Predigt von Exaudi 2020

Der Predigttext Jeremia 31,31-34 wurde als Schriftlesung vorgetragen; der Wochenpsalm (Psalm 27,1.7-14) wurde von der Gemeinde in der Eingangsliturgie gesprochen.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

„Exaudi, Domine“. Es ist ein Ruf, der nichts an Dringlichkeit vermissen lässt: „Gott, du musst mir zuhören! Ich brauche dich und du hast doch gesagt, dass ich das tun soll; dass wir das tun sollen. So hast du es uns doch geboten. Ist jetzt davon nichts mehr übrig – von deinem Versprechen?“ So geht der Beter des Wochenpsalms Gott an. Genauer gesagt: Sein Herz tut dies. Das sind seine Worte. „Mein Herz hält dir vor …“ Das Herz – der Ort der Seele, der Ort der Liebe, der Ort der Beziehung. Auch in diesem Fall geht es „Herz über Kopf“, wie es der Vlothoer Sänger Joris so schön singt. „Herz über Kopf“ und damit Herz über Verstand, denn die Beziehung zu Gott ist – wie jede Beziehungssache – eine Sache des Herzens und nicht des Kopfes und damit des Verstandes.

Ich in mir sicher: Der Verstand kann sich wahrscheinlich das meiste von dem, was im Leben geschieht, erklären: Warum ich mich über etwas Schönes im Leben freue; warum ich über einen Verlust traurig bin; warum es bei dem Unglück so kommen musste; warum es keine andere Lösung gab. Diese Erklärungen sind bestimmt sehr einleuchtend und sehr schlüssig.

Aber alles Erklären der Welt hilft nicht, wenn das Herz verunsichert ist oder bleibt. Das Herz baucht etwas anderes als eine rationale Begründung für dieses oder jenes, um zur Ruhe zu kommen, um ausgeglichen zu sein, wie wir heute so schön sagen. Das Herz sucht das andere Herz, das mit empfindet, das mit leidet, das sich mit freut. Wir alle wissen doch, wie wichtig es ist, wenn die Mutter oder der Vater das Kind in den Arm nimmt und ihm das Herz öffnet. Da geht es ja auch nicht um Erklärungen, sondern um die Nähe des Herzens.

Und nachdem der Psalmbeter seinem Gott den ganzen Kladderadatsch von Verunsicherung und Angst in seinem Leben vor die Füße gekippt hat, darf er plötzlich diese Ruhe des Herzens spüren, die ihm eine neue Sicht auf das Leben und eine neue Perspektive für das Leben eröffnet: „Ich glaube aber doch dass ich sehen werde die Güte des Herrn im Lande der Lebendigen!“

Manchmal ist in dem Ich des Psalmbeters kein einzelner Mensch zu sehen, sondern eine Gruppe von Menschen. Das kann ich mir auch in Psalm 27 gut vorstellen: Da steht das Ich des Psalmbeters auch für das ganze Volk Gottes, das sich von seinen Feinden auf’s Äußerste bedrängt fühlt, das sich sogar von Vater und Mutter oder von allen guten Geistern verlassen fühlt.

Und der Schrei „Sei mir gnädig und antworte mir!“ – er wird erhört. So jedenfalls lesen sich die Worte Gottes, die Jeremia dem Volk Gottes ausrichten darf. Es sind Trostworte, die für die Menschen eine Zukunft eröffnen. Natürlich oder leider – je nach dem – beginnt diese neue Zukunft aber nicht sofort. Es braucht noch etwas Geduld. Aber sie steht immerhin unmittelbar bevor, man kann sie schon sehen: „Siehe, es kommt die Zeit!“

Das stelle ich mir auch für die Jünger vor, nachdem Jesus in den Himmel aufgenommen und nicht mehr da und das Pfingstfest mit dem versprochenen Heiligen Geist noch nicht da war. So frohgestimmt die kleine Gruppe der Jesusleute sicherlich in der nachösterlichen Zeit mit Jesus gewesen war, so schwierig dürfte diese Zwischenzeit ohne ihn gewesen sein. Wie wichtig ist es da, gesagt zu bekommen: „Siehe, es kommt die Zeit! Mache nur die Augen auf. Harre auf Gott, hab also vertrauensvolle Geduld!“

Das stelle ich mir auch für uns heute vor. Zum einen sehe ich, dass wir die erste kritische Zeit mit der Corona-Pandemie hinter uns haben. Von der alten Normalität vorher sind wir weit entfernt und ich möchte diese alte Normalität bestimmt nicht hundertprozentig wieder haben. Denn jetzt ist an vielen Stellen in unserem Leben die Möglichkeit da, neue Wege zu beschreiten. Aber eine neue Normalität für unsere Gesellschaft ist bisher höchstens in Ansätzen erkennbar: Wenn finanzielle Staatshilfen nicht für ein „Zurück zum Bisherigen“ verwendet werden, sondern vor allem dazu helfen, die anderen Probleme dieser Welt: Klima, Umwelt und Hunger, die es neben Corona ja auch noch und nicht weniger drängend gibt, anzugehen. „Siehe, es kommt die Zeit! Mache nur die Augen auf. Harre auf Gott, hab also vertrauensvolle Geduld!“

Zum anderen sehe ich eine stetige Veränderung in der Kirche in Deutschland. Viele bisher gültige Konzepte, mit denen auch ich noch großgeworden bin und die die Kirche seit vielen Jahrzehnten geprägt haben, verlieren ihre gestalterische Kraft, mit der die Bindung an die Kirche und den Glauben geschaffen und sichergestellt wurde: Gruppenstunden und kirchliches Vereinswesen sind schon seit längerer Zeit in der Krise. Vielen sagt das nichts mehr und sie gehen, treten aus.

Manches entwickelt sich neu – die Video-Gottesdienste während der letzten Wochen sind ein Teil dieser Entwicklung. Aber wo es genau mit der Kirche hingeht – auch hier ist eine neue Normalität bisher höchstens in Ansätzen erkennbar. Wenn für die Kirche als wanderndes Gottesvolk so etwas wie „Normalität“ überhaupt sinnvoll und wünschenswert ist. Auch hier gilt: „Siehe, es kommt die Zeit! Mache nur die Augen auf. Harre auf Gott, hab also vertrauensvolle Geduld!“

Gott verheißt seinem Volk also einen neuen Bund. Und ihm sind zwei Momente daran wichtig: Zum einen erinnert Gott an den alten Bund, der auf den Auszug Israels aus Ägypten zurückgeht; aber so soll dieser neue Bund nicht sein. Es soll nicht das Eine mit einem gleichen nur unter anderem Namen ersetzt werden. Es ist aber wichtig, an das Alte zu erinnern – nicht als Schuldzuweisung, denn Gott legt sein Volk nicht auf das Gewesene fest und öffnet so neue Wege. Aber: Nur, wenn ich weiß, woher ich komme, und einsehe, was falsch gelaufen ist, und wenn ich daraus lerne, kann das Neue gelingen. Ganz aktuell gilt das auch für unseren Weg nach dem Kriegsende seit 75 Jahren: Nur verantwortliches Erinnern ermöglich eine gute Zukunft.

Zum anderen – und da schließt sich der Kreis des heutigen Sonntags – ist dieser neue Bund mit seinem Volk für Gott eine absolute Herzenssache: Sein Gesetz will Gott seinen Menschen ins Herz geben und in ihren Sinn schreiben. Bei dem Wort „Gesetz“ zucken vor allem evangelische Christen gerne wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Dieses scheinbar so garstige Wort. „Es geht doch um Gnade!“ So höre ich manche rufen.

Ja, es geht um Gnade, es geht um die Liebe, mit der Gott unsere Herzen sucht. Aber Gottes Liebe ist nicht formlos und unverbindlich, sie ist nicht nur süß und flauschig. Gottes Liebe ist in seine Wegweisungen gefasst, wie er sie seinem Volk und durch Jesus Christus auch uns gegeben hat: also gestaltet und verbindlich, herzhaft und griffig – ohne sich in Paragrafen und Gesetzlichkeit zu verlieren. Es ist eben eine Herzenssache.

Und für diese Herzenssache braucht es auch von unserer Seite offene Herzen, die sich mit Gottes Wegweisung füllen lassen wollen. Sein Geist soll in uns atmen; sein Geist soll unser Herz und uns ganz erfüllen, in uns wirken. Das entscheidende an diesem Wirken des Geistes wird etwas wunderbar Befreiendes sein: In der Einheit des Gottesvolkes wird niemand einem anderen mehr den Glauben absprechen. Kein Katholik einem Reformierten, kein Lutheraner einem Pfingstler, kein Evangelikaler einem Liberalen; und jeweils umgekehrt. Niemand wird mehr sagen: „Erkenne den Herrn – aber nur auf die Weise, wie ich ihn erkannt habe.“ Nein, so nicht mehr. So vielfältig der Geist Gottes wirkt und so vielfältig seine Gaben sind, so wird auch der Glauben der Menschen sein, die zu diesem Volk Gottes gehören. Für die Richtigkeit dieses Glauben ist Gottes Geist der Garant, nicht ein anderer Mensch.

Das bedeutet Glauben in dieser Zwischenzeit: „Siehe, es kommt die Zeit! Mache die Augen auf. Harre auf Gott, hab also vertrauensvolle Geduld!“ Amen.

Predigt an Himmelfahrt 2020 (21. Mai)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Der Predigttext für den heutigen Festtag steht im Evangelium nach Johannes, im 17. Kapitel. Es ist ein kleiner Abschnitt aus dem sogenannten „hohepriesterlichen Gebet“:
20 Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, 21 dass sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast. (© Lutherbibel 2017)

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!
Kurz vor seinem Tod – schon in Jerusalem – tut Jesus das, was wohl alle Menschen tun, wenn sie vor einem entscheidenden Moment ihres Lebens stehen; besonders dann, wenn es wie bei Jesus auch buchstäblich um Leben und Tod geht. Jesus wird grundsätzlich und er hält seinen Jüngern eine Abschiedsrede, in der er noch einmal alles zusammenfasst, was ihm wichtig ist – drei lange Kapitel. Und danach geht diese Rede in ein großes Gebet über, in dem Jesus die Seinen der Liebe Gottes anbefiehlt.

Kurz vor seinem Tod hat Jesus seine Abschiedsreden gehalten und dieses Gebet gesprochen. Für die Jünger war es wohl kaum zu überblicken, was Jesus damit sagen wollte, welchen Horizont er ihnen damit eröffnet hat. Das ist ihnen erst nach Ostern klar geworden. Und für alle, die später zum Glauben an Jesus als den Christus gekommen sind, ist es das entscheidende Vermächtnis geworden, wie sie ihren Glauben und damit ihr Leben gestalten sollen.

Das macht dieses Gebet, das uns Johannes überliefert so bedeutsam. Und die beiden Verse, die es heute zu bedenken gilt, atmen schon den Geist des auferstandenen Christus; sie spiegeln den so wunderbar weiten Horizont, der uns mit Himmelfahrt gegeben ist. Denn an Himmelfahrt geht es nicht um die Frage, ob und wie auch immer Jesus in den Himmel entschwebt ist. Natürlich kann man das fragen, aber es hilft uns nicht weiter. Denn wir können es schlicht nicht beantworten. Wir können es nur als Bericht des Lukas zur Kenntnis nehmen.

Es geht bei der Himmelfahrt Christi um etwas ganz anders. Es geht – etwas überspitzt gesagt – um die Frage: „Wem gehört Jesus?“ Oder etwas ausführlicher: Wer kann für sich behaupten, dass er Jesus komplett für sich in Anspruch nehmen kann – und damit die Deutungshoheit über das, was das Christentum, den christlichen Glauben ausmacht? Wäre Jesus irdisch geblieben, hätten diejenigen das für sich tun können, die Jesus bei sich hatten: „Bei uns ist Jesus; wir haben unsere Informationen ganz direkt von ihm, niemand kann es authentischer sagen und bezeugen als wir!“ Alle anderen hätten keine Chance, auch wenn ihre Art, den christlichen Glauben zu leben, dem Glauben Jesu vielleicht viel mehr entsprochen hätte.

Einem solchen Besitzdenken einzelner Gruppen haben Gott und Jesus mit der Himmelfahrt einen ganz grundsätzlichen Riegel vorgeschoben. Keine christliche Gruppe konnte sich nach diesem Ereignis mehr in völliger Absolutheit auf die körperliche Gegenwart Jesu berufen. Deshalb ist es auch so wichtig, dass es kein endgültiges Grab Jesu nach seiner Auferstehung gibt, das dann von diesen oder jenen gehütet würde, wodurch die dann auch eine Art Besitzanspruch auf Jesus geltend machen könnten.

Ich muss zugeben: Viele christliche Gruppen und Strömungen haben das bis heute immer wieder mit beängstigender Absolutheit behauptet: „Wir vertreten den absoluten Glauben; wir haben den einzig wahren Christus.“ Ich gestehe: Mir macht das Angst, wenn ich so etwas höre. Denn schon der irdische Jesus hat die Menschen um sich herum immer wieder in Erstaunen und sogar in Ärger oder Entsetzen versetzt, weil er ganz anders geantwortet und gehandelt hat, als es die Menschen um ihn herum erwartet hatten. Um wieviel mehr gilt das für Gott und den auferstandenen Christus? Um wieviel mehr gilt das, wo doch schon im Neuen Testament so unendlich viele Zugänge zu Jesus und Gott beschrieben werden, die sich zum Teil sogar gegenseitig ausschließen?

Ja. Es ist wichtig, so ernsthaft und deshalb so nah wie nur irgend möglich an das heranzukommen, was Jesus uns – auch in seinen Abschiedsreden – anvertraut hat. Aber: Wer das auf Kosten der anderen tut, die auch auf diesem Weg der Suche sind, ist wohl kaum noch auf dem Weg Jesu. Denn die Einheit aller, die sich auf Jesus berufen, ist von ihm in dem Abschnitt des Hohepriesterlichen Gebets als das entscheidende Merkmal aller Christen ganz besonders herausgestellt worden: „Auf dass sie alle eins seien!“

Jesus geht es nicht nur um seine aktuellen Jünger, seine direkten Nachfolger. Er sieht sie schon unterwegs in die Welt hinaus, um mit Worten und Taten davon zu zeugen, dass in diesem Jesus Christus das Leben zu finden ist. Alle, die durch Worte und Taten von Jüngerinnen und Jüngern zum Glauben finden – also auch wir und die, die durch uns nach uns kommen – sollen in dieser Einheit des Glaubens verbunden sein. Nicht in eintöniger Gleichheit. Das würde schon dem Wesen der Jüngergruppe nicht entsprechen. Wie unterschiedlich waren doch schon die Zwölf und und die Frauen und alle, die noch zum engeren Kreis der Nachfolger Jesu gehörten! Wie anders war schon Paulus, der Jesus persönlich ja nie kennengelernt hatte und doch zum Apostel berufen wurde. Nein – die Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu sind so bunt und vielfältig, wie Jesus sie beruft und in unterschiedlichsten Gemeinschaften zusammenführt. Entscheidend ist der innere Zusammenhalt zwischen Gott und Jesus, den Jesus auf die Jünger überträgt. Wie er und sein Vater eins sind, so sollen, so werden auch die eins sein, die ihm nachfolgen – getragen von gegenseitiger Liebe und Achtung, wie Jesus sie den Jüngern vorher in seinen Abschiedsreden anbefohlen hat.

Wem gehört Jesus? Wir stellen fest, dass die Perspektive der Frage falsch ist. Durch die Himmelfahrt hat sich Jesus allem absoluten Besitzdenken jeder nur erdenklichen christlichen Gruppe entzogen. Wenn es eine Frage oder einen Satz mit einem „Wer gehört wem?“ gibt, dann ist es nur der eine Satz: „Wir gehören Jesus.“ Wir sind sein Eigen – zusammen mit allen, die mit uns auf diesem Weg sind; zusammen mit denen, die wir gut akzeptieren können, und mit denen, die es uns in unseren Augen nicht so einfach machen, die wir oft genug auch nicht verstehen. Das ist der Horizont, den Jesus uns mit seinem Gebet und mit seiner Himmelfahrt eröffnet. „Wir gehören Jesus!“ Das gilt es zu leben: als die eine Christenheit in aller ihrer Verschiedenheit. Dazu gibt uns Gott seinen Segen. Amen.

Predigt an Rogate 2020 (17. Mai)

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde!
Wer hätte bei den Worten „und geh in dein Kämmerlein und schließe die Tür zu“ nicht auch an unsere „Gottesdienste am Sonntag zuhause“ gedacht, die es seit dem 29. März auf unserer Homepage zum Herunterladen gegeben hat? Da haben es eine ganze Reihe von Menschen so gemacht: Gottesdienst gefeiert – also in gewisser Weise die erweiterte Form des Gebetes vollzogen. Und es ist bestimmt für viele am Sonntagmorgen zwischen 10.00 Uhr und 11.00 Uhr ganz wichtig gewesen, sich beim Beten und Gottesdienstfeiern nicht alleine zu wissen.

Geistliche Verbindungen sind stärker als der Abstand, den uns Corona aufzwingt. Es war und es ist eben nicht alles abgesagt, wie es auf einem Bild im Internet so schön gestanden hat: weder Lesen noch Liebe, weder Trösten noch Telefonieren, weder Phantasie noch Frühling, weder Musik noch Beten. Und ich habe es für mich als unendlich hilfreich erfahren, mich abends um 9.00 Uhr in die mir so vertraute Form der Komplet fallen zu lassen: alleine mit Gott – die Welt nicht ignorierend, aber räumlich draußen gelassen; getragen von der vertrauten Form – mit Menschen der Gemeinde in der Fürbitte verbunden.

„… geh in dein Kämmerlein und schließe die Tür zu.“ In diesen Tagen auf Abstand mit oft geschlossenen Türen wegen der Corona-Pandemie ist uns aber bei ganz vielen sonst Dingen deutlich geworden, dass diese eben nicht einfach so selbstverständlich da sind. Wenn wir uns begegnen und nahe kommen können, wenn wir einander nicht nur sehen und sprechen, sondern auch besuchen und umarmen können. Das ist immer wieder neu ein ganz besonderes Geschenk.

Zugegeben: Umarmen – so weit sind wir noch nicht wieder. Aber wir feiern immerhin – wieder Gottesdienst, wenn auch unter nicht so ganz gewohnten Umständen. Wenn uns auch hier in der Kirche ganz vieles an Corona erinnert, so ist es eben doch etwas ganz anderes, als wenn wir zuhause in unseren eigenen vier Wänden sitzen.

„… geh in dein Kämmerlein und schließe die Tür zu.“ Das bedeutet ja nicht, grundsätzlich alleine beten zu müssen. Es bedeutet: Ich habe einen Ort, wo ich auf eine gute Art und Weise mit Gott in Kontakt kommen kann, weil mich dann nichts ablenkt: kein Telefon und keine Klingel, kein Fernseher und kein „Komm doch mal!“ von einem aus der Familie. Dann bin ich einfach da. Der Raum der Kirche ist der Schutzraum, in dem ich mich öffnen kann. Und die Gemeinschaft der Menschen in der Kirche, die mit mir feiern, die sich also in der gleichen Weise öffnen, hilft dabei. Dann bin ich und sind wir also da – offen für Gott.

So wie Gott schon da ist. Seine Gegenwart müssen wir nicht erst erarbeiten oder herstellen; ihn müssen wir für unser Gebet nicht einladen und dann vielleicht ängstlich bangen, ob er denn kommt. Gott ist schon da – immer und überall. Und er ist es, der uns einlädt: Er ist der Gastgeber, der den Raum des Gebetes einmal eröffnet hat und ihn für uns immer offen hält. Das unterscheidet ihn von den Gastgebern bei den in diesen Wochen so wichtig gewordenen Videokonferenzen. Wenn die auf Ende klicken, dann ist die Verbindung und damit die Sitzung auch wirklich zuende. Gott aber hält diesen Raum offen. Immer.

Und Probleme mit dem Datenschutz gibt es bei Gott auch nicht: Wir dürfen ihm unser Innerstes anvertrauen; also das, was in unserem Innersten so ganz tief unten verborgen ist, dass es niemand anderes sehen kann und soll. Im Raum des Gebetes ist es für Gott sichtbar und wir erschrecken darüber nicht. Denn wir können gewiss sein: Gott sieht es mit einem ganz liebevollen Blick an – ganz einfühlsam und voller Zärtlichkeit.

So wirbt er um unser Vertrauen, so öffnet sich im Raum des Gebetes unser Herz und wir erfahren, wie gut es tut, einen anderen an dem teilhaben zu lassen, was uns freut und was uns traurig macht, was uns niederdrückt oder was uns sogar zu zerstören droht. Ich glaube, wir alle kennen solche Momente: Wenn es so ein liebevolles Zuhören unter Menschen gibt – mit der besten Freundin oder dem Kumpel, mit dem man durch Dick und Dünn geht, mit der Partnerin oder dem eigenen Kind oder Vater oder Mutter. In solchen Momenten des vertrauensvollen Gesprächs wird das Herz weit, öffnet sich gewissermaßen der Himmel und Angst und Sorge, Qual und Entsetzen verlieren ihre beherrschende Macht. Und genau das schenkt uns Gott mit dem Raum des Gebetes, den er uns eröffnet.

Seine Antworten sind vielleicht nicht so direkt wie die eines menschlichen Gesprächspartners. Aber das ist gar nicht so schlimm. Denn in solchen Gesprächen, die das Herz weiten und frei machen, braucht es auch zwischen Menschen keine langen Antworten. Die Gegenwart des anderen, seine liebevolle Aufmerksamkeit reichen aus, um meine Worte fließen zu lassen und so diese wunderbare Weite des Herzens zu spüren. Wie wichtig ist es, sich schwierige Dinge so von der Seele reden zu können; wie wichtig ist es, Glück und Freude mit mindestens einem anderen zu teilen und so seine Freude zu verdoppeln.

Der Text des Vaterunsers ist dann nicht nur eine Predigt, sondern eher eine Predigtreihe mit je einer Predigt für jede Bitte wert. Das würde heute und hier sicherlich zu weit führen. Und es ist auch gar nicht so nötig. Denn im Vaterunser vereint Jesus alles, was im Leben eines Menschen wichtig ist. Es bringt die Verbindung des Menschen zu Gott ebenso wie die Beziehungen der Menschen unter- und zueinander zur Sprache. Das Vaterunser hat – ebenso wie viele Psalmen – Worte für uns, wenn uns die eigenen Worte fehlen; Worte, die alles Leben in sich vereinen und die sich deshalb auch so gut mit dem füllen lassen, was mich, was uns persönlich jeweils ganz besonders bewegt.

Das heutige Fürbittengebet in diesem Gottesdienst ist so ein Versuch: Jede Zeile des Vaterunsers, die von Matthias Zelle/Heike Meier gelesen wird, wird durch weiterführende Gedanken konkreter, dass es für uns als Gemeinde näher dran ist. Und in unserem eigenen Gebet zuhause können wir alle das für uns persönlich Wichtige eintragen. Vielleicht versuchen wir es in den nächsten Tagen einmal: Im Gebet eine Zeile des Vaterunsers für sich stehen lassen und zu dem jeweiligen Thema unsere Gedanken in Worte fassen und als Gebet vor Gott bringen.

Bei der Lesung ist es manchen vielleicht aufgefallen: Der für uns so vertraute Schluss „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“ – er fehlt. Und das in der Überlieferungsgeschichte der Bibel wohl zurecht, denn in den ältesten Handschriften gibt es ihn nicht. Alles deutet darauf hin, dass dieser Schluss, die sogenannte Doxologie, also das abschließende Rühmen der Herrlichkeit Gottes, wohl erst später von anderen an das Gebet Jesu angefügt worden ist.

Das macht aber nichts. Dadurch wird das Gebet Jesu ja nicht ungültig. Und die Gebetstradition der Kirche hat Texte aus der Bibel immer wieder für den jeweiligen Moment angepasst. Aus meiner Sicht ist es wichtig, wie Jesus nach der letzten Bitte „sondern erlöse uns von dem Bösen“ weiter spricht: Da geht es um das Vergeben, das wir den anderen Menschen gewähren sollen. Das ist Jesus an so vielen Stellen ganz wichtig, denn es ist ein, wenn nicht der Schlüssel für unser Leben. Es geht Jesus in seiner ganzen Verkündigung und damit auch im Vaterunser doch darum, den Shalom Gottes wieder herzustellen. Shalom – das ist Frieden im ganz umfassenden Sinn; das ist das Ganzsein und die Vollständigkeit des Volkes Gottes und der Schöpfung insgesamt. Und wenn etwas zwischen den Menschen steht, dann ist dieses Ganzsein gestört, dann fehlt etwas.

Vielleicht ist es gerade jetzt wichtig, sich daran erinnern zu lassen: Es ist nicht alles heil – in unserem Leben, in unser Ort und unserem Land, in unserer Welt. Die Masken und alles andere, was heute an Ungewohntem diesen Gottesdienst bestimmt zeugen davon. Normal ist etwas anders; aber vielleicht auch nicht das, was vorher war.

Für uns als Christen aber ist normal, dass wir mit Gott im Gespräch sind – in unserem jeweiligen Kämmerlein: zuhause oder hier in der Kirche. Und normal ist das Gebet, das uns verbindet, seit im frühen 2. Jahrhundert die Apostel in der Didache uns gesagt haben: „Drei Mal am Tage betet so, wie der Herr in seinem Evangelium geboten hat.“ Und das wollen wir tun. Amen.

Gedanken zum Sonntag Misericordias Domini

Gedanken zu den Texten vom Sonntag Misericordias Domini:

Johannes 10,11-16(27-30) „Jesus – der gute Hirte“
1. Petrus 2,21-25 „Christus, Hirte und Bischof unserer Seelen“

„Der gute Hirte“ – viele Menschen werden Bilder vor Augen haben, wie sie sich diesen Hirten vorstellen. Vor allem im vergangenen Jahrhundert gab es unzählige Variationen, wie Jesus als Hirte dargestellt wurde. Aber immer eben mit ihm, also Jesus, und einem Schaf: ob das bei Jesus über die Schultern gelegt ist oder ob es sich vertrauensvoll an seine Beine schmiegt.
Aber ist das nicht ein Bild, das gar nicht mehr in unsere Zeit passt? Wo gibt es noch Hirten, die mit ihren Tieren wirklich auf Wiesen unterwegs sind? Und wollen sich aufgeklärte Menschen im 21. Jahrhundert denn wirklich zu Schafen erklären, die hinter einem Hirten hertrotten, ohne zu denken?

Trotzdem ist das Bild von Jesus als dem Hirten das bekannteste und nach wie vor das populärste Bild, das die Menschen von Jesus und von Gott haben. Es hat in meinen Konfirmanden-Jahrgängen keinen einzigen gegeben, in dem nicht wenigsten eine/r der Jugendlichen den Anfangsvers von Psalm 23 als Konfirmationsspruch gewählt hat. Ich bin überzeugt: nicht nur, weil sich der eine Satz so einfach merken lässt: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Und auch bei den meisten Erwachsenen ist dieser Vers und damit das Bild von Jesus als dem guten Hirten absolut präsent.

Diese alle wollen sich bestimmt nicht einfach so zu Schafen machen, die angeblich keine eigene Meinung haben, die nicht denken können, die nur blöde durch die Gegend blöken – bloß weil das Bild in der Bibel so schön ist.

Der Schlüssel zu einem hilfreichen Verständnis ist die Klarheit darüber, um wen es in diesem Bild wirklich geht. Also: Was die Perspektive ist, mit der das Bild betrachtet wird. Da stellen wir fest: Es geht nicht um die Schafe und damit darum, die Menschen zu beschreiben. Es geht um Gott (im Psalm 23) und es geht um Jesus (zum Beispiel im Johannesevangelium und im 1. Petrusbrief). Es geht in diesem Bild nicht darum, die Menschen zu Schafen zu machen. Es geht darum, wer Jesus für mich ist und wie Jesus zu mir steht.

Im ersten Petrus-Brief stellt der Schreiber dem Hirten ein zweites Wort an die Seite. Die Gemeindeglieder haben sich zu Jesus hin umgewendet, der Hirte und Bischof ist. Gemeint ist in diesem Brief kein Leiter einer evangelischen Landeskirche oder eines katholischen Bistums. Bischöfe waren in der Anfangszeit des Christentums zusammen mit anderen Ältesten die örtlichen Gemeindeleiter. Ein Bischof war zuerst auch nicht der Chef der Gemeinde. Es war ein Amt neben anderen.

„Bischof“ ist die Übersetzung des griechischen Wortes „Episkopos“. Es heißt einfach „Aufseher“. Gemeint ist natürlich kein Sklavenaufseher. Gemeint ist ein Mensch, der sich um mich sorgt und kümmert, der mich mit meinen Sorgen und Nöten und mit meiner Freude wahrnimmt. „Einen Bischof zu haben heißt, einen zu haben, der auf mich sieht.“ So heißt es in einer frühen urchristlichen Schrift. So wird in der wörtlichen Übersetzung des Wortes sichtbar, was die Aufgabe eines Bischofs war: Seelsorger sein; eine/r, der auf mich sieht – mit ganz liebevollem Blick. Das tut ein Bischof. Für finanzielle Dinge und für die Organisation gab es in der Gemeinde andere: Ämter und Menschen.

Seelsorge – das ist es, was aus meiner Sicht das Bild von Gott und Jesus als Hirten so populär und zeitlos macht, dass es auch für moderne Menschen annehmbar ist. Da sorgt sich jemand um meine Seele, also um mich. Das wollen wir alle: liebevoll angesehen und verstanden werden; einen haben, wo wir uns geborgen fühlen und deshalb anlehnen können.

Die Sehnsucht der Menschen nach „Herz“ – gerade in diesen Tagen und Wochen ist sie besonders groß. Denn es ist uns deutlich geworden: Für Essen und Trinken ist zwar gesorgt, aber die (körperliche) Nähe und die Zuwendung, die wir als Menschen ebenso brauchen wie Essen und Trinken, fehlen ganz vielen Menschen.

Misericordias Domini – Der Psalmvers, aus dem die beiden lateinischen Worte stammen, lautet: „Die Erde ist voll der Barmherzigkeit des HERRN.“ (Psalm 33,5b) Ja, darum geht es: die Barmherzigkeit Gottes ist in dieser Welt zu finden, auch wenn es hier oft genug ganz unbarmherzig zugeht. Aber gerade denen, die „arm“ (die arm dran) sind, wendet sich Gott in Jesus Christus mit seinem Herzen und damit mit seiner ganzen Liebe zu.

Deshalb trägt der Sonntag neben dem Namen „Sonntag vom guten Hirten“ auch immer noch den altkirchlichen Namen „Misericordias Domini“ – die „Barmherzigkeit des Herrn“.
Und wir als Nachfolger Jesu Christi sind aufgerufen, diesem Vorbild nachzufolgen und nachzueifern und Barmherzigkeit in dieser Welt erfahrbar werden zu lassen: den Armen unser Herz zu schenken.

Möge es uns gelingen: heute und jeden Tag – in der Gewissheit, dass Gottes Barmherzigkeit und Liebe für uns auch jeden Tag neu ist. Amen.

Predigt am Ostersonntag

Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden, Halleluja!

Ja, liebe Gemeinde am Ostermorgen! Der Osterruf geht auch in diesem Jahr um die Welt, doch in diesem Jahr ist alles anders als sonst: Keine Feier der Osternacht, in der der Übergang von der Nacht des Todes zum Tag des Lebens begangen wird, und keine weiteren Gemeindegottesdienste; kein Besuch bei der Familie; keine Reise in die Ferne, kein Urlaub in der Nähe an Nord- oder Ostsee oder in den Bergen. Aber auch keine Einnahmen für viele Menschen, besonders hart für die, die in dieser Zeit einen ganz wichtigen Teil ihres Jahresumsatzes machen. Dafür aber hohe Anspannung und ganz hoher Einsatz bei den Menschen, die sich in den Krankenhäusern um Erkrankte und in Wohnheimen um ältere und pflegebedürftige Menschen kümmern.

Alles ist anders in diesem Jahr. Vielleicht ist es deshalb in diesem Jahr ein wenig besser nachzuempfinden: Was in den Menschen um Jesus vor sich gegangen ist. Für die war ja auch von jetzt auf gleich alles anders geworden: Nachdem Jesus am Donnerstag verhaftet und am Freitag am Kreuz hingerichtet worden war.

Der Evangelist Johannes berichtet von den Jüngern, wie sie in einem Haus saßen – die Türen fest verschlossen aus Furcht, dass es sie auch noch erwischen könnte.
Und auch wir sitzen zuhause – die meisten von uns jedenfalls: freiwillig oder erzwungene Quarantäne und Kontaktverbot – das ist zwar von den Behörden verordnet, letztlich aber doch aus Furcht, aus Furcht vor diesem Virus Covid 19, der das Leben bedroht.

Der Evangelist Markus berichtet von den Frauen, die sich ganz früh am Morgen aufmachen, um dem toten Jesus einen letzten Liebesdienst zu erweisen und seinen Leichnam zu salben. Die Frauen stehen plötzlich vor einem vorher nicht bedachten – aber im wahrsten Sinn schwergewichtigen – Problem: „Wer wälzt uns den Stein von dem Grabeingang weg?“ Dieser Stein versperrt den Zugang: zum Ziel ihrer Sehnsucht, zu dem Ziel ihrer Liebe: Hinter diesem Stein ist der tote Jesus zu finden.

Für die Frauen ist Jesus das Ziel ihrer Liebe. Was ist das Ziel unserer Liebe? Und was verstellt uns – auch unabhängig von der jetzigen Krise – den Weg zu diesem Ziel? In unserer ganz aktuellen Gegenwart mit den coronabedingten Kontaktverboten sind das vor allem bestimmte Menschen, nach denen wir uns sehnen; Menschen, die wir vermissen: Unsere Eltern oder Kinder; die Großeltern oder die Enkelkinder; oder andere Verwandte und Freunde, zu denen wir ein ganz enges Verhältnis haben, die uns jetzt fehlen. Wie selbstverständlich wir diese Menschen sonst um uns haben – das ist uns mit bedrückender Deutlichkeit klar geworden. Sich nicht real begegnen zu können, das ist jetzt der große Stein, den wir nicht weggewälzt bekommen.

Es gibt für uns aber auch noch vieles andere, was wir als Ziel unserer Sehnsucht und Liebe benennen können und was jetzt oder grundsätzlich durch einen großen Stein unerreichbar ist: Orte, die uns ganz viel bedeuten; Projekte, in die wir so viel Herzblut gesteckt haben; und für viele auch der gemeinsam gefeierte Gottesdienst, der uns mit Gott und untereinander als Kirche Jesu Christi verbindet; der uns durch Lieder, durch Predigt und Abendmahl Kraft, Trost und Zuversicht für unsere Leben gibt. So sind auch wir auf dem Weg zum Ort unserer Liebe und Sehnsucht und so fragen auch wir uns wie die Frauen damals: „Wer wälzt uns diesen Stein weg, damit wir zum Ziel unserer Sehnsucht kommen, zu unserem Liebsten?“

Dann erleben die Frauen ihre erste große Überraschung: Der Stein versperrt ihnen nicht mehr den Weg. Ganz unerwartet hat sich dieses so große Hindernis für diese drei damals als irrelevant erwiesen. Es wäre für uns heute aber viel zu kurz gegriffen, wenn wir einfach darauf hoffen wollten, dass sich der Corona-Stein einfach so in Luft auflösen würde. Ostern heißt ja nicht: Der Stein ist weg. Ostern ist das Geschehen, das den Frauen von den beiden Jünglingen berichtet wird: Jesus ist vom Tod auferweckt, er ist auferstanden und an diesem Ort gar nicht mehr zu finden. Die Frauen machen diese wunderbare und zugleich verstörende Erfahrung, dass sie an der falschen Stelle gesucht haben: Der Lebende ist nicht bei den Toten.

Auch wir wollen wohl – wie die Frauen am Ostermorgen – immer an den Ort zurück, wo wir das, was wir lieben, zurückgelassen haben. Aber Zeit vergeht; vieles geschieht und verändert sich. Unser Liebstes ist nicht mehr da zu suchen, wo wir es zurückgelassen haben.
Und: Die Frauen bekommen den Auferstandenen gar nicht zu Gesicht. Sie bekommen „nur“ die Verheißung, „dass“ sie Jesus als Lebendigen sehen werden. Die beiden Jünglinge weisen die drei Frauen nach „Galiläa“ – dahin, wo sie zuhause sind. Aber eben nicht als Rückschritt in die Vergangenheit, sondern als Schritt in die Zukunft; als Weg, auf dem Jesus ihnen vorangeht.

Und so bedeutet auch für uns die Botschaft von der Auferstehung Jesu eine Wegweisung in die Zukunft: Er, der Auferstandene ist bei uns und geht diesen Weg in unsere Zukunft mit, wie er es den Seinen später zugesagt hat: Siehe ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende. Diese Botschaft eröffnet uns einen Lebensweg, der uns immer wieder neu aufstehen und auferstehen lässt.

Und unser je eigenes „Liebstes“, das wir suchen? Auch damit sollen wir nicht im Vergangenen hängen bleiben. Das Ostergeschehen macht Mut, unseren Weg in die Zukunft zu gehen und dort unser Liebstes zu finden: das, wonach sich unsere Seele sehnt – vertraut und doch neu, denn dann werden wir andere Menschen sein. Ostern heißt auch: Das Liebste nicht am Ort der Vergangenheit und des Todes suchen, sondern auf dem Weg sein, um es am neuen Ort zu finden. Denn mit der Auferstehung Jesu ist uns dieser Weg in die Zukunft eröffnet. Amen.

Gehalten beim Viedeogottesdienst des Ev. Kirchenkreises Vlotho am 12. April 2020 in der Kirche in Vlotho-Valdorf. Zum Video: hier.