Predigt am 2. Juni

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

Der Predigttext für den heutigen 1. Sonntag nach Trinitatis steht im Evangelium nach Matthäus, im 9. und 10. Kapitel. Ich beginne mit einer eigenen, aktualisierten Fassung:

Jesus zog durch alle Städte und Dörfer Ostwestfalens. Er lehrte in den Kirchen und Gemeindehäusern, verkündete die Botschaft vom Reich Gottes und heilte alle Kranken und Leidenden. Als er die Scharen von Menschen sah, ergriff ihn tiefes Mitleid; denn sie waren erschöpft und orientierungslos wie Mannschaften, die keinen Trainer haben. Da sagte er zu seinen Jüngern: »Die Ernte ist groß, doch es sind nur wenig Arbeiter da. Bittet deshalb den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter auf sein Erntefeld schickt.«
Dann rief Jesus seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Vollmacht, böse Geister auszutreiben und alle Kranken und Leidenden zu heilen. Die Namen der zwölf Apostel sind: Sophia Marie und Ben, Kimberly-Linn und Samantha-Jane, Ann-Marlie Luise und Fia Lilu, Hannes Jörg, Max Luca und Marie Louise, Leon, Melina Rachel und Sabrina. Diese Zwölf sandte Jesus mit folgendem Auftrag aus: »Setzt euren Fuß nicht auf lippisches Gebiet und betretet keine niedersächsische Stadt, sondern geht zu den verlorenen Schafen Ostwestfalens. Geht und verkündet: ›Das Himmelreich ist nahe.‹
(Die "Übersetzung" folgt der Neuen Genfer Übersetzung)

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!
Es mag im ersten Moment etwas verwirrend gewesen sein: Jesus unterwegs in Ostwestfalen; die natürlich auf Vorurteilen beruhende Abgrenzung von Lippern und Niedersachsen und vor allem die Namen der Jünger – es sind die Namen der 12 Menschen, die heutigen Täuflinge mit dazu genommen, die in der letzten Zeit in Möllbergen und Holtrup getauft wurden. Es mag im ersten Moment etwas verwirrend gewesen sein, aber es spiegelt die Situation ganz gut wider, in der Jesus damals gelebt und gesprochen hat. Seine Botschaft von vor fast 2000 Jahren ist auch heute aktuell, besonders dann, wenn wir in diesem Gottesdienst vier Menschen in die Gemeinschaft mit Jesus hinein taufen und sie damit unter das Kreuz, das Zeichen Jesu, und unter seine Herrschaft stellen. So wie jedenfalls die meisten von uns selber getauft sind.

Was ich mit meinem aktualisierten Predigttext anzudeuten versucht habe, will ich mit Blick auf die Täuflinge und auf uns, die wir fast alle schon getauft sind, im Folgenden deutlich machen.

Wir alle haben wahrscheinlich den Taufbefehl Jesu im Ohr, der die Jünger anweist: in alle Welt zu gehen und alle Völker zu Jüngern zu machen. Es ist am Ende des Matthäusevangeliums ein globaler Auftrag, der die Jünger zu Missionaren der Welt macht, aber sie wurden erst nach Ostern aufgefordert, Zeugen Jesu bis an die Enden der Erde zu sein. Der Auftrag Jesu an die Jünger weitet sich erst im Laufe seines Wirkens. Gerade in unserem heutigen Predigttext sind die Grenzen noch ganz eng: Die Jünger sollen das heidnische Gebiet und die samaritanischen Städte meiden. Zunächst beschränkt sich Jesus auf das eher kleine Gebiet von Galiläa und Judäa.

„Jesus sandte sie aus, gebot ihnen und sprach: Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht in keine Stadt der Samariter, sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel.“ So heißt es im originalen Text. Am Anfang des Auftrages ist Konzentration wichtig: Sich nicht verzetteln in der Weite, sondern zu wissen, wohin man gewiesen ist. Es gibt genügend Arbeit im eigenen Umfeld.

Das merken auch wir heute immer neu. Die Abgrenzung von Ostwestfalen zu Lippe und Niedersachsen ist grotesk. Aber Mission – die Verkündigung der frohen Botschaft Gottes – ist nicht nur die Frage: In welches asiatische oder afrikanische Land wollen wir das Christentum exportieren? Mission heute bedeutet vor allem auch zu sehen, dass bei uns in Deutschland die Schicht des Christlichen sehr, sehr dünn ist und dass viele Menschen nach Halt und Orientierung in ihrem Leben suchen; dass viele Menschen sich wie eine Mannschaft im Sport fühlen, denen der Trainer fehlt, der eine Vision hat, wohin es gehen soll. Nichts anderes meint der originale Bibeltext, wenn er von hilflosen Schafen ohne Hirten spricht: „Und als Jesus das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben.“

„Aber wenn die Jünger später doch in alle Welt geschickt werden …?“ – Dann bleibt die Begrenzung an dieser Stelle trotzdem bestehen. Jesus verhindert mit seinem so eng gesteckten Auftrag etwas: Die Jünger sollen dran bleiben an ihrer Aufgabe und bei Schwierigkeiten und Ablehnung nicht dahin ausweichen, wo es scheinbar einfacher ist. „Wir gehen in die weite Welt, wo noch niemand von Gott etwas gehört hat, da können wir uns nicht blamieren; so wie das hier ist, wo uns jeder kennt.“ So könnten viele sagen. Und ich bin mir sicher, dass es gefühlt viel einfacher ist, jemandem Unbekannten von Jesus zu erzählen, als meine Bekannten auf ihren Glauben anzusprechen. Denn dann kann ich mir oft genug Sätze anhören wie: „Glauben an Jesus und Gott? Was ist denn jetzt mit dir los – Du warst doch sonst immer ganz klar im Kopf?“ Und es gilt auch, den Fragen der Kinder nach Gott und dem Glauben nicht auszuweichen – diese Fragen können ja manchmal ganz schön haarig sein und unangenehm, weil sie einen Zusammenhang von Glauben und Leben einfordern.

Bei alledem stellt sich dann die Frage: Wer soll das eigentlich machen? Wer sind die Jünger Jesu? Ich habe die Namen der Täuflinge ganz bewusst verwendet, denn sie sind ein willkürlicher Querschnitt durch unsere Gemeinde und durch unsere Kirche und es ist noch offen, was aus ihnen einmal werden wird. Damit sind sie den Jüngern Jesu ganz ähnlich. Auch bei denen war ja damals nicht klar, was aus ihnen einmal werden würde. Sie hatten zwar einen persönlichen Hintergrund, aber ihre Berufung durch Jesus hatten sie noch nicht angetreten, das sollte erst nach Ostern erfolgen. Matthäus berichtet die zwölf Namen und fügt bei dem einen oder anderen eine Erklärung an: Simon, auch Petrus genannt, an erster Stelle, und sein Bruder Andreas; Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und sein Bruder Johannes; Philippus und Bartholomäus; Thomas und Matthäus, der Zolleinnehmer; Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Thaddäus; Simon, der Zelot, und Judas Iskariot, der Jesus verriet.

Manche von den Jüngern sind gut bekannt, wir kennen ihre Stärken und ihre Schwächen – allen voran Petrus: Er war der Sprecher der Gruppe und mit seinem Eifer einer der größten unter den Jüngern; mit seiner Verleugnung Jesu aber auch einer der größten Versager. Andere kommen mehr oder weniger ausführlich in den Evangelien vor; und von einigen kennen wir nur die Namen. Wer weiß schon etwas von Thaddäus? Es gibt keine biblische Überlieferung. Aber in Holtrup können wir uns am Altar die Apostel ansehen, wie sie ein mittelalterlicher Künstler sich vorgestellt hat.

Diese Zwölf schickt Jesus los, auch Judas wird hier noch mitgezählt. Auf diese Zwölf will Jesus bauen – auf diese zwölf und auf die, die durch das Wort der Jünger dazukommen. So sagt es Jesus im Evangelium nach Johannes. Und das ist der springende Punkt, wenn es um Taufe geht. Denn Taufe bedeutet, in eben diese Reihenfolge hineingenommen zu werden: in die große Menge derer, die durch das Wort der Jünger und Apostel an Jesus glauben. Und damit geht dann auch der Auftrag Jesu, den er ihnen damals gegeben hat, an alle über, die getauft werden. Die Taufe bedeutet Gottes Ja-Wort zu uns, zu jedem Menschen, der sich taufen lässt. Sie bedeutet damit gleichzeitig auch: Du wirst aufgenommen in die Gemeinschaft derer, die zu Jesus gehören; und damit gehörst du auch zu denen, die den Auftrag Jesu bekommen haben: Gehet hin in alle Welt, taufet alle Völker und lehret sie bewahren alles, was ich euch befohlen habe.

Wie das geschieht? „Lehret sie bewahren alles, was ich euch befohlen habe.“ – Die Worte Jesu erscheinen mir, seit ich über diesen Sonntag heute und den Zusammenhang seiner Texte nachdenke, wie ein Zitat aus dem 5. Buch Mose. Der Abschnitt aus dem Alten Testament, den wir als Schriftlesung gehört haben, ist ein wunderbarer Hinweis: Nach dem „Schema Jisrael“, dem Glaubensbekenntnis des alten Israel: „Hört, ihr Israeliten! Der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Ihr sollt ihn von ganzem Herzen lieben, mit ganzer Hingabe, mit all eurer Kraft.“ sagt Mose: „Bewahrt die Worte im Herzen, die ich euch heute sage!“ Und wir erkennen staunend: Glauben heißt nicht: „Ich halte dieses oder jenes für wahr.“ Glauben ist vielmehr eine Herzensangelegenheit.

Und dann führt uns Mose die elementarste Möglichkeit vor Augen, wie der Glaube an Gott weiter gegeben werden kann – und damit auch die Botschaft Jesu: „Prägt die Worte von Gottes Weisungen euren Kindern ein! Redet immer und überall davon, ob ihr zu Hause oder unterwegs seid, ob ihr euch schlafen legt oder aufsteht. … Ritzt sie ein in die Pfosten eurer Haustüren und Stadttore!“

Die elementarste Möglichkeit, wie der Glaube an Gott weiter gegeben werden kann, geht von den Eltern zu den Kindern. Eltern – und ich nehme die Paten ausdrücklich als Unterstützerinnen und Unterstützer der Eltern mit dazu – Eltern und Paten sollen erzählen von Gott und seinen Taten, von dem Weg des Volkes Israel mit diesem Gott – bis hin zu Jesus, in dem sich dieser Gott ein menschliches Gesicht gegeben hat. Erzählen, erzählen und erzählen sollen sie – immer und überall: zuhause und unterwegs, morgens und abends; Erinnerungszeichen können helfen. Die Bibelverse an den alten Bauernhäusern sind so etwas; der Taufspruch ist so etwas, ebenso der Konfirmationsspruch und der Trauspruch in späteren Jahren.

Eltern und Paten erzählen Kindern von Gott. Mir ist bewusst, dass das manche besser können als andere; aber grundsätzlich bleibt es die große Aufgabe, die für Eltern und Paten aus jeder Taufe erwächst. Wir brauchen davor keine Angst zu haben, unseren Kindern etwas von diesem Gott zu erzählen, denn in unserer eigenen Taufe hat Gott uns nicht nur den Auftrag, sondern auch die Vollmacht dazu gegeben: „Jesus rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Vollmacht, böse Geister auszutreiben und alle Kranken und Leidenden zu heilen.“ Das sagt und tut Jesus an den Jüngern.

Wie das bei uns aussehen kann, ist bestimmt von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich. Aber dass wir unseren Kindern etwas von der Liebe Gottes erzählen können – das schaffen wir bestimmt, wir müssen es nur wollen: Den Kindern von Gott und von Jesus Christus erzählen, damit auch in den noch kleinen Herzen etwas heranwachsen kann von dieser lebendigen Zuversicht:
– dass Gott uns in allem und zu jeder Zeit nahe ist,
– dass er uns die Kraft gibt, die wir brauchen, um die Momente in unserem Leben zu bestehen, in denen das Chaos und die Mächte der Finsternis über uns hereinbrechen,
– dass jeder Mensch wertvoll und ein genialer Gedanke Gottes ist,
– dass sich in der Gemeinschaft der Getauften und damit auch in Kirche und Gemeinde – so fehlerhaft sie als menschliche Organisationen auch sein mögen – schon jetzt etwas Wirklichkeit wird von Gottes himmlischem Reich.

Denn so sagt Jesus: Geht und verkündet: ›Das Himmelreich ist nahe.‹
Amen.

Autor: PaToWi

Ich darf mein Leben frei gestalten unter dem liebenden Blick Gottes. Ist das nicht Grund genug auf IHN zu hören und mir von IHM den Weg weisen zu lassen?

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