Mündige (Gottesdienst-)Gemeinde

'Wort zum Anfang' aus dem aktuellen Gemeindebrief:
Viele Menschen wollen sich nicht mehr alles diktieren lassen, viele Menschen wollen beteiligt sein, wenn es um die entscheidenden Dinge des Lebens geht (siehe Stuttgarter Hauptbahnhof). Und auch in der Kirchengemeinde wollen viele Menschen wissen, was los ist und wo es lang geht.
Ja, auch in der Gemeinde braucht es mündige Menschen, die fragen und anfragen, die mitreden aber nicht zerre den, die sich konstruktiv und für das Wohl der Gemeinde förderlich einbringen. Und ich glaube, dass das in unserer Gemeinde durchaus so ist.
An einer Stelle fühle ich mich allerdings manchmal et was alleine (um nicht zu sagen „alleine gelassen“): Das ist im Gottesdienst. Da meine ich aber nicht grundsätzlich die Zahl der Gottesdienstbesucherinnen und -besucher. Wir können in allen drei Gemeindebezirken durchaus zufrieden sein. Ich meine vielmehr das Mittun der Gemeinde. Denn es ist nach evangelischem Verständnis ja nicht so, dass „der Pastor den Gottesdienst hält“ und die Gemeinde sich zurücklehnt und wie vor dem Fernseher zuhause sich das Ganze dann ansieht. Evangelische Grundüberzeugung ist, dass die Gemeinde den Gottesdienst hält und feiert. Den hat der Pastor zwar vor bereitet und inhaltlich (dem Presbyterium gegenüber) zu verantworten. Und mit anderen zusammen (Lektor/inn/en und Abendmahlshelfer/inne/n) ist er oft derjenige, der besondere Aufgaben im Gottesdienst über nimmt. Aber den Gottesdienst hält und feiert die ganze Gemeinde.
Und an dieser Stelle wird es für mich spannend. Denn immer wieder habe ich den Eindruck, dass das nicht in dem Maße passiert, wie es möglich wäre. Warum, weiß ich nicht, aber die Gemeinde oder große Teile von ihr bleiben ganz oft stumm. Zum Beispiel habe ich die scheinbar so kleinen Stellen im Gottesdienst vor Augen, an denen die Gemeinde „Amen“ sagt: Nach dem Tages gebet, nach Kanzelgruß und Kanzelsegen, nach dem Gebet vor der Predigt. Ich denke aber auch und besonders an das Singen. Wie oft kann ich Gesichter sehen, die beim Singen den Mund nicht bewegen. Ich fürchte, sie singen gar nicht.
In besonderer Weise erlebe ich das mit dem (Nicht-)Singen auch bei Kasualgottesdiensten wie Trauungen, Traujubiläen und Beerdigungen. Dass Menschen vor Glück (Brautpaar bei der Trauung) oder Traurigkeit (Angehörige bei einer Beerdigung) nicht mitsingen, kann ich gut verstehen. Aber warum die übrige Gemeinde es oft nicht oder kaum spürbar tut, weiß ich nicht. Gesang trägt wie auf Flügeln. Und das ist für trauernde Angehörige ebenso wichtig wie für ein glückliches (Jubel-)Brautpaar. Ich bin vor allem mit Blick auf Beerdigungen überzeugt: Wenn wir als Kirche im Angesicht des Todes aufhören, von unserer Hoffnung zu singen, dann hat der Tod gewonnen!
Deshalb frage ich mich immer wieder: Warum ist das mit dem Singen so – in den Kasualgottesdiensten und in den ganz normalen Sonntagsgottesdiensten? Weil diesen Menschen nicht danach ist? Bei Einzelnen will ich das gerne annehmen; aber bei oft so vielen? Singen und sagen diese Menschen nichts, weil sie sich nicht trauen? Oder weil sie denken: Was könnte meine Nachbarin denken, wenn ich mitsinge, hält die mich womöglich dann für fromm? Weil die Menschen die Lieder nicht kennen? Dann frage ich mich, warum das Gesangbuch zu bleibt und diese Menschen nicht wenigstens den Text mitlesen.
Fehlt nur die Unbefangenheit der KU3-Kinder, die begeistert auch schwere Lieder mitsingen und die das Amen in den ersten Gottesdiensten ganz selbstverständlich mitsprechen und dann immer leiser werden, weil sie irgendwann merken, dass die Erwachsenen nicht mitmachen? Fehlt Anleitung? Fehlen Hinweise und Informationen? Dann sollten Sie die Pastoren ansprechen und sa gen, was Ihnen oder anderen fehlt. Vielleicht wollen Sie ja auch selber mitmachen, um beteiligt zu sein. Auch das ist natürlich möglich. Allerdings kann nicht in jedem Gottesdienst alles immer wieder neu erklärt werden. Es braucht oft auch ein wenig Übung auf Seiten der Gottesdienstbesucher, um sich sicher zu sein. Und wie schön ist es, wenn man dabei seine Fortschritte sieht.
Mir ist bewusst, dass meine Sicht als einseitig eingestuft werden kann und dass manche sich an dieser (vorläufigen) Sicht reiben werden, weil sie sich nicht oder falsch wahrgenommen fühlen. Vor allem habe ich aber auch viele Fragezeichen in meinem Text stehen: Fragen, die für mich offen sind, für deren Beantwortung ich Ihre Meinung brauche. Ich möchte Ihnen Mut machen, mich an zusprechen und mir Ihre Gedanken zu sagen, dann kann ich neu nachdenken und Ihnen persönlich darauf antworten. Mündige Gemeinde im Gottesdienst heißt eben nicht nur: „Ja und Amen sagen“. Mündige Gemeinde wird dem Pastor und anderen am Gottesdienst Beteiligten immer auch Kritik sagen: was gelungen ist und was nicht; was besser gemacht werden sollte. Das geht aber aus meiner Sicht nur, wenn man ‚mitten drin war‘ statt ‚nur dabei‘. Seien Sie/seid Ihr mit mittendrin, damit wir miteinander den Gottesdienst halten und uns als Gemeinde erweisen, die den Mund nicht zum Halten gebraucht, sondern zum Singen und Sprechen zu Gottes Ehre.
In diesem Sinn freue ich mich auf jeden Gottesdienst neu, den wir zusammen feiern: um Gott unsere Traurigkeit zu klagen und von ihm mit neuer Hoffnung erfüllt zu werden, um Gott Freude und Dank zu bringen und so den Reichtum des eigenen Lebens zu entdecken! In diesem Sinn grüße ich Sie herzlich!
Ihr/Euer PaToWi

Autor: PaToWi

Ich darf mein Leben frei gestalten unter dem liebenden Blick Gottes. Ist das nicht Grund genug auf IHN zu hören und mir von IHM den Weg weisen zu lassen?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.