Kategorie: Predigt

  • Predigt über 2. Timotheus 1,7-10 am 16. Sonntag nach Trinitatis 2026 (20. September) in Holtrup und Eisbergen

    Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
    Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im 2. Brief des Paulus an Timotheus, im 1. Kapitel:

    7 Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. 8 Schäme dich also nicht, als Zeuge für unseren Herrn aufzutreten. Und schäme dich auch nicht für mich, weil ich seinetwegen in Haft bin. Sei vielmehr bereit, mit mir für die Gute Nachricht zu leiden. Gott gibt dir die Kraft dazu.
    9 Er hat uns gerettet und dazu berufen, zu seinen Heiligen zu gehören.
    Das geschah nicht etwa aufgrund unserer Taten, sondern aus seinem eigenen Entschluss – und aus der Gnade, die er uns schon vor ewigen Zeiten in Christus Jesus geschenkt hat. 10 Aber jetzt wurde diese Gnade offenbar durch das Erscheinen unseres Retters Christus Jesus. Er hat den Tod besiegt und durch die Gute Nachricht unvergängliches Leben ans Licht gebracht.

    (Vers 7: Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung – revidiert 2017, © 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart; Verse 8-10: BasisBibel, © 2021, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

    Großer Gott, dein Heiliger Geist ist Herr über Reden und Hören. Segne unser Bemühen durch Christus, unseren Bruder und Herrn. Amen.

    Liebe Geschwister in Christus!
    Gott hat berufen, dazuzugehören. Dazugehören – das ist in unserer heutigen Zeit ein ganz besonderes Wort, denn die Frage, wer zu einer Gruppe, zu einem Land oder auch einer Religionsgemeinschaft dazugehört, hat in den letzten Jahren immer wieder zu zum Teil heftigen Diskussionen geführt: Wie schnell sind Menschen dabei, zu fragen, ob jemand genug oder das Richtige glaubt, um zu einer religiösen Gemeinschaft zu gehören; wie schnell fragen Menschen, ob jemand die richtige Kleidung trägt oder das richtige Outfit hat, um zu einer besonderen Gruppe dazuzugehören; wie erschreckend intensiv wird in den letzten Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft bei Menschen infrage gestellt, die etwas anders aussehen, als man es in einer etwas unbestimmten Vergangenheit erwarten konnte!

    Dazugehören: Es ist ein urmenschliches Bedürfnis, dass Menschen wissen wollen, wo sie hingehören und wer zu der eigenen Gruppe gehört. Bei Fans von Fußballvereinen ist das sehr schnell klar, denn da sind die Vereinsfarben das Erkennungsmerkmal. Bei vielen Gruppen gibt es ein Wappen oder ein anderes Zeichen, das getragen wird, an dem jemand erkennen kann: Er oder sie gehört dazu. Und bei der deutschen Staatsangehörigkeit ist es bestimmt nicht eine wie auch immer biologische Abgrenzung, die dass klärt, sondern einzig und allein, wer sie in seinem Pass oder Ausweis stehen hat: weil er oder sie in das Deutschsein hineingeboren wurde oder weil er oder sie diese Staatsbürgerschaft verliehen bekommen hat.

    Dazugehören – für Christinnen und Christen ist die Frage, ob sie zur christlichen Gemeinschaft dazugehören, allerdings etwas, das nicht einfach in ihrer Macht liegt. Denn auch wenn Menschen sich entscheiden, sich taufen zu lassen, wenn Eltern das auch für ihre Kinder entscheiden, so geht dieser Entscheidung immer schon das JA Gottes zu diesem Menschen voraus. Er – also Gott – beruft in diese Gemeinschaft.

    Das ist ein wenig so, wie wenn bestimmte Stellen besetzt werden: wenn Richter an ein Verfassungsgericht berufen werden; wenn Professoren auf einen Lehrstuhl berufen werden; auch wenn Pastorinnen und Pastoren auf eine Pfarrstelle berufen werden. Die Personen bewerben sich zwar auch, aber die Berufung geschieht dann durch eine übergeordnete Stelle. Und für die christliche Gemeinschaft ist es eben nicht der Pastor oder die Kirchengemeinde, die entscheiden, ob jemand getauft und damit in die weltweite Gemeinschaft aufgenommen wird; die Berufung geschieht in diesem Fall von wirklich ganz, ganz oben!

    Gott ist absolut frei, jeden Menschen zu berufen: völlig unabhängig von Herkunft und Hautfarbe, von Geschlecht und Orientierung, von theologischer Bildung und Frömmigkeitsstil. So schafft sich Gott eine unendlich vielfältige Kirche, die in Jesus Christus gegründet ist. Christus ist das alles und allein entscheidende Kriterium.

    Er – also Gott – beruft in diese Gemeinschaft, und zwar schon lange, bevor diese Menschen überhaupt den Gedanken gehabt haben und bevor sie sich diese Gemeinschaft durch irgendwelche Taten hätten verdienen können. So wie ein kleines Kind, das getauft wird, noch nicht fragt: Bin ich würdig genug, habe ich genug gebetet oder bin ich oft genug im Gottesdienst gewesen – so beruft Gott aus eigener Macht Menschen nicht aufgrund der bisherigen Taten, sondern aus seinem eigenen Entschluss und seiner unendlichen Gnade. So dürfen wir wissen: Bei Gott werden wir nicht nach unseren Leistungen bewertet, bei Gott haben wir jeweils unsere ganz eigene Würde, die über jeden messbaren Wert hinaus geht. Wir sind in Gottes Augen kostbar – nicht nur messbar mit einem Wert belegt und deshalb wertvoll; nein: Wir sind kostbar – und das heißt, nicht bezahlbar und nicht mit Gold aufzuwiegen.

    Gott beruft, zu den Heiligen zu gehören! Das wiederum ist für uns etwas ganz Wertvolles und Kostbares. Auch wenn wir feststellen müssen, dass es für viele Menschen nicht mehr so erstrebenswert scheint, zu dieser Gemeinschaft dazuzugehören. Ich vermute, es liegt daran, dass diese Menschen kein Gespür mehr haben, was es bedeutet, zu den Heiligen Gottes zu gehören; dass die Zugehörigkeit zur Kirche eine Hülle geworden ist, die aber innen hohl ist. Wie wäre aber die Gemeinschaft der Heiligen, in die Gott uns beruft, zu füllen? Das schreibt der Apostel im ersten Satz unseres heutigen Predigttextes: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“

    Ich finde es unendlich wichtig, dass in diesem Satz der Plural steht: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht.“ Es ist die Gemeinschaft der Getauften, der eine Verheißung gegeben wird, die durch Furcht und – wie es in der Basisbibel heißt – durch Verzagtheit trägt. Manchen wir uns doch nichts vor: Es gibt ja so vieles, was uns ängstlich und verzagt werden lassen kann: der Umgangston im politischen und gesellschaftlichen Leben; der Ausgang von Wahlen, wenn Strömungen an der Macht beteiligt werden, denen die Würde mancher Menschen völlig gleichgültig ist; die Gewalt in Kriegen rund um den Erdball; die wirtschaftlichen Sorgen, weil Menschen nicht genau wissen, wie sie sich und ihre Familie versorgen sollen; die Auswirkungen des Klimawandels mit Hitzetoten und mit zu wenig oder zu viel Regen. Die Liste lässt sich leider noch verlängern und ausdifferenzieren.

    Und all diesen Verzagtheiten, all diesen Furchtsamkeiten setzt der Apostel seine Überzeugung entgegen, indem er an das erinnert, was unsere Taufe und damit unsere Gottesbeziehung als Gemeinschaft ausmacht: Der Gemeinde Gottes ist der Heilige Geist nicht nur verheißen, sondern schon gegeben. Wir haben den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit schon erhalten.

    Den Geist der Kraft, um standhaft zu bleiben: Bei allen Anfeindungen, die wir erleben mögen, bei allen Anfechtungen, die uns durch Krankheit, Unfälle oder andere Schicksalsschläge treffen können.

    Den Geist der Liebe, um erst einmal – so viel an uns liegt, wie Paulus im Römerbrief schreibt – mit allen Menschen in Frieden zu leben, liebevoll und behutsam umgehen zu können, so schwer es uns vielleicht auch fallen mag.

    Den Geist der Besonnenheit, um nicht einfach den ersten Regungen unserer Emotionen – dem berühmten Bauchgefühl – nachzugeben, sondern innerlich einen Schritt zurückzutreten, um die Sache mit den Augen des Glaubens anzusehen und im Licht des Evangeliums zu bedenken.

    Das ist uns als christlicher Kirche gegeben. Das ist es, was wir als unser Vertrauen, als unseren Glauben bekennen – einen Glauben, der sogar weiter reicht als der Tod, den Jesus Christus überwunden hat. Amen.

  • © PaToWi –Geschmücktes Festzelt auf Schröders Hof

    Predigt zum Erntefest auf Schröders Hof „Am Anger“ in Holtrup über Psalm 36,8

    Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

    Liebe Geschwister in Christus!
    Erntefest in Holtrup: Das heißt Freude über alles, was nach der Ruhe des Winters und der Saat in den letzten Monaten gewachsen ist, was Frucht gebracht hat und gereift ist, was jetzt und in der nächsten Zeit geerntet werden kann. Denn die Ernte ist ja noch nicht ganz vorbei: Zuckerrüben und Mais sind die beiden noch ganz offensichtlich ausstehenden Feldfrüchte, die noch auf den Feldern stehen.

    Und dann heute Morgen Gottesdienst beim Erntefest: Dass wir im Rahmen dieses Festes Gottesdienst feiern, heißt, wir wissen, wem wir das, was wir ernten, zu verdanken haben. „Es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott.“ So werden wir es mit „Wir pflügen und wir streuen“ singen, dem Lied, das wie kein anderes im Gesangbuch und in unserer Tradition mit der Ernte verbunden ist, auch wenn es – wenn man den Text einmal genau betrachtet – ein Frühlingslied zur Aussaat ist, das den Blick zu dem lenkt, was dann noch nötig ist: Tau und Regen, Sonn- und Mondenschein: Segen auf dem Feld in Wachsen und Gedeihen; Segen, der schließlich im Brot für uns Menschen sein Ziel findet. Alles ist Gottes Schöpfung bis hin zum schönen Frühlingswetter und Schnee und Ungestüm – Aprilwetter eben.

    So vollzieht sich immer wieder neu der Wechsel von Saat und Ernte – zusammen mit Wachsen im Frühsommer und Ruhen im Winter. So scheint es. Aber schon immer ist die Schöpfung bedroht – das zeigt exemplarisch die Urgeschichte im 1. Buch Mose – diese so tiefgründige biblische Aufarbeitung der menschlichen Existenz. Die Sintflutgeschichte mit Noah und der Arche zeigt uns nicht nur ein fernes, vergangenes, sagenhaftes Geschehen. Diese Geschichte zeigt als Urtyp, dass Gottes Schöpfung schon immer durch die Bosheit der Menschen bedroht ist. Und es zählt zu den wunderbaren, zukunftsweisenden Tatsachen unseres Glaubens, dass die Urgeschichte und mit ihr die ganze Bibel angesichts dieser Tatsache nicht in depressiver Verzweiflung versinkt.

    Denn Gott gibt ein Versprechen: Gott verspricht, er werde keine weitere Sintflut schicken, so sehr die Bosheit der Menschen auch zum Himmel stinkt. Vielmehr garantiert Gott für seine Seite den Fortbestand des für das Leben notwendigen Wechsels, wie wir in der Gnadenzusage gehört haben: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“

    Trotzdem machten und machen sich die Menschen Sorgen: Denn es ist doch sehr fraglich, ob die Menschen sich bewusst sind, dass es nun ihre Sache ist, darauf zu achten, dass die Bosheit im Zaum gehalten und so der Fortbestand des für das Leben notwendigen Wechsels gewährleistet bleibt. Das ist – gewissermaßen – die Kehrseite von Gottes Versprechen. Gott sagt den Menschen: „Jetzt seid Ihr dran! Seht zu, dass ihr es nicht vermasselt!“

    Manche denken vielleicht: „Es ist ja noch immer gut gegangen.“ Ich mache an diesen Satz so meine Fragezeichen. Und viele Menschen machen sich heute Sorgen: Der Ton in unserer Gesellschaft ist viel rauer geworden; einander zuzuhören und zu sehen, was hinter den Aussagen der Menschen an Sorgen und Ängsten steht, ist irgendwie viel schwieriger geworden; ganz schnell sind wir – oft ohne es zu merken – bei einem „wir“ auf der einen Seite und einem „die anderen“ auf der anderen Seite – mit einem garstigen Graben dazwischen; wir sind oft nicht mehr bei einem „Ich“ und einem „Du“, um gemeinsam „Wir“ zu sagen. Und das gilt im Großen der Weltpolitik ebenso, wie auf den unterschiedlichen Ebenen des politischen und gesellschaftlichen Miteinanders und den ganz kleinen Formen des Miteinanders von Dorfgemeinschaft und Verein, Arbeitsplatz, Schule und Familie. Aufmerksamkeit bekommt nicht unbedingt, wer recht hat; sondern, wer provoziert. Und wenn eine Behauptung erst einmal in der Welt ist, setzt sie sich fest, so falsch sie auch sein mag.

    Aber nicht nur im menschlichen Miteinander verändert sich vieles: Auch in der Natur gibt es vieles, was sich verändert: Der trockene Sommer mit seinen Begleiterscheinungen wie Wassermangel und Waldbränden in noch nicht gekanntem Ausmaß macht ebenso nachdenklich wie die Tatsache, dass – wenn es denn einmal regnet – gleich so viel Wasser vom Himmel kommt, dass es des Guten zu viel ist. Vieles wird inzwischen früher reif als noch vor zehn, zwanzig Jahren: Äpfel und Birnen so ungefähr zwei Wochen früher, Sonnenblumen sind jetzt schon fast verblüht, kaum ein Gedanke, zum „offiziellen“ Erntedankfest Anfang Oktober noch welche zu finden.

    Und schließlich ist die „güldne Sonne voll Freud und Wonne“, von der wir so gerne singen, – also die Garantin für all das Wachsen und Gedeihen – zumindest für uns Menschen immer gefährlicher geworden: Gab es vor 40 bis 50 Jahren Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 1 bis 6, ist heute Lichtschutzfaktor 50 an der Tagesordnung, viele Menschen tragen uv-abschirmende Kleidung und Braunwerden ist – das wissen wir inzwischen – nicht wirklich empfehlenswert, denn die schädliche UV-Strahlung kommt immer besser durch die Atmosphäre auf unsere Haut und kann richtig Schäden anrichten.

    Ich singe hier und heute kein Lied des Jammers, dass alles schlechter wird, was einmal in der sogenannten „guten alten Zeit“ gegolten und funktioniert hat. Ich trage vielmehr beides in mir: Die Freude über die Ernte, die Freude über das Wunder von Wachsen und Gedeihen auf der einen Seite und auf der anderen Seite die Erkenntnis, dass das, was einmal unverrückbar fest gefügt erschien, eine sehr kippelige Angelegenheit ist, die viel schneller aus dem Gleichgewicht geraten kann, als das bisher vorstellbar war.

    Der Psalmabschnitt aus Psalm 36, der den Schlusspunkt zu unserer Gottesdienstreihe „beschirmt und behütet“ setzt, entbindet uns Menschen nicht von unserer Verantwortung für unser Tun und Lassen. Dieses Loblied auf Gottes Güte zeigt uns aber, wo wir in unserer Unsicherheit Zuflucht nehmen können: Diese Güte Gottes, die so weit reicht, wie der Himmel, das unendliche Weltall ist, und die so köstlich ist, die also so unendlich gut schmeckt – so viel besser als jedes Eis oder jedes Stück Fleisch oder alles Gute dazwischen – diese Güte Gottes steht eben doch über allem, was Menschen tun. Wir dürfen, ja: Wir sollen Zuflucht bei Gott suchen.

    „Wie köstlich ist deine Güte, Gott, dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!“ Wir alle – der Psalmbeter und die Psalmbeterin spannen einen ganz weiten Bogen, denn außer dem Wort „Menschenkinder“ steht da nichts, was diese Menschen sein müssen, um zu Gott kommen zu dürfen. Und dieser Gott hilft: Menschen und Tieren; Gott teilt seinen Reichtum einfach so aus.

    Und wie sieht er aus, dieser Hoffnungsort, dieser Gott? Wo ist er? Ohne Bilder ist dieser alles umfassende Gott nicht zu beschreiben. Und die Beterin des Psalms benutzt ein Bild aus dem Tierreich: So wie die Schwinge eines Vogels alles abdeckt, was für Jungvögel lebenswichtig ist – so ist Gott: Wir Menschenkinder sind unter dem Schatten des – im wörtlichen Sinn – alles umfassenden Flügel Gottes geborgen: behütet und beschirmt vor grellen, geradezu tödlichen Strahlen.

    Alles gut? Jein. Der Schutz unter Gottes Flügel bedeutet nicht einfach, dass wir in einer Wohlfühloase gelandet sind, in der wir es uns gut gehen lassen könnten. Dieser Schatten unter Gottes Flügel ist einerseits natürlich Hoffnungsort und andererseits ist dieser Schatten aber auch Handlungsort für das, was getan werden muss, damit wir unseren Teil der Aufgabe aus der Urgeschichte erfüllen und unsere Verantwortung wahrnehmen: die Bosheit der Menschen im Zaum zu halten und so den Fortbestand des für das Leben notwendigen Wechsels gewährleisten.

    So und nur so werden wir satt – wie die viertausend auf dem Feld bei Jesus, der die Hungrigen mit dem Wort Gottes und anschließend auch mit Brot und Fisch speist; wie die Menschenkinder unter dem Schatten der Flügel Gottes, die die reichen Güter des Hauses Gottes genießen dürfen. Daran erinnern wir uns jedes Jahr neu, wenn wir Erntefest feiern. Mögen wir unter dem Schatten von Gottes Flügel die Kraft finden, auch als Menschenkinder und Kinder Gottes zu leben! Amen.

  • Predigt im Rahmen der Sommerkirche 2026 über Psalm 121,5.7.8

    Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

    Liebe Geschwister in Christus!
    Ein Bild – ein Bild, in dem einige eine alte Frau mit zerknautschtem Gesicht erkennen und andere eine junge Frau mit zarten Proportionen und eleganter Kleidung. Der Titel lautet: „Meine Frau und meine Schwiegermutter“; es wurde von dem amerikanischen Illustrator William Ely Hill geschaffen und erschienen zuerst in dem Magazin Puck im Jahr 1915.

    Es kommt darauf an, was jemand zuerst gesehen hat. Manchmal dauert es eine richtig lange, bis Menschen die jeweils andere Sicht gefunden haben. Manchmal gelingt es sogar gar nicht! Das Schöne an diesen Bildern ist: Es gibt kein richtig oder falsch! Beide Sichtweisen sind ja von dem Künstler gewollt; es liegt in der Natur der Sache!

    Auf eine sehr ähnliche Art funktionieren solche Spielereien auch mit Texten. Ganz oft sorgt die Betonung der einzelnen Worte oder Satzteile, wie jemand einen Satz versteht. Oder es ergibt sich jeweils ein anderer Sinn, je nachdem, wo ein Komma gesetzt wird oder nicht. Eine der sehr bekannten, etwas sarkastischen Varianten ist unter der Überschrift „Satzzeichen retten Leben“ der Satz: „Komm, wir essen, Opa!“ Wer vor dem Opa das Komma weglässt – o je!

    Das ging mir durch den Kopf, als ich mich mit dem Psalm beschäftigt habe, der heute im Mittelpunkt steht. Der Anfang von Psalm 121 lautet: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?“ Schon in der 1984er Lutherbibel, mit der ich in gewisser Weise groß geworden bin, steht diese Übersetzung, und in der 1975er Revision ebenfalls. Allerdings immer mit dem Hinweis, dass Martin Luther – weil er die lateinische Übersetzung der Bibel als Übersetzungshilfe neben sich liegen hatte – ursprünglich formulierte: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt.“

    Es ist ein Aussagesatz, wie er in der über eine lange Zeit gültigen Lutherübersetzung aus dem Jahr 1912 gestanden und so oft als Konfirmationsspruch oder als Trauspruch vergeben wurde: Der Ort, von dem her mir Hilfe kommt, wo Gott also gewissermaßen wohnt, das ist hoch oben in den unzugänglichen Bergen; da, wo ein lokaler Berg- und Wettergott eben wohnt; vor allem da, wo Menschen normalerweise nicht hingehen, weil das Gelände und die Nähe zu Gott zu gefährlich wären. Aber: Von dort her ist Hilfe zu erwarten!

    Und die Hilfe kommt nicht nur von einem eher unbedeutenden lokalen Berg- und Wettergott, sondern – und das macht der Beter des Psalms dann im 2. Vers deutlich – von dem Gott, der Himmel und Erde gemacht hat. Drunter geht nicht. Es ist eben der alles umfassende Gott, der Schöpfer von Himmel und Erde; der Gott, der Israel zu seinem Erbteil erwählt hat und mit dem dieser Gott einen ungekündigten Bund geschlossen hat. Und so habe ich diese Stelle durch die eingefügte Erklärung auch immer verstanden. Ich habe diese Stelle gewissermaßen mit einer Lutherbrille betrachtet.

    Aber was machen Menschen, die da wohnen, wo es keine Berge gibt und die deshalb ihre Augen nicht zu den Bergen, dem Sinnbild für Gottes Gegenwart und Stärke erheben können? – So könnte man scherzeshalber fragen! Nun: Nicht nur für diejenigen, die keine solchen realen Berge zum Aufsehen habe, gibt es dann noch die zweite Deutungsmöglichkeit, die ich eben erst jetzt bei der Vorbereitung dieser Predigt für mich entdeckt habe.

    In dieser zweiten Deutungsmöglichkeit des ersten Verses handelt es sich bei den angesprochenen Bergen nicht um den Wohnort Gottes, sondern um die Berge, die sich vor mir auftürmen und von denen ich meine, dass ich sie gar nicht überwinden kann. Es sind die Berge von Problemen, die ich habe und für die ich dringend Hilfe brauche, weil ich sonst mein Leben nicht schaffe und auf die Reihe bekomme.

    Je länger ich diese zweite Sicht wahrnehme, desto wichtiger finde ich, dass sie in der Bibel vertreten ist. Denn es gibt so viele Menschen, die vor schier unüberwindlichen Bergen stehen und nicht wissen, wie alles funktionieren soll. Es sind die Menschen, die in ihrer Existenz bedroht sind, die verzweifelt fragen, rufen, schreien oder vor Kraftlosigkeit nur noch flüstern, woher denn die Hilfe kommen soll! Und genau denen wird geantwortet, woher sie Hilfe zu erwarten haben.

    Es steht nichts davon da, wer genau die Menschen sind, die auf Hilfe hoffen. Der einzige Hinweis ist in der liturgischen Fassung, die wir heute Morgen gesprochen haben, nicht wiedergegeben: Es ist eine Art Regieanweisung, ein Hinweis auf den Sitz im Leben dieses Psalmes: Es handelt sich bei Psalm 121 um ein Wallfahrtslied, um ein Lied für die Pilgerreise.

    Wallfahrten und damit Pilgern ist ja nicht nur eine heutige oder mittelalterliche Form von Spiritualität. Schon immer sind Menschen zu heiligen Orten gewandert, weil sie sich davon Nähe zu ihrem Gott und damit Heil und ganz oft auch Heilung versprochen haben. Auch im Volk Israel hat es solche Pilgerreisen gegeben – ganz besonders zum Tempel in Jerusalem. Manche Ausleger sehen die Eingangsfrage des Psalms und die Antwort im 2. Vers mit all den Segensworten, die sich anschließen, ganz besonders am Jerusalemer Tempel verortet, wenn die Pilger endlich dort angekommen sind.

    Aber es hat bestimmt auch andere Gelegenheiten gegeben, bei denen dieser Psalm erklungen ist. Und in der christlichen Tradition ist dann der ganze Lebensweg als eine Pilgerreise zu Gottes himmlischem Heiligtum verstanden worden. Die heiligen Orte – allen voran Jerusalem aber dann auch Rom, Santiago de Compostella und viele andere – waren somit immer nur „vorletzte Ziele“.

    „Woher kommt mir Hilfe?“ Die existenzielle Not hat Menschen immer wieder so fragen lassen – bis heute. Und sie bekommen bis heute eine Antwort: Hilfe kommt von Gott – dem Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, der deshalb größer ist als alle anderen Götter damals und heute und zu allen anderen Zeiten.

    Gott bewahrt davor, zu stolpern, zu straucheln und dann liegen zu bleiben, – damit wir am Ziel unseres Lebens ankommen.
    Gott schläft nicht, er schlummert noch nicht einmal. So ist er immer aufmerksam und bekommt er alles mit, was den Menschen geschieht – ein kleiner Seitenhieb auf den kanaanitischen Gott Baal, der anscheinend geschlafen hat, als Elia die Baalspriester zum Wettkampf aufgefordert hatte und der nicht geantwortet hat.

    Der Herr behütet dich – ja, wir sind beschirmt unter einem Hut, unter einem Schirm, wie auch immer! Denn wie wichtig ist der Schatten in einem Land, wo die Sonne oft noch so viel unbarmherziger scheint, als bei uns in den letzten Tagen! Und Gott beschattet auch in der Nacht, sodass die schädlichen Einflüsse des Mondes nicht wirksam werden können.

    Schließlich richtet sich der Blick in die Zukunft – der Zuspruch für die Gegenwart wandelt sich in Segen für den weiteren Weg. Der deutsche Konjunktiv mit „behüte dich“ hat dabei nicht weniger Gewissheit als der bestimmte Indikativ „behütet dich“. Es ist der Hinweis, dass es bei allem nicht auf die Menschen ankommt, sondern dass alles in der Macht Gottes liegt.

    Aus Sicht des Psalmbeters ist es natürlich immer der Tempel, das Heiligtum in Jerusalem, von dem aus es ganz behütet und beschirmt nach der Pilgertour wieder hinaus in die Welt geht, damit sie dann mit der nächsten Pilgerreise wieder zum Heiligtum, gewissermaßen nach Hause zurückzukommen.

    Es ist vielleicht aufgefallen: In diesen Psalm beschirmt und behütet Gott, aber er schiebt die Berge, die ich meine nicht bezwingen zu können – nicht einfach weg; sie sind – vielleicht zur Enttäuschung von manchen – immer noch da. Da ist die Bibel sicherlich sehr realistisch und macht Gott nicht zu einem Zauberer, der alle Schwierigkeiten auflöst. Denn das würde ja auch der Erfahrung der Menschen total widersprechen. Aber mit Gottes Hilfe sind die Problem-Berge zu ersteigen und vor allem zu überwinden. Das ist die Blickrichtung, das ist die Perspektive, die uns die Betenden von Psalm 121 seit Jahrhunderten immer wieder neu ermöglichen. Wir sind behütet und beschirmt! Amen.

    Zum Gottesdienst:
    Vorspiel: Meditation zu „Ich seh empor zu den Bergen“
    1. Lied: „Ich seh empor zu den Bergen“ (Text: Ute Passarge, Musik: Andreas Lettau; #lautstärke 39)
    Psalm 121 (Luther 2017)
    3-faches Kyrie mit Gedanken von Hartmut Handt aus „Lass mich fallen in dein Wort. Texte zu den Wochenpsalmen“ (Wuppertal 1995)
    Gnadenzuspruch: Römer 8,38-39
    Tagesgebet (nach einem Gebet von Christine Tergau-Harms aus: Psalmengottesdienste zum Kirchenjahr, ggg 20, Hannover 2012)
    Judas 20-25
    „Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht (EG 591)
    Johannes 6,35-40
    Befiehl du deine Wege (EG 361,1+2+7; Text: Paul Gerhardt, Musik: Peter Bubmann)
    Predigt
    Befiehl du deine Wege (EG 361,8+11+12; Text: Paul Gerhardt, Musik: Peter Bubmann)
    Credo nach einer Psalmübertragung von Psalm 121 von Peter Spangenberg (in „Höre meine Stimme. Die Psalmen“, Hamburg 2023)
    „Ich heb mein Augen sehnlich auf“ (EG 296; Text Cornelius Becker; Musik: Johann Baptista Serranus)
    Fürbitten (nach einem Gebet von Katharina Wiefel-Jenner: Wochengebet der VELKD zum 8. So. n. Trin. 2026)
    „Ausgang und Eingang“ (EG 175; Text und Musik: Joachim Schwarz)
    Segen (Christine Tergau-Harms aus Psalmengottesdienste zum Kirchenjahr, ggg 20, Hannover 2012)
    Nachspiel „Anker in der Zeit“ (Text und Musik: Albert Frey)

  • Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

    Liebe Geschwister in Christus!
    Eine Abendgesellschaft; bevor es zum Essen geht, steht man zusammen und unterhält sich mit einem Glas Sekt in der Hand. Und es trifft sich, dass man neue Menschen kennenlernt. Es wird erzählt: Woher man kommt und was man so macht. Das ist die Situation, die in einer Karikatur von Thomas Plaßmann dargestellt wird. Der Protagonist steht da, als ob er in eine saure Zitrone gebissen hätte. Denn die Frage, die ihm gestellt wird, lässt ihn erschaudern: „Christ?! Ach, interessant? Und was macht man da so?“ Ein Wort hatte das andere ergeben und in der angeregten Unterhaltung hatte er sich wohl zu seinem Christsein bekannt. Und dann diese Frage: „Christ?! Ach, interessant? Und was macht man da so?“

    „Christ?! Ach, interessant? Und was macht man da so?“ Karrikatur von Thomas Plaßmann
    © Thomas Plaßmann

    Fast hört es sich in dieser Situation an, als ob nach dem Beruf oder Hobby gefragt wird. Darin sind wir alle geübt: Über unseren Beruf zu erzählen, wie wichtig der ist und was ihn ausmacht. Ganz ähnlich ist es bei unseren Hobbys: Was jemand bei der freiwilligen Feuerwehr macht, lässt sich ebenso gut beschreiben, wie die Trainingseinheiten beim Handball und Fußball; was eine Briefmarkensammlerin tut und was eine Reiterin – alles lässt sich wunderbar erklären; wie bei so vielen anderen Hobbys auch. Und je spezieller ein Hobby ist, desto faszinierender mag es sein, sich von einer Fachfrau oder einem Fachmann das jeweilige Wissensfeld erklären zu lassen.

    „Christ?! Ach, interessant? Und was macht man da so?“ – Ja, was mache ich als Christ denn so? Erster Impuls: »Von wegen Hobby! Natürlich ist Christsein kein Hobby, das man in der Freizeit betreibt und wenn man mal keine Zeit hat, geht man halt nicht hin – wie beim Training oder der wöchentlichen Vereinsversammlung.« Zweiter Impuls: Richtigkeiten verbreiten, die jeder kennt! »Christsein ist etwas, das das ganze Leben umfasst, keine nur oberflächliche Einstellung. Ich glaube: an Gott, an Jesus Christus, wie ihn uns die Heilige Schrift verkündigt, an den Heiligen Geist. Ich gehe zur Kirche, zahle meine Kirchensteuer. Ich bete: nicht nur im Gottesdienst, sondern auch zwischendurch – vielleicht sogar ganz regelmäßig morgens und abends.«

    Um dann nach diesen ersten Impulsen zu entdecken: Die Frage danach, was man als Christ so macht, ist damit nicht wirklich beantwortet. Ja, um es neutral zu sagen: Christsein ist natürlich zuallererst eine Haltung. Aber was sind dann konkrete christliche Handlungen? Was ist christlicher Glaube außer dem „Du zu du mit Gott“?

    Perspektivwechsel: „Christ?! Ach, interessant? Und was machst du da so?“ Diesmal ist es Gott, der mich nach meinem Christsein fragt. Wie stehe ich dann da? Was will, was kann ich sagen? Bin ich vielleicht so mutig, wie der junge Mann, von dem wir in der Schriftlesung gehört haben: der von sich aus tiefster Überzeugung sagen kann, dass er alle Gebote gehalten hat – sogar von Jugend auf? Und der doch nicht in den Himmel kommt? Ich traue mich bestimmt nicht, mich so vollmundig ins beste Licht zu rücken. Gott weiß um meine Schwierigkeiten im Halten der Gebote, um meine Lücken und dunklen Flecke in meinem Leben. Da brauche ich ihm nichts vorzumachen. Und trotzdem bleibt die Frage offen: „Du bist Christ? Und was machst du da so?“ Wie stehe ich da vor Gott? Bin ich ihm recht?

    Wie oft haben sich Christinnen und Christen im Lauf der letzten 2000 Jahre diese Frage gestellt: „Wie stehe ich da vor Gott? Bin ich ihm recht?“ Und: „Bin ich für ihn gut genug, dass er mich auch annimmt?“ Ja! So haben Paulus und Martin Luther und viele andere das immer wieder betont: „Ja, du bist Gott recht, er nimmt dich an, so wie du bist: mit deinem Glauben-Wollen und deinem immer wieder Nicht-Glauben-Können. Das ist es, was dir in der Taufe zugesagt ist: Ja, du bist Gott recht!“

    Und trotzdem bleibt die Herausforderung, zu sagen, was Christsein in das alltägliche Handeln übersetzt bedeutet. Welchen Zusammenhang es gibt zwischen dem Glauben, also dem Vertrauensverhältnis zwischen mir und Gott auf der einen Seite und meinem Handeln im Alltag der Welt auf der anderen Seite? Aus der ganz frühen Zeit des Christentums gibt es dazu einen Abschnitt zu lesen, der uns heute als Predigttext aufgegeben ist. Im Brief, der dem Apostel Jakobus zugeschrieben wird, heißt es im 2. Kapitel in der „Neuen Genfer Übersetzung“:

    14 Was nützt es, meine Geschwister, wenn jemand behauptet: »Ich glaube«, aber er hat keine entsprechenden Taten vorzuweisen? Kann der Glaube als solcher ihn retten? 15 Angenommen, ein Bruder oder eine Schwester haben nicht genügend anzuziehen, und es fehlt ihnen an dem, was sie täglich zum Essen brauchen. 16 Wenn nun jemand von euch zu ihnen sagt: »Ich wünsche euch alles Gute! Hoffentlich bekommt ihr warme Kleider und könnt euch satt essen!«, aber ihr gebt ihnen nicht, was sie zum Leben brauchen – was nützt ihnen das?
    17 Genauso ist es mit dem Glauben: Wenn er keine Taten vorzuweisen hat, ist er tot; er ist tot, weil er ohne Auswirkungen bleibt.
    18 Vielleicht hält mir jemand entgegen: »Der eine hat eben den Glauben und der andere die Taten.« Wirklich? Wie willst du mir denn deinen Glauben beweisen, wenn die entsprechenden Taten fehlen? Ich dagegen kann dir meinen Glauben anhand von dem beweisen, was ich tue. 19 Du glaubst, dass es nur einen Gott gibt? Schön und gut! Aber auch die Dämonen glauben das – und zittern!
    20 Willst du denn nicht begreifen, du unverständiger Mensch, dass der Glaube ohne Taten nutzlos ist? 21 Wurde nicht unser Vater Abraham aufgrund seines Tuns für gerecht erklärt? Er wurde für gerecht erklärt, weil er seinen Sohn Isaak auf den Altar legte, um ihn Gott als Opfer darzubringen. 22 Daran siehst du, dass sein Glaube mit seinen Taten zusammenwirkte; erst durch seine Taten wurde sein Glaube vollkommen. 23 Und erst damit zeigte sich die volle Bedeutung dessen, was die Schrift sagt: »Abraham glaubte Gott, und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet«; ja, er wurde sogar »Freund Gottes« genannt.
    24 Ihr seht also, dass der Glaube allein nicht genügt; ein Mensch wird nur dann von Gott für gerecht erklärt, wenn sein Glaube auch Taten hervorbringt. 25 War es bei der Prostituierten Rahab nicht ebenso? Auch sie wurde aufgrund ihrer Taten für gerecht erklärt, denn sie nahm die israelitischen Boten gastfreundlich bei sich auf und half ihnen, auf einem geheimen Weg aus der Stadt zu fliehen. 26 Genauso nämlich, wie der Körper ohne den Geist ein toter Körper ist, ist auch der Glaube ohne Taten ein toter Glaube.

    Ihr Lieben!
    So weit der Abschnitt aus dem Jakobusbrief, dessen Schreiber so oft und so oft mutwillig missverstanden worden ist: Als ob die Taten, das Handeln im Alltag der Welt für Christinnen und Christen die Voraussetzung für den Glauben und damit für die Annahme bei Gott wären. Aber das ist nicht so! Glauben und christliches Handeln sind die berühmte zwei Seiten der einen Medaille. Es geht das eine nicht ohne das andere. Oder mit den Worten des Jakobus: Wo die Hinwendung zu den Menschen fehlt, ist der Glaube tot.

    Das hatte schon Jesus so formuliert, als er auf die Frage nach dem höchsten Gebot, dem der Sonntag heute gewidmet ist, geantwortet hat: »Das höchste Gebot ist das: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft“. Das andre ist dies: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Es ist kein anderes Gebot größer als diese.« – Und der Apostel Paulus hat in seinem Brief an die Gemeinde in Ephesus über diejenigen, die von sich sagen, sie verkünden das Wort Gottes, gesagt: „An ihren Früchten werde ihr sie erkennen.“ Das ist unsere Aufgabe, denn wir alle sind durch unsere Taufe dazu berufen, das Evangelium zu verkünden – in Worten und Taten!

    Messen lassen müssen sich unsere Taten dann immer an dem, was im Sinn Jesu das Gute ist: an der Liebe zu Gott und zu den Menschen, die Gott uns zu unseren Nächsten macht. Unsere Taten sind aber nie die Voraussetzung dafür, dass Gott uns seine Liebe schenkt, sondern die Folge dieser Liebe. „Christ?! Ach, interessant? Und was macht man da so?“ – Lasst es uns herausfinden, lasst es uns leben und lasst unsere Taten dabei die Folge der Liebe sein, die Gott uns schenkt! Amen.

  • Predigt am 15. Sonntag nach Trinitatis über 1. Petrus 5,5b-11

    Der Predigttext 1. Petrus 5,5b-11 wurde zuvor als Schriftlesung gelesen.

    Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

    Liebe Geschwister in Christus!
    Es ist eines der eindrücklichsten Bilder, die in der Bibel vorkommen: der brüllende Löwe. Wer einmal einen Löwen live und in Farbe gesehen und seine Stimme gehört hat, wird das bestätigen können. Und wer die Nachrichten in der vergangenen Woche verfolgt hat, konnte da einen ganz besonderen Löwen brüllen hören: mit blonder Mähne in einer riesigen Halle und er brüllte fast vier Mal so lange, wie es ihm zugestanden hätte; Löwen kümmern die Regeln für andere Tiere anscheinend nicht. Doch davon später!

    Vorher würde ich gerne wissen, bei wem sich bei dem Wort Demut ein gewisses Unbehagen eingeschlichen hat. Dieses Wort hat in unserer Zeit einen schlechten Ruf. Denn es steht in der Gegenwart ganz oft für eine schlaffe Haltung ohne Rückgrat, ohne eigenen Willen und vor allem ohne alle Macht. Und so wollen wir uns natürlich nicht sehen: nicht 3 cm mit Hut.

    Ich hoffe, Ihr habt trotzdem nicht aufgehört, auf den weiteren Text zu hören. Denn der ist es wirklich wert! Und Demut im Sinn von Kadavergehorsam und sklavische Ergebenheit wird diesem Wort einfach nicht gerecht; es ist schlicht falsch, auch wenn leider auch in der Kirche diese Stelle und andere Stellen dazu missbraucht wurden, Menschen klein und unselbstständig zu halten. Aber: Warum sollte sonst in Demut das Wort „Mut“ stecken.

    Ich frage also noch einmal nach der „Demut“, besser nach ihrem Gegenteil: Was ist das Gegenteil von Demut? – Richtig, auch im Text wird ein Gegenteil genannt: Hochmut. Und Hochmut im Blick auf unser Verhältnis zu Gott bedeutet: „Ich meine, in meinem Leben alles aus eigener Kraft schaffen zu können.“ Vom Erwachsenwerden bis zur eigenen Kindererziehung, von der Schule bis zur führenden Stellung im Beruf, vom Gesundbleiben bis zum richtigen Älterwerden; und so weiter. Wer allerdings so durch das Leben geht, wird feststellen, dass der Hochmut, alles aus eigener Kraft und Macht schaffen zu können meistens vor dem tiefen Fall kommt. „Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“, schreibt der Apostel.

    Es gibt aber noch ein weiteres Gegenteil von „Demut“ – wenn ihr so wollt, genau in die andere Richtung. Und da sind wir bei der falsch verstandenen Bedeutung von Demut. Demütig sein ist das genaue Gegenteil von „unterwürfig sein“.

    Ich meine nicht, dass Menschen stolz zu sein hätten, damit wären wir schon wieder beim Hochmut. Ich meine aber, dass wir uns durchaus ein gewisses Selbstbewusstsein zu eigen machen dürfen. Der Schreiber des ersten Johannesbriefes schreibt uns, dass wir uns nicht nur Gottes Kinder nennen dürfen, sondern es tatsächlich auch sind! Wie wunderbar ist das denn! Gottes Kinder, nicht seine Sklaven, die er nach Belieben herumscheuchen kann; Gottes Kinder, ja sogar seine Erben, wie es Paulus schreibt. Das ist der Stand, in den wir durch unsere Taufe erhoben werden!

    Ja, der Apostel fordert uns auf, uns unter Gottes Hand zu demütigen. Wir sollen es tun, wie Kinder sich ihren Eltern anvertrauen, weil sie wissen: Meine Eltern sorgen für mich; bei ihnen bin ich in Sicherheit, ohne dass ich aufhöre, ein eigener Menschen mit meiner eigenen Würde zu sein! Und wie meine Eltern mich „groß machen“ – wie es hier in Ostwestfalen so schön heißt –, damit ich irgendwann selbstständig mein Leben gestalten kann, so wird auch Gott mich groß machen und erhöhen.

    Es wird in meinem Leben auch immer wieder andere geben, die von mir verlangen, dass ich mich ihnen unterstelle, die über mich Macht ausüben wollen und mich für ihre Zwecke benutzen wollen. Es geht da nicht einfach um eine Rangordnung im Gefüge eines Dienstverhältnisses. Im alltäglichen Leben muss geleitet werden und es müssen die Richtlinien der Leitung befolgt werden. Aber so etwas darf nie zu einem absoluten Abhängigkeitsverhältnis führen. Die Frage ist wie so oft: Wem gebe ich Macht und Herrschaft über mich – Gott oder denen, die mich nur benutzen wollen, um ihre eigenen Ziele zu erreichen. Meine Entscheidung ist da klar: Niemand soll absolute Macht über mich haben, als nur Gott!

    Demut Gott gegenüber heißt, mich ihm unterstellen und seine Macht über mich anerkennen und damit aufrecht und selbstbewusst allen anderen gegenüber dastehen, die irgendwelche Machtansprüche an mich stellen könnten. Und wie wichtig ist das, dass wir Kinder Gottes sind und so ein gesundes Selbstbewusstsein haben dürfen! Denn: „der Teufel geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge!“

    So geht es in unserem Text weiter und wir sind damit wieder bei dem Löwen, der in der UN-Vollversammlung gebrüllt hat. Auch hier muss ich einmal ganz schnell eine sprachliche Sache klären: Im griechischen Text steht für das Wort Teufel „Diabolos“. Und wenn man dieses Wort Stück für Stück ins Deutsche übersetzt ist es der „Durcheinanderwerfer“. Der Teufel ist keine Fantasiefigur mit Hörnern und Schwefelgeruch, wie er in früheren Jahrhunderten so gerne vorgestellt wurde. Der Teufel ist der, der die lebenserhaltende Ordnung zerstört, in dem er alles durcheinanderbringt. Und wenn wir uns umsehen, werden wir feststellen: Ganz vieles von dem, was wir einmal als sicher und feststehend geglaubt haben, ist ins Wanken geraten; Menschen sind verunsichert, weil plötzlich einer die Friedensordnung Europas durcheinander bringt und ohne Grund ein Land angreift; weil plötzlich sich ein Regierungschef mit Verordnungen über geltendes Recht hinwegsetzt und die Menschenwürde von nicht weißen Menschen mit Füßen zu treten scheint.

    Der Teufel mag aber auch auf ganz andere Weise unser Leben aus dem Gleichgewicht bringen: Wenn Partnerschaften auseinanderbrechen; wenn Krankheiten den eigenen Lebensentwurf zum Einstürzen bringen wie einen Turm aus Bauklötzen, der nur eben angetippt wurde; wenn plötzliche Arbeitslosigkeit einem den wirtschaftlichen Boden unter den Füßen wegzieht.

    Dem Diabolos, dem Durcheinanderwerfer, der alles ins Chaos stürzt, sollen wir widerstehen. Wie das geht? Auch dazu schriebt uns der Apostel etwas: Fest im Glauben sollen wir sein. Also: Stark sein sollen wir im Vertrauen auf Gott, widerstandsfähig gegen Anfeindungen, weil wir uns von Gottes Macht getragen und gehalten wissen. „Fest im Glauben“ heißt nicht, dass zeitlich bedingte Lehrsätze des Glaubens einbetoniert gültig sein müssen. Es heißt, dass unser Vertrauen in Gott und seine Fürsorge für uns ein Gegengewicht zu dem Chaos sein müssen, das der Diabolos angerichtet hat und weiter anrichtet.

    In unserer Taufe werden wir zu solchen Leuten berufen, die eben so sind: standhaft und gefestigt, dem Bösen gegenüber. Dieses Vertrauen, dieser feste Glauben ist aber nicht einfach so plötzlich da. Wir müssen dieses Vertrauen lernen. Nicht wie Vokabeln oder mathematische Formeln in der Schule. Wir brauchen Menschen, die uns das beibringen, indem sie uns das vorleben, indem sie uns Anteil an ihrem eigenen Vertrauen zu Gott geben. Eltern und Paten, die anderen Glieder der Gemeinde können solche Menschen sein.

    Und es heißt auch nicht, dass ein solches Leben, wie es uns der Apostel als so gut anpreist, von ganz allein und einfach so funktioniert. Der Diabolos ist eine reale Kraft, die uns immer wieder in Bedrängnis führen wird. Vielleicht wird sogar ein großer Teil unseres Lebens von diesem Widerstand gegen den Diabolos geprägt sein. Für viele wird es nur ein kleiner Trost sein, wenn sie wissen: Du bist mit deinem Kampf gegen das Chaos nicht allein, vielen von deinen Geschwistern im Glauben geht es ebenso. Aber alleine das Wissen, mit diesem Kampf nicht allein zu sein, wird helfen, den Blick zu weiten und mit der Frage nach dem „Warum ich?“ umgehen zu lernen. Der Apostel erinnert uns: „Du bist mit deinem Kampf nicht alleine; anderen geht es ebenso und diese Gemeinschaft trägt dich mit.“

    Und so groß, ja riesig dir deine Aufgabe in deinem Kampf auch scheinen mag, ist sie doch begrenzt. Der Apostel schreibt von einer kleinen Zeit, die diese Bedrängnis dauert. So groß das Leid auch für mich ist, es ist nicht unfassbar, es ist auch handhabbar. Der Grund dafür liegt in der Zusage, in dem Versprechen, das den Adressaten und damit auch uns vom Schreiber des Briefes gesagt ist: Gerade in der Situation der Bedrängnis wird Gott da sein und uns das geben, was wir brauchen: Er wird uns aufrichten, stärken, kräftigen und gründen!

    Das ist keine Vertröstung auf ein besseres „nach dieser kleinen Zeit“ des Leides, nach der dann wieder die Sonne scheint. Schon gar keine Vertröstung auf ein jenseitiges Leben. Das ist die Zusage in das Jetzt der Bedrängnis: Gott wird: Aufrichten – Gott holt uns aus der Verkrümmung und lässt uns so wieder frei durchatmen; Stärken und Kräftigen – von Gott kommt die Kraft, wenn unsere Kraft zu Ende ist, wiir werden nicht vergehen; Gründen – denn ohne ein Fundament können Menschen keinen sicheren Stand gewinnen. Mit Jesus Christus ist dieser tragfähige Grund gelegt und wir werden nicht versinken!

    Gott wird uns aufrichten, stärken, kräftigen gründen! Das ist die Zusage, auf die hin wir dem Durcheinanderwerfer entgegentreten können; die Zusage, auf die hin wir in der Taufe Menschen im Auftrag Gottes in seine ewige Herrlichkeit berufen, die schon hier und jetzt wirksam wird und im Hier und im Jetzt ihre Macht entfaltet. Darum sei ihm, diesem Gott, die Macht in alle Ewigkeit. Amen!