Predigt am 9. Sonntag nach Trinitatis

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Gemeinde!

Es sind eine der berühmten Fragen in einem Steckbrief, den man ausfüllen soll, um sich in einer Gruppe vorzustellen: „Was würdest du tun, was würdest du verändern, wenn Du für eine Woche Bürgermeister in unsere Stadt wärest?“ Oder Vorsitzender in deinem Sportverein oder Ministpräsident oder Bundeskanzler oder – im Konfirmandenunterricht immer wieder sehr beliebt: Jesus oder Gott? „Was würdest du tun in dieser einen Woche?“

Das eine oder andere fiele uns ja bestimmt ein, was wir neu oder anders und in jedem Fall besser machen würden: Mehr Raum fürs Fahrradfahren, mehr für den Umweltschutz, mehr für die Wirtschaft, weniger Krieg, weniger Gründe, dass Menschen aus ihrer Heimat flüchten müssen; dass alle Kinder gleiche Chancen im Leben haben; dass niemand vor allem auch am Ende des Lebens einsam sein muss. Und bei manchen dieser Punkte hätten wir vielleicht sogar den einen oder anderen konkreten Gedanken, wie wir das auch umsetzen könnten.

„Was würdest du tun in dieser einen Woche?“ Ein schönes Spiel, um zu sehen, wie die einzelnen Teilnehmer in der Gruppe so ticken. Und dann haben wir unsere kleinen Gedanken in der netten Runde vorgetragen und wollen uns entspannt zurücklehnen, um den anderen Teilnehmenden zuzuhören – was die sich so vorstellen können. Aber bei den nächsten Worten des Gruppenleiters haut es uns dann vom Stuhl: „Super! Ab jetzt bist du Bürgermeisterin!“ Oder eben Vereinsvorsitzender oder Ministerpräsident, Bundeskanzlerin. „Und das“, so hörst Du es wie durch einen Nebel, „nicht nur für eine Woche, sondern für die nächste Wahlperiode oder noch besser für den Rest deines Lebens!“

Die Reaktion bei uns allen wäre wohl die, die ich gerne die „Jeremia-Reaktion“ nennen möchte. Mit schreckgeweiteten Augen würden wir den Gruppenleiter anstarren und rufen: „Das ist doch ein Witz! Ich kann das gar nicht, ich doch viel zu jung!“ Oder zu alt, zu klein oder zu groß, zu neu oder zu dumm oder zu irgendetwas!

Es wäre eine „Jeremia-Reaktion“, denn genau so hat Jeremia damals auch reagiert, als er von Gott seine Berufung zum Propheten bekam; dann aber lässt Jeremia alles Weitere mit sich geschehen, auch wenn er in diesem Moment der Berufung kein wirkliches „Ja, ich will!“, sagt. Aber das haben auch andere nicht getan, an die ich denken muss, wenn ich mir die Geschichte Gottes mit seinem Volk so vor Augen halte. Viele wurden berufen und haben das getan, was ihnen Gott aufgetragen hat; die meisten haben es einfach getan und damit ihre Zustimmung gegeben.

Ich denke an Mose, der Gott so gut entgegengehalten hat: „Ich kann doch gar nicht reden!“ Und der von Gott seinen Bruder Aaron als Sprachrohr an die Seite gestellt bekam. Ich denke an Jona, der Reißaus nahm, um dem Auftrag Gottes zu entfliehen, und dann doch nach Ninive ging. Ich denke an Maria, die von Gabriel den Auftrag zur Geburt Jesu bekam, keinen Mann dafür vorweisen konnte und trotzdem durch Gottes Geist Mutter Jesu wurde. Ich denke an Petrus, der bei seiner Berufung zu Jesus sagte: „Geh weg von mir, Herr, ich bin ein sündiger Mensch.“ Ihm hat Jesus dann gesagt: „Von nun an wirst du Menschen fischen!“

Ich denke an den Kriegsheimkehrer und Pfarrer Helmut Gollwitzer und seine Erinnerungen an Krieg und sowjetische Kriegsgefangenschaft, die er in seinem so wichtigen Buch „Und führen, wohin du nicht willst“ nieder geschrieben hat. Dort in den sowjetischen Lagern und auf dem Weg hat er manches Schöne und viel Schreckliches erlebt. Und auch später hat er sich immer wieder den Herausforderungen gestellt, vor die er sich als Christ gestellt sah. Ich denke an Dietrich Bonhoeffer, der seinen Weg in den Widerstand gegen Hitler ganz bewusst als Christ ging.

Mir kommen zwei Menschen aus meiner Lebenszeit in den Sinn, die sich in ihrem Handeln zwar nicht direkt auf Gott oder Jesus Christus berufen haben, die sich aber auch vor übergroße Aufgaben gestellt sahen: In jüngster Vergangenheit ist das Gret Thunberg mit ihrem Engagement für den Erhalt unserer Lebenswelt auf dem Planeten Erde. Und vor fast genau vierzig Jahren, am 14. August 1980 begann in der Danziger Leninwerft der Streik, der den Anfang vom Ende des damaligen Ostblocks bedeutete. Und an der Spitze dieses Streiks stand der Elektriker Lech Walesa, der sich schon vorher für Arbeiterrechte engagiert hatte und dafür im Gefängnis gewesen war. In manchen Zügen sind diese beiden „Jeremia-Figuren“, wenn man auf die Repressalien bei Lech Walesa und den Spott und die Häme bei Greta Thunberg sieht.

„Und führen, wohin du nicht willst“ – Der Buchtitel von Helmut Gollwitzer könnte auch der Titel des Jeremiabuches sein, denn was in den vielen Jahren seines Wirkens geschehen ist, das hat Jeremia ganz bestimmt nicht erleben wollen. Und geahnt hat er es in dem Moment seiner Berufung ganz bestimmt, sonst wäre die Ermutigung Gottes „Fürchte dich nicht vor den Menschen, denn ich bin bei dir und will dich erretten.“, nicht nötig gewesen. Was kommen würde, stand Jeremia wohl nur zu genau vor Augen.

Aber ein zu junges Alter wie bei ihm oder eine mangelhafte Rhetorik wie bei Mose sind für Gott noch nie ein Hinderungsgrund gewesen, um jemanden für ein besonderes Amt, ein Prophetenamt zu berufen.

Jeremia hat seine „Jeremia-Reaktion“ überwunden und die Berufung dann angenommen. Warum? Es wäre doch so verständlich gewesen, bei dieser Lebensperspektive Gott einen Korb zu geben. Jeremia hat die Herausforderung trotzdem angenommen. Aus zwei Gründen: Gott war mit seiner Zusage, dass er Jeremia unterstützen und schützen würde, im direkten Gespräch wohl sehr überzeugend. Und Jeremia hat in seinem Wirken immer wieder erfahren, dass die Macht über Völker und Königreiche, die Gott ihm bei seiner Berufung verliehen hat, zwar keine aktive politische Macht war; aber Gottes Wort durch Jeremia hat immer wieder beides bewirkt: Zerstören und Verderben einerseits und Bauen und Pflanzen andererseits.

Der zweite Grund war aus meiner Sicht, dass Jeremia mit seinem Prophetenamt das verwirklicht hat, was Gott ihm schon buchstäblich in die Wiege gelegt hatte. Sein Amt als Prophet, sein Beruf war Berufung, wie wir das ja gerne auch sagen. Es war einfach in ihm drin, es war die Gabe Gottes ganz speziell an ihn. Jeremia hätte wohl nie anders gekonnt.
Der nächste Schritt ist, glaube ich, ganz folgerichtig eine Frage: Was ist Gottes Gabe an uns? An jede und jeden von uns hier im Gottesdienst, in der Gemeinde? Und was ist Gottes Gabe dann auch an uns als Kirche insgesamt? Und was ist – aus den Gabe Gottes folgend – unsere Aufgabe, die Gott für uns hat?

Auch für uns alle gilt: Gott hat seine ganz besondere Lebens-Absicht mit jeder und jedem von uns. Er hat sie und weiß sie schon, bevor wir unseren Weg in diesem Leben gestalten. Auf seine Weise hat es der von mir so verehrte Sytze de Vries in seinem Lied in Worte gefasst, die wir am Anfang gehört haben: „Tief im Schoß meiner Mutter gewoben“. Dass unser Lebensweg oft genug wie bei Jeremia auch von Finsternissen bedroht ist, wissen wir: „Der du wirkst, dass die Kleinen dir singen: Gib mir, Gott, lebenslang deines Namens Gesang, um die drohende Nacht zu bezwingen.“

Und: Gott stattet uns für das, was er mit uns vor hat, mit Gaben aus, die uns helfen, unseren Auftrag auszuführen. Musikalität, Redegewandtheit, handwerkliches Geschick, Zuhören können, Gruppen leiten können, kochen oder backen können, Menschen begleiten; aber auch politisch aktiv werden und eintreten für den Erhalt der Schöpfung, für soziale Gerechtigkeit und Frieden. Alles gehört zu den vielen möglichen Bereichen, in denen deine und meine Aufgabe liegen können, die Gott für uns hat.

Bei Jeremia war es die Gabe der prophetischen Rede, mit der Gott ihn begabt hatte. „Ich lege meine Worte in deinen Mund.“, sagt Gott. „Deine Worte in meinem Mund“, wird Jeremia gedacht haben. Und ich frage mich, wie das wohl schmeckt – Worte Gottes im Mund zu haben. Aber das ist dann eine andere Predigt.

„Was würdest du tun in dieser einen Woche?“ Wir müssen zum Glück nicht von jetzt auf gleich in Porta Westfalica Bürgermeister werden – dafür gibt es genügend Kandidatinnen und Kandidaten; ebenso für das Amt des Bundeskanzlers und viele andere herausragende, wichtige und anspruchsvolle Aufgaben.

Aber wir sollen, müssen und wir dürfen immer wieder damit rechnen, dass Gott uns für diese oder jene Aufgabe anspricht, die wir für ihn erledigen sollen – zum Wohl der Menschen und zum Segen für seine Kirche. So schwierig wie für Jeremia wird es wohl nicht werden. Ich glaube: Wir brauchen keine „Jeremia-Reaktion“ mit einem „Aber ich bin doch viel zu dieses oder jenes!“

Wir kennen die Geschichte von Jeremia und wie Jeremia dürfen wir deshalb darauf vertrauen, dass Gott auch bei seinen Aufträgen für uns sagt: „Ich traue dir das zu, du schaffst das, denn ich bin mit dir, ich habe dir alle Gaben, alle Talente gegeben, die du dafür brauchst. Sie liegen schon seit deiner Geburt in dir bereit. Gehe du in Freiheit den Weg, den ich für dich bestimmt habe. Ich bin mit dir!“ Amen.

Predigt am 8. Sonntag nach Trinitatis 2020

Der Predigttext Johannes 9,1-7 wurde zuvor als Evangelium gelesen.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Gemeinde!
Wen nehmen Sie so im Vorübergehen wahr: Wenn Sie durch die Bäckerstraße in Minden laufen; wenn Sie in Porta durch den WEZ oder durch den Penny oder hier nebenan durch den Niedrigpreismarkt gehen; wenn Sie mit dem Auto durch unsere Stadt fahren und jemand an der Straße steht oder auf dem Bürgersteig entlanggeht? Ich selber weiß: Es passiert ganz schnell, dass ich in Gedanken überhaupt nicht darauf achte, wer mir da begegnen könnte. Und ein paar Stunden oder Tage später höre ich dann ein sehr enttäuschtes „Du hast mich ja gar nicht gesehen!“ Oder noch etwas schlimmer: „Der Pastor hat was gegen mich, der grüßt mich gar nicht!“ Wie gesagt: Es passiert ganz schnell und, ich glaube, es passiert uns allen.
Bei Jesus ist es anders. Auch nach einer eher brenzligen Situation nimmt Jesus die Menschen um sich herum sehr genau und bewusst wahr. Er sieht und führt damit eine Tradition Gottes aus dem Alten Testament fort: „Du bist ein Gott, der mich sieht!“ sagt Hagar, die von Abraham verstoßene und geflohene Sklavin.

Jesus sieht – und er sieht einen Menschen. Und es ist ganz wichtig, das so festzuhalten. Denn der, den er sieht, ist zu allererst und voll und ganz Mensch. Er hat sicherlich seine Besonderheit, dieser Mensch, aber er ist – wie wir alle – zuallererst und vollkommen Mensch. Erst ergänzend wird gesagt, dass er von Geburt an blind ist. Um es etwas allgemeiner zufassen: Er hat eine Behinderung, ist sicherlich in vielen Bereichen seines Lebens eingeschränkt. Das nimmt ihm aber nichts von seinem vollen Menschsein. Es ist kein Defizit. Auch wir heute müssen uns das immer wieder sagen lassen.

Blind sein zu Jesu Zeiten war eine ganz schwierige Situation. Die Lebensumstände waren schwierig. Es war eine Krankheit, die damals nur durch Gott und damit nur durch ein Wunder geheilt werden konnte. Dazu kommt dann noch, dass in der damaligen Gesellschaft oft genug ein solches Schicksal als Folge von Schuld und Sünde angesehen wurde. Die Frage der Jünger zeigt es deutlich: „Wer hat gesündigt – er oder seine Eltern?“ Und machen wir uns nichts vor – solche Äußerungen gibt es auch in der christlichen Kirche bis heute: Behinderung als Strafe Gottes. Manche Leute wissen anscheinend ganz genau, wie Gott tickt.
Jesus schiebt diesem ganzen Gerede einen Riegel vor, wie er das an manchen anderen Stellen auch schon getan hat. Niemand ist schuld; Gott straft niemanden so für Verfehlungen in seinem Leben oder in dem der Eltern. Auch das müssen wir heute uns immer wieder sagen lassen.

Niemand also ist schuld an dieser Behinderung. Erinnern wir uns: Jesus sieht zuallererst den Menschen. Für ihn ist klar: Auch von diesem Blindgeborenen gilt, was in der Schöpfungsgeschichte gesagt ist: „Siehe, es war sehr gut.“ Und Jesu setzt noch eins drauf: Gottes Werke sollen gerade an diesem Blinden offenbar, also sichtbar werden! Weil wir wissen, wie die Geschichte weiter geht: mit dem Wunder, das Jesus wirkt, sodass der Mensch wieder sehen kann – weil wir das wissen, sind wir ganz schnell dabei und sagen: Genau, das Wunder zeigt uns die Werke Gottes. Aber davon steht an dieser Stelle im biblischen Text noch nichts. Es steht da auch nicht, dass Johannes berichtet: „Jesus wusste aber schon, was er tun wollte.“ Wie an anderer Stelle scheint das Wunder nicht das Wichtigste zu sein. Und in dieser Situation bleibt es zunächst offen, was die Werke Gottes wohl sein werden.

Diese Offenheit lenkt meinen Blick erneut in unsere heutige Zeit und erinnert mich daran, dass wohl an jedem Menschen, den wir in unserem Leben treffen, die Werke Gottes sichtbar werden können. Das können Menschen sein, die wie in dieser biblischen Geschichte mit körperlichen Einschränkungen in ihrem Leben zurecht kommen müssen; das können aber auch ganz andere Menschen sein, von denen ich das gar nicht erwartet hätte – Menschen, die jede und jeder für sich so ihre Eigenarten haben – wie ich und wie alle anderen auch. Gott lässt seine Werke an den Menschen sichtbar werden, die er sich aussucht und nicht an denen, die wir im vorschlagen würden. Auch wir heute müssen uns das immer wieder sagen lassen.

Und dann nimmt Jesus seine Jünger in die Pflicht: „Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat!“ Das „Wir“ steht da garantiert nicht zufällig so betont am Anfang des 4. Verses und nirgendwo sonst in den ganzen 2 Kapiteln Johannes 9 und 10. Nicht Jesus alleine wird es mit seinen göttlichen Kräften richten. Jesus will auch kein lavierendes „Ach, wir sollten mal dieses oder jenes tun.“, bei dem man vorher schon weiß, dass alles im Sand verlaufen wird. Es gilt für uns alle: Anpacken und das Nötige, das Lebenfördernde tun: wo Not am Menschen ist. Das steht sprichwörtlich unter einem guten Stern: „Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt!“ sagt Jesus.

Denn es könnte auch ganz anders sein, sagt Jesus: „Es kommt die Nacht, in der niemand wirken kann.“ Und hier bekommt die Frage nach der Sünde der Eltern doch noch einmal eine für unsere Gegenwart besondere Bedeutung, aber eben nicht als Strafe Gottes: Die Vorstellung, dass Kinder die Haftung für die Sünden der Eltern übernehmen müssen, gibt es oft in der Bibel. Und wir haben in unserem 21. Jahrhundert mit allen Fragen rund um Corona, der Frage nach der Genetik und vor allem der Klimafrage eine Ahnung davon, was dieser Satz bedeuten kann: „Es kommt die Nacht, in der niemand wirken kann.“ Gerade wir heute müssen uns das immer wieder sagen lassen. Sorgen wir dafür, dass Jesus in dieser Welt präsent ist und bleibt und wir handeln können.

Und dann kommt schließlich auch noch das Wunder, wenn Jesus den Blindgeborenen heilt. Daran entzündet sich im weiteren Verlauf der Geschichte der Ärger von manchen Leuten, weil Jesus einen Brei oder Teig macht, den er dem Blinden auf die Augen streicht; aber Teig oder Brei machen ist ja am Sabbat verboten. Und das Wunder geschieht, als Jesus gar nicht dabei ist: am Teich Siloah. Mir ist das Handgreifliche und Erdige wichtig, wenn Jesus dem Blinden diesen Brei auf die Augen streicht: Es erinnert an den 2. Schöpfungsbericht, in dem Gott den Menschen aus Erde formt und ihm den Atem des Lebens einhaucht.

Entscheidend aber ist doch, dass der vorher Blinde am Ende seinen Glauben bekennt. Er sprach: „Herr, ich glaube.“ Und er betete Jesus an. Vers 38. Er hat in Jesus Christus zu Gott gefunden und setzt sein Vertrauen, seinen Glauben auf diesen Jesus. Aber das gehört leider nicht mehr zum offiziellen Predigttext.

Aber wir sollen und können das auch: Unser Vertrauen auf diesen Jesus setzten und mit unserem Leben und Handeln dafür sorgen, dass Jesus in dieser Welt präsent bleibt; dass er so das Licht dieser Welt bleibt! Indem wir wie Jesus auch im Vorübergehen das Elend wahrnehmen, das da ist, indem wir anpacken und Licht in die Sache bringen. Indem wir nicht wie die Jünger zuerst nach Schuld und Sünde fragen, sondern indem wir Verantwortung übernehmen. Unser Ansporn dabei ist Jesus Christus, das Licht der Welt. Auch das lassen wir uns heute wieder sagen und handeln. Amen.

Vielen Dank an Harald Schröter-Wittke für seine inspirierende und berührende Meditation in den Göttinger Predigtmediationen (Gött. Predigtmed. 74, S. 384-390).

Predigt am 1. Sonntag nach Trinitatis 2020

Brief an die westfälischen Gemeinden und Pfarrer von Präses Karl Koch vom 13. Juni 1945. Weitere Informationen zum 75-jährigen Bestehen der EKvW auf https://www.evangelisch-in-westfalen.de/kirche/unsere-geschichte/75-jahre-ekvw/

Der Predigttext aus Apostelgeschichte 4,32-37 wurde als Schriftlesung vorgetragen.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde!
Da wäre ich gerne mit dabei gewesen, denke ich: Damals in der Urgemeinde, wie sie uns Lukas in seiner Apostelgeschichte schildert: die Menge – wohlgemerkt – die große Menge der Gläubiggewordenen ein Herz und eine Seele. Und ein paar Handschriften in der frühesten Überlieferung der Apostelgeschichte und des Neuen Testamentes insgesamt aus dem 3. Jahrhundert setzen sogar noch eins drauf: „Es war kein Streit bei ihnen keinen Tag.“ Da möchte ich dabei gewesen sein, denke ich, denn so wünsche ich mir Kirche: in herzlicher Verbundenheit und ohne Streit und innere Kämpfe.

Aber dann trete ich innerlich einen Schritt zurück und frage mich: War es wirklich so? In der Erinnerung, im Rückblick verklärt sich ja manches und Lukas schreibt doch mit einigem zeitlichen Abstand. Warum muss Lukas den Joseph Barnabas so exemplarisch darstellen, dass es fast schon ein wenig peinlich wirkt? Brauchte es wirklich so einen Beweis durch einen, der in der Gemeinde so gut bekannt war – ein Levit aus Zypern? Und braucht es anschließend dann auch noch die Geschichte von Hananias und Saphira, die einen Teil des Geldes für einen verkauften Acker zurückhalten und deshalb beide vor den Aposteln tot zusammenbrechen? Dieses leuchtende und das folgende abschreckende Beispiel machen doch nur Druck; soll so Kirche sein?

Und indem ich diesen inneren Schritt zurücktrete, steigt auch noch eine andere Frage in mir auf: Möchte ich wirklich so eine Kirche? Ist eine Gemeinschaft, die einfach nur „ein Herz und eine Seele“ ist, nicht auch so etwas wie eine Blase, in der diese Gemeinschaft lebt und geradezu schwebt – irgendwie auf „Wolke sieben“? Das gleicht dann doch manchen Gruppen heutzutage in ihrer Internetblase, die gar nichts mehr von dem um sich herum und vom wirklichen Leben mitbekommen? Die bestätigen sich doch in ihren Meinungen immer nur selbst.

Trotzdem ist dieser Abschnitt aus der Apostelgeschichte ganz wichtig für die Gestalt der Kirche. Denn er stellt ein Grundprinzip dieser Urgemeinde und damit der Kirche seither und bis heute im Mittelpunkt: Die Apostel sorgten dafür, dass alle, die zur Gemeinde gehörten, das bekamen, was sie brauchten. Gerne wird diese Schilderung als urchristlicher Kommunismus bezeichnet. Aber Kommunismus gibt es erst seit dem späten 19. Jahrhundert, deshalb ist der Begriff falsch. Die „Gütergemeinschaft der ersten Christen“, wie die Lutherbibel den Abschnitt überschreibt, trifft es besser. Und die Art, wie diese Gemeinschaft organisiert wird, ist Gerechtigkeit in ihrer besten Form.

Denn es bekommt erstens nicht jeder das, was er will. Also geht es nicht darum, sich einfach nur die eigenen Wünsche zu erfüllen, sondern dass objektiv darauf gesehen wird, was jemand braucht. Es geht aber auch nicht darum, einfach allen in gleichen Teilen etwas zu geben. Denn die Lebenssituationen der einzelnen Gemeindeglieder sind damals ebenso unterschiedlich gewesen, wie sie es heute auch sind. Alle das Gleiche: Oft genug ist das für diejenigen, die gut dastehen, unnötig, und für diejenigen, die etwas brauchen, reicht es nicht zum Leben.

Das Bild auf der Rückseite des heutigen Programms mit den drei Menschen, die an einem hohen Zaun stehen, hinter dem ein Sportereignis läuft, sagt wie so oft mehr als Worte und macht deutlich, was biblische Gerechtigkeit meint. Die drei wollen zusehen, der Zaun ist aber für zwei von den dreien zu hoch, um drüber sehen zu können. Und sie haben drei Kisten dabei; jeder von den Dreien steht zuerst auf einer der Kisten: Der Längste von ihnen braucht sie eigentlich nicht; der Mittlere kann so über den Zaun sehen, der Kleinste aber hat keine Chance. Nach einiger Zeit verändern die drei die Kisten: Der Längste steht jetzt auf keiner mehr, der Mittlere steht weiterhin auf einer Kiste und der Kleinste steht auf zwei Kisten. Jetzt können alle das Spiel sehen.

Auch mit diesem Bild wird deutlich: Der Abschnitt aus der Apostelgeschichte beschreibt eine Kirche, die ein Abbild für das ist, was Gott für seine Kirche und die Menschen tut. Der Wochenspruch für diese Woche vom 1. Sonntag nach Trinitatis stellt das auch in besonderer Weise heraus. Das sagt Jesus: „Wer euch hört, der hört mich. Und wer euch verachtet, der verachtet mich.“ Und im Evangelium des Tages „vom reichen Mann und armem Lazarus“ erinnert Jesus an die Bedeutung von Mose und den Propheten, die Gottes Forderung nach Gerechtigkeit immer wieder neu nach vorne gebracht haben. Gott schafft Gerechtigkeit und in der Urgemeinde ist diese Gerechtigkeit Gottes unter den Menschen beispielhaft Wirklichkeit geworden.

Da möchte ich gerne dabei gewesen sein, denke ich mir dann irgendwie doch: Damals in der Urgemeinde, wie sie uns Lukas in seiner Apostelgeschichte schildert. Liebe Gemeinde, das Leben ist aber kein Ponyhof und kein „Wünsch dir was“. Das Leben ist das, was im „Hier und jetzt“ passiert oder nicht passiert. Und das, was Kirche Jesu Christi in dieser Gegenwart ist, entscheidet sich auch daran, wie wir alle zusammen heute, in dieser Gegenwart das Leben der Kirche gestalten.

Deshalb sehe ich auf diese Gegenwart und die Kirche, in der ich und in der wir zusammen heute leben: Ich sehe auf die Evangelische Kirche von Westfalen. Auch deshalb, weil unsere westfälische Kirche gestern gewissermaßen ihren 75. Geburtstag feiern konnte. Ohne große Feierlichkeiten – auch der Coronakrise geschuldet. Aber am 13. Juni 1945 hatte Präses Karl Koch in einem Brief an die Pfarrer und die Gemeinden in Westfalen die Bildung einer provisorischen Kirchenleitung für die zu gründende Evangelische Kirche von Westfalen bekanntgegeben. Mit dem Kriegsende und der Auflösung der preußischen Provinz Westfalen hatte auch die Kirchenprovinz Westfalen aufgehört zu bestehen. Ein radikaler Neuanfang war nötig: nicht mehr mit einem Konsistorium in Münster, also einer fast staatlichen Behörde, sondern mit einer echt unabhängigen Landeskirche.

Ich weiß nicht, welches Bild von Kirche Karl Koch damals vor Augen hatte. Er war nach der auch für die Kirche so schwierigen Zeit des Nationalsozialismus bestimmt kein Träumer, sondern ein Realist, der die Welt mit offenen Augen aber auch mit offenem Herzen sah. Deshalb kann ich mir nicht vorstellen, dass er sich einfach eine Kirche nach dem Motto „ein Herz und eine Seele“ vorgestellt hat. Und seither hat es in unserer Landeskirche wie in allen anderen Kirchen auch immer wieder heftige Diskussionen und manchmal auch Streit um den richtigen Weg dieser Landeskirche gegeben, immer ein Ringen um das, was Kirche Jesu Christi heute sein kann und wie sie aussehen soll.

Gott schafft Gerechtigkeit und in der Urgemeinde ist diese Gerechtigkeit Gottes unter den Menschen beispielhaft Wirklichkeit geworden. Dem eifern wir als Kirche heute immer noch nach – auch in der EKvW. Auch wir sind heute ein ähnlich bunter Haufen wie die Urgemeinde damals, die nach der Pfingstpredigt der Jünger ja aus Menschen aller Herren Länder zusammengerufen wurde. Hier in Ostwestfalen sieht man das außer bei der internationalen Gemeinde in Bad Oeynhausen vielleicht nicht so sehr, aber es ist schon faszinierend schön, aus wie vielen Nationalitäten Gemeindeglieder kommen, um zusammen Kirche zu sein; aus wie vielen unterschiedlichen Menschen unsere Evangelische Kirche von Westfalen besteht. Und soziales Engagement und gerechte Verteilung der Güter, die den Menschen geschenkt werden, gehören in dieser Kirche auch immer mit dazu.

Natürlich ist auch die Evangelische Kirche von Westfalen nicht der Himmel auf Erden und die Gemeinden in ihr sind mit der Urgemeinde in Jerusalem nicht zu vergleichen. Vieles ist bestimmt auch sehr verbesserungswürdig und verbesserungsbedürftig. Aber wir vertrauen darauf, dass auch in unserer Kirche und in unseren Gemeinden Gottes Geist in der Verkündigung der Frohen Botschaft ganz kräftig am Werk ist; dass die Botschaft der Apostel und Propheten von der Liebe Gottes zu den Menschen bei uns und auch durch uns sichtbar und spürbar, hörbar und erfahrbar wird.
Amen.

Predigt an Trinitatis 2020

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Gemeinde!

Trinitatis, das Fest der Heiligen Dreieinigkeit oder der Heiligen Dreifaltigkeit – je nachdem, ob man eher die drei Personen oder die Einheit der drei Personen betonen möchte – es ist auf der einen Seite ein ganz wichtiges Fest, denn es erinnert an einen Kernbereich unseres Glaubens. Christlicher Glaube ist in seiner Tiefe trinitarisch.

Wir glauben, dass sich der eine Gott als Vater, Sohn und Heiliger Geist den Menschen und der Welt zu erkennen gegeben hat. Sonst würde es auch keinen Sinn machen, das Glaubensbekenntnis dreiteilig zu gestalten. Viele Worte Jesu vor allem im Johannesevangelium weisen auf die Einheit Jesu mit Gott dem Vater hin: „Ich und der Vater sind eins.“ Und der Heilige Geist, der den Jüngern und der ganzen Kirche als Tröster und Lehrer gegeben ist, das ist der gleichwertige Ersatz für Jesus, nachdem dieser wieder zu seinem himmlischen Vater zurückgekehrt ist.

Die grundsätzliche und untrennbare Einheit Gottes ist aber unaufgebbar. „Wir glauben an den einen Gott“, wie es zum Beispiel im Nizänischen Glaubensbekenntnis am Anfang ganz ausdrücklich gesagt wird. Und wie es im Apostolischen Glaubensbekenntnis bei Sprechen auch deutlich gemacht werden könnte und sollte – auch wenn es nicht so dasteht: Ich glaube an Gott [Doppelpunkt]: 1. den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Und 2. an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn usw. Und 3. Ich glaube an den Heiligen Geist. Über allem aber steht wie eine Überschrift: Ich glaube an Gott.

Auf der anderen Seite bleibt das Fest Trinitatis im Lauf des Jahres nach Weihnachten, Ostern und Pfingsten blass, denn es liegen ihm keine anschaulichen oder gar zu Herzen gehenden Geschichten aus der Bibel zugrunde. Dieses Fest, das auch erst vor etwa 1000 Jahren entstanden und vor gut 600 Jahren offiziell in den Festkalender aufgenommen worden ist – es ist ein irgendwie theoretisches und irgendwie konstruiertes Fest.

»Grau, teurer Freund, ist alle Theorie,/ Und grün des Lebens goldner Baum.« Mit diesen Worten weist schon Mephisto im 1. Teil von Goethes Faust auf die Unzulänglichkeit eines nur theoretischen Wissens hin. Und deshalb ist es ganz wichtig, diesem Fest etwas von der grünen Farbe des Lebens einzuhauchen, damit sein goldener Inhalt für uns erfahrbar und lebensfördernd wird.

Auf seine Weise tut dies der Predigttext aus dem 4. Buch Mose, auch wenn damals, als das Volk Israel durch die Wüste unterwegs war, und auch, als dieser Text aufgeschrieben wurde, niemand an Trinität gedacht hat. Trinität ist eben die Idee der Christen.

Aber der „aaronitische Segen“, der so heißt er, weil er den Nachkommen Aarons als Aufgabe gegeben ist, steht auf seine Weise für das Grün des Lebens, denn ohne den grundsätzlichen Segen Gottes ist kein Leben möglich. Dies zieht sich durch die ganze Schöpfungsgeschichte: „Und Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und mehret euch!“; durch die Vätergeschichte: mit dem Segen von Isaak für Jakob; bis hin zur Wüstenwanderung des Volkes und darüber hinaus bis heute.

Weil Gott die Worte den Mitgliedern des Stammes Levi anvertraute, aus denen später die Priester und die weiteren Kleriker des Tempels in Jerusalem kamen, wird der aaronitische Segen auch gerne als priesterlicher Segen bezeichnet und es hat sich in den westlichen Kirchen bis heute die fälschliche Meinung erhalten, diesen Segen dürften nur katholische Priester oder evangelische Pfarrer sprechen. Aber spätestens mit der Erkenntnis Martin Luthers vom Priestertum aller Getauften ist klar: alle Christen dürfen diesen Segen anderen zusprechen.

Denn Segen – das ist die Gegenwart Gottes, die sich in seinem Namen bewahrheitet; Segen, das ist das gute Wort Gottes, das Leben schafft und auch erhält. Gott ist dabei der Handelnde; die Menschen, die die Worte sprechen, sind nur das Sprachrohr, das Gott benutzt, wie es schon im 4. Buch Mose festgehalten wird: „So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.“

Leben in diesem umfassenden Sinn – für den Apostel Paulus steht das hinter den Worten Glaube, Hoffnung und Liebe aus dem Hohen Lied der Liebe im 1. Korintherbrief. Und so verbinden sich für mich die am heutigen Tag die drei Personen der Trinität mit dem dreiteiligen Segen aus dem 4. Buch Mose und der paulinischen Trias von Glaube, Hoffnung und Liebe, um den so theoretisch wirkenden Glaubenssatz von der Trinität mit Leben zu füllen.

Das erscheint mir viel hilfreicher, als an das Geheimnis der Trinität mit dem Hinweis heranzugehen, dass man das erst verstehen könne, wenn man 2 Gläser Rotwein zu sich genommen habe. So wie das ein Theologieprofessor in einem Universitätsgottesdienst einmal empfohlen hat – allerdings auch mit einem freundlichen Augenzwinkern.
Die Trinität, die Heilige Dreieinigkeit und Dreifaltigkeit ist bei solchem Bedenken nicht aufzuteilen in die drei einzelnen Teile. Ebenso sind Glaube, Hoffnung und Liebe im geistlichen Sinn nicht jeweils nur für sich zu betrachten. Sie sind ebenso wie Gott als Vater, Sohn und Heiliger Geist aufeinander bezogen, ohne aber ineinander aufzugehen und ohne einander gleich zu sein.

„Der HERR segne dich und behüte dich.“ – Der erste Abschnitt des aaronitischen Segens ist in meiner Nebeneinanderstellung auf Gott den Vater und die Liebe bezogen. Liebe – das ist Beziehung in ihrer besten und vollkommenen Form; Liebe – das ist das Ich, das im Du sein Gegenüber und seine Ergänzung findet; Liebe – das ist die Weite und das Brennen des Herzens, das zeigt: Du bist mir nicht gleichgültig; du bist mir so viel wert. Liebe, das ist das Dasein des anderen, ohne den ich nicht sein kann. Und eben das meint der Name Gottes, wenn er sich zum Beispiel Mose am Dornbusch vorstellt: Ich bin der „Ich bin für dich da!“ Das ist so Segen und Schutz unter der Hut Gottes.

„Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.“ Im zweiten Abschnitt finde ich Jesus und den Glauben wieder: Das leuchtende Angesicht Gottes bekommt sein menschliches Gesicht in dem Menschen Jesus von Nazareth, der als Christus, als der Gesalbte Gottes das Licht der Welt ist. Alle Dunkelheiten des Lebens sind nicht gottlos, weil Jesus als Gottes Sohn diese Dunkelheiten selbst erfahren hat. Durch ihn bleibt das Dunkel der Welt nicht absolut dunkel, sondern es strahlt auch dort das Licht des Lebens auf. Oft nur klein, aber durchdringend, dass es die Finsternis nicht unterdrücken kann. Und mit gehen die Menschen nicht aus dem Sinn, die sich gerade jetzt überall in dieser Welt gegen die Dunkelheit des Rassismus wenden, die im Tod von George Floyd in Amerika sichtbar geworden ist; eine Dunkelheit, die es auch bei uns immer wieder gibt. Wer mag, sehe sich das Video von Carolin Kebekus mit ihrem Brennpunkt zum Thema an.
Was den Menschen, die in solchem Dunkel gefangen gehalten werden, die Kraft gibt, das alles auszuhalten? Es ist bei ganz vielen der Glaube: also das Vertrauen, dass Jesus Christus da ist und die Dunkelheit mit durchschreitet.

Der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. Der Heilige Geist steht für mich im Mittelpunkt des dritten Abschnitts des aaronitischen Segens. Frieden – mit dem Wort Shalom an dieser Stelle ist das Ganzsein von allem gemeint. Das will Gott uns durch seinen Geist geben: dass die Gebrochenheiten unseres Lebens wieder heil werden; dass die Verletzungen unseres Lebens und unserer Seele geheilt werden und dass so unser Leben gelingt. Der Geist gibt den Trost, den Menschen brauchen, um in ihrem Leben bestehen zu können. Der Geist als Tröster eröffnet einen neuen Blick auf das Leben und auf den Weg, den Menschen gehen können. Hoffnung wächst – sie richtet Menschen auf und lässt sie ihren Weg gehen.

Gesegnet und behütet vom Vater in lauter Liebe – erleuchtet und begnadet zum Glauben vom Sohn – angesehen vom Heiligen Geist und in seinem Frieden mit Hoffnung erfüllt – Das meint Trinität. Amen.

So gehört alles aufs Engste zusammen und ist doch klar unterscheidbar.
(Zusammenstellen von Herz, Kreuz und Anker)

Kyrie-Anrufungen:

L: Wir sehen das Herz als Zeichen der Liebe. Gott, unser Vater und Schöpfer – deine Liebe ruft die Welt ins Dasein, deine Liebe ruft auch uns. Dich ehren wir:
G: Herr, erbarme dich.
P: Wir sehen das Kreuz als Zeichen des Glaubens. Jesus Christus, unser Retter, der Glaube an dich macht uns frei von den Mächten des Bösen. Dich ehren wir:
G: Christus, erbarme dich.
L: Wir sehen den Anker als Zeichen der Hoffnung und des Trostes. Heiliger Geist, unser Tröster, erfülle uns mit deiner Kraft, die das Herz weit und die Hoffnung groß werden lässt. Dich ehren wir:
G: Herr, erbarme dich.

Lieder und Lesung:

Musikalisches Vorspiel: „Alta Trinitat Beata“ – Text+Melodie: spätes 13. Jahrhundert
Solo-Lied 1: „Gelobet sei der Herr“ (EG 139)
Solo-Lied 2: „Weil der Himmel bei uns wohnt“ (#lautstärke 95)
Schriftlesung: 4. Mose 6,22-27 (= Predigttext)
Solo-Lied 3: „Leben aus Glauben“ (#lautstärke 99)
Solo-Lied 4: „Stern, auf den ich schaue“ (EG 407)
Musikalisches Nachspiel: „Es ist Weite in in Gott’s Gnade“ – Englisches Original: There’s a wideness in God’s mercy von Frederick W. Faber (1814-1863); dt. Übersetzung von Christina Falkenroth; Melodie und Satz: Maurice Bevan (*1921)

Predigt am Pfingstsonntag 2020

Liebe Gemeinde!
Wir feiern Geburtstag – es geht hier in diesem Gottesdienst aber nicht um diejenigen aus unserer Gemeinde oder aus unserer Familie, die Geburtstag haben. Es geht um eine Institution, die uns allen ganz wichtig ist, ohne die wir heute hier nicht sitzen würden. Denn sie ist es, die uns verbindet. Natürlich geht es um die Kirche – aber nicht als Gebäude und nicht als Gottesdienst, auch nicht als diese oder jene Landeskirche oder die römisch-katholische Kirche. Es geht um die eine universale Kirche als Zusammenschluss aller, die im Glauben an Jesus Christus verbunden sind.

Die hat heute Geburtstag. Denn wir erinnern uns heute daran, wie es mit der Kirche angefangen hat. Und das ist ein ganz konkreter Tag gewesen – damals in Jerusalem, als der Heilige Geist über die Jünger gekommen ist, diese angefangen haben zu predigen. So haben sich durch diesen Heiligen Geist in der Predigt die ersten Menschen taufen lassen und wurden so in die Urgemeinde, also die Keimzelle der weltweiten Kirche aufgenommen.

Bis dahin waren die Menschen durch Jesus direkt in den Kreis der Jüngerinnen und Jünger berufen worden. Petrus und Andreas, Johannes und Jakobus und wie sie alle hießen, sind ja nicht getauft worden. Denen hat Jesus gesagt: Kommt mit, folgt mir und ihr werdet das Leben finden. Diese Form der Berufung war dann mit dem Tod Jesu und nach seiner Auferstehung mit der Himmelfahrt endgültig zuende. Jetzt musste es anders gehen, wenn aus dieser kleinen Gruppe von Fischern und ehemaligen Zöllnern etwas werden sollte – eben so etwas wie eine weltumspannende Glaubensgemeinschaft, die wir heute Kirche nennen. Und: Es ging nun auch ganz anders.

Mit dem Pfingstfest und der Geistbegabung der Jünger tritt eine neue Regelung in den Mittelpunkt: dafür, wie Menschen in diese so besondere Gemeinschaft hineinkommen. In der Kirche wird die Taufe das eindeutige und geheiligte Zeichen für die Zugehörigkeit zu den Jesusleuten. Die Taufe wird – so wie es sich dann bei uns in der evangelischen Kirche entwickeln wird – das eine von den zwei Sakramenten. Mit der Taufe werden Menschen in diese Gemeinschaft aufgenommen und das Abendmahl ist das den inneren Zusammenhalt festigende Zeichen. Und so könnte man sogar sagen, dass es mit dem Pfingstfest ein doppelter Geburtstag ist: Geburtstag der Kirche und Geburtstag der Taufe als Sakrament.

Die Kirche – also die Gemeinschaft der Jesusleute, die Gemeinschaft der Getauften – ist eine ganz besondere Gruppe, denn sie alle sind durch die Gabe des Heiligen Geistes miteinander verbunden, mit dem Gott alle ausstattet, die in seinem Namen und unter seinem Segen ihr Leben gestalten sollen: Gott von ganzem Herzen zu lieben und den Nächsten – ganz gleich wer das ist – wie sich selbst. Und nachher wird in einem Taufgottesdienst dieser besonderen Gemeinschaft ein weiteres Teil hinzugefügt.

Ja, es ist schon eine ganz besondere Gemeinschaft, die da durch Pfingsten und die Taufe zusammengebracht wird. Wenn wir uns heute und hier umsehen, stellen wir fest: Wir hier sind schon ziemlich verschiedene Leute und gehören dazu. Und viele, viele andere gehören auch noch mit dazu. Warum das so ist und wie das alles zusammenhängt, dazu sehen wir uns noch einmal an, wer denn alles gleich am Anfang mit dabei war.

Es ist ja einer der schwierigsten zu lesenden Texte im Kirchenjahr, wenn die ganzen Volksgruppen aufgezählt werden, die in dem Schmelztiegel Jerusalem damals zusammen waren. Woher kamen die Leute denn, die sich da über das Geistgeschehen am Pfingsttag wundern? In aller Kürze: die Parther waren ein Volk, das im heutigen östlichen Teil des Iran lebte, also fast schon in Afghanistan; die Meder lebten im Nordwesten des Iran und die Elamiter im Südosten. Die Leute aus Mesopotamien lebten im heutigen Irak an Euphrat und Tigris. Judäa war die Heimat der Menschen rund um Jerusalem. Mit den nächsten fünf Namen sind wir in der heutigen Türkei: Kappadozien im Osten, Pontus am Schwarzen Meer im Norden. Die römische Provinz Asia ist der westliche Küstenbereich der Türkei, Phrygien ist die westliche Mitte und Pamphylien die Südküste. Ägypten ist bestimmt bekannt; die Gegend von Kyrene in Libyen liegt weiter westlich; und auch Rom darf ich bestimmt als bekannt voraussetzen. Kreter und Araber sind wohl als Sammelbezeichnung für Bewohner der griechischen Inseln und der arabischen Halbinsel zu sehen. Eines ist Lukas für in seinem Bericht wichtig: Es sind alles Juden und Menschen, die dabei sind, zum jüdischen Glauben zu wechseln. Die Heidenmission kommt erst später.

Aber kurz gesagt – sie kommen aus der ganzen damals bekannten Welt; sie sprechen die unterschiedlichsten Sprachen, gehören den unterschiedlichsten Völkern an und was ihre Hautfarbe betrifft, reicht es von ganz hellhäutig bis tief dunkel. Und aus diesem bunten Haufen von Menschen werden am ersten Tag auf die Predigt des Petrus hin 3000 in die Gemeinde aufgenommen.

Es wird also ganz schnell deutlich: Die christliche Urgemeinde war keine einheitliche Gruppe. Das war richtig Multikulti – verbunden im Heiligen Geist. Und es hat funktioniert. Sonst wären wir heute nicht hier. Christliche Gemeinde war schon immer und ist immer noch bis heute einfach bunt und vielfältig. Sicherlich auch mit Schwierigkeiten im zwischenmenschlichen Miteinander. Es waren und sind eben Menschen, die auch mal Fehler machen.

Genau – bis heute: Wir hier sind schon ziemlich verschiedene Leute und gehören dazu. Und viele, viele andere gehören heute auch noch mit dazu. Manche hier bei uns sind in ihrem Christsein aktiv und sichtbar, andere wirken eher im Verborgenen, wieder andere wissen allerdings mit der Gabe des Heiligen Geistes in der Taufe in ihrem Leben nicht so recht etwas anzufangen, fühlen sich distanziert – und treten dann leider auch aus der Kirche aus. Ich wünsche mir sehr, dass wir als Gemeinde vor Ort und als Kirche weltweit diese Menschen erreichen, dass die Kraft des Heiligen Geistes, die Jesus seinen Leuten verheißt, in diesen Menschen wieder wirksam wird – vielleicht auch durch uns vermittelt.

Ich denke aber auch an viele andere, die heute zu dieser so besonderen Gruppe der Getauften, zur Kirche dazu gehören und die uns die wunderbare Vielfalt von Menschen zeigen: Ich denke an Christen in allen Teilen der Welt; zuallererst natürlich an die Geschwister in unserem Partnerkirchenkreis Tambarare, an die Geschwister in unserer Partnergemeinde in Evansville in den USA. An die vielen, vielen anderen, die wir gar nicht so genau kennen und die wir in vielen Dingen oft auch gar nicht so gut verstehen, weil sie so ganz anders ihren christlichen Glauben leben. Aber: Wir sind durch den Heiligen Geist ein Teil dieses unglaublichen Schmelztiegels von Kirche. Und das ist gut so. Amen.