Predigt am Gründonnerstag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Das Geschehen am Gründonnerstag hat eine ganz eigenartige Atmosphäre: Nach dem triumphalen Einzug in Jerusalem und den folgenden Streitgesprächen, nach der provozierenden Endzeitrede und der Salbung Jesu durch die Frau in Betanien war bestimmt allen Jüngern und auch allen anderen klar, die Jesus begleiteten, dass der Besuch Jesu in Jerusalem zum Passafest nicht ohne weitere Konfrontationen und ohne Konsequenzen bleiben würde.

Auf den ersten Blick erscheint dann die Feier des Abendmahles wie ein kurzes Innehalten des Schicksals: Noch einmal können sie unbehelligt zusammen kommen, alles scheint auf das Beste vorbereitet – bis hin zu der wundersamen Vorhersage Jesu, wie die Jünger den Raum für das Fest finden sollen. So etwas wie die Ruhe von dem Sturm, die so friedlich wirkt, fast so etwas wie eine Idylle: Wir feiern die Befreiung unseres Volkes aus der Sklaverei in Ägypten, wir feiern den Auszug aus dem Sklavenhaus und machen uns auf den Weg in die Freiheit – und niemand wird uns diese Feier wegnehmen. Und so wird der Abend zunächst wirklich zu einem fröhlichen Abend – unbeschwert und auch ein wenig lustig.

Vielleicht ist denen, die da zusammen waren, plötzlich aufgefallen, was für ein zusammengewürfelter Haufen sie in Wirklichkeit waren: so ganz unterschiedliche Leute, von denen niemand auch nur das Geringste sonst im Leben mit zumindest einem Teil der anderen zu tun haben würde: Natürlich da sind die beiden Brüderpaare Andreas und Simon, den Jesus so gerne Petrus, den Felsen nennt, und Johannes und Jakobus, die Jesus mit dem so merkwürdigen Beinamen Donnersöhne bedacht hat. Diese Vier kennen sich schon seit langem; sie waren die Ersten gewesen, die Jesus berufen hatte.

Aber die anderen? – Da ist Thomas, Zwilling genannt, der so einen besonderen Hang dazu hat, den Dingen ins Auge zu sehen, der alles ganz genau wissen und begreifen möchte. Da ist der ehemalige Zöllner Levi, der auch Matthäus genannt wird – einer von denen, die nach normalen Maßstäben außen vor wäre und durch seinen Umgang mit Ungläubigen wahrscheinlich sonst nirgendwo hätte mitfeiern dürfen. Aber was ist schon bei Jesus normal?

Judas aus Kariot ist auch noch da – so ein bisschen undurchschaubar; bei ihm weiß man nie so genau, was er denkt und er ist derjenige, der sich um die Spenden kümmert, von denen sie leben. Manchmal haben die andern den Eindruck, dass er ganz besonders ungeduldig die große Zeitenwende erwartet. Das tut auch Simon, der Zelot – natürlich will er es auf seine Weise erreichen: mit Waffengewalt und Aufstand die Römer vertreiben und einen Gottesstaat ausrufen. So war er jedenfalls gewesen, als er zu der Gruppe dazu kam; inzwischen ist vieles bei ihm von dem hängen geblieben, was Jesus gesagt und vorgelebt hat. Geblieben ist von seiner Radikalität nur noch sein Beiname.

Und natürlich die stillen unter den Zwölfen – die, von denen keiner so richtig etwas weiß: Nathanal, den einige so gerne Bartholomäus nennen und dann noch ein Brüderpaar: Judas Thaddäus und sein älterer Bruder Jakobus, beide Söhne von Alphäus. Und schließlich ist da auch noch Philippus – schon sein Name verrät seine Herkunft aus dem griechisch geprägten Judentum, gewissermaßen ist er für die internationalen Kontakte zuständig.

So saßen sie also beisammen an diesem Abend – trotz all ihrer Unterschiedlichkeit auf so besondere Weise mit diesem Jesus von Nazareth verbunden: Eiferer und ruhig Abwägende; Begeisterungsfähige und eher Zurückhaltende; Praktiker des Lebens und Leute, die eher nachdenklich und in sich gekehrt waren; aus ganz unterschiedlichen Kulturräumen. Und dazu kamen noch die vielen anderen, die nicht zu diesem engeren Kreis gehörten, der sich auch an diesem Abend – wie so oft vorher – um Jesus herum gesetzt hatte. Wie gut können wir uns heute in einem von ihnen wiederfinden!

Und dann kommt diese Ansage Jesu, die alle Heiterkeit und Fröhlichkeit mit einem Mal beiseite wischt und die Stimmung in den Keller sacken lässt: „Einer von euch wird mich verraten.“ Und dann die erschrockenen Nachfragen der Jünger: „Bin ich‘s?“ Bei den meisten klang es danach, als ob sie die verneinende Antwort Jesu schon vorwegnehmen wollten: „Doch nicht etwa ich?“, um das beruhigende „Nein, mein Freund, du nicht!“ von Jesus zu hören.

Die Reaktion der Jünger zeigt, dass sie sich alle – ohne Ausnahme – nicht sicher waren, ob sie ganz und gar zu Jesus halten würden. In diesem Überraschungsmoment sind sie alle grundehrlich und in dieser Ehrlichkeit haben sich wohl auch über die Jahrhunderte seither die Ehrlichen unter den Christen wiedergefunden – bis heute, bis zu uns. Denn wer von uns könnte sich schon im Voraus sicher sein, Jesus nicht zu verraten? „Doch nicht etwa ich?“ – Die Sorge der Jünger um ihre eigene Treue ist auch für uns heute tröstlich, wenn wir in Gefahr geraten, Jesus zu verraten.

Jesus verweigert ihnen allen eine genaue Auskunft. Er stellt Judas nicht bloß, er schließt ihn auch nicht vom weiteren Lauf es Geschehens aus. „Einer von den Zwölfen, der mit mir seinen Bissen in die Schüssel taucht.“ Alles bleibt offen – für die Jünger und auch für uns.

Im Zentrum des Berichtes steht dann die Einsetzung des Abendmahles: Die Gleichsetzung des Brotes mit dem, was Jesus insgesamt ausmacht: „Das ist mein Leib – das bin ganz ich.“ Es geht dabei um mehr als ein philosophisches Streiten darüber, was mit diesem Wort „ist“ gemeint ist, wenn wir heute die Worte Jesu in unserer Abendmahlsfeier zitieren. Wer von diesem Brot isst, bekommt Anteil an dem, was Jesus ausmacht: Dass er Gottes Sohn ist, an dem Gott Wohlgefallen hat; dass er zu denen kommt, die des Arztes bedürfen; dass er es ist, der Sünden vergeben kann.

Und dieses alles bleibt nicht bei Jesus, sondern es wird aufgenommen in dem Bund, der in Jesus mit Gott geschlossen ist: So wie beim Bundesschluss am Sinai zur Bekräftigung das Blut von Stieren geopfert wurde, so wird das Blut Jesu vergossen: als Siegel auf dem Bund, dem Testament, wie Luther übersetzte, damit der Bund zwischen Gott und Mensch unverbrüchlich ist. Und es kommen nicht nur ein paar in diesen Bund hinein, sondern viele. Und wieder bleibt offen, wer es ist.

Für Jesus bleibt der Blick in die Zukunft – über das hinaus, was an Schwierigkeiten und Leid vor ihm ist: eine Verbundenheit, die alles das überwindet und die keine Grenzen kennt: „bis ich auf‘s Neue davon trinken werde in meines Vaters Reich.“ Und wenn wir Abendmahl feiern, ist das so: Wir erleben etwas von Gottes Reich, das schon in unsere Welt hineingreift, dass wir mit Jesus verbunden sind.
Ob das den Jüngern wieder Mut gemacht hat, weiß ich nicht; den traditionellen Lobgesang haben sie nach dem Mahl nicht ausgelassen. Und es scheint auch wieder etwas Zuversicht bei den Jüngern eingezogen zu sein, denn auf dem Weg kann Jesus zumindest Petrus mit einer weiteren Unheilsansage nicht schocken: „Und wenn sie alle an dir Ärgernis nehmen, so dich ich nicht!“ – „Auch wenn ich mit dir sterben müsste, werde ich dich nicht verleugnen.“ Und alle bestätigen es. Alte Burschenherrlichkeit? Mut der Verzweiflung? Wahrscheinlich nichts von alledem. Sie wissen wahrscheinlich nicht, was sie sagen, und sie ahnen nicht, wie schnell ihre Worte im Nichts zerrinnen.

Das zentrale Wort im Bericht von der Einsetzung des Abendmahles und den beiden Szenen, die ihn rahmen, ist das Wort ich. In einer ungeheuren Spannung stehen die Momente, in denen es ausgesprochen wird oder unausgesprochen im Raum steht. „Doch nicht etwa ich?“ – „Das ist mein Leib, das bin ganz ich“ – „So doch ich nicht!“

Jesus konfrontiert die Jünger mit der harten Wirklichkeit menschlicher Abgründe, die er kennt und die er auf seinem Leidensweg ganz besonders erfahren wird. Er kennt die Spannung, in der seine Jünger stehen, wenn es um die Nachfolge geht: zum einen die wissende Unsicherheit, die um ihre Begrenztheit weiß und auf die Jesus bei früheren Gelegenheiten geantwortet hat: Was ist, warum habt ihr nur so einen kleinen Glauben; und zum Andern die unwissende Allmachtsphantasie, die die Gefahr nicht einschätzen kann und leichtsinnig macht. Und zwischen diesen beiden Polen steht sein ICH, das ICH Jesu in den Einsetzungsworten, das die Treue Gottes nach beiden Seiten garantiert.

Wie Jesus in Jerusalem und damit auch sein Jünger leben auch wir in Konfrontationen, die das Leben für uns bereit hält. Und wie das erste Abendmahl, das Jesus mit seinen Jüngern gefeiert hat, ein Ruhepunkt in den Ereignissen gewesen ist, so haben seitdem immer wieder Menschen dies erfahren: Abendmahl zu feiern als Ruhepunkt im hektischen Durcheinander der Tage, als Ort der Vergewisserung in unsicheren Zeiten, als Ankerpunkt der Zukunft, auch wenn um einen herum alles in Zukunftslosigkeit zu versinken droht. Und dann schließlich auch als Ort des Neuanfangs, wenn die eigene Schuld einen zu erdrücken droht, auch wenn Markus die Worte über die Vergebung der Schuld nicht – so wie Matthäus es tut – in die Einsetzungsworte mit aufnimmt. Die Vergebung der Schuld macht Markus auf ganz andere Weise deutlich: Nach seinem Bericht nehmen alle Jünger am Abendmahl teil, keiner wird ausgeschlossen, keiner stielt sich selbst davon – auch Judas nicht – so erstaunlich, so fragwürdig, so unmöglich wir das auch finden mögen.

„Doch nicht etwa ich?“ – „So doch ich nicht!“– Unsere Unsicherheit und unsere Selbstsicherheit des Glaubens finden ihr Ziel in den Worten Jesu: „Das ist mein Leib, das bin ganz ich.“ Das ist genug.
Amen.

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