Predigt am 13. Oktober 2013 über Markus 2,23-28

Der Predigttext Markus 2,23-28 wurde direkt vorher als Schriftlesung gelesen.
Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!
Ich bin immer wieder erstaunt, was für Vorstellungen Menschen über den christlichen Glauben haben. Manchmal wird das Christentum als die Religion der Liebe bezeichnet – das hört sich im ersten Moment ja sehr freundlich an. Aber dann wird eben deshalb um so gnadenloser mit der Kirche und den Gläubigen abgerechnet, wenn diese sich nicht an die Vorstellungen jener Leute von Liebe halten. „Wie kann sich jemand Kirche nennen, der …“ Ob die Vorstellungen, die diese Leute vom christlichen Glauben haben, dann dem entsprechen, was unser Glaube wirklich mit Liebe meint, ist in den meisten Fällen eher fraglich.

Manchmal – und ich meine, dass das öfter vorkommt – wird der christliche Glaube als ein System angesehen, in dem alles verboten ist, was nur irgendwie Spaß machen könnte. Kartenspielen und der Genuss von Alkohol, Tanzen oder Rauchen und vieles mehr. „In der Kirche ist doch alles verboten!“ Woher die Leute, die so etwas behaupten, ihre Erkenntnisse über die Kirche und den Glauben haben, weiß ich meistens auch nicht.

Beiden eben beschriebenen Richtungen gemeinsam ist, dass christlicher Glaube mit dem gleichgesetzt wird, was entweder gesellschaftlicher Konsens ist oder zumindest war. Da werden gesellschaftliche Moralvorstellungen mit christlichem Glauben gleichgesetzt, obwohl eine so enge Verbindung zwischen diesen beiden Welten oft genug eher fraglich oder völlig falsch sind.

Natürlich ist es richtig, dass viele der alten Moralvorstellungen auch von der Kirche vertreten wurden, doch kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, dass es weniger um die Inhalte des christlichen Glaubens als vielmehr um gesellschaftlichen Machterhalt ging: die Macht des Königs oder des Staates und die Macht der Kirche.

Andererseits tun wir uns selbst als evangelische Christinnen und Christen seit vielen Jahren und Jahrzehnten, sogar seit vielen Jahrhunderten mit den Worten ‚Gesetz‘ und ‚Gebot‘ sehr, sehr schwer – wenn es um die theologische Bedeutung dieser Begriffe geht. Denn seit Martin Luther hat die evangelische Kirche zurecht immer wieder die Freiheit der Christenmenschen betont und dann gerne einen Gegensatz zwischen dem Alten Testament als dem Buch des Gesetzes einerseits und dem Neuen Testament als dem Buch der Freiheit andererseits betont. Die Freiheit eines Christenmenschen ist nicht nur der Titel einer Schrift Martin Luthers, der Begriff ist zum Schlagwort des evangelischen Glaubens geworden.

Und damit sind auch die Worte ‚Gesetz‘ und ‚Gebot‘ dann in eine negative Ecke gedrängt worden. Das fängt schon im Konfirmandenunterricht an, wenn die Konfis für die Prüfung die 10 Gebote lernen mussten und müssen – früher mit Martin Luthers Erklärungen, heute ohne. Das hebräische Wort für Gebote ist allerdings eher mit ‚Weisungen‘ zu übersetzen. Und wenn die zehn Weisungen Wegweisungen für ein Leben im Land der Freiheit sind, kann es mit dem Zwang als gar nicht so weit her sein. Richtig, denn man kann ohne weiteres übersetzen: Ich bin der Herr, dein Gott, du wirst nicht … andere Götter haben, nicht stehlen, morden, ehebrechen und so weiter. Wenn dieser Gott dein Gott ist, der dich aus der Sklaverei in das Land der Freiheit gebracht hat, dann wirst du ganz einfach dies alles nicht tun. Und umgekehrt: Aufpassen musst du, wenn du das alles tust: stehlen, morden, ehebrechen – denn dann bist du von Gott und seinem Lebensweg abgewichen.

Gottes Gesetz, seine Gebote sind Wegweisungen für ein Leben im Land der Freiheit – ganz genau so wie Gottes Versprechen, dass das Leben durch die Ordnung der Natur gesichert ist, dass solange die Erde steht, Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht nicht aufhören sollen. So heißt es im 1. Buch Mose nach der Sintflut, dem Lesungstext aus dem Alten Testament für diesen Sonntag. Gott ist der Garant für die lebenschaffenden und lebenserhaltenden Ordnungen unseres Lebens. Ja, er hat diese Ordnungen gesetzt, es sind seine guten Ordnungen, in die wir als Menschen hineingenommen sind.

Nun kann man überlegen und vielleicht sogar darüber streiten, welche der Wegweisungen Gottes die wichtigste ist. Wenn ich die Konfirmanden frage, kommt dasselbe heraus wie bei Umfragen auf der Straße: Für heutige Menschen ist das fünfte Gebot das wichtigste: „Du sollst nicht töten.“ Für die Bibel ist es das nicht. Es ist aber auch nicht das erste Gebot oder das letzte Gebot. Das wichtigste der Gebote– und das zeigt sich alleine schon an der Länge der Begründung – ist das Sabbatgebot: Du sollst den Sabbat, den Feiertag wie Luther übersetzt, heiligen. Vielleicht ist es auch das am schwierigsten einzuhaltende Gebot.

Bestimmt ist es aber das befreiendste Gebot, denn kein anderes eröffnet einen solchen Freiraum für den Menschen: Einen Tag Ruhe in den sieben Tagen einer Woche, ein Jahr Ruhe im Rhythmus von sieben Jahren, und ein Jahr zusätzliche Ruhe nach sieben mal sieben Jahren. Denn am siebten Schöpfungstag wurde nicht nichts geschaffen, sondern Gelassenheit, Heiterkeit, Frieden und Ruhe. Das ist mehr als nur nichts arbeiten zu müssen, um am nächsten Tag wieder funktionsfähig für die Arbeit zu sein. Das ist auch mehr, als für eine Stunde in die Synagoge zu gehen, oder, um es in unsere Zeit zu übertragen, als am Sonntag für eine gute Stunde in die Kirche zu gehen. Den Sabbat zu halten bedeutet, in einem Einklang von Körper Geist und Phantasie zu leben – wenigstens einen Tag lang.

Das gilt vor allem auch für alle Menschen die in einem Sozialsystem zusammen leben. Es gilt in der Vorstellung des Alten Testamentes in erster Linie für die eigene Familie: den Hausvater und seine direkte Familie, die Bediensteten, die Fremden und auch für das Vieh. Wiederum auf uns heute übertragen: Es gilt für alle Menschen, die in unserem Sozialraum leben: in unserer Familie, in unserem Dorf, in unserer Stadt, in unserem Land, in unserer globalisierten Welt; aber auch in unserer Kirche und in unserer Kirchengemeinde. Und es zeigt uns, dass es Wichtigeres gibt als wirtschaftliche Interessen. Denn das Sabbat- und Feiertagsgebot als irdische Ordnung verweist auf die himmlische Ordnung Gottes, die nicht nur einmal war, sondern auf die wir auch wieder zugehen.

Das ist der Hintergrund für das Streitgespräch, das Pharisäer mit Jesus führen. Und Jesus stellt der unbedingten Einhaltung des Gebotes seine Vollmacht als Messias, als Menschensohn entgegen. Bedeutet das aber eine Relativierung oder gar Aufhebung des Sabbatgebotes? So würden es manche vielleicht gerne sehen: Manchmal – ich befürchte sogar sehr schnell – wollen wir Menschen diesen kleinen Trick anwenden, um das Gebot zu umgehen. Es sagt sich ganz schnell und einfach: „Nicht ich bin für den Feiertag da, sondern der Feiertag ist für mich da; ich brauche ihn aber im Moment gar nicht. Also muss ich ihn nicht einhalten. Ich weiß ja selber, was für mich gut ist.“ Aber stimmt das? Weiß ich wirklich immer, was für mich gut ist? Jesus gibt das Sabbatgebot nicht der Beliebigkeit preis oder stellt es in das Ermessen eines jeden Einzelnen; denn Jesu sagt nicht: Jeder ist Herr über den Sabbat.“ Er als Menschensohn ist Herr auch über den Sabbat und gibt uns dadurch Anteil an dieser segensvollen Ordnung Gottes.

Jesus weiß genau, was auch ein Rabbiner hat einmal gesagt: „Nur wenn wir den Sabbat halten, hält der Sabbat uns!“ Der Sabbat, und damit auch der christliche Sonntag sind nicht beliebig gegen etwas anderes einzutauschen. Der Sabbat, der Feiertag ist eines der größten Geschenke Gottes an uns Menschen, eine der guten Ordnungen Gottes, die uns zum Leben helfen. Mögen wir die Freiheiten und Möglichkeiten dieser Ordnung immer wieder neu für uns entdecken. Amen.

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