Predigt am 3. Advent (12.12.2010)

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Evangelium nach Lukas, im 3. Kapitel:
http://www.bibelwissenschaft.de/nc/online-bibeln/luther-bibel-1984/lesen-im-bibeltext/bibelstelle/Lk%203,1-14/anzeige/context/#iv

Großer Gott, dein Heiliger Geist ist Herr über Reden und Hören. Segne unser Bemühen durch Christus, unseren Bruder und Herrn. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!
Es war im sechsten Jahr der Bundeskanzlerin Angela Merkel; zu der Zeit, als Barak Obama Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika und Dmitri Medwedew Präsident Russlands war – da trat ein Mensch auf und predigte gegen eine Advents- und Weihnachtszeit, die sich immer mehr vom ursprünglichen Sinn des Festes entfernt hatte, weil sie nur noch aus noch mehr Kaufen, aus noch mehr Lebkuchen und aus noch größeren Autoschlangen vor den Parkhäusern bestand. Woher dieser Mensch gekommen war, wusste niemand so richtig. Er ging auch nicht in die hell ausgeleuchteten Innenstädte, sondern blieb draußen vor der Tür – gewissermaßen vor der Tür des weihnachtlichen Konsumtempels. Manchmal konnte man ihn auf Kanzlers Weide sehen, manchmal auf den Feldern zwischen Möllbergen und Holzhausen, manchmal in der Weserniederung hinter dem Flugplatz, da wo im Sommer die Fahrradfähre einen zusätzlichen Weserübergang schafft.

Und was die Geschäftsbesitzer in den Innenstädten und in den Großkaufzentren auf dem flachen Land – auf der ehemals grünen Wiese – am meisten erstaunte, war, dass viele Menschen zu ihm hinaus gingen. Warum gingen die Menschen hinaus zu ihm? Alles redete doch davon, dass die Menschen ihre Traditionen hinter sich gelassen hätten. Auch die traditionelle Spendenfreudigkeit zu Weihnachten sei nicht mehr so da, wie früher. Das läge aber nicht nur an der gerade so überstandenen Wirtschaftskrise, nicht so sehr also, weil das Geld fehlte, sondern weil viele Menschen dieses Geld lieber für eigene Dinge ausgeben wollten. Wie jedes Jahr hatten die Manager auf höhere Ergebnisse gehofft und wären wohl, wie meistens, auch zufrieden gewesen, denn was sie vor Weihnachten nicht loswurden, kam dann beim Nachweihnachtsgeschäft doch noch mit Gewinn unter die Leute: wenn die Gutscheine eingelöst oder die Geschenke umgetauscht wurden, weil sie eben doch nicht so gut gefallen hatten und die Umtauschenden und Einlösenden eben noch ein paar Euro drauflegten.

Was wollten diese Leute da draußen im kalten, dunklen und unfreundlichen Land, wo doch in den Städten alles so schön erleuchtet war: ‚All über all auf den Häuserspitzen sah ich goldene und bunte Lichter blitzen und süße Musik rieselt wie der Schnee in die Ohren, während ein großer roter LKW durch die Landschaft fährt und alles in seliges Weihnachtslicht taucht!‘

Viele Menschen waren erstaunt, dass ihm die Leute zuhörten, denn dieser Mensch war nicht gerade freundlich mit seinen Zuhörerinnen und Zuhörern. Er sprach sie nicht mit ‚Liebe Leute‘ an oder versuchte auch nicht, auf andere Weise den Menschen Honig um den Bart zu schmieren: wie toll sie doch wären und dass alles gut liefe. Er beschimpfte sie geradezu – und er forderte etwas von Ihnen, so hörte man jedenfalls. Er forderte, dass sie ihre Leben ändern sollten, dass sie von ihren liebgewordenen Gewohnheiten Abschied zu nehmen hätten, damit sie leben, überleben könnten.

Und trotzdem kamen die Menschen. Ja, viele hatten doch ein Gespür dafür, was in dieser Zeit wichtig sein würde. Sie kamen, seit dieser Mensch da war. Viele machten sich allerdings auch auf den Weg zu ihm, die nur durch ihre Neugier angelockt wurden. Diesen Typen musste man eben einmal gesehen haben. Und der Prediger sah sie dann lange und sehr nachdenklich an und fragte sie dann: „Meint ihr, dass euch nichts passieren kann? Ihr tragt stolz die Zeichen eurer Sicherheit mit euch: den Arbeitsvertrag mit der unkündbaren Stellung, den Pass mit der deutschen Staatsangehörigkeit, eure weiße Hautfarbe. Ihr kommt in der Kleidung mit den großen Markennamen, um zu zeigen, dass ihr dazugehört. Glaubt ihr, dass euch diese Sicherheiten wirklich nützen und euch schützen?“ Und immer wieder war da diese eine Frage aus der Menge heraus: „Können wir denn etwas tun? Ich alleine zähle doch nicht!“

Und zum Erstaunen der meisten war die erste Antwort immer: „Ihr könnt etwas tun! Seht euch um und bemerkt den Reichtum, ja den Überfluss, in dem ihr lebt. Seht euch um und nehmt die Bedürftigen um euch herum und unter euch wahr, die es auch gibt; und teilt. Haben ist nicht schlimm. Für sich allein behalten – das ist schlimm. Kehrt um von eurem Weg, von dem Weg der heißt: ‚Ich will immer mehr für mich haben.“

Es kamen die, denen alles zufällt; es kamen die, die vor lauter Ehrgeiz so selten Zuhause sind. Auch diese traten zu dem Prediger und fragten: „Prediger, was sollen denn wir tun?“ Und dieser antwortete und sprach: „Bedenkt eure Verantwortung für eure Familien, für eure Ehepartnerinnen, eure Ehepartner und für eure Kinder. Nehmt euch Zeit für sie und kümmert euch um ihre Probleme, damit sie nicht irgendwann einmal sagen müssen: Was will der da von uns, er oder sie ist doch auch nie für uns da gewesen?“

Schließlich kamen auch die Mächtigen und erhielten Antwort auf ihre Frage, „Was sollen wir tun?“: „Seht zu, dass ihr eure Stellung nicht für euren eigenen Vorteil missbraucht, sondern dass ihr allen Menschen und dem Wohl der Gemeinschaft dient. Lasst Arme nicht immer ärmer und Reihe immer reicher werden. Lernt aus der Vergangenheit und behaltet für die Gegenwart die Zukunft im Auge. Habt den Mut, Entscheidungen zu treffen – aber nicht ohne ein Konzept.“

Das Wichtigste aber sagte er allen gleichermaßen und immer wieder, wenn er eine seiner Predigten hielt: „Macht euch auf in eine neue Richtung. Kehrt um! Macht euch zum Stall auf, so wie es in dem Weihnachtslied heißt, das Jochen Klepper gedichtet hat: ‚Die Nacht ist schon im Schwinden, macht euch zum Stalle auf! Ihr sollt das Heil dort finden, das aller Zeiten Lauf von Anfang an verkündet, seit eure Schuld geschah. Nun hat sich euch verbündet, den Gott selbst ausersah‘.“
„Ich selber“, fuhr der Prediger meistens fort, „kann euch nur die kleinen Anweisungen geben, die sich im alltäglichen Leben auch verwirklichen lassen. Ich kann euch segnen für eure Umkehr, kann euch so darin bestärken. Aber um euch wirklich zu befreien, dazu braucht es einen anderen: den einen, der Schuld wirklich wegnehmen kann; den einen, der euch zu Gottes Kindern macht. Und dieser eine ist schon da. Er ist gekommen, er wird kommen, er ist da.
Den Weg will ich ihm bereiten, dass ihr euch auf sein Kommen einstellt. Räumt die Berge von Geschenken zur Seite, schaltet die elektrischen Lichter einmal aus, damit ihr die Sterne, damit ihr den einen Stern sehen könnt, der euch den Weg weist: hin zu dem kleinen Stall, hin zu dem armen Kind in der Krippe. Und dann, wenn ihr ihn gefunden habt, dann freut euch – nicht so sehr an den Geschenken – sondern daran, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind. Freut euch auf dieses Kind, wie Eltern sich auf ihr lang erwartetes Kind freuen, weil sie die Gewissheit des Lebens spüren. Freut euch auf dieses Kind, das für euch da ist, bis die Welt an ihr Ziel gelangt ist. Ihr tragt den Namen dieses Kindes, ihr seid auf diesen Namen getauft.
Dabei passt auf, dass ihr den Kontakt zu ihm nicht verliert. Das Kind in der Krippe sucht Euch zwar immer wieder neu, aber wie soll es Einlass finden, wenn Euer Herz mit dem Schloss der Gleichgültigkeit verschlossen ist? Passt auf, dass ihr eure Aufgabe an euren Kindern und Kindeskindern nicht versäumt, die ihr bei deren Taufe übernommen habt, erfüllt das Versprechen, das ihr damals gegeben habt: ihnen einen Zugang zum Glauben zu ermöglichen; das passiert nicht von allein.
Erweist euch gegenseitig Liebe, das können auch Geschenke sein, aber sie sind nicht die Hauptsache. Erweist euch Liebe um der anderen willen, nicht um euretwillen. Denn ihr seid ja schon geliebt, weil Gott in seiner bedingungslosen Liebe ‚JA‘ zu euch sagt. Ihr werdet merken, dass eure Umkehr leicht wird, weil sie etwas Freudiges ist. Ihr werdet merken, dass eure Buße nicht grau wie Asche macht, sondern bunt wie ein Regenbogen.
Was euch beschwert, braucht im Angesicht dieses Kindes nicht mehr zu erdrücken; was gewesen ist, braucht im Angesicht dieses Kindes nicht mehr zu erschrecken. Denn in diesem Kind ist das Heil Gottes, ist die Rettung für alle Menschen erschienen.“

Die Menschen kehrten zurück: in ihre Stadt und in ihr Dorf, in ihre Straße und an ihre Arbeit, zurück in ihre Familien und in den Gesichtern der anderen, die ihnen entgegen kamen, ob sie sie kannten oder nicht – entdeckten sie das Bild dieses Kindes. Amen.

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