Predigt am 16. Juni 2013

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Evangelium nach Lukas, im 19. Kapitel:
http://www.bibleserver.com/text/LUT/Lukas19
Großer Gott, dein Heiliger Geist ist Herr über Reden und Hören. Segne unser Bemühen durch Christus, unseren Bruder und Herrn. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder in Christus!
Es war beim Kindergottesdienst vor ein paar Jahren. Da war auch diese Geschichte von Zachäus dran. Irgendwie hatte es sich bei der Vorbereitung ergeben, dass die Kinder – jüngere und Katechumenen – die Szene am Sonntag nachspielen sollten.
So kam es dann am Sonntag auch. Die Personen der Geschichte wurden einzelnen Kindern zugeordnet. Wer sollte die Rolle des Zachäus bekommen? Die Mitarbeiterinnen hatten zu Beginn schon jemanden in die engere Wahl genommen. Doch dann wurde das Ganze unruhig: Einer von den Katechumenen wollte unbedingt Zachäus sein und ließ nicht locker. Immer wieder fing er an – auch als die Rolle schon an ein anderes Kind vergeben war und sich die Szene zusammenstellte.
Und wie das in der Geschichte so war: Die Menge sollte ja undurchlässig sein; die Kinder und Katechumenen standen dicht nebeneinander und unser Möchtegern-Zachäus – er war noch ziemlich klein wie das bei den Jugs in dem Alter ja öfters so ist stand hinter der Mauer aus Kindern, suchte ein Lücke, sprang hoch und wollte sich irgendwie Zugang zum Geschehen verschaffen. Aber die anderen hielten fleißig dagegen, es war kein Durchkommen. Und Jesus kam und ging durch die Gasse der Kinder.
In dem Moment brachen die Mitarbeiterinnen das Spiel ab, noch bevor Jesus zu dem anderen Jungen kam, der den Zachäus spielen sollte. Sie hatten erkannt, was sich da abspielt: Es war eben das Geschehen wie fast 2000 Jahre zuvor: Da war jemand, der wollte unbedingt zu Jesus und konnte nicht, weil ihm die anderen nicht nur die kalte Schulter, sondern eine festgefügte Mauer aus Menschen entgegen gestellt hatten, die ein Durchkommen unmöglich machten.
War es nur ein Spiel gewesen? Es war sicherlich ein Spiel gewesen, eine szenische Darstellung. Es war aber kein abgekartetes Spiel gewesen, in dem der Junge vorher instruiert gewesen war. Das Erstaunen der Kinder war groß, als die Mitarbeiterinnen ihnen die Szene erklärten. So aktuell konnten also biblische Geschichten sein. So sehr konnten und können sich Menschen in den biblischen Personen wiederfinden.
Was hat den Jungen im Kindergottesdienst dazu bewogen, den Zachäus spielen zu wollen? So toll ist die Rolle ja nicht: Zachäus ist der gemiedene Außenseiter und für fast alle in der Geschichte bleibt er es auch. War der Junge ein Außenseiter gewesen? Ich weiß es nicht. Ich kann mir aber vorstellen, dass in ihm eben auch etwas von dieser unbändigen Sehnsucht war: von dieser Sehnsucht, die Menschen dazu bringt, alles andere hinten anzustellen, um mit diesem Jesus in Kontakt zu kommen.
Und dann stellt sich dann ganz schnell die Frage: Wer wären wir denn gerne in dieser Geschichte? Und in wem finden wir uns wirklich wieder, wenn wir ehrlich sind? Sind wir Zachäus oder Jesus? Sind wir jemand aus der Menge, die Zachäus nicht durchlassen will, oder sind wir jemand aus der Menge, der hinterher murrt, weil Jesus sich mit jemandem abgibt, der es doch scheinbar gar nicht wert ist? Vier Möglichkeiten und diese vier Möglichkeiten werden noch verdoppelt, wenn wir das Wir differenzieren und unterscheiden, ob es sich um jede und jeden Einzelnen von uns handelt, oder ob wir mit dem Wir unsere Kirche sehen.
Vielleicht sehen wir uns ja wirklich als Zachäus: als den ungeliebten und sogar verhassten Zeitgenossen; als den, der einfach nicht dazu gehören kann, weil er so ganz anders ist; in dem aber diese unbändige Sehnsucht brennt, dass er bei Jesus etwas findet, was ihn aus seiner Einsamkeit erlösen kann.
Hätten die Leute damals Zachäus gefragt, würden heute uns Leute fragen – wer könnte schon eine Antwort geben, woher diese Sehnsucht kommt? Sie ist einfach da und bringt Menschen dazu, das Unglaubliche zu tun: Alle Hindernisse zu überwinden, ja schließlich sich selbst zu überwinden und das Leben ganz neu anzufangen. Zu dieser Überwindung gehört dann die Hinwendung zu den anderen mit dazu – ganz gleich ob mit Geld wie bei Zachäus oder mit etwas anderem Kostbaren wie Zeit oder mit anderen Formen von Zuwendung und Hilfe.
Ist die Kirche auch Zachäus? Die Kirche als Landeskirche und Kirchenkreis, als Kirchengemeinde und Gemeindegruppe? Gibt es auch bei uns diese unbändige Sehnsucht, die Distanz zu Jesus Christus zu überwinden, um dann seine Nähe von ihm geschenkt zu bekommen? Wie gut ist es, dass wir gleich nach dem Gottesdienst miteinander essen. Wir werden es in seinem, in Jesu Namen tun, weil er sich wie bei Zachäus zu uns einlädt. Und dann sind wir mit zwei oder drei oder eben ein paar mehr zusammen sind, um uns von ihm mit sich selbst und seiner Nähe beschenken zu lassen.
Vielleicht sind wir aber auch die Menschen, die die Straße säumen, als Jesus durch Jericho hindurchzieht. Es geht da nicht um die Jünger, die mit Jesus unterwegs sind, sondern um diejenigen, die das Schauspiel fasziniert betrachten, aber in sicherer Entfernung bleiben. Es sind die, die auch genau wissen, wer dabei sein darf. Und da gehört dieser fiese Steuereinnehmer garantiert nicht dazu. Die Menschen in der Menge sehen nur das, was sie schon immer gesehen haben; das, was vor ihren Augen ist. Aber sie sehen nicht die Sehnsucht in Zachäus Blick, sie spüren nicht sein brennendes Herz, das nicht eher zur Ruhe kommen wird, als bis Jesus bei ihm einkehrt und ihm wie den Emmausjüngern das Brot bricht.
Der Blick der Menschenmenge auf der Straße auf Zachäus ist das eine. Der Blick der Menge auf Jesus hinterher beim Essen, als er bei Zachäus einkehrt, ist das andere. Manche Menschen heute mögen sich auch in dieser Gruppe der Murrenden sehen: Sie sehen zwar, was geschieht, aber sie können nicht verstehen, was vor sich geht. Sie werden an Jesus irre, weil sein Verhalten ihre Vorstellungen völlig über den Haufen wirft. Jesus aber lässt sich nicht beirren und überschreitet die vermeintlichen Grenzen der damaligen Norm.
Vielleicht sehen sich Menschen heute in dieser murrenden Gruppe, weil sie das Handeln der Kirche nicht nachvollziehen können, obwohl die Kirche in echter Nachfolge Jesu redet und handelt. Immer wieder hat es aber auch das Umgekehrte gegeben: dass die Kirche gemurrt hat, weil sie nicht verstanden hat, dass Einzelne den Weg Jesu in wahrer Nachfolge gegangen sind und die Kirche oder zumindest Teile von ihr auf dem Holzweg waren.
Schließlich mag es auch sein, dass wir uns in der Rolle Jesu sehen. Auf den ersten Blick ist vielleicht überraschend. Aber wenn und weil wir uns als Kirche und als Getaufte überhaupt in seiner Nachfolge sehen, als diejenigen, die sein Werk weiterführen, ist das nicht abwegig. Da sind unsere wachen Augen gefragt, damit wir diejenigen sehen, die wie Zachäus voller Sehnsucht sind; dass wir diejenigen sehen, die sich dann trotz ihrer Sehnsucht hinter den Blättern des Maulbeerbaumes aus mehr oder weniger guten Ausreden verstecken: „Ich passe da doch gar nicht hin.“ – „Andere können das viel besser als ich.“ Es ist bestimmt kein Zufall, dass Jesus dann auch noch zu dem eigentlich kleinen Zachäus aufblicken muss.
In der Rolle Jesu kommt es dann aber auch darauf an, den Mund aufzumachen und die Selbst-Einladung Jesu auszusprechen und sie mit der größten Selbstverständlichkeit umzusetzen: Dahin zu gehen, wo andere gerade nicht hingehen würden, weil wir dort Menschen die Möglichkeit geben können, ihr Leben nicht nur ein bisschen, sondern grundlegend – um 180 Grand – zu ändern und uns dabei auch von ihnen im Sinn Jesu verändern zu lassen.
Die Schlussworte Jesu bieten für alle vier Identifizierungsmöglichkeiten eine unglaubliche Perspektive: Wer sich mit Jesus identifiziert, nimmt einen hohen Anspruch auf sich, der immer wieder neu bewahrheitet werden will, aber auch bewahrheitet werden kann: Die Welt und die Menschen mit den ganz anderen Augen Gottes zu sehen; zu den Menschen zu gehen, zu denen andere nicht hingehen, und durch Worte und Taten neue Gemeinschaft zu ermöglichen. Es ist die befreiende und aufrichtende Botschaft von der vorbehaltlosen Gnade Gottes, die durch diese Menschen hörbar und erfahrbar wird.
Für die drei anderen Identifizierungs-Möglichkeiten gilt: Wenn wir uns als Zachäus sehen, als Menge an der Straße oder als Menge beim Essen – jede und jeder Einzelne von uns und wir als Kirche insgesamt: Wir sind es, auf die Jesus zugeht; wir sind es, die Jesus sucht, um sie selig, um sie glücklich zu machen. Denn der Menschensohn – so sagt es Jesus über sich selbst und seinen Auftrag – ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Und das ist in dieser Geschichte eben nicht einfach nur Zachäus.
Was für‘n Glück, dass wir so einen Herrn haben. Amen.
(Die Predigt wurde ein wenig abgewandelt auch beim Synodalgottesdienst der Kreissynode in Vlotho am 14. Juni gehalten.)

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