Predigt vom Sonntag zur Eröffnung der Bibelwoche über Epheser 1,1-14

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Versetzen wir uns in eine frühchristliche Gemeinde. Damals, als die Post noch ganz lange unterwegs war und es gar nicht so selbstverständlich war, dass man jeden Tag einen Brief oder eine eMail oder eine SMS bekam, als es auch für die christlichen Gemeinden schwierig war, miteinander in Kontakt zu bleiben, weil es eben nicht gerade nebenan die nächste Kirche gab, damals also war es immer ein ganz besonderes Ereignis, wenn ein Brief von einem Apostel in einer solchen Gemeinde ankam. Wo das war? Überall –könnte man sagen, denn die Briefe wurden dann oft abgeschrieben und an die Nachbargemeinden weitergeleitet. Und deshalb ist es gar nicht so sicher zu sagen, dass der Brief wirklich für die Gemeinde in Ephesus bestimmt war. Denn auf einigen Abschriften des Briefes fehlt diese Ortsangabe.

Da war der Brief also angekommen und der Gemeindevorsteher wollte ihn im Gottesdienst vorlesen. Das war damals – wie bei uns heute auch, wenn wir Post aus befreundeten Gemeinden bekommen – durchaus üblich. Bevor er mit der eigentlichen Textlesung begann, machte er aber noch eine Vorbemerkung, damit die Gemeindeglieder sich besser zurechtfinden konnten. Hören wir einmal zu:

Liebe Schwestern und Brüder in Christus! Wie ihr alle wisst, haben wir einen Brief bekommen, der nach der Unterschrift vom Apostel Paulus ist. Den möchte ich euch jetzt vorlesen. Bevor ich aber anfange, muss ich Euch sagen, dass der erste Abschnitt sehr kompliziert ist. Ich hätte nie gedacht, dass ein Mensch einen so langen Satz schreiben könnte. Man weiß am Ende gar nicht mehr, wie der Satz angefangen hatte. Aber dann habe ich festgestellt, dass es da doch bestimmte Sinnabschnitte gibt.

Im Grunde ist dieser Anfangsteil ein faszinierendes Lied mit vier Strophen und davor gibt es eine Art Leitspruch, der uns auf das Thema einstimmt. Wenn ich euch den Briefangang jetzt vorlese, werde ich immer mit dazu sagen, wo wir gerade sind.

Am Anfang steht natürlich der Gruß des Apostels:
1,1 Paulus, ein Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes,
an die Heiligen in Ephesus, die Gläubigen in Christus Jesus:
2 Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus!

Und jetzt kommt der Bandwurmsatz mit dem Leitsatz vorweg und den vier Strophen, die alle mit „in ihm“, also Jesus Christus anfangen.
3 Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus,
der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel
durch Christus.

Jetzt Strophe 1:
4 Denn in ihm hat er uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war,
dass wir heilig und untadelig vor ihm sein sollten;
in seiner Liebe
5 hat er uns dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein
durch Jesus Christus nach dem Wohlgefallen seines Willens,
6 zum Lob seiner herrlichen Gnade,
mit der er uns begnadet hat in dem Geliebten.

Nun Strophe 2:
7 In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden,
nach dem Reichtum seiner Gnade,
8 die er uns reichlich hat widerfahren lassen in aller Weisheit und Klugheit.
9 Denn Gott hat uns wissen lassen das Geheimnis seines Willens nach seinem Ratschluss,
den er zuvor in Christus gefasst hatte,
10 um ihn auszuführen, wenn die Zeit erfüllt wäre,
dass alles zusammengefasst würde in Christus,
was im Himmel und auf Erden ist.

Jetzt Strophe 3:
11 In ihm sind wir auch zu Erben eingesetzt worden,
die wir dazu vorherbestimmt sind nach dem Vorsatz dessen,
der alles wirkt nach dem Ratschluss seines Willens;
12 damit wir etwas seien zum Lob seiner Herrlichkeit,
die wir zuvor auf Christus gehofft haben.

Und schließlich Strophe 4:
13 In ihm seid auch ihr, die ihr das Wort der Wahrheit gehört habt,
nämlich das Evangelium von eurer Seligkeit – in ihm seid auch ihr,
als ihr gläubig wurdet, versiegelt worden mit dem Heiligen Geist,
der verheißen ist,
14 welcher ist das Unterpfand unsres Erbes, zu unsrer Erlösung,
dass wir sein Eigentum würden zum Lob seiner Herrlichkeit.

Liebe Schwestern und Brüder!
Ich glaube, dieser Abschnitt reicht erst einmal, den restlichen Brief können wir uns ja an den kommenden Tagen genauer ansehen. Wahrscheinlich habt ihr auch das eine oder andere herausgehört, um was es geht, aber ich denke, dass es sinnvoll ist, wenn wir diesen Abschnitt noch einmal Stück für Stück besprechen.

Schon in dem Leitsatz geht es um eine ganz besondere Wechselwirkung. 3 Gelobt sei Gott, der uns gesegnet hat. Wir sollen Gott loben, weil er uns segnet. Es ist wie in einem Kreislauf: der Segen Gottes kommt vom Himmel auf die Erde und geht als Lob wieder zum Himmel, zu Gott zurück. In anderen Sprachen ist dieser Zusammenhang gar nicht so deutlich, weil diese Sprachen für Loben und Segnen verschiedene Worte brauchen. Im Griechischen aber und auch im Hebräischen ist es ein und dasselbe Wort. Wir segnen Gott, wenn wir ihn loben, denn wir sagen ihm etwas Gutes. Das machen die Römer in ihrer lateinischen Sprache sehr schön deutlich: da heißt „segnen“ „benedicere“, das wir mit gutsagen übersetzen können.

Und wenn es dann ohne Punkt und fast ohne Komma in unserem Text weitergeht, so will der Apostel damit wohl deutlich machen, dass der Segen, den Gott uns zukommen lässt, niemals abreißt: Gott ist seinen Verheißungen absolut treu.

Und dann kommen die vier Strophen des Liedes. Bei all den theologischen Aussagen, die darin vorkommen, könnte man ja meinen, es wäre eine theologische Vorlesung, die wir da gehalten bekommen. Und ich weiß, das kann sehr trocken sein. Aber dann ist mir wieder eingefallen, dass es sich ja um ein Lied handelt, um einen begeisterten Lobpreis. Mit einer eingängigen Melodie wird es bestimmt viel einfacher sein. Lieder ist mir noch keine eingefallen.

Jetzt aber zu den Strophen. Jede hat ihr eigenes Thema, das sich auf Jesus Christus und den Segen bezieht, der von ihm ausgeht. Es geht in der ersten Strophe darum, dass wir als christliche Gemeinde schon erwählt waren, noch bevor die Welt geschaffen war.
Verse 4-6
Ich befürchte, dass das schwer zu verstehen ist. Aber vielleicht geht es so: Es war in Gott drin, bevor der die Welt und die Geschichte geschaffen hat. Als Gott schon vor der Erschaffung der Welt an Christus gedacht hat, da hat er auch schon an uns gedacht. Warum das wichtig sein sollte? Der Apostel sagt es selbst: zum Lob von Gottes herrlicher Gnade. Es ist unsere Aufgabe als christliche Gemeinde, Gott zu loben, in allem, was wir tun und lassen; in allem, was wir als Segen von Gott bekommen.
In der zweiten Strophe geht es um unsere Erlösung durch Jesus Christus.
Verse 7-10
Das ist nicht nur auf einzelne Menschen bezogen. Vielmehr zielt diese Strophe darauf ab, dass es am Ende der Zeiten Jesus Christus sein wird, auf den alles zulaufen wird, der alles zusammenfassen wird. Wenn ich mir überlege, wie klein unsere Gemeinden noch sind, dann ist der Apostel ganz schön mutig. Aber es ist auf der anderen Seite auch wunderbar, wie viel er von Gott erwartet. Und das gegen den absoluten Anspruch, den das römische Kaiserreich hat: Die sagen doch ungeniert, dass sie universal und total, ja geradezu totalitär alles im Griff haben. Manchmal erwarten wir vielleicht zu wenig von Gott und seiner Macht gegen die Reiche unserer Welt.
Im Grunde geht es mit der dritten Strophe direkt weiter.
Verse 11-12
Der Apostel lenkt den Blick darauf, dass wir Erben sind. Nicht nur für jetzt Kinder, sondern auch Erben, also auf Zukunft hin. So hatte doch schon Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Rom geschrieben: „Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi“ (Röm 8,17). Gott hat also vorgesorgt für die Zukunft, in alle Ewigkeit. Wir sind zwar erlöst, aber noch nicht völlig – denn es gibt noch viel Leid, Tod und Schmerzen; viele Probleme sind noch nicht gelöst; es gibt noch viel zu tun, aber es gibt auch ganz viel zu hoffen! Die Schwierigkeiten jetzt sind kein Widerspruch dazu, dass wir schon jetzt Kinder Gottes und für die Zukunft seine Erben sind.

Manche von Euch werden sich sicher fragen: Wie ist das denn mit unserem Leben? Gibt es da irgendeine Sicherheit? Etwas, auf das ich mich verlassen kann? Genau das ist das Thema der vierten Strophe:
Verse 13-14
Liebe Brüder und Schwestern, wir haben ein Pfand in der Hand, wir haben ein Sigel, das uns versichert: Es ist so, wie du glaubst. Dieses Siegel ist der Heilige Geist, den wir ja doch immer wieder bei uns und in unserer Gemeinde spüren können. Gelobt sei Jesus Christus.

An dieser Stelle verlassen wir nun die frühchristliche Gemeinde wieder, die sich da mit dem Brief des Apostels beschäftigt. Vieles wäre noch über den Anfang des Briefes und seinen so kunstvollen Lobpreis zu sagen. Viel später werden theologische Wissenschaftler feststellen, dass der Brief wohl kaum vom Apostel Paulus stammen kann, weil er zum Beispiel ganz andere Worte verwendet, in der Form der Grammatik ganz anders ist. Entscheidend für die Bedeutung des Briefes im Neuen Testament ist das aber nicht. Denn die frühchristlichen Gemeinden um 90 nach Christus, also an der Schwelle zum 2. Jahrhundert, haben den Brief nicht nur abgeschrieben und weitergegeben, sondern sie haben ihn ihren Sammlungen von Paulusbriefen hinzugefügt.

Für uns heute birgt dieser Brief an die Epheser eine unendliche Fülle von Anknüpfungspunkten, wenn es um Fragen nach der Einheit der Kirche und dem Miteinander der Konfessionen geht. Keine andere Schrift des Neuen Testamentes wird in ökumenischen Texten unserer Zeit so oft zitiert wie der Epheserbrief.
Seien wir gespannt darauf, wie sich die Wechselwirkung von Segen und Gotteslob weiter entfaltet; seien wir gespannt darauf, was auch wir als Gemeinde und Kirche des 21. Jahrhunderts von diesem Brief lernen und leben können. Amen.

Die Stropheneinteilung habe ich aus dem Arbeitsbuch "Ökumenische Bibelwoche 2010/2011" von Ulrich Heckel und Rosemarie Micheel übernommen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.