das Böse ist, wird immer wieder deutlich, wenn es sich in kluge Argumente kleidet, die immer sehr vernünftig klingen, wenn sich das Böse sogar wie in der Versuchungsgeschichte Jesu des Wortes Gottes bedient, um die Menschen auf das Glatteis zu führen, auf dem sie dann ausrutschen und hinfallen sollen. Es geht für Paulus gegen das, was zur Abkehr von Gott führt.

Es geht damit also gerade nicht gegen die vermeintlich bösen Menschen, nicht gegen irgendwelche Achsen des Bösen in Menschenform, und auch nicht in Form von irgendwelchen Kreuzzügen oder Heiligen Kriegen. Vielmehr wird die Aufforderung Jesu „Liebet eure Feinde, tut wohl denen, die euch hassen und so weiter.“ bestätigt. Es ist eine, es ist vielleicht sogar die entscheidende Herausforderung des christlichen Glaubens: das Böse zu bekämpfen und die Menschen zu lieben. Aber nur so wird das Diabolische, das übermenschlich Böse besiegt: indem es mit Gutem überwunden wird – auch dem Feind gegenüber. Alles andere erzeugt immer nur noch mehr Böses.

Um dem Bösen entgegenzutreten, braucht es einen starken Widerstand, den wir nur mit einem festen Stand haben. Wollten wir uns da auf uns selbst und unsere eigene Kraft verlassen, wären wir wohl ganz schnell verlassen. Paulus gibt uns den entscheidenden Hinweis, woher wir in diesem Kampf Hilfe erwarten können: „Für die Zukunft werdet stark durch den Herrn und durch die Kraft, die aus seiner Kraft kommt. Zieht euch an die volle Waffenrüstung, die Gott zur Verfügung stellt.“ Damit sind die Vorzeichen für unseren Glaubenskampf gesetzt: Nicht wir müssen aus unserer Kraft siegen, der Sieg ist schon errungen – durch Jesus Christus am Kreuz. Paulus ruft uns zum Überstehen und Durchstehen. Gott gibt uns dazu eine Rüstung, die vor allem aus Abwehrelementen besteht: Wahrheit als Lendengurt, Gerechtigkeit als Brustpanzer und die Bereitschaft für das Evangelium des Friedens als Sandalen, den Glauben als Schild und die schon geschehene Rettung als Helm. Es ist eine machtvolle Rüstung, die Gott zusammenstellt, aber ihre Macht vernichtet nicht, sondern sie versöhnt. Denn es geht um das Evangelium des Friedens. Der Glaube als Schwert des Geistes kann deshalb nur das Wort vom Frieden sein. Der Kampf des Glaubens ist die beharrliche Arbeit des Friedens.

Trotz allem Bemühen müssen wir immer wieder die Feststellung machen, dass wir in diesem Kampf gegen das Böse unterliegen. Sogar Paulus, den wir doch als einen der größten und standhaftesten Vertreter des christlichen Glaubens kennen, musste sich das immer wieder eingestehen; er wusste um die Gefahr bei sich und anderen: „Wer meint, er stehe, mag zusehen, dass er nicht falle.“ schreibt er an die Gemeinde in Korinth und er bekennt im Brief an die Gemeinde in Rom sein eigenes Unvermögen: „Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“

Dieses kann uns helfen, mit uns und vor allem mit den anderen barmherzig zu sein und ganz im Sinn Jesu auf die Menschen zuzugehen und ihnen unsere Hilfe anzubieten. Nicht von ober herab, sondern in der Gewissheit, dass wir selbst die Unterstützung auf dem Weg des Glaubens ebenso nötig haben wie der oder die andere. Manfred Josuttis, der Göttinger Theologe, hat einmal geschrieben: „Im Glauben stark sein, heißt, sich der Schwachheit des eigenen Glaubens nicht schämen. Im Glauben bleiben, heißt, aus Unsicherheit und Verlegenheit der eigenen Lage nicht einfach entfliehen.“ In aller Kürze zusammengefasst in dem Schrei des Vaters des besessenen Knabens: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“

Wie aktuell die ganze Thematik des Kampfes und des Ringens darum ist, dass das Gutes gewinnt, zeigen unzählige Veröffentlichungen im letzten Jahrzehnt, die das Lebensgefühl von vielen Menschen geprägt haben. Ich denke an verfilmte Bücher wie „Herr der Ringe“ und Harry Potter, in denen es in ganz besonderer Weise um den Kampf gegen das übermenschlich Böse geht. Ich denke aber auch an viele Musiktitel im Pop- und Rockbereich, von denen ich einen herausgreifen möchte, weil er unserem Predigttext besonders nahe kommt: Die Gruppe Silbermond, die aus der TenSing-Arbeit des CVJM hervor gegangen ist, hat auf ihrer 3. Studio-CD das Lied „Krieger des Lichts“ veröffentlicht. Geht es Paulus im Epheserbrief um den Kampf des Glaubens, dann ist der Titel des Stücks durchaus passend, vor allem, weil dann in der 2. Strophe deutlich wird, dass es sich nicht um einen Krieger im herkömmlichen Sinn handelt, sondern um einen, der in das Bild, das Paulus und Jesus zeichnen, ganz besonders gut hinein passt. Da heißt es:

„Hab keine Angst vor Deinen Schwächen / Fürchte nie Deine Fehler aufzudecken / Sei bedacht, beruhigt und befreit / Sei auch verrückt von Zeit zu Zeit / Lass Dich nicht täuschen, auch wenns aus Gold ist / Lass Dich nicht blenden, erst recht von falschem Stolz nicht / Lerne vergeben und verzeihen / Lerne zu fesseln und zu befreien.“

Mit unserer Taufe werden wir zu Kindern des Lichtes, wie Paulus an die Thessalonicher schreibt. Mit unserem Leben in dieser vom Bösen bedrohten Welt sind wir gerufen – auch im Sinn von Silbermond – Krieger des Lichtes zu sein und den guten Kampf des Glaubens zu kämpfen. Denn – wie es im Silbermond-Refrain heißt – wir werden gebraucht: Zur Überwindung des Bösen durch das Gute!
Amen.

(Sehr hilfreich war für mich die Predigtmeditation von Christian Stäblein in den Göttinger Predigtmeditationen (64/4, S. 423-428 (= Pastoraltheologie 2010/8)). Vielen Dank!

Autor: PaToWi

Ich darf mein Leben frei gestalten unter dem liebenden Blick Gottes. Ist das nicht Grund genug auf IHN zu hören und mir von IHM den Weg weisen zu lassen?

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