Predigt zu Michaelis 2013

Predigttext:
Matthäusus18,1-6.10
Schriftlesung:
Offenbarung 12,7-12

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Engel stehen seit einigen Jahren ganz hoch im Kurs. Überall kann man sich irgendwelche Figuren kaufen, auf unzähligen Postkarten blicken einen die berühmten von Raphael gemalten Engelchen an – eine Darstellung süßer als die andere, mit langen lockigen Haaren sind sie heute meist in weiblicher Gestalt dargestellt. Aber – trifft es das, was die Bibel uns von Engeln erzählt? Trifft es das, warum in fast allen christlichen Konfessionen der heutige Tag dem Gedenken der Engel gewidmet ist?
Die Bibel kennt keine puttenhaften Niedlichkeiten, wie sie in der Dekoindustrie heutiger Tage so beliebt sind. Engel im biblischen Sinn sind etwas ganz anderes.

Da begegnen uns die drei Männer bei Abraham und Jakob sieht die Boten Gottes auf der Himmelsleiter hinauf und herabsteigen; der junge Tobias bekommt den Erzengel Raphael an seine Seite gestellt. Schließlich verkündigt Gabriel einer jungen Frau in Nazareth, dass sie einen Sohn bekommen wird, den sie Jesus nennen soll. Und es sind solche Boten Gottes, die den verstörten und verschreckten Anhängern Jesu die Botschaft von der Auferstehung verkündigen.

Bei allen diesen Geschichten geht es eben nicht um Süßigkeiten nach dem Motto: „Ach sieh mal ein Engel – wie niedlich!“ Sondern es geht um etwas sehr Ernstes: Immer, wenn in der Bibel solche Engel auftauchen, geht es um Lebensbegleitung wie bei Tobias, um Lebenswenden wie bei Abraham und bei Maria Magdalena und um Lebensentscheidungen wie bei Maria, der Mutter Jesu, die auf die Ankündigung des Engels sagt: „Mir geschehe, wie du gesagt hast.“

Und dann geht es bei den Engeln aber ganz oft auch knallhart und sogar mit Waffengewalt zur Sache: Da bewacht der Engel das verschlossene Paradies; da wird der Seher Bileam nur durch die Wachsamkeit seiner Eselin davor bewahrt, dem Engel ins Schwert zu laufen; da malt uns der Seher Johannes in einem packenden Schlachtengemälde den Kampf von Michael und seinen Engeln gegen den Teufel vor Augen, wie wir es eben gehört haben.

Der Hintergrund hier ist immer derselbe: Die Leben schaffende und Leben bewahrende Ordnung Gottes ist immer wieder neu durch die Mächte der Finsternis und des Bösen bedroht. Diese Tatsache macht den Kampf gegen das Böse immer wieder neu zur Aufgabe: In der Vision des Johannes ist mit dem Sturz des Teufels aus dem Himmel die Gefahr durch das Böse ja nicht zuende. Vielmehr sind die Menschen dadurch erst recht in die Bedrohung durch den Teufel gestürzt: „Weh aber der Erde und dem Meer! Denn der Teufel kommt zu euch hinab und hat einen großen Zorn und weiß, dass er wenig Zeit hat.“

Ich möchte an dieser Stelle klarstellen: Ich meine mit dem Teufel nicht ein Wesen, wie es in den Märchen vorkommt – mit Pferdefuß und stinkendem Qualm und ähnlichen Attributen. Der Teufel – der Böse und das Böse – kommt vielmehr ganz oft piekfein daher und ist auf den ersten Blick gar nicht zu erkennen. Aber die Folgen von der Macht des Bösen sind unübersehbar und machen den Menschen seit Jahrhunderten und Jahrtausenden Angst, bis heute.

Denn es sind die Bilder, die uns das Fernsehen Tag für Tag ins Wohnzimmer bringt, die davon erzählen, was vor allem Menschen anderen Menschen antun – ganz oft mit der Beteuerung auf den Lippen, sie wollten doch nur das Beste. Was sie nicht sagen, ist das „für sich“ oder das „für ihre Interessen“.
Es sind die Bilder aus Syrien und Afghanistan und aus anderen Kriegs- und Krisengebieten; es sind die Bilder von unterernährten Kindern und Erwachsenen aus vielen Ländern, wo bitterste Armut herrscht, weil korrupte Regierende viel Geld in die eigenen Taschen stecken und weil die Menschen in ein Weltwirtschaftssystem hineingezwungen werden, das sie in ihrer Armut gefangen hält. Es sind die Bilder von Menschen in Armut und Heimatlosigkeit, die es auch bei uns gibt: von Menschen, die schon immer hier leben, und von Menschen, die zu uns gekommen sind, weil sie sich hier Schutz vor Verfolgung und eine Chance zum Überleben erhoffen.

Manchmal sind die Mächte des Bösen offensichtlich; viel öfter aber agieren sie gut getarnt und deshalb umso erfolgreicher. Wie kürzlich, als in Berlin die Angst der Anwohner vor einem Asylbeweberwohnheim massiv geschürt wurde und die Menschen, die Schutz und ein Ende ihrer Todesangst erhofften, sich deshalb durch die bedrohlichen Demonstrationen vor dem Heim dort mehr fürchteten als je zuvor.

Der 29. September ist das christliche Fest mit dem aktuellsten Zeitbezug. Denn in all diesen Bildern von den geschundenen und misshandelten Menschen, die wir vor Augen haben, zeigen sich die Mächte der Finsternis, gegen die die Engel Gottes in den Kampf zeihen und streiten. In dem Abschnitt aus Matthäus, den wir als Evangelium gehört haben, macht uns Jesus auf unmissverständliche Weise klar, wo unser Weg als Christen lang geht.

Jesus stellt ein Kind in die Mitte und macht es zum Maßstab für die Stellung der Jünger. Welche Dimension das damals hatte, können wir heute kaum noch nachvollziehen. Denn im Gegensatz zu heute waren Kinder nicht wie Schätze, die nur mit Samthandschuhen angefasst wurden und denen alle Wünsche sofort erfüllt wurden. Wir müssen vielmehr wissen, dass ein Kind damals ebenso wenig wie ein Sklave galt, ja, dass das griechische Wort für Kind, das hier gebraucht wird, ebenso gut Sklave bedeuten kann. Kinder galten ebenso viel wie Sklaven – nämlich nichts.

Und von diesen, die im zweiten Teil des Predigttextes als „die Kleinen, die Geringen“ bezeichnet werden, sagt Jesus, dass sie das Maß sein sollen: das Maß für unseren Umgang miteinander und für unser Verhalten zu denen, die in unseren weltlichen Augen so tief unter uns zu stehen scheinen. Seht zu, dass ihr nicht einen von diesen Kleinen verachtet. Denn Jesus sagt uns: „Ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht meines Vaters im Himmel.“ Oder nach moderneren Übersetzungen: »Hütet euch davor, auf einen von diesen gering Geachteten herabzusehen! Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel haben jederzeit Zugang zu meinem Vater im Himmel.“ Die Ausgangsfrage, wer der oder die Höchste im Himmelreich sein wird, erübrigt sich ganz schnell, wenn wir – wie Jesus es sagt – nicht umkehren und wie ein Kind werden, weil wir dann gar nicht erst hinein kommen.

Die Gewissheit, dass die Geringen und die Geringsten auf dieser Welt immer und überall durch ihre Engel Zugang zu Gott haben, kann und muss uns allen helfen, standhaft für sie einzutreten – uns, die wir uns zu Jesus Christus als unserem Herrn bekennen. Immer wieder neu sind wir herausgefordert wachsam und aktiv zu sein, wenn es gilt, die Mächte des Bösen und der Finsternis wahrzunehmen und zu bekämpfen. Wir dürfen dabei immer gewiss sein, dass die guten Mächte, die Engel, auch an unserer Seite stehen und neben uns kämpfen.

Manchmal dreht sich aber auch für uns der Blick auf diesen Evangeliumstext und damit auch der Blick auf den Michaelistag um. Immer wieder machen auch wir die Erfahrung, dass wir zu den Geringen gehören. Wie wichtig ist das: dass wir uns in all unserer Verlorenheit von Gottes Engel an der Hand genommen und geleitet wissen dürfen. Dass wir uns in unserer Erschöpfung wie Elia durch einen Engel gestärkt wissen dürfen – auch heute, wenn wir Abendmahl feiern.

Michaelis ist ein aufrüttelndes Fest. So wie an Weihnachten die Niedrigkeit der Geburt Jesu und die Armut der Hirten nicht hinter süßer Musik und Geschenken verschwinden dürfen; so wie Ostern nicht ohne den Skandal des Kreuzes von Karfreitag gefeiert werden kann; so kann auch Michaels und damit die Vorstellung von den Engeln nicht ohne den Kampf der Engel gegen das Böse bedacht werden. Nackte „oh wie niedlich“-Engelputten sind Kitsch und vermitteln kein Vertrauen in Gott und seine guten Mächte.
Michaelis ist deshalb immer auch mutmachendes und deshalb freudiges Fest. Die Vorstellung von den gegen das Böse kämpfenden Engel macht uns Mut, auch selber wachsam und mutig zu sein und selber diesen Kampf immer neu aufzunehmen. Die Vorstellung von dem Geleit durch Gottes Engel macht es uns möglich, Gottes Nähe und Fürsorge für uns in ein vorstellbares und aussprechbares Bild zu fassen. Wie das dann ist, wenn uns ein Engel begegnet? Manchmal ist es ganz unspektakulär, den – wie Rudolf Otto Wiemer gedichtet hat: Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel.
Amen.
Das Bild zeigt eine barocke Darstellung des Erzengels Michaelin der Michaelskirche in Siegburg.

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