Predigt am 15. Sonntag nach Trinitatis über 1. Petrus 5,5b-11
Der Predigttext 1. Petrus 5,5b-11 wurde zuvor als Schriftlesung gelesen.
Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Geschwister in Christus!
Es ist eines der eindrücklichsten Bilder, die in der Bibel vorkommen: der brüllende Löwe. Wer einmal einen Löwen live und in Farbe gesehen und seine Stimme gehört hat, wird das bestätigen können. Und wer die Nachrichten in der vergangenen Woche verfolgt hat, konnte da einen ganz besonderen Löwen brüllen hören: mit blonder Mähne in einer riesigen Halle und er brüllte fast vier Mal so lange, wie es ihm zugestanden hätte; Löwen kümmern die Regeln für andere Tiere anscheinend nicht. Doch davon später!
Vorher würde ich gerne wissen, bei wem sich bei dem Wort Demut ein gewisses Unbehagen eingeschlichen hat. Dieses Wort hat in unserer Zeit einen schlechten Ruf. Denn es steht in der Gegenwart ganz oft für eine schlaffe Haltung ohne Rückgrat, ohne eigenen Willen und vor allem ohne alle Macht. Und so wollen wir uns natürlich nicht sehen: nicht 3 cm mit Hut.
Ich hoffe, Ihr habt trotzdem nicht aufgehört, auf den weiteren Text zu hören. Denn der ist es wirklich wert! Und Demut im Sinn von Kadavergehorsam und sklavische Ergebenheit wird diesem Wort einfach nicht gerecht; es ist schlicht falsch, auch wenn leider auch in der Kirche diese Stelle und andere Stellen dazu missbraucht wurden, Menschen klein und unselbstständig zu halten. Aber: Warum sollte sonst in Demut das Wort „Mut“ stecken.
Ich frage also noch einmal nach der „Demut“, besser nach ihrem Gegenteil: Was ist das Gegenteil von Demut? – Richtig, auch im Text wird ein Gegenteil genannt: Hochmut. Und Hochmut im Blick auf unser Verhältnis zu Gott bedeutet: „Ich meine, in meinem Leben alles aus eigener Kraft schaffen zu können.“ Vom Erwachsenwerden bis zur eigenen Kindererziehung, von der Schule bis zur führenden Stellung im Beruf, vom Gesundbleiben bis zum richtigen Älterwerden; und so weiter. Wer allerdings so durch das Leben geht, wird feststellen, dass der Hochmut, alles aus eigener Kraft und Macht schaffen zu können meistens vor dem tiefen Fall kommt. „Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“, schreibt der Apostel.
Es gibt aber noch ein weiteres Gegenteil von „Demut“ – wenn ihr so wollt, genau in die andere Richtung. Und da sind wir bei der falsch verstandenen Bedeutung von Demut. Demütig sein ist das genaue Gegenteil von „unterwürfig sein“.
Ich meine nicht, dass Menschen stolz zu sein hätten, damit wären wir schon wieder beim Hochmut. Ich meine aber, dass wir uns durchaus ein gewisses Selbstbewusstsein zu eigen machen dürfen. Der Schreiber des ersten Johannesbriefes schreibt uns, dass wir uns nicht nur Gottes Kinder nennen dürfen, sondern es tatsächlich auch sind! Wie wunderbar ist das denn! Gottes Kinder, nicht seine Sklaven, die er nach Belieben herumscheuchen kann; Gottes Kinder, ja sogar seine Erben, wie es Paulus schreibt. Das ist der Stand, in den wir durch unsere Taufe erhoben werden!
Ja, der Apostel fordert uns auf, uns unter Gottes Hand zu demütigen. Wir sollen es tun, wie Kinder sich ihren Eltern anvertrauen, weil sie wissen: Meine Eltern sorgen für mich; bei ihnen bin ich in Sicherheit, ohne dass ich aufhöre, ein eigener Menschen mit meiner eigenen Würde zu sein! Und wie meine Eltern mich „groß machen“ – wie es hier in Ostwestfalen so schön heißt –, damit ich irgendwann selbstständig mein Leben gestalten kann, so wird auch Gott mich groß machen und erhöhen.
Es wird in meinem Leben auch immer wieder andere geben, die von mir verlangen, dass ich mich ihnen unterstelle, die über mich Macht ausüben wollen und mich für ihre Zwecke benutzen wollen. Es geht da nicht einfach um eine Rangordnung im Gefüge eines Dienstverhältnisses. Im alltäglichen Leben muss geleitet werden und es müssen die Richtlinien der Leitung befolgt werden. Aber so etwas darf nie zu einem absoluten Abhängigkeitsverhältnis führen. Die Frage ist wie so oft: Wem gebe ich Macht und Herrschaft über mich – Gott oder denen, die mich nur benutzen wollen, um ihre eigenen Ziele zu erreichen. Meine Entscheidung ist da klar: Niemand soll absolute Macht über mich haben, als nur Gott!
Demut Gott gegenüber heißt, mich ihm unterstellen und seine Macht über mich anerkennen und damit aufrecht und selbstbewusst allen anderen gegenüber dastehen, die irgendwelche Machtansprüche an mich stellen könnten. Und wie wichtig ist das, dass wir Kinder Gottes sind und so ein gesundes Selbstbewusstsein haben dürfen! Denn: „der Teufel geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge!“
So geht es in unserem Text weiter und wir sind damit wieder bei dem Löwen, der in der UN-Vollversammlung gebrüllt hat. Auch hier muss ich einmal ganz schnell eine sprachliche Sache klären: Im griechischen Text steht für das Wort Teufel „Diabolos“. Und wenn man dieses Wort Stück für Stück ins Deutsche übersetzt ist es der „Durcheinanderwerfer“. Der Teufel ist keine Fantasiefigur mit Hörnern und Schwefelgeruch, wie er in früheren Jahrhunderten so gerne vorgestellt wurde. Der Teufel ist der, der die lebenserhaltende Ordnung zerstört, in dem er alles durcheinanderbringt. Und wenn wir uns umsehen, werden wir feststellen: Ganz vieles von dem, was wir einmal als sicher und feststehend geglaubt haben, ist ins Wanken geraten; Menschen sind verunsichert, weil plötzlich einer die Friedensordnung Europas durcheinander bringt und ohne Grund ein Land angreift; weil plötzlich sich ein Regierungschef mit Verordnungen über geltendes Recht hinwegsetzt und die Menschenwürde von nicht weißen Menschen mit Füßen zu treten scheint.
Der Teufel mag aber auch auf ganz andere Weise unser Leben aus dem Gleichgewicht bringen: Wenn Partnerschaften auseinanderbrechen; wenn Krankheiten den eigenen Lebensentwurf zum Einstürzen bringen wie einen Turm aus Bauklötzen, der nur eben angetippt wurde; wenn plötzliche Arbeitslosigkeit einem den wirtschaftlichen Boden unter den Füßen wegzieht.
Dem Diabolos, dem Durcheinanderwerfer, der alles ins Chaos stürzt, sollen wir widerstehen. Wie das geht? Auch dazu schriebt uns der Apostel etwas: Fest im Glauben sollen wir sein. Also: Stark sein sollen wir im Vertrauen auf Gott, widerstandsfähig gegen Anfeindungen, weil wir uns von Gottes Macht getragen und gehalten wissen. „Fest im Glauben“ heißt nicht, dass zeitlich bedingte Lehrsätze des Glaubens einbetoniert gültig sein müssen. Es heißt, dass unser Vertrauen in Gott und seine Fürsorge für uns ein Gegengewicht zu dem Chaos sein müssen, das der Diabolos angerichtet hat und weiter anrichtet.
In unserer Taufe werden wir zu solchen Leuten berufen, die eben so sind: standhaft und gefestigt, dem Bösen gegenüber. Dieses Vertrauen, dieser feste Glauben ist aber nicht einfach so plötzlich da. Wir müssen dieses Vertrauen lernen. Nicht wie Vokabeln oder mathematische Formeln in der Schule. Wir brauchen Menschen, die uns das beibringen, indem sie uns das vorleben, indem sie uns Anteil an ihrem eigenen Vertrauen zu Gott geben. Eltern und Paten, die anderen Glieder der Gemeinde können solche Menschen sein.
Und es heißt auch nicht, dass ein solches Leben, wie es uns der Apostel als so gut anpreist, von ganz allein und einfach so funktioniert. Der Diabolos ist eine reale Kraft, die uns immer wieder in Bedrängnis führen wird. Vielleicht wird sogar ein großer Teil unseres Lebens von diesem Widerstand gegen den Diabolos geprägt sein. Für viele wird es nur ein kleiner Trost sein, wenn sie wissen: Du bist mit deinem Kampf gegen das Chaos nicht allein, vielen von deinen Geschwistern im Glauben geht es ebenso. Aber alleine das Wissen, mit diesem Kampf nicht allein zu sein, wird helfen, den Blick zu weiten und mit der Frage nach dem „Warum ich?“ umgehen zu lernen. Der Apostel erinnert uns: „Du bist mit deinem Kampf nicht alleine; anderen geht es ebenso und diese Gemeinschaft trägt dich mit.“
Und so groß, ja riesig dir deine Aufgabe in deinem Kampf auch scheinen mag, ist sie doch begrenzt. Der Apostel schreibt von einer kleinen Zeit, die diese Bedrängnis dauert. So groß das Leid auch für mich ist, es ist nicht unfassbar, es ist auch handhabbar. Der Grund dafür liegt in der Zusage, in dem Versprechen, das den Adressaten und damit auch uns vom Schreiber des Briefes gesagt ist: Gerade in der Situation der Bedrängnis wird Gott da sein und uns das geben, was wir brauchen: Er wird uns aufrichten, stärken, kräftigen und gründen!
Das ist keine Vertröstung auf ein besseres „nach dieser kleinen Zeit“ des Leides, nach der dann wieder die Sonne scheint. Schon gar keine Vertröstung auf ein jenseitiges Leben. Das ist die Zusage in das Jetzt der Bedrängnis: Gott wird: Aufrichten – Gott holt uns aus der Verkrümmung und lässt uns so wieder frei durchatmen; Stärken und Kräftigen – von Gott kommt die Kraft, wenn unsere Kraft zu Ende ist, wiir werden nicht vergehen; Gründen – denn ohne ein Fundament können Menschen keinen sicheren Stand gewinnen. Mit Jesus Christus ist dieser tragfähige Grund gelegt und wir werden nicht versinken!
Gott wird uns aufrichten, stärken, kräftigen gründen! Das ist die Zusage, auf die hin wir dem Durcheinanderwerfer entgegentreten können; die Zusage, auf die hin wir in der Taufe Menschen im Auftrag Gottes in seine ewige Herrlichkeit berufen, die schon hier und jetzt wirksam wird und im Hier und im Jetzt ihre Macht entfaltet. Darum sei ihm, diesem Gott, die Macht in alle Ewigkeit. Amen!