Predigt am 2. Sonntag nach Epiphanias über Exodus 33,17b-23

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Bemühen im Reden und Hören. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!
Gott erscheint! Seine Herrlichkeit geht auf über den Menschen. Das ist die Botschaft des Epiphaniasfestes: Des Festes von der Erscheinung Gottes am 6. Januar. Und dann wird in immer neuen Variationen an den folgenden Sonntagen davon erzählt, was das heißt: Gott erscheint und wird Mensch in Jesus Christus und Gott gibt ihm alle Gewalt im Himmel und auf Erden.

Da ist die Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland, die zu dem Kind in der Krippe kommen: mit fürstlichen Geschenken für den König der Welt. Da ist Geschichte von der Taufe Jesu, bei der die Stimme Gottes vom Himmel verkündet: „Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen!“ Da ist die Geschichte von der Hochzeit zu Kana, von der wir eben gehört haben: Jesus, der Meister der Freude und des Festes. Alle diese Geschichten sollen es beschreiben: die Erscheinung Gottes. Gott wurde – Gott wird sichtbar!

Gott sehen? Das ist doch oft unser Glaubens-Problem: die Unsichtbarkeit dieses Gottes. Vor allem in einer Welt, die für alles Beweise einfordert, in einer Welt von Naturwissenschaft und Technik – in einer solchen Welt an einen Gott glauben, der nicht zu sehen ist? Viele sagen heute: Wenn ich Gott nicht sehen und so beweisen kann, kann ich ihn auch nicht finden, nicht an ihn glauben.
Gott sehen? Die Menschen, die Filme für das Kino oder das Fernsehen machen, können heute alle nur denkbaren Illusionen verwirklichen und sichtbar machen. Gott dagegen bleibt für uns heute der Unsichtbare und damit auch der Unfassbare.

Trotzdem feiern wir das Fest der Erscheinung Gottes. Trotzdem bedenken wir an diesen Sonntagen das Sichtbarwerden Gottes.

Zu diesen Texten, die von der Erscheinung Gottes handeln, gehört auch der heutige Predigttext. Wir befinden uns nicht in der Zeit Jesu, sondern lange vorher: in der Zeit des Mose, als das Volk Israel gerade aus der Sklaverei in Ägypten entkommen war. Mose hatte für die Israeliten zum ersten Mal die 10 Gebote bekommen. Und noch bevor Mose mit den steinernen Tafeln, auf denen die Gebote standen, wieder bei den Israeliten angekommen war, hatte das Volk einen ganz eigenen, aber falschen Weg zu Gott gesucht. Sie alle kennen die Geschichte vom Tanz um das Goldene Kalb. Diese Geschichte beschreibt in besonderer Weise die Sehnsucht der Menschen nach einem sichtbaren und anfassbaren Gott, aber so ist der Gott nicht, der das Volk aus Ägypten geführt hat. Mose muss ganz von vorne anfangen.

So ist er etwas später wieder auf dem Berg Sinai und spricht mit Gott. Hören wir den Predigttext aus dem zweiten Buch Mose, der uns mitten in das Gespräch zwischen Mose und Gott hineinführt.
Gott spricht zu Mose: „Ja, du hast Gnade gefunden in meinen Augen und ich kenne dich bei Namen.“
Mose aber sprach: „Lass mich doch deine Herrlichkeit sehen!“ – Er antwortete: „Ich werde vorübergehen lassen vor dir all meine Schönheit und Pracht und ich will ausrufen den Namen des Herrn vor dir: Ich bin gnädig dem, dem ich gnädig bin, und ich erbarme mich über dem, über dem ich mich erbarme.“
Dann sprach er: „Du erträgst es nicht, mein Antlitz zu sehen, denn kein Mensch sieht mich und lebt.“ – Und der Herr sprach: „Siehe diesen Raum bei mir, stelle dich auf den Fels. Und es wird geschehen: Wenn meine Herrlichkeit vorüberzieht, stelle ich dich in die Kluft des Felsens und halte meine Hand abschirmend über dich, während ich vorüberziehe. Darnach werde ich meine Hand wegnehmen und du wirst sehen meinen Rücken, aber mein Angesicht darf nicht sichtbar werden.“

Damit ist dieser Teil des Gespräches zuende. Wie es weitergeht, wird nicht berichtet. Es bleibt bei der Ankündigung. Aber: Dreimal antwortet Gott auf die Forderung seines treuen Dieners. Gott akzeptiert den Wunsch, dass Mose ihn sehen möchte, obwohl er ein Gott ist, den man nicht sehen kann. „Gott will im Dunkel wohnen, und hat es doch erhellt“, so dichtete im vergangenen Jahrhundert Jochen Klepper. Und: „Gott wohnt in einem Lichte, dem niemand nahen kann.“

Aber: Warum will Mose Gott eigentlich sehen? Warum wollen Menschen Gott sehen? Es ist die uralte Sehnsucht der Menschen, den zu sehen, dem sie sich anvertrauen. Mose weiß, dass ein steinernes oder goldenes Bild nur ein Bild ist, aber er ist ebenso wie das Volk Israel von dem Wunsch beseelt, Gott zu sehen. Obwohl er mit Gott sprechen kann, reicht ihm das nicht. Gott sehen – von Angesicht zu Angesicht, das vergewissert im Glauben, da weiß man, mit wem man es zu tun hat. Wir alle kennen das. Es geht nichts über einen persönlichen Kontakt, wenn man einen Menschen kennenlernen will. Auch Bilder und Fotos sind da nicht genug. Das Gesicht, vor allem die Augen sagen so viel über einen Menschen aus. Wie wir, will Mose Gott sehen. Und Gott akzeptiert den Wunsch, ihn zu sehen. Und Gott gibt etwas von sich preis. Es ist nicht so, dass er Moses Bitte, die ja auch unsere Bitte ist, nicht ernst nehmen würde.
Mose bekommt sogar drei verschiedene Antworten. Sie stammen wahrscheinlich aus ganz verschiedenen Zeiten, und sie spiegeln ganz verschiedene Vorstellungen von Gott.

Die eine Antwort und Vorstellung von Gott ist sehr rigoros:
Mose aber sprach: „Lass mich doch deine Herrlichkeit sehen!“ – Gott antwortet: „Du erträgst es nicht, mein Antlitz zu sehen, denn kein Mensch sieht mich und lebt.“
Gott hört die Bitte, er weist sie aber ab. Ich denke, nicht deshalb, weil er sich nicht zeigen wollte oder konnte, sondern aus Sorge um Mose. Die Herrlichkeit Gottes ist für einen Menschen nicht zu ertragen. Gott ist und bleibt der ganz andere. Er sagt nicht, ob er zu schön oder zu hässlich sei, ob er zu strahlend oder zu dunkel sei. Er bleibt unvorstellbar – eben der ganz andere.

Die zweite Antwort und Vorstellung von Gott ist eine sehr harmonische: Mose aber sprach: „Lass mich doch deine Herrlichkeit sehen!“ Er antwortete: „Ich werde vorübergehen lassen vor dir all meine Schönheit und Pracht und ich will ausrufen den Namen des Herrn vor dir: Ich bin gnädig dem, dem ich gnädig bin, und ich erbarme mich über dem, über dem ich mich erbarme.“

Wir werden in eine ganz andere Situation versetzt. Plötzlich ist nicht nur von Gottes Herrlichkeit die Rede, sondern auch von seiner Schönheit. Diese Schönheit will Gott an Mose vorübergehen lassen – nicht sich selbst, den Abglanz von sich: Gottes schöne Güte, die Folge seines Segens. Gott öffnet Mose den Blick für die Schönheit seiner Schöpfung Gottes: vielleicht Korn und Wein, die Zeichen des Lebensnotwendigen und der Freude, vielleicht Jugend und Fruchtbarkeit, vielleicht Reife und Fülle des Alters. Gott offenbart sich in dem, was er geschaffen hat, was schon da ist – in seiner Schöpfung.
Doch dabei bleibt es nicht. Zur Schönheit Gottes gehört ein Weiteres, denn Gott ist nicht ein Prinzip, das im schönen Werden der Natur sich vollziehen würde. Gott sagt zu Mose: „Ich will ausrufen den Namen des Herrn vor dir!“ Und dann folgen sogar zwei dieser Namen Gottes. Namen? So richtige Namen in unserem heutigen Verständnis sind es keine. Die Worte beschreiben Gott mehr, als dass sie Namen sind. Gerade deshalb aber ist es wichtig:

In der alten Welt, vor allem auch bei den Israeliten, ist der Name nicht irgendetwas, das man trägt wie einen Mantel und ihn vielleicht einmal ablegt, weil das Gewand irgendwann zerschlissen ist. Der Name ist der Schlüssel zur Person. Schon am Anfang des Predigttextes war der Name wichtig: Gott spricht zu Mose: „Du hast Gnade gefunden in meinen Augen und ich kenne dich bei Namen.“ Und erinnern wir uns an den Vers aus dem Propheten Jesaja: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, Du bist mein.“
Und auch in unserem Leben spielt der Name und alles, was sich mit ihm verbindet eine große Rolle. Was tun Menschen nicht alles, um die Ehre ihres Namens zu erhalten oder zu verbessern. Oder was heißt es, wenn Menschen – vor allem in früheren Zeiten – im Gefängnis nur eine Nummer gewesen sind. Wie erniedrigend ist es, wenn im Krankenhaus nicht von Lina Laurentia Müller oder Horst Balduin Habenichts, sondern nur von dem ‚Blinddarm in Nummer 7‘ oder der ‚Schädelfraktur in Nummer 43‘ die Rede ist. Menschen als Nummern, sind nur noch Objekte, haben dann keine Würde. Der Name macht auch bei uns heute noch die Person aus.

Und so ist auch der Name Gottes von höchster Bedeutung, denn wenn Gott einen Namen hat, dann ist er Wirklichkeit und kein totes Prinzip, und in seinem Namen wird das Wesen, das ganze Sein Gottes enthüllt! Zum ersten Mal hatte Mose am brennenden Dornbusch so einen Namen von Gott gehört: „Ich bin, der ich bin.“ – oder: „Ich bin der Ich bin da“, wie man auch übersetzen kann. Und im Gespräch zwischen Mose und Gott am Sinai zwei ganz ähnliche Formulierungen, die etwas Grundlegendes über Gottes Wesen aussagen: „Ich bin gnädig dem, dem ich gnädig bin, und ich erbarme mich über dem, über dem ich mich erbarme.“ Da ist nicht die Rede von dem düsteren Gott, der sich angeblich immer nur rächen will und der nach dem Blut seiner Feinde trachtet und der den Menschen die Last des Gesetzes aufbürdet. Da ist von einem Gott die Rede, der gnädig ist und der sich über den Menschen erbarmt und der vor allem treu ist, dessen Wort absolut gilt. Der Name sagt etwas über das Wesen seines Trägers aus: Und Gottes Name besteht aus Gnade und Barmherzigkeit.

Schließlich die dritte Antwort und Vorstellung von Gott, eine sehr fürsorgliche: Mose aber sprach: „Lass mich doch deine Herrlichkeit sehen!“ Und der Herr sprach: „Siehe diesen Raum bei mir, stelle dich auf den Fels. Und es wird geschehen: Wenn meine Herrlichkeit vorüberzieht, stelle ich dich in die Kluft des Felsens und halte meine Hand abschirmend über dich, während ich vorüberziehe. Danach werde ich meine Hand wegnehmen und du wirst sehen meinen Rücken, aber mein Angesicht darf nicht sichtbar werden.“

Auch nach dieser dritten Antwort Gottes darf Mose das Antlitz seines Herrn nicht sehen. Es ist wohl die älteste Antwort. Gott ist, wie in vielen dieser ganz alten Texte, sehr menschlich vorgestellt. Es ist die Rede von Gottes Hand, mit der er Mose beschirmen möchte und von seinem Rücken, den Mose sehen darf. Mose kann sich nach dieser Vorstellung neben Gott auf den Felsen stellen, um dann im rechten Moment geschützt zu werden. Das ist das Zugeständnis, das Gott macht. Mose darf zumindest einen Teil Gottes sehen: Nachdem Gott vorübergegangen ist, soll er seinen Rücken sehen.

Mose steht hier stellvertretend für alle Menschen, die Gott von vorne sehen wollen – für Menschen, die den Gott am Werk sehen wollen, der aber doch nicht sichtbar und nicht greifbar ist, wie andere Gestalten, die Götter sein sollen. Mose darf Gott nur sehen, nachdem dieser vorübergangen ist, Mose darf ihm hinterhersehen. Auch wir können Gott nicht sehen. Aber im Nachhinein können wir sagen: „Da war Gott am Werke.“ Und es sind auch die Momente, bei denen wir zuallererst gar nichts von Gott erkennen konnten, bei denen wir vielleicht sogar geklagt und gezweifelt haben. (In der gehaltenen Predigt folgte ein freier Hinweis auf das Gedicht "Spuren im Sand".)
Mose konnte den Herrn nur von hinten sehen. Der Mensch kann Gott nur von hinten sehen, er hat buchstäblich das Nach-Sehen. Und der Mensch wird erkennen: Das ist Gott gewesen – der Gott, der mit Namen Gnade und Barmherzigkeit heißt. Amen.

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