Predigt am 2. Sonntag nach Epiphanias 2021 (17.1.)

Hier die Predigt aus dem Video-Gottesdienst vom 2. Sonntag nach Epiphanias am 17. Januar 2021 noch einmal zum nachlesen:

Wer ist Jesus? Die vier Evangelisten geben darauf ganz unterschiedliche Antworten. Vor allem Johannes geht seinen eigenen Weg. Am Anfang seines Evangeliums schildert er Ereignisse aus drei aufeinander folgenden Tagen:

Am ersten Tag sieht der Täufer Jesus und nennt ihn das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt trägt; am zweiten Tag beruft Jesus die ersten Jünger: Andreas und Simon Petrus, Philippus und Nathanael; und am dritten Tag setzt Jesus ein erstes Zeichen – und das auch noch bei einer Hochzeit:

Und am dritten Tage war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da.
Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen.

Es mag für uns in Coronazeiten ganz schwierig sein, an Hochzeiten zu denken, also an Hoch-Zeiten des Lebens, die wir mit Feiern, mit unbeschwerter Fröhlichkeit und wunderbarer Fülle verbinden. Denn zur Zeit ist an solche Feiern nicht zu denken und viele Menschen haben im zurückliegenden Jahr solche Feiern absagen oder doch zumindest verschieben müssen. Aber die Erwartung, dass das alles wieder möglich sein wird, ist groß. Lassen wir uns also vom Evangelisten Johannes mit hinein nehmen in die Hochzeitsfeier, die Feier des Lebens.

Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr.

Die Feier hat kaum angefangen, da droht sie schon zu Ende zu sein: Es ist nicht genug Wein da! Wie peinlich für den Weddingplaner und noch mehr für den Bräutigam. Was soll werden ohne Wein? Feiern nur mit Wasser? Das geht nicht. Denn der Wein steht in der Bibel in ganz besonderer Weise für alles, was Lebenslust, Freude und Feiern heißt. Wenn kein Wein mehr, dann auch keine Feier.

So ähnlich ist es uns dann auch ergangen: Die ersten Maßnahmen zu Corona im letzten März wurden zwar erst nach den Karnevalstagen eingeleitet, aber unser Leben war dann doch ganz plötzlich ausgebremst, wo eben noch alles so fröhlich erschien. Plötzlich saßen wir auf dem Trockenen und waren in einer ganz harten Realität angekommen, die wir uns vorher nicht hatten vorstellen können. Und nun?

Jesus spricht zu seiner Mutter: Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.
Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut.

Maria hat die peinliche Situation bemerkt und ihrem Sohn gesagt, er solle helfen. Doch Jesus will nicht – wie sich erwachsene Kinder wohl nie sonderlich wohl fühlen, wenn sie von ihren Eltern öffentlich zu etwas verpflichtet werden. Und Jesus erwartet seinen Auftrag von seinem himmlischen Vater her, nicht von seiner Mutter. Aber wie wohl alle Mütter (und Väter) so sind, hat Maria sich nicht um die Antwort ihres Sohnes geschert und den Bediensteten des Kellermeisters gesagt: „Was er, Jesus, euch sagt, das tut!“ – Und das rettet das Fest:

Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte,
und in jeden gingen zwei oder drei Maße.
Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan.
Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt’s dem Speisemeister! Und sie brachten’s ihm.
Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam – die Diener aber wussten’s, die das Wasser geschöpft hatten –, ruft der Speisemeister den Bräutigam und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein
und, wenn sie trunken sind, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten.
Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat. Es geschah zu Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.

Da, wo Jesus ist, ist die Fülle des Lebens zu finden: Zeichenhaft im Wein, für den Jesus bei der Hochzeit in Kana sorgt. Und auf ganz vielfältige Weise sonst, wie Johannes es in den folgenden Kapiteln seines Evangeliums weiter berichtet. Gottes Reich ist nicht nur irgendwann und fern – es ist mitten unter uns. Maria, die Mutter Jesu, hat mit ihrer Aufforderung auf den Punkt gebracht, was das Fest retten würde: „Was er, Jesus, euch sagt, das tut!“

Das rettet auch unser Fest des Lebens. Ich weiß aber nicht, wie es Ihnen und Euch geht, wenn Sie das hören: „Was er euch sagt, das tut!“ Irgendwie wissen wir natürlich alle: Was Jesus uns zu sagen hat, das ist gut und hilft uns zum Leben. Aber es hört sich doch viel zu einfach an: „Mach doch einfach, was er euch sagt!“ Ja, aber was denn? Und wie? Ich sehe 2 Antworten:
Eine kommt von Jesus aus der Bibel. Es ist seine Antwort auf die Frage nach dem höchsten Gebot.

Du sollst Gott, den Herren, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt und deinen Nächsten wie die selbst.

Und die andere Antwort finde ich in einem kleinen Text aus der Coronazeit im Frühjahr unter der Überschrift „Nicht alles ist abgesagt …“, das ich für heute gerne positiv formulieren möchte:

Sonne ist angesagt – Frühling ist angesagt,
Liebe ist angesagt – Lesen ist angesagt,
Zuwendung ist angesagt.
Musik ist angesagt – Phantasie ist angesagt
Freundlichkeit ist angesagt
Gespräche sind angesagt
Hoffnung ist angesagt – Beten ist angesagt …

All das ist angesagt. All das ist möglich! Und all das bringt uns in unserer Mitmenschlichkeit weiter; ist das, was Jesus uns sagt, was wir tun sollen. Und noch viel mehr. Die Liste lässt sich mit so vielem verlängern, was uns in diesen Zeiten zu mehr Menschlichkeit verhilft. So wird und bleibt das Leben trotz aller Einschränkung, trotz allem Leid und mancherlei Traurigkeit ein Fest, sein Fest mit uns. Amen.

Bibeltext: Johannes 2,1-11 (wörtlich zitiert aus: Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung – revidiert 2017, © 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

Video-Gottesdienst am 2. Sonntag nach Epiphanias 2021 (17. Januar)

Der Video-Gottesdienst morgen kommt aus der Veltheimer Kirche und diesmal war ich dran. Bin gespannt wie es geworden ist.

Mit dabei waren als Sprecherin Marianne Kollmeier für die Musik Christine Backer und Gabriel Backer und für Video und Schnitt Lucas Schierbaum.

Zu finden ist der Gottesdienst ab morgen (17. Januar) um 10.00 Uhr hier: https://youtu.be/f7jR-7MuUlc
Neuer Link, weil auf anderen Account verschoben. (Deshalb stimmen auch die Statistikzahlen nicht mehr.)

Der Gottesdienst aus Lohfeld vom 1. Sonntag nach Epiphanias ist hier zu finden: https://youtu.be/sq9NX6HumuY
Neuer Link, weil auf anderen Account verschoben. (Deshalb stimmen auch die Statistikzahlen nicht mehr.)

Gedanken zu Epiphanias

Original-Bild von Angeles Balaguer auf Pixabay
  • Tagesspruch: Die Finsternis vergeht und das wahre Licht scheint jetzt. (1. Johannes 2,8b)
  • Lieder des Tages:
    Der du die Zeit in Händen hast (EG 64)
    Du bist der Weg (EG.E 23)
  • Psalm des Tages: Psalm 72,1-3.10-12.17b-19 (siehe EG.E 68)
  • Predigttext Reihe 3: Jesaja 60,1-6 „Zions künftige Herrlichkeit“
  • Evangelium: Matthäus 2,1-12 „Die Weisen aus dem Morgenland“

Impuls zu Jesaja 60,1-6

Es waren königlichen Geschenke, mit denen die weitgereisten Gäste aus dem Osten in dem ärmlichen Stall in Bethlehem ankamen: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Es macht einen tiefen Eindruck, wenn nicht nur irgendwer – wie die Hirten – kommt, um das Kind anzubeten, sondern eben auch die Reichen der Welt. Aber die Geschenke alleine machen aus den Gabenbringern keine Könige. In der Tradition und im landläufigen Namen des Festes „Heilige Drei Könige“ haben sie sich aber unauslöschlich als Könige in das Gedächtnis der Menschen eingebrannt.

Der kurze Abschnitt aus dem Propheten Jesaja ist der Schlüssel dafür, dass diese Tradition entstanden ist: Könige werden zum Glanz ziehen, der über Israel aufgeht! So verheißt Gott durch Jesaja.

Damit wird der weite Horizont sichtbar, den die Geburt im Stall von Bethlehem bedeutet: So wichtig die lukanische Weihnachtsgeschichte ist, die die Hirten als erste Besucher und Zeugen in den Mittelpunkt des Geschehens stellt – so regional wäre dieses Ereignis geblieben. Mit den Weisen, die von Matthäus als Magier bezeichnet und in der Volksfrömmigkeit zu den Königen werden, kommt die große weite Welt an.

Und mit Epiphanias, dem Fest von der Erscheinung des Herrn, und den folgenden Sonntagen gibt das Kirchenjahr die Antwort auf die Frage, wer Jesus von Nazareth ist – außer einem Kind, das im Stall geboren wird:

  • Jesus Christus ist der Sohn Gottes, zu dem sich Gott selbst bei der Taufe Jesu im Jordan bekennt: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe!“ (Matthäus 3; 1. Sonntag nach Epiphanias)
  • Jesus Christus ist der Freudenmeister, der das Fest des Lebens möglich macht – erzählt anhand der „Hochzeit zu Kana“ (Johannes 2; 2. Sonntag nach Epiphanias).
  • Jesus Christus hat Gewalt über Krankheit und Tod, wie es wiederum Matthäus mit der Geschichte vom „Hauptmann von Kapernaum“ erzählt (Matthäus 8; 3. Sonntag nach Epiphanias).
  • Durch Jesus Christus scheint Gottes Licht hindurch, wie es bei der Geschichte von der Verklärung Jesu auf dem hohen Berg sichtbar wird, und wo Gott sein Bekenntnis zu Jesus als seinem Sohn wiederholt (Matthäus 17,1-9; Letzter Sonntag nach Epiphanias).
  • In Jesus Christus wird aus christlicher Sicht das Licht Gottes sichtbar, das schon der Prophet Jesaja verheißen hat: im Stern von Bethlehem, dem die Weisen folgen (Jesaja 60 und Matthäus 2; Epiphanias).

Was ist das aber für ein Licht, das aufscheint? Wie ein kleines Streichholz in einem dunklen Zimmer oder wie ein Sonnenstrahl, der eine Bergkuppe überstrahl und das Tal in ein besonderes Licht taucht? Wie die Sonne am Mittag oder wie ein Spot-Scheinwerfer, der nur einen ganz bestimmten Fleck beleuchtet?

Jesaja denkt an so etwas wie den Sonnenaufgang: „Über dir geht auf …“ Und das Licht ist nicht einfach nur die Sonne – es ist Gott selbst, der als Licht sichtbar wird und einen Teil der noch dunklen Welt in Helligkeit taucht: Gottes Volk Israel wird von diesem besonderen Licht beschienen. Für uns als Christen ist es wichtig, sich daran immer wieder zu erinnern: Die kommende Heilszeit für das Gottesvolk Israel ist die Grundlage für die Heilszeit der übrigen Völker.

Die segnende Aufforderung, die sich mit der Verheißung des aufscheinenden Gottes verbindet, heißt: „Werde licht!“ Licht werden – das heißt zunächst hell werden, durchscheinend werden für das Licht Gottes und so das eigene Umfeld erhellen. Das Wort „licht“ meint aber auch so etwas wie „hoch“ und „frei“, wenn es zum Beispiel im Satz „Der Raum hat eine lichte Höhe“ gebraucht wird. Ein solcher lichter Raum atmet eine große Leichtigkeit. Und so bewirkt das Licht Gottes eine große Befreiung, die alles Schwere und Bedrückende wegnimmt.

„Werde licht!“ Neben die Aufforderung, das zu werden, was Gott uns schenkt, tritt ein weiterer Impuls: „Mache dich auf!“ – Bleib also nicht stehen; bleib nicht sitzen in deinem Sessel oder liegen auf deinem Sofa bei Chips und Cola oder Tee und Weihnachtsgebäck! Tue etwas, das Licht ins Dunkel der Welt bringt!

Einer, der so etwas mit großer und andauernder Wirkung getan hat, war Louis Braille, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts lebte. Er, der selber im Alter von 3 Jahren durch einen Unfall erblindete, hat die fühlbare Schrift aus sechs Punkten erfunden, die es möglich macht, alles aufschreiben und lesen zu können. So hat er Licht in die Dunkelheit von blinden Menschen gebracht und ihnen eine ganz neue Teilhabe am Leben ermöglicht. Aus der Dunkelheit der Bildungsferne ins Licht von Erkenntnis und Teilhabe. Sein Todestag am 6. Januar 1852 ist Grund genug, heute an ihn zu erinnern.

Louis Braille steht mit seiner Erfindung dafür, wie der helle Schein des Sterns von Bethlehem auch bei den Menschen zuhause scheinen kann – ganz gleich, wie klein oder groß das ist, wozu sich Menschen auch heute aufmachen:

Stern über Bethlehem, kehrn wir zurück,
steht noch dein heller Schein in unserm Blick,
und was uns froh gemacht, teilen wir aus,
Stern über Bethlehem, schein auch zu Haus!
(aus dem 2. Tageslied zu Epiphanias: EG 546)

Und so lasst auch uns aufstehen und lasst an uns etwas sichtbar werden von dem Licht, das uns mit der Geburt Jesu Christi aufgeschienen ist und durch uns sichtbar werden will!

Impuls für den 1. Sonntag nach Weihnachten – 27. Dezember 2020

  • Tagesspruch: „Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ (Johannes 1,14b)
  • Wochenlieder:
    Fröhlich soll mein Herze springen (EG 36)
    Freuet euch, ihr Christen alle (EG 34)
  • Wochenpsalm: Psalm 71,1-3.12.14-18
  • Evangelium (= Predigttext): Lukas 2,(22-24)25-38(39-40): „Jesu Darstellung im Tempel“

Impuls: „In einem Kind die Zukunft sehen“

Mit dem Evangelium des ersten Sonntags nach Weihnachten geht es einen großen zeitlichen Schritt weiter: Die Zeit der Reinigung für die Mutter des neu geborenen Kindes betrug 33 Tage. Danach war für die Mutter die Auszeit zu Ende; ihre Pflichten und das allgemeine gesellschaftliche und religiöse Leben hatte sie wieder.

Im Mittelpunkt des Schluss-Abschnitts aus dem 2. Kapitel des Lukasevangeliums stehen aber nicht Maria und Josef mit dem Kind, sondern zwei andere Menschen treten in Beziehung zu diesem Kind, das in der Christnacht geboren wurde. Beide haben eine besondere Nähe und Beziehung zu Gott, denn sie leben in Jerusalem, sind oft im Tempel und erfahren den Geist Gottes.

Da ist Simeon, den wir gerne als Greis sehen, weil die Verheißung, die er bekommen hat, seinen nahen Tod vermuten lässt. Und da ist Hanna, die uralte Prophetin, die täglich im Tempel ist. Beiden gemeinsam ist die erwartungsvolle Lebenseinstellung: Sie rechnen fest damit, dass Gott in ihr Leben tritt, dass Gottes Heiland von ihnen erkannt werden würde, wenn er denn endlich da ist.

Für viele Menschen ist die Szene von Simeon mit dem Jesuskind von dem niederländischen Maler Rembrandt kongenial in ein Bild gefasst worden: Was dieser Moment für Simeon und Hanna bedeutet hat, können wir heute wohl kaum nachvollziehen, weil wir diese radikale Erwartungshaltung kaum noch kennen. Wir rechnen nicht mehr damit, dass sich das Ziel unseres Lebens erfüllt, weil wir den Heiland und Retter der Welt in unseren Händen halten. Wir rechnen nicht mehr damit, dass nach einem solchen Moment nichts Bedeutendes mehr in unserem Leben passieren könnte.

Und trotzdem weiß ich von vielen Besuchen, dass wir bis heute ganz oft etwas ganz ähnliches erleben, was uns hilft, das zu verstehen, was Simeon widerfährt: Wie oft erzählen mir Menschen voller Freude von ihren Kindern und von ihren Enkelkindern. Und was für ein besonderes Erlebnis ist es für die Menschen, wenn sie dann ihr Urenkelkind in den Armen halten. Sie sehen in dem kleinen Menschlein etwas sehr zartes und liebenswertes; sie sehen in diesem Menschenkind aber auch etwas von der Zukunft, die in diesem Leben eingeschlossen ist. Und weil es ihr Enkel- oder Urenkelkind ist, trägt es auch etwas von der Zukunft der (Ur-)Großeltern in sich.

In Enkel- und Urenkelkindern kommen meine Hoffnung und meine Erwartungen an ihr Ziel: „Mein eigenes Leben war nicht vergebens; meine Mühe und Arbeit mit meinen Kindern, meine Ängste um sie haben Früchte getragen. Und ich lebe in diesen Kindern in einer besonderen Weise weiter. Meine Zukunft ist gerettet – auch wenn mein eigenes Leben (demnächst) irgendwann zu Ende geht.“

Auch Simeon und Hanna sind an das Ziel ihrer Hoffnungen und Erwartungen gekommen. Für sie ist es nicht aber nur die eigene Zukunft, die sie in diesem Kind gesichert sehen, sondern die Zukunft der ganzen Welt!

Der Lobgesang, den Simeon dann anstimmt (lateinisch: Nunc dimittis), begleitet Menschen
seit vielen hundert Jahren als gesungenes Nachtgebet in der evangelischen und katholischen Kirche. Zum Abschluss des Tages erinnert es symbolisch an das irdische Lebensende. Die folgende Nacht hat aber nicht das letzte Wort – auch nicht die Nacht des Todes: Die Zukunft des Lebens bei Gott ist gesichert.

Ich wünsche uns allen diese Erwartungshaltung, wie sie Hanna und Simeon zu eigen ist. Und mögen wir alle aus diesem Weihnachtsfest die Erfahrung mitnehmen, dass auch unsere Zukunft in diesem Kind Jesus gesichert ist!

Impuls für den 1. Weihnachtstag – 25. Dezember 2020

  • Tagesspruch: Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.
    (Johannes 1,1a)
  • Wochenlieder:
    Gelobet seist du, Jesu Christ (EG 23)
    Herbei, o ihr Gläubigen (EG 45)
  • Wochenpsalm: Psalm 96,1-3.7-13 (siehe auch EG 741)
  • Evangelium: Johannes 1,1-5.9-14(16-18) „Das Wort“
  • Brief-Lesung (= Predigttext): 1. Johannes 3,1-2(3-5) „Die Herrlichkeit der Gotteskindschaft“

„Mach es wie Gott – werde Mensch.“ – Seit vielen Jahren wandert dieser Spruch durch die Weihnachtszeit und bringt das Geschehen von Weihnachten genau auf den Punkt. Denn wir feiern Weihnachten, weil Gott Mensch wurde und das nicht bei einem einmaligen Ereignis vor etwa zweitausend Jahren stehen bleibt.

Weihnachten – das ist nicht eine rückwärtsgewandte rührselige Stimmung, mit der wir uns in die angeblich „heile Welt“ unserer Kindheit zurückträumen, die es aber so nie gegeben hat. Aber in unserer mehr oder weniger weit zurückliegenden Kindheit war nicht alles gut und schön und viele Menschen haben Sorgen gehabt, die den Sorgen von uns heute in nichts nachstehen. Unsere Kinderwelt von damals war vielleicht heil, die Welt als ganze bestimmt nicht.

Und ebenso ist es zur Zeit der Geburt Jesu gewesen. Unser heutiges Bild von Weihnachten wird mit der Situation von Maria und Joseph und ihrem Kind nicht das Mindeste zu tun gehabt haben. Dazu war die Situation im damaligen Judäa und Galiläa mit der römischen Besatzung viel zu schwierig.

„Mach es wie Gott – werde Mensch.“ Dieser Spruch erinnert uns daran, dass wir Weihnachten feiern, weil Gott Mensch wurde und dies Auswirkungen auf uns selbst haben soll, ja haben muss: Wir sollen Menschen im Sinn Gottes sein.

Was es mit diesem Menschsein im Sinn Gottes auf sich hat, das hat Jesus sichtbar und erfahrbar gemacht. Er lebte und forderte eine radikale Hinwendung zu Gott und damit zu den Menschen. „Gott dienen und dem nächsten wie sich selbst.“ Auf diese kurze Formel hat er es mit seiner Antwort auf die Frage nach dem höchsten Gebot gebracht.

Diese Radikalität Jesu widerspricht allen Radikalitäten, die wir auch und gerade in unserer Zeit erleben: wenn Menschen sich radikalisieren und im Namen eines Gottes oder im Namen einer Idee oder Ideologie meinen, andere Menschen ausschließen oder gar umbringen zu dürfen.

Der Radikalität der Hinwendung zu Gott bei Jesus entspricht dagegen eine radikale, liebevolle Hinwendung zu den Menschen. Das ist der Grundton der Verkündigung Jesu: Er wendet sich den Menschen zu, die in den Augen der übrigen Welt diese Zuwendung nicht verdient gehabt hätten, die aus unterschiedlichsten Gründen außerhalb der damaligen Gesellschaft gestanden haben. In diesen Menschen kommt Jesus selbst uns nahe.

Es ist diese liebevolle Hinwendung zu den Menschen, die Jesus und das junge Christentum so interessant machte. Die Kraft zu dieser Lebenshaltung hatten sie aus der tiefen Erfahrung, die auch den ganzen 1. Johannesbrief prägt, der wie Jesus die Liebe Gottes zu den Menschen und die Liebe der Menschen zu Gott in den Mittelpunkt stellt.

Am Anfang des 3. Kapitels seines Briefes, dem Predigttext für den 1. Weihnachtsfeiertag in diesem Jahr, lässt er uns einen ganz tiefen Blick in die Seelenlage der ersten Christen tun. Er offenbart uns damit den Glaubensgrund, der die radikale Liebe der ersten Christen möglich gemacht hat: Sie wussten sich selbst von der elterlichen Liebe Gottes geliebt. Sie erwarteten von ihm her ihre Zukunft – in einem unerschütterlichen Vertrauen, wie es nur Kindern möglich ist. Dass ihr Leben immer auch gefährdet war, war ihnen trotzdem klar. Ihr Vertrauen gab ihnen die Kraft, das alles zu bestehen.

„Mach es wie Gott – werde Mensch.“ – Ich möchte den Spruch ein wenig abwandeln und das Wort „Mensch“ durch das Wort „Kind“ ersetzen. „Mach es wie Gott, werde Kind – Gottes Kind.“ Das spiegelt zum Einen die Schutzbedürftigkeit, die unserem Leben ganz grundsätzlich zu eigen ist und die wir in dieser Zeit besonders erfahren. Zum Zweiten spiegelt diese Änderung das unerschütterlichen Vertrauensverhältnis, das zwischen guten Eltern und ihrem Kind besteht. Und zum dritten kommt die Hinwendung zur Zukunft zum Tragen, die Kindern zueigen ist. Sie sehen, weil sie sich von ihren Eltern geliebt wissen, voller Zuversicht auf das, was kommt.

„Werdet, seid und bleibt Gottes Kinder.“ Das wünsche ich Euch allen an diesem Weihnachtsfest besonders auch nach einem Jahr, das von so großer Verunsicherung geprägt war! Denn von Gott her kommt die Liebe auf uns zu und lässt uns leben!