Predigt am Karfreitag über Lukas 23,33-49

Vorbemerkung: Ich verdanke für die Predigt viele Anregungen (mehrfach bis in die Formulierungen hinein) der Predigtmeditaion von Manfred Josuttis, wie sie in den Göttinger Predigtmediationen (GPM 65/2, S. 206-213) abgedruckt ist.
Die Predigt wurde so in Möllbergen gehalten (mit der Lesung der Markuspassion vorweg (Markus 14,26-15,47) und mit geringfügig geändertem Eingangsteil in Vennebeck und Holtrup mit Lesung der Lukaspassion vorweg (Lukas 22,39-53; 22,66-23,1; 23,13-26; 23,33-49).

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder in Christus am Karfreitag!

Der Evangelist Lukas hat noch einmal seine ganz eigene Sicht auf die Passionsgeschichte und er beschreibt auch eine ganz eigene Kreuzigungsszene. Denn auch wenn der Grundablauf bei Lukas so ist wie bei den anderen Evangelisten, so, wie wir es von Markus eben gehört haben: Der Jesus, den Lukas zeichnet, und damit auch die Wirkung die dieser Jesus und seine Geschichte auf diejenigen hat, die davon hören, ist ein andere und die Überschrift muss lauten: Jesus ist Sieger!

Hören wir auf die so ähnlichen und doch entscheidend anderen Verse aus dem 23. Kapitel des Lukasevangeliums, die uns heute als Predigttext aufgegeben sind:
http://www.bibelwissenschaft.de/nc/online-bibeln/luther-bibel-1984/lesen-im-bibeltext/bibelstelle/Lk%2023,33-49/anzeige/context/#iv

Liebe Gemeinde!
Im Mittelpunkt des Geschehens steht nach Lukas also gerade nicht der Jesus, der sich von Gott verlassen sieht, wie wir es eben bei Markus gehört haben. Davon finden wir im Lukasevangelium nichts, auch wenn er bestimmt ebenso unter der qualvollen Hinrichtung leidet. – Jesus ist Sieger! Lukas mutet uns eine Karfreitagsbotschaft zu, die quer zu vielen kirchlichen Traditionen liegt, die sich sonst mit diesem Tag verbinden: Für Lukas ist wichtig: Aus dem Karfreitag soll die Kirche ganz besonders gestärkt hervor gehen. Wir brauchen nicht im Mitleiden zu ertrinken; wir brauchen uns nicht im Anpassungsdruck der Welt aufzulösen, um es allen recht zu machen, denn der, der da am Kreuz hängt, macht Mut und weckt Zuversicht – auch wenn es die Anhänger Jesu – und wir mit ihnen – erst später begreifen werden.

Im Bericht des Lukas werden drei Lebensprobleme behandelt, die heute ebenso aktuell sind wie damals und in deren Mittelpunkt Jesus steht. Seine Jünger bleiben am Rande, kommen erst im letzten Vers des Abschnitts vor: als Beobachter; sicher nicht als unbeteiligte Beobachter, die nur mit halben Augen und Ohren dabei wären, wie das heute oft beim Fernsehen geschieht; sondern als teilnehmende Beobachter, die mit ganzem Herzen dabei – aber eben nicht beteiligt sind. Und was für die Jünger gilt, das gilt auch die Leserinnen und Leser des Lukas und schließlich für uns heute: Auch sie, die Menschen in der Zeit des Lukas und wir stehen in einiger Entfernung: zeitlich und räumlich; aber auch wir sind mit dabei: teilnehmend, mit ganzem Herzen beobachten wir, was da geschieht.

Das Lebensproblem, das den Anfang der Szene bestimmt, ist die Schuld. Der Mann aus Nazareth stirbt in der Gesellschaft von zwei Verbrechern, die ihn auf den wie einen Schädel geformten Hügel begleiten: Urteile werden vollstreckt, die auf der Schuld der Verurteilten beruhen – oder auf dem, was als Schuld ausgegeben wird. Denn Jesus ist – auch in den Augen des Pilatus – unschuldig. Aber – und das können wir gerade auch in unseren Zeiten heute überdeutlich sehen – auch die Mächtigen müssen sich manchmal den herrschenden Stimmungen unterwerfen. Und sie zeigen so, wie wenig mächtig sie in Wahrheit sind.

Ganz anderes steht es um Jesus: Er hätte als Unschuldiger allen Grund und das Recht, die an seiner Verurteilung und Hinrichtung Beteiligten vor Gott und der Welt anzuklagen und zu verfluchen. Aber Jesus reagiert ganz anders: Er bittet den väterlichen Gott um Vergebung. Jesus bleibt der Handelnde; er hebt aber das Gesetz, das Strafe verlangt, nicht auf, sondern er greift zu einer Ausnahmeregelung: Schon im Alten Testament gibt es die „Unwissenheitssünde“, die – auch wenn sie todeswürdig ist – vergeben werden kann, weil sie aus Unwissenheit, weil sie gewissermaßen aus Versehen begangen wurde. Jesus bleibt der Handelnde, er wird geradezu der Anwalt seiner Peiniger. Die Antwort der Beteiligten aber ist Spott und Hohn. Machen sie dadurch ihre Unwissenheit nicht um so mehr deutlich?

Auch heute ist die Antwort auf die Frage nach Schuld der Menschen mindestens Gleichgültigkeit, wenn nicht auch Spott und Hohn. Denn schuldig will heute niemand sein und in den meisten Fällen sind wir uns unserer Schuld auch gar nicht mehr bewusst – vor allem in einer globalisierten Welt, in der wir die Zusammenhänge unseres Handelns mit dem Ergehen der Opfer gar nicht mehr erfassen können. Aber nicht nur da. Auch in den Alltäglichkeiten schieben wir unsere Schuld mit dem Satz „Ich war das nicht!“ ganz schnell und leicht fort. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass es bei vielen dann sogar die wirkliche Meinung ist: Was eben noch war, ist jetzt verdrängt und beiseitegeschoben. So werden wir an dieser Stelle als Beobachter uns plötzlich bewusst, dass Jesus auch unser Anwalt ist: der Anwalt unserer Schuld, die wir verdrängen, um die wir nicht wissen.

Das zweite Lebensproblem, das Lukas uns vor Augen führt, sind die Macht und die Ohnmacht. Am Gespräch mit den beiden Sündern, die mit ihm gekreuzigt werden, zweigt sich, wer mächtig und wer ohnmächtig ist. Der eine erwartet ein Machtzeichen von Jesus wie alle anderen auch: Jesus soll vom Kreuz herabsteigen. Diese Macht erfüllt sich nicht, Jesus erscheint weiterhin als der Ohnmächtige. Der andere Verurteilte bekennt sich zu seiner Schuld und ergreift eine andere Hoffnung: „Jesus, denke an mich, wenn du in dein Reich kommst.“
Und Jesus verspricht ihm: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Er leitet seine Antwort mit dem Wort „Amen“ ein: Das ist kein beliebiges Versprechen, das ist Wort Gottes. Das Entscheidende an der Antwort Jesu ist, dass es dabei nicht einfach nur um einen Ort geht: im Paradies, sondern dass davor und wichtig die Gemeinschaft mit ihm steht: „mit mir“. Zukunft gibt es nicht durch einen Ortswechsel vom Hier ins Paradies, sondern durch Teilhabe an Jesus, durch Teilhabe an seinem Lebensgeschick.

Der Test, wer die Macht hat, findet am Ende des Lebens statt. Und Jesus hat diese Macht, denn er hat den Einfluss auf Leben: An seiner Seite, in seinem Gefolge gelangt man über die Grenze des Todes in die andere Welt. Jesus leidet nach Lukas nicht einfach nur für uns oder mit uns. Sondern er stellt souverän dar, wie man im Sterben die Macht des Todes und die Mächte des Todes überwindet: Der Unschuldige verlangt nicht nach Vergeltung, sondern bittet um Vergebung, so wie als erster Märtyrer Stephanus mit der Vergebungsbitte auf den Lippen gestorben ist. Und der Verbrecher bleibt nicht verdammt, sondern kann ins Reich Gottes gelangen, wie es Jesus dem zweiten Mann am Kreuz zugesagt hat. Die Anhänger Jesu brauchen nur auf das Geschehen am Kreuz zu blicken, um ihr Leben und ihr Sterben angemessen gestalten zu können.

Nach der Vergebungsbitte und der Antwort durch Hohn und Spott und nach dem Schuldbekenntnis und der Verheißung der Lebensgemeinschaft im Paradies als Antwort folgt schließlich ein Dreischritt. Das Schlusswort Jesu wird von zwei besonderen Äußerungen gerahmt: Was bei der Kreuzigung geschieht, hat Auswirkungen auf die Welt als Ganze, ist ein kosmisches Geschehen: Es verfinstert sich die Sonne für drei Stunden und der Vorhang im Tempel, der das Allerheiligste von der Außenwelt abschloss, zerreißt. Die Grenze zum Heiligen ist damit aufgehoben und an die Stelle des Tempels – des Ortes der immer neu wiederholten Opfer – rückt nun das Kreuz, an dem zu sehen, wie das lebendige, heilige und Gott wohlgefällige Opfer aussieht.

Und Lukas macht mit den folgenden Worten Jesu deutlich, dass das schreckliche Geschehen der Kreuzigung keine Leidensgeschichte ist. Lukas schildert Worte aus Psalm 31 als die letzten Worte Jesu: „Vater, in deine Hände lege/befehle ich meinen Geist.“ Es ist keine Bitte um Bewahrung vor dem Geschick, sondern vielmehr die Hingabe an das von Gott gewollte Geschick. Die mörderischen Handlungen der beteiligten Menschen werden durch die Hinwendung zur Gottesmacht überwunden. Der Mann am Kreuz fühlt sich nicht von Gott verlasse, sondern verlässt sich auch im Sterben getrost auf Gott.

Und diese souveräne Haltung im Sterben bleibt nicht ohne Folgen: Der Hauptmann, der Repräsentant der Besatzungsmacht, sagt anerkennend: „Dieser Mensch war gerecht.“ Und auch die anderen, die dabei stehen, sind getroffen: Sie schlagen sich an die Brust – eine symbolische Selbstbestrafung als Ausdruck von Reue, Trauer und Schmerz – und sie kehren um. Das ist etwas ganz anderes als ein „Komm, wir gehen nach Hause!“ Sie kehren um – innerlich – und erweisen dem Gekreuzigten so dann doch ihre Anerkennung.
Liebe Gemeinde am Karfreitag!

Mit den Jüngern stehen wir von Ferne und sehen auf das Geschehen am Kreuz. Wir sehen diesen Jesus von Nazareth, der sich auf seinem Weg und vor allem in seinem Vertrauen auf Gott, seinen himmlischen Vater, treu geblieben ist. Sein Leben – und vor allem auch sein Sterben – hat vielen, vielen Menschen über die Jahrhunderte hinweg einen Weg gewiesen für ihr eigenes Leben und vor allem auch für ihr eigenes Sterben. Angefangen bei Stephanus, der mit der Vergebungsbitte Jesu auf den Lippen gestorben ist, bis hin zu Jochen Klepper, dessen letzte Worte bei seinem Freitod mit Frau und Stieftochter waren: „Heute Nacht werden wir im Paradies sein!“ Und bis hin zu Dietrich Bonhoeffer, der sich 1945 vor seiner Ermordung mit den Worten verabschiedete: „Das ist das Ende – für mich der Beginn des Lebens.“ Und bis heute für viele andere.

Und wenn auch der eigene Tod für uns so fern erscheinen mag, wie das Kreuz Jesu auf dem Berg Golgatha damals, oder so nah wie die Worte, die davon berichten: Der Tod Jesu am Kreuz zeigt uns den Weg zum Leben: voller Vergebung, voller Gewissheit des Paradieses und voller Hingabe an Gott. Amen.

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