Predigt zum Abschluss der Bibelwoche über Psalm 145

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Bemühen im Reden und Hören. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Mit Psalm 145 kommen wir zum letzten Psalm der Bibelwoche.
Er ist von den 150 Psalmen in der Bibel auch der letzte Psalm, der in seiner Überschrift David als Verfasser nennt. Und mit dem großen Bogen, den dieser Psalm spannt, könnte es durchaus so sein, wie manche Ausleger vermuten: dass es einmal eine Sammlung von Davispsalmen gab, und dass Psalm 145 in dieser Sammlung das Ziel und Ende gewesen ist. Psalm 145 wäre dann der Schlussakkord, die Zusammenfassung und das Vermächtnis Davids. Es würde nur das Amen am Schluss fehlen.

Es ist aber auch aus einer anderen Sicht ein ganz vollständiger und in sich geschlossener Psalm, denn die Anfänge der Verse folgen einem ganz bestimmten Muster: Der jeweils nächste Vers beginnt mit dem nächsten Buchstaben des hebräischen Alphabets: Er reicht im Hebräischen von Alef bis Tet und hat also eigentlich 22 Verse, in der sehr spät entstandenen Verszählung hat der Vers 13 allerdings 2 Abschnitt abbekommen. Deshalb geht die Verszählung in der Lutherbibel nur bis 21. Im Griechischen würde man sagen: von Alpha bis Omega und im Deutschen: von A bis Z. Überall meint es dasselbe: Alles, ganz und gar, komplett, von vorne bis hinten.

Das bedeutet dann, dass in diesem Psalm alles Wichtige zusammenfließt, was diesen Gott ausmacht: Zum einen Gottes Größe und Macht in den Versen 3 bis 7; dem entspricht Gottes Fürsorge auf der anderen Seite des Psalms in den Versen 17 bis 20. Dann ist da Gottes Gnade, Güte und Barmherzigkeit, von der David in den Versen 7 bis 9 und 13 bis 16 singt. Im Zentrum des Psalms aber steht das Bild vom Königtum Gottes: Dieser Gott ist König und kein anderer sonst, dieser Gott hat die Herrschaft über die Welt inne. Da ist die Aufforderung in den Versen 1, 2 und 21 selbstverständlich, die den ganzen Psalm rahmt: Dieser Gott muss gelobt werden.

Dass dieser Psalm David zugeschrieben wird, selbst wenn er ihn nicht verfasst haben sollte, ist dann wohl nicht verwunderlich: War doch David die große Königsgestalt in Israel gewesen. Sein Vorgänger Saul war gescheitert und sein Sohn Nachfolger Salomo konnte zwar mit seiner Pracht und Herrlichkeit glänzen, aber so viel Macht wie David hatte er schon nicht mehr. Und alle anderen Könige, die Israel später noch hatte, erst recht nicht.

Der König der israelitischen Könige dichtet also ein Loblied für und auf seinen Gott und entwirft auf diese Weise ein ganz besonderes Regierungsprogramm: Denn das, was die Aufgaben und Pflichten des Königs in Israel waren, leitete sich direkt von Gott her ab. Der König Israels war der weltliche Stellvertreter Gottes und er war dazu da, Gottes Herrschaft zu verwirklichen. Das bedeutet, er hatte das zu verwirklichen, was der himmlische König mit seinen Weisungen und Verheißungen an Vorgaben gemacht hatte.

Die Grundzüge dieses himmlischen Regierungsprogrammes sind – und das überrascht immer wieder viele – zutiefst menschlich: Treue und Gnade im Handeln: Gott ist einer, auf den sich Menschen verlassen können, der zu seinem Wort und seinen Verheißungen steht, Güte und Erbarmen hat für alle und jeden; Gott ist einer, der Trost und Halt hat und die aufrichtet, die gefallen und niedergeschlagen sind: Gott ist als König der Welt vor allem auch Seelsorger für die, die ganz unten sind. Und wer könnte dies in diesen Tagen nicht wichtig finden, wenn wir uns von Menschen verabschieden müssen, denen wir nahe gestanden haben, deren Tod auch in unser Leben eine kaum unvorstellbare und unschließbare Lücke reißt. Gott ist als König aber auch derjenige, der die Grundlagen des Lebens zur Verfügung stellt: Durch ihn haben wir das, was wir zum Leben brauchen: Essen und Trinken und alles, wonach wir sonst noch Hunger haben, wie die Luft zum Atmen und die Liebe für die Sehnsucht unserer Herzen.

Es ist dabei wohl keine Berechnung, sondern eine ganz natürliche Folge, dass etwas von dem Glanz auch auf den irdischen König zurückfällt, wenn er sich selbst Gott anvertraut und es dann mit Gottes Segen schafft, das göttliche Regierungsprogramm umzusetzen und zu verwirklichen.

Der Gott Davids, den dieser in seinem Lied besingt, dieser Gott ist ein zutiefst menschenfreundlicher und menschlicher Gott. Und als dann Jahrhunderte nach David in einem Stall in Bethlehem ein kleines Kind geboren wurde, ist dies noch einmal auf ganz neue Weise sichtbar geworden: Gott ist den Menschen als Mensch erschienen und nahe gekommen – in Jesus Christus, von dem wir Christen sagen, dass er Gottes Sohn ist; dessen Kommen und Erscheinen wir mit dem Epiphaniasfest und den anschließenden Sonntagen und also auch heute am 3. Sonntag nach Epiphanias feiern.

Manche Menschen könnten nun fragen, warum das alles so wichtig ist: mit Gottes Königtum und seiner irdischen Verwirklichung durch David. Das wäre doch schon fast 3000 Jahre her und das Experiment hätte sich mit dem Scheitern der Nachkommen Davids doch erledigt. Vor allem auch, so würde dann zu Bedenken gegeben werden, wenn man sich die Gottesstaaten und die Gefahr, die von ihnen ausgehe, ansehen würde: die in der Geschichte seither und auch die heutigen sogenannten Gottesstaaten.

Ein solcher Einwand würde aber die allumfassende Menschlichkeit übersehen, die diesen Psalm prägt. Immer wieder steht das alle im Mittelpunkt, denen Gott sich liebevoll zuwendet. Es gibt keine Einschränkung, es wird kein Unterschied gemacht zwischen Volk Gottes und Heiden. Nur am Ende von Vers 20 gibt es eine echte Unterscheidung vom Behüten derer, die Gott lieben, und vom Vernichten der Gottlosen. Wird somit das Wörtchen „alle“ doch wieder eingeschränkt und teilweise zurückgenommen? Es kommt wohl darauf an, wer das Wörtchen „alle“ hört und sich daran klammert. Für Martin Luther ist „alle“ die stärkste Waffe gegen alle Selbstzweifel und Anfechtung: „Ich höre, dass ich nicht ausgeschlossen bin.“ Wem aber sowieso egal ist, was Gott will, wer von Gott nichts wissen will – was sollte der anderes als das Ende zu erwarten haben?! Der Lobpsalm bleibt trotz aller Rede vom definitiven Untergang der Gottlosen offen für eine Änderung ihres Sinnes; sie können in den Chor, der Gott lobt, jederzeit noch eintreten – und sei es noch so spät.

Noch viel mehr könnte aber auch gefragt werden, was das denn mit den einzelnen Menschen zu habe: mit uns heute, die wir zum Beispiel heute hier in dieser Kirche sitzen. Wir hätten doch mit Davids Königtum gar nichts zu tun. Und genau da muss ich widersprechen, denn durch die Taufe auf den Namen Jesu gehören wir zu diesem Volk Gottes, wir haben Anteil an den Verheißungen, die Gott seinem Volk gegeben hat, und stehen so in der Tradition von David.

So heißt es zum Beispiel im 1. Petrusbrief, im 2. Kapitel: „Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr die Wohltaten dessen verkündigen sollt, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht.“

Wir sind also durch unsere Taufe als Nachfolger Christi auch Nachfolger Davids, haben Anteil an seinem Königtum und sind gerufen, diese Verantwortung wahrzunehmen: Gott zu loben für seine Macht und Güte – zum Beispiel mit diesem Psalm 145 – und die Aufgaben im Rahmen unserer Möglichkeiten wahrzunehmen und das zu teilen, was Gott uns schenkt: seine Liebe und Barmherzigkeit, seine Güter, mit denen er eben nicht nur uns satt machen will, sondern auch die anderen, die nicht so viel haben wir. So zeigt sich, dass das Evangelium, das in diesem Psalm schon vorabgebildet ist, immer zugleich Gabe und Aufgabe ist.
„Ich will dich erheben, mein Gott, du König, und deinen Namen loben immer und ewiglich.“ Der König der israelitischen Könige dichtet also für seinen Gott – so wird David, das ich am Beginn des Psalmes zum Vorsänger seines Volkes und schließlich zum Vorsänger der Menschheit, ja der ganzen Schöpfen, all dessen, was lebt.

Der Psalm geht dabei – und das ist noch eine weitere Möglichkeit, den Psalm zu strukturieren – in drei Schritten vom Kleinen zum Großen: Zunächst ist es ein ich, das sich selbst auffordert, Gott die Ehre zu geben. Dann sind es die Kindeskinder, die dazu aufgefordert werden, schließlich sind es alle Werke Gottes und seine Heiligen. Auf diese Aufforderungen folgen jeweils bekenntnishafte Verse des Lobs: entweder als Aussage über Gott anderen gegenüber oder in der direkten Anrede an Gott. Nach diesem Wechsel von Aufforderung und Lob war die Lesung des Psalmes gestaltet. Ihr Ziel hat diese Struktur dann im letzten Vers des Psalmes, der das ich und das alle zusammenführt – mit allem was zwischen ich und alle noch dazwischen liegt.

Mitten in dem 2. Teil des Psalmes, der durch einen großen Abschnitt mit Lob geprägt ist, fallen dann noch zwei Verse besonders auf, weil der Beter aus dem Lob, das über Gott gesagt und gesungen wird, zum direkten Lob wechselt und Gott direkt anredet. Es sind wohl die bekanntesten Verse des Psalmes und sie gehören neben Psalm 23 und dem Anfang von Psalm 103 sicher zu den bekanntesten Psalmversen überhaupt: „Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit. Du tust deine Hand auf und sättigst alles, was lebt, nach deinem Wohlgefallen.“ Für viele Menschen des christlichen Glaubens sind diese Verse zum Tischgebet geworden: Lob und Dank an den Schöpfer, den Geber aller Gaben.

So bekommt die Überschrift „Lebensmittel“ über diesem siebten Psalm der Bibelwoche ihre ganz eigene Berechtigung. Von Gott bekommen wir die Mittel, die wir zum Leben brauchen: das tägliche Brot und alles, was noch mit dazu gehört. Das heilige Abendmahl, das wir heute in diesem Gottesdienst feiern, gehört auch mit dazu. Denn es ist – auch wenn wir davon ja nicht im üblichen Sinn satt werden – Stärkung für unseren Weg durch das Leben; es ist geistliches Nahrungsmittel, das den Hunger unserer Seele stillt. Das Abendmahl ist dazu auch Zeichen der Gemeinschaft: einer Gemeinschaft, die uns untereinander als Schwestern und Bruder und uns alle zusammen mit Jesus Christus und so auch mit Gott verbindet. Indem wir Brot und Kelch miteinander teilen erfahren wir etwas, können wir etwas begreifen von der Größe des Gottes, der in Psalm 145 als unausforschlich beschrieben wird. Wir haben spürbaren Anteil an Gott durch Jesus Christus, den Sohn Gottes aus Davids Stamm.

Gott erhalte uns den Hunger unserer Seele und die Sehnsucht unseres Herzens, damit wir immer wieder neu mit David beten und bekennend bitten können: „Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit. Du tust deine Hand auf und sättigst alles, was lebt, nach deinem Wohlgefallen.“ Amen. Lasst es uns singen: im EG unter der Nummer 461.

Den Gedanken zu den Gottlosen (V.20) verdanke ich Klaus Teschner (in: "… denn ich werde ihm noch danken" auslegungen zu sieben ausgewählten Psalmen. Der Gemeinde zur Bibelwoche. Neukirchen-Vluyn 2011

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