Predigt am Heiligen Abend 2011 über Exodus 40,34-38

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Bemühen im Reden und Hören. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus am Heiligen Abend!

Gott kommt in die Welt, Gott kommt zu seinem Volk! Eine Nachricht, die die Menschen elektrisiert und froh macht – eine Nachricht, die Hoffnung und Zuversicht weckt.

Betrachten wir die Zeit, als das Christentum noch ganz jung war, müssen wir feststellen, dass von dieser Nachricht aber nur die wenigsten Menschen Kenntnis genommen haben. Wer hat schon mitbekommen, was da in einer der abgelegensten Gegenden des römischen Reiches geschehen ist? Und wer hat auch in den kommenden Jahren und Jahrzehnten an dieser wunderbaren Botschaft von der Mensch gewordenen Liebe Gottes Anteil genommen? Die wenigsten.

Heute scheint es ähnlich zu sein. Auch wenn viele Fernsehsender irgendwie etwas Weihnachtliches im Programm haben: spätestens ab 20.15 Uhr ist davon kaum noch etwas zu sehen. Und die Umfragen, die jedes Jahr kurz vor Weihachten veröffentlicht werden, sagen immer irgend etwas Negatives über Kirche und Glauben aus: dass niemand mehr glauben wolle, dass viele der Kirche den Rücken kehren wollten, dass das mit der Geburt Jesu doch historisch gar nicht wahr sein könne und viele andere mehr oder weniger abwegige Thesen.

Die Weihnachtsbotschaft ist aber nicht von der Erwartung der Mehrheit der Menschen abhängig. Die Weihnachtsbotschaft ist eben kein Nachfrageartikel, der dann angeboten wird, wenn Menschen irgendwie meinen, sie zu brauchen. Weihnachten ist Gottes Entscheidung, er kommt, weil er es beschlossen hat, weil er die Not seines Volkes gesehen hat: die Haltlosigkeit der Menschen, die nicht mehr wissen, an was sie ihr Leben ausrichten sollen – damals wie heute; weil er die Not seines Volkes gesehen hat: die Unterdrückung der Menschen unter das System der Welt, das die Mächtigen immer mächtiger und die Reichen immer reicher; das die Schwachen immer schwächer und die Armen immer ärmer werden lässt – damals wie heute; weil er die Not seines Volkes gesehen hat: die Fülle der angeblich sinnstiftenden Angebote, die das Blaue vom Himmel herunter versprechen, ohne wirklich frei zu machen.

Gott kommt, weil er es beschlossen hat, weil er die Not seines Volkes gesehen hat. Gott kommt in die Welt, Gott kommt zu seinem Volk! Werdet Ihr von diesen Worten an noch andere Geschichte Gottes erinnert? Ja – Ihr meint das Richtige: Gott hatte schon einmal beschlossen zu kommen, weil er die Not seines Volkes gesehen hatte: damals, als Israel in der Sklaverei in Ägypten gefangen war; damals, als sein Volk Gebäude bauen musste, die aber nur scheinbar für die Ewigkeit, in Wahrheit aber für den Tod bestimmt waren: die Pyramiden für die gestorbenen Pharaonen. – So wie wir auch an irgendwelchen Gebäuden, an Konstrukten in unserem Leben bauen, ohne dass sie wirklich für uns sind.

Damals – zur Zeit des Mose – war Gott gekommen, hatte sein Volk gegen alle Angriffe verteidigt und sie aus der Gefangenschaft der Sklaverei herausgeführt. Und dann war er sichtbar und erfahrbar gekommen – so berichtet es das 2. Buch Mose in seinem 40. Kapitel.

Versetzen wir uns weiter zurück als in die heilige Nacht; versetzen wir uns zurück an den Berg Sinai, wo Gott mit seinem Volk seinen Bund geschlossen hatte, wo er ihnen als Zeichen dieses Bundes die beiden steinernen Tafeln mit den 10 Geboten gegeben hatte. Danach war dann die Stiftshütte, der Ort von Gottes Gegenwart für die Wanderschaft gebaut und kostbar ausgestattet worden. Dann war es so weit, alles war fertig.

Hören wir den Bericht vom Einzug von Gottes Herrlichkeit in die Stiftshütte, den Predigttext für den heutigen Abend des Christfestes: 34 Da bedeckte die Wolke die Stiftshütte, und die Herrlichkeit des HERRN erfüllte die Wohnung. 35 Und Mose konnte nicht in die Stiftshütte hineingehen, weil die Wolke darauf ruhte und die Herrlichkeit des HERRN die Wohnung erfüllte. 36 Und immer, wenn die Wolke sich erhob von der Wohnung, brachen die Israeliten auf, solange ihre Wanderung währte. 37 Wenn sich aber die Wolke nicht erhob, so zogen sie nicht weiter bis zu dem Tag, an dem sie sich erhob. 38 Denn die Wolke des HERRN war bei Tage über der Wohnung, und bei Nacht ward sie voll Feuers vor den Augen des ganzen Hauses Israel, solange die Wanderung währte.

Liebe Gemeinde!
Es mag für den heiligen Abend auf den ersten Blick ein ungewöhnlicher Predigttext sein; die Situation, in der sich Gottes Volk befindet, ist der Zeit zur Geburt Jesu und auch zu unserer Zeit gar nicht so unähnlich.

Israel ist auf der Wanderschaft durch die Wüste, auf dem Weg in das gelobte Land, das Land der Träume, die Erinnerung an die Sklavenzeit aber noch allgegenwärtig. Als Jesus geboren wird, haben viele Menschen auch so ein Ziel vor sich: Sie sind zwar im Land der Träume, aber es ist nicht frei ist, die Sklaverei ist allgegenwärtig; das Land der Träume ohne die Römer – das ist der Traum.

Heute wissen wir wahrscheinlich gar nicht mehr so genau, was für uns das gelobte Land ist, wir denken global – weltweit; aber wir spüren, wie groß unsere Sehnsucht nach einem Leben in Frieden und Freiheit ist: Wir wollen nicht eingezwängt sein zwischen Ratingagenturen und Eurokrise. Und wir spüren, wie kurzlebig der Wahn des immerwährenden Wachstums ist: Vielleicht nicht sofort, aber eher über kurz als über lang wird das Ende der Fahnenstange erreicht sein.

Israel ist auf der Wanderschaft, ist ein Volk, das unterwegs ist. Und zwar nicht nur mal eben von hier nach da, sondern lange, grundsätzlich; und so haben sie sich dann auch später immer gefühlt, als sie schon längst im gelobten Land angekommen waren. Auch Maria und Joseph sind wegen der Volkszählung auf der Wanderschaft.

Die Christen werden dann von sich selbst ebenfalls vom wandernden Gottesvolk sprechen, das durch die Zeiten unterwegs ist – unterwegs zum Reich Gottes. Da wird deutlich, dass auch wir heute ein gelobtes Land haben, nur dass es sich nicht hier – nicht im Hier und Jetzt befindet, sondern in Gottes Reich. Und so sind wir dem Volk Gottes, das durch die Wüste unterwegs ist, wirklich nicht unähnlich: Wie damals müssen auch wir heute uns den Gegebenheiten des Lebens auf Wanderschaft stellen: Gefahren und Umwegen, Rückschlägen, Müdigkeit und Hindernissen auf der einen Seite; auf der andern Seite erleben wir wundervolle Ausblicke, die Gemeinschaft im Unterwegssein, bestandene Abenteuer. Immer bleibt uns die Aufgabe, die Verantwortung für uns und unseren Weg wahrzunehmen: Verantwortung für die Menschen, die mit uns auf dem Weg sind, Verantwortung für die Umwelt, in der wir auf unserem Weg unterwegs sind; Verantwortung für die, die nach uns kommen und ebenfalls auf diesem Weg sein werden.

Was hilft uns dazu? Wie können wir das? Für Gottes Volk auf dem Weg durch die Wüste war es seine Gegenwart, die sichtbar und erfahrbar wurde in der Wolkensäule und in der Feuersäule, die das Volk auf seinem Weg nicht nur begleitet, sondern geführt hat.

Sein Zuhause hatte diese Gegenwart Gottes in der damaligen Vorstellung in der sogenannten Stiftshütte. Es war kein unbewegliches und festes Haus, kein großer Tempel, wie später, sondern nur eine Hütte. Aber auch bei Jesu Geburt kam Gott nicht im Palast zur Welt, sondern in einem Stall. Gott kommt ganz anders und oft viel kleiner als wir denken – so haben es die KU-3-Kinder vorhin gesungen. Und so schön die Stiftshütte ausgestattet war, sie konnte auf dem Weg zum gelobten Land eben mitgenommen werden. Gott ist auch in der damaligen Vorstellung nicht an nur einem bestimmten Ort, er ist nicht gebunden, sondern er geht mit seinem Volk mit und führt es.

Auch für uns gilt das; natürlich haben wir Kirchen, in denen wir Gottesdienst feiern, natürlich sind wir Kirche in einer ganz bestimmten Form, als Evangelische Kirche von Westfalen, als Kirchenkreis und Kirchengemeinde. Aber unser Weg als Teil der Gemeinschaft derer, die auf dem Weg mit Gott und hin zu Gott sind, ist letztlich nicht von unseren Kirchen und Gemeindehäusern abhängig; auch nicht von der Organisationsform der Kirche. Denn es ist ja auch unerheblich, ob der Stall, in dem Jesus geboren wurde, eine Grotte war, eine Holzhütte oder sonst irgendein Unterstand.

Es gibt für die Frage nach unserem Gott und uns nur eines, was wirklich wichtig ist: Gott und seine Gegenwart bei den Menschen, die miteinander unterwegs sind – ob sie es wissen oder nicht. Gottes Herrlichkeit, die den Raum erfüllt – auf sie kommt es an: Und dafür ist Platz auch in der kleinsten Hütte: in der Stiftshütte beim durch die Wüste wandernden Volk Israel; bei Maria und Joseph im Stall von Bethlehem, bei den Hirten, die vom göttlichen Licht umgeben sind und die die Botschaft von der Geburt des Heilandes und vom Frieden auf Erden als Erste hören dürfen; und auch bei uns:

An Weihnachten vielleicht im Schein der Kerzen, wenn wir alle empfänglicher sind für die leisen Schwingungen von Gottes Geist; aber eben nicht nur dann: sondern vor allem auch dann, wenn wir Gottes Liebe zu uns spüren und zu sehen bekommen: im Lächeln eines Kindes; in dem Trostwort, das einen traurigen Menschen tief im Herzen berührt; in den strahlenden Augen einer alten Frau, die Besuch von uns bekommt; in der ermutigenden Hand auf der Schulter, die uns Neues wagen lässt; in der freudigen Umarmung der Verliebten; im „ich vergebe dir!“, wenn wir Schuld auf uns geladen haben; in der Gemeinschaft derer, die sich zum Gottesdienst und dann noch zum Abendmahl um den Altar versammeln. Vieles mehr wäre noch aufzuzählen, das uns die Herrlichkeit Gottes, seine Nähe erfahrbar macht und das uns den Mut gibt, unser Leben vor Gott zu gestalten.

Begonnen hat für uns das alles mit der Herrlichkeit Gottes, die im Stall von Bethlehem aufleuchtet und diesem Ort einen ganz besonderen Schein gibt – einen Schein, der bis heute in unsere Zeit hineinstrahlt. Da mag man fragen:

Für Gottes Herrlichkeit ist Platz auch in der kleinsten Hütte – wie klein kann das werden? Wenn wir Paul Gerhardt fragen, dessen Lieder wir auch heute Abend singen, wenn wir Johann Scheffler fragen, der als Angelus Silesius – als der Schlesische Engel – durch die Gegend zog, gibt es für dafür nur eine Antwort: Die kleinste Hütte auf der Welt, in der Gottes Herrlichkeit erscheint, das ist unser Herz. Johannes Scheffler dichtete: „Wär Christus tausendmal in Bethlehem geboren, doch nicht in dir: du bliebst ewiglich verloren.“ In uns will Gott erscheinen und durch uns seine Herrlichkeit weitertragen – hinaus in alle Welt. Wenn Weihnachten nur äußerlich bleibt, dann hat es seinen Sinn bei uns verfehlt. Aber sobald wir unser Herz öffnen, kann sich Gottes Glanz in uns entfalten und durch uns hindurch scheinen in unsere Welt hinein.

Weihnachten – das heißt: Gott kommt in die Welt, Gott kommt zu seinem Volk! Eine Nachricht, die die Menschen elektrisiert und froh macht – eine Nachricht, die Hoffnung und Zuversicht weckt.
Ja – es wird wahr in dieser Nacht. Möge Gottes Kommen in die Welt auch uns ergreifen und in uns aufscheinen. Möge die Herrlichkeit Gottes sich in unseren Herzen niederlassen, sodass unsere Herzen zur Stiftshütte werden, und uns auf unserem Weg leiten: heute, an Weihnachten und alle Tage, die wir unterwegs sind: hin zu Gott.
Amen.

Die Auswahl des Predigttextes geht zurück auf die zur Erprobung veröffentlichte Perikopenordnung "Die ganze Bibel zu Wort kommen lassen. Ein neues Perikopenmodell", die von der Konferenz Landeskirchlicher Arbeitskreise Juden und Christen veröffentlicht wurde.
Für weitere Informationen siehe: http://www.perikopenmodell.de/materialien.html

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