Predigt über Klagelieder 5 am 4. März in Holtrup

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Bemühen im Reden und Hören. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Gedenke – das ist die Überschrift über diesem Sonntag. Das hört sich erst einmal vom Klang her altertümlich an und deshalb wahrscheinlich auch irgendwie langweilig. Da gibt es doch bestimmt flottere Ausdrücke. Ich habe lange überlegt. Aber wirklich flotte Sprüche, schnelle Worte als moderne Übersetzung von „Gedenke“ sind mir nicht eingefallen. Natürlich kann man sagen „Erinnere dich!“ – aber flott ist das bestimmt auch nicht. Auch so etwas wie „Bringe dir in Erinnerung“ ist genauso lang wie „Rufe dir ins Gedächtnis“. Und auch im Englischen, mit dem man in den Augen von manchen ja alles viel treffender und vor allem auch kürzer ausdrücken kann, heißt es „remember“ – mit drei Silben wie „Gedenke“. Und ich spüre in mir: Das, was da gemeint ist, das kann man nicht mit einem flotten Spruch sagen, das geht nicht kurz, das geht vor allem nicht oberflächlich und husch husch. Gedenken braucht Zeit, Gedenken braucht Beteiligung auch Ist es deshalb aber dann automatisch altertümlich und deshalb altbacken und langweilig? Was verbinden wir damit? Ich verbinde damit das Gedenken an die Gefallenen der beiden Weltkriege jedes Jahr am Volkstrauertag; ich verbinde damit das Gedenken an die Opfer von rechtsextremer Gewalt, besonders in diesen Wochen das Gedenken an die Opfer der Mordserie, die so vielen Menschen das Leben gekostet hat. Wir gedenken in der Kirche der Verstorbenen: am Sonntag nach der Trauerfeier – so wie heute – und an einem Sonntag im Jahr noch einmal grundsätzlich.

So sehen wir: Es sind die eher grundsätzlichen und ernsten Dinge, die sich mit der Aufforderung „gedenke“ verbinden. Und ganz oft ist es dann so, dass wir da lieber gar nicht dran wollen: weil die Wunden noch zu frisch sind; weil es alte Wunden sind, die wir am liebsten vergessen möchten; oder weil es einfach unbequem ist und wir spüren: Wenn wir uns dem Gedenken aussetzen, dann wird es irgendwie ungemütlich.

Und auf der anderen Seite brauchen wir das Gedenken: als eine Form, mit der wir das in unserem Leben bearbeiten, mit dem wir uns schwer tun. Wir spüren: Wenn wir das, was uns niederdrückt, unbearbeitet in uns verschließen, bekommt es immer mehr Macht und schließlich haben wir es nicht mehr in uns, sondern es hat uns – dann hat es uns gefangen genommen und schnürt uns die Luft zum Atmen ab. Wir spüren: Nur das Gedenken eröffnet uns eine Zukunft. Nur das Gedenken eröffnet uns Freiheit. Gedenke der vergangenen Zeit, damit du in der Zukunft leben kannst.

Gedenke – das ist die Überschrift über diesem Sonntag. Es geht dabei aber nicht nur um das eigene Innehalten. Denn die Aufforderung, die der Name des Sonntags sprachlich ist, richtet sich nicht an uns selbst, es ist keine Selbstaufforderung. Sie richtet sich vielmehr an Gott: Gedenke, Herr!

Wann brauchen wir Gott, liebe Gemeinde? „Immer“ – das werden einige sagen. Und natürlich ist das richtig: Wir brauchen Gott immer, wir haben ihn immer nötig: als denjenigen, der uns unsere Leben gibt und es erhält; als denjenigen, dem wir Klage und Lob, Dank und Bitte sagen können. Das alles wissen wir. Wirklich brauchen tun wir Gott aber dann, wenn wir ganz unten sind: wenn wir mit unserer Weisheit völlig am Ende sind und nicht mehr ein noch aus wissen; wenn uns der Boden unter den Füßen weggezogen wird, wenn wir keine anderen Worte mehr haben als diese, um unsere Situation zu beschreiben:

„Unsere Väter sind alle tot, unsere Mütter haben ihren Ehemann verloren. Selbst für das Wasser aus der Leitung müssen wir Kohle abdrücken, und auch das Öl für die Heizung müssen wir teuer bezahlen. Der Feind sitzt uns im Nacken, wir sind schlapp und können nicht mehr laufen, aber die lassen uns nicht in Ruhe. Die Leute, die vor uns lebten, haben in einer Tour Mist gebaut. Jetzt sind sie tot, aber wir haben immer noch mit den Folgen ihrer Taten zu kämpfen. Menschen aus der untersten Schublade haben die Macht über uns, und niemand kann uns von ihnen befreien. Nur in den Supermarkt zu gehen ist für uns schon lebensgefährlich geworden, weil uns überall Banden auflauern, die uns überfallen wollen. Unser Körper zerfällt in seine Einzelteile wie ein Auto auf dem Schrottplatz, weil wir nichts mehr zu essen haben und hungern. In der Hauptstadt und in den umliegenden Städten haben sie Frauen vergewaltigt, auch ganz junge Mädchen, die noch nie mit einem Mann geschlafen haben. Leute aus der Führungsriege wurden erschossen oder erhängt. Vor den Älteren hat man keinen Respekt mehr. Keiner kann sich innerlich noch freuen. Wo man früher abgetanzt hat, da hängt man heute nur noch depressiv in der Ecke rum." (Ausschnitt aus der Volxbibel)

Es sind Worte, wie ich sie mir im ehemaligen Jugoslawien im und nach dem Balkankrieg ebenso vorstellen kann wie heute in Syrien, in den Palästinensergebieten ebenso wie in so vielen Kriegs- und Bürgerkriegsgebieten unserer Zeit. Es sind Schilderungen von Menschen, bei denen jede Form von Ordnung zerbrochen und auf den Kopf gestellt worden ist. Und was für die Menschen eines Landes gilt, das ist dann ganz leicht auch auf die Situation von einzelnen Menschen herunterzurechnen. Dann – in solchen Situationen brauchen Menschen, dann brauchen wir Gott: wenn unser Leben so aus den Fugen gerät und wir am Boden sind. So wie Jesus Gott brauchte, als er auf dem Erdboden im Garten Gethsemane kniete und zu Gott betete.

Nun ist die Situation, wie ich sie eben vorgelesen habe, nicht aus unseren Tagen und auch nicht aus den neunziger Jahren. Sie ist gut zweieinhalbtausend Jahre alt und nur modern übersetzt gewesen. Es ist ein Auszug aus dem 5. Kapitel der Klagelieder, die dem Propheten Jeremia zugeschrieben werden. Es ist der heutige Predigttext, den ich jetzt noch einmal ganz und in der Lutherübersetzung lese:

5,1 Gedenke, HERR, wie es uns geht; schau und sieh an unsre Schmach! 2 Unser Erbe ist den Fremden zuteil geworden und unsre Häuser den Ausländern. 3 Wir sind Waisen und haben keinen Vater; unsre Mütter sind wie Witwen. 4 Unser Wasser müssen wir um Geld trinken; unser eigenes Holz müssen wir bezahlen. 5 Mit dem Joch auf unserm Hals treibt man uns, und wenn wir auch müde sind, lässt man uns doch keine Ruhe. 6 Wir mussten Ägypten und Assur die Hand hinhalten, um uns an Brot zu sättigen. 7 Unsre Väter haben gesündigt und leben nicht mehr, wir aber müssen ihre Schuld tragen.
8 Knechte herrschen über uns und niemand ist da, der uns von ihrer Hand errettet. 9 Wir müssen unser Brot unter Gefahr für unser Leben holen, bedroht von dem Schwert in der Wüste. 10 Unsre Haut ist verbrannt wie in einem Ofen von dem schrecklichen Hunger. 11 Sie haben die Frauen in Zion geschändet und die Jungfrauen in den Städten Judas. 12 Fürsten wurden von ihnen gehenkt, und die Alten hat man nicht geehrt. 13 Jünglinge mussten Mühlsteine tragen und Knaben beim Holztragen straucheln. 14 Es sitzen die Ältesten nicht mehr im Tor und die Jünglinge nicht mehr beim Saitenspiel. 15 Unsres Herzens Freude hat ein Ende, unser Reigen ist in Wehklagen verkehrt. 16 Die Krone ist von unserm Haupt gefallen. O weh, dass wir so gesündigt haben! 17 Darum ist auch unser Herz krank, und unsre Augen sind trübe geworden 18 um des Berges Zion willen, weil er so wüst liegt, dass die Füchse darüber laufen.
19 Aber du, HERR, der du ewiglich bleibst und dein Thron von Geschlecht zu Geschlecht, 20 warum willst du uns so ganz vergessen und uns lebenslang so ganz verlassen? 21 Bringe uns, HERR, zu dir zurück, dass wir wieder heimkommen; erneure unsre Tage wie vor alters! 22 Hast du uns denn ganz verworfen, und bist du allzu sehr über uns erzürnt?

Gedenke – Aufforderung, ja Aufschrei an Gott: „Führe dir vor Augen, Gott, wie es uns geht! Nimm es wahr und mache es dir bewusst!“ Aufschrei an Gott von Menschen, vor 2500 Jahren, die ganz unten sind.
Ein schwieriger Predigttext? Ja. Ein trauriger Predigttext? Wiederum: Ja. Weil er uns die Tiefen des Menschseins vor Augen führt, die wir alle in irgendeiner Form in uns und bei uns selber kennen:
das Gefühl, dass wir ausbaden müssen, was uns andere eingebrockt haben; die Erkenntnis, dass wir uns selber das Leben zur Wüste und zur Hölle machen, weil wir uns vom Weg Gottes abwenden; das Erschrecken darüber, dass das Chaos manchmal ohne jeden erkennbaren Grund über Menschen hereinbricht. Alles das finden wir in diesem Abschnitt. Und mein Erschrecken und mein Schmerz darüber, dass Menschen solches immer wieder erdulden mussten und solches bis heute erdulden müssen, ist groß.

Ist es aber auch ein trostloser Predigttext? Nein, ein klares Nein; auch wenn dieses Kapitel mit einer offenen Frage endet – und damit die gesamten 5 Kapitel der Klagelieder Jeremias: „Hast du uns denn ganz verworfen, und bist du allzu sehr über uns erzürnt?“ Trostlos wäre dieser Text ohne Adressaten; dann, wenn es keinen Gott gäbe, an den die Menschen ihre Angst und Traurigkeit, ihren Schmerz und ihre Verzweiflung richten könnten. Aber dieser Adressat ist da – und er antwortet.

Die Beantwortung dieser Frage findet aber an anderen Stellen statt: in den Berichten von der Wiederkehr des Volkes Israel aus dem Babylonischen Exil; in den Psalmversen, die an Gottes Barmherzigkeit erinnern. Und für uns Christen gibt Gott dann die Antwort im Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu. Das ist die Antwort Gottes auf die Schlussfrage der Klagelieder: „Hast du uns denn ganz verworfen, und bist du allzu sehr über uns erzürnt?“ – Mit dem Leben Jesu, mit seinem Leiden, Sterben und Auferstehen führt sich Gott das Elend und die Zerrissenheit der Menschen nicht nur vor Augen, er gedenkt seiner Menschen, indem er ihnen ganz nahe kommt: von Mensch zu Mensch, dem kein Winkel des Menschseins fremd ist und der dennoch zu uns sagen kann: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ Oder mit dem Vers, der auch die Jahreslosung enthält: „Lass dir an meiner Gnade genügen. Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig – meine Kraft findet in der Schwachheit ihr Ziel und ihre Bestimmung. Spürbar wird dies, wenn wir von Jesus zum Abendmahl eingeladen werden. Unter Brot und Wein bekommen wir Anteil an Gottes Geist und an der Kraft, mit der er uns stark macht trotz aller Schwäche.

Gedenke – das ist die Überschrift über diesem Sonntag. Gedenke, Herr! Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit! Erinnern auch wir Gott immer wieder und lassen wir uns immer neu erinnern: an seine Barmherzigkeit, die von Ewigkeit her gewesen ist und die auch in uns ihr Ziel findet. Amen.

Autor: PaToWi

Ich darf mein Leben frei gestalten unter dem liebenden Blick Gottes. Ist das nicht Grund genug auf IHN zu hören und mir von IHM den Weg weisen zu lassen?

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