Predigt an Septuagesimä 2020 über Matthäus 20,1-6

Der Predigttext Matthäus 20,1-16 wurde vor der Predigt als Schriftlesung gelesen.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde! Liebe Silberkonfirmandinnen und liebe Silberkonfirmanden!

Das ist doch ungerecht! – Das ist die Reaktion von ganz vielen Menschen, wenn sie dieses Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg hören. So kann man mit den Menschen doch nicht umgehen: Die einen schuften und schuften von sechs Uhr morgens an und müssen dann auch noch die Mittagshitze ertragen. Das gilt dann auch noch für die, die um 9.00 Uhr anfangen und vielleicht mit Abstrichen auch noch für die, die um 12.00 Uhr angestellt werden.

Und dann sind da die anderen, die erst viel später – um 15.00 Uhr oder sogar erst um 17.00 Uhr – eingestellt werden. Die haben kaum einen Handschlag getan und sollen mit einem ganzen Tageslohn nach Hause gehen. Deren Freude zur Stunde der Abrechnung können wir uns sicherlich vorstellen: ganz unverhofft einen vollen Tageslohn! Und wir werden uns den Ärger der anderen ebenso vorstellen können: Das ist doch Betrug! Ganz egal, was vorher ausgemacht war.

Das ist doch ungerecht! Ja, es ist ungerecht, wenn wir die Maßstäbe unserer Arbeitswelt anlegen, in der Lohn nach der geleisteten Arbeit bezahlt wird. Und das war auch schon vor 2000 Jahren so. Mit den üblichen Einschränkungen, dass Frauen bei gleicher Arbeit auch heute noch – wie vor 2000 Jahren – weniger für die gleiche Arbeit verdienen wie Männer.
Aber: Es gibt auch noch eine andere Richtung, aus der die Situation der Lohnzahlung betrachtet werden kann: Das ist die Blickrichtung des Hausherren, dem der Weinberg gehört und der seinen Verwalter anweist, den Lohn so ungewöhnlich auszuzahlen. Wohl niemand anderes als Gott ist mit diesem Hausherrn gemeint, der immer wieder auf den Marktplatz geht, um Menschen zu finden, die in seinem Weinberg arbeiten. Dieser Weinberg ist das Gottesvolk, das an vielen Stellen in Alten Testament so benannt wird: Israel, der Weinberg Gottes.

Jesus stellt uns Gott also als diesen Weinbergbesitzer vor, der vor allem ein Ziel hat: dass sein Weinberg gut bearbeitet ist. Und – ich gehe noch einen Schritt weiter – Jesus legt uns dadurch, dass er diese Geschichte als Himmelreichsgleichnis erzählt auch die Frage vor, wer denn mit welchem Lohn überhaupt in das Himmelreich hinein kommt.

Dazu müssen wir uns die Situation vorstellen, in der Jesus mit seinen Jüngern war; die Situation, in der die Gemeinde des Matthäus ist, für die der sein Evangelium schreibt. Da waren viele, die von Anfang an dabei gewesen waren, und die im übertragenen Sinn die Mittagshitze ausgehalten hatten: das hämische Lachen, wenn man sich als Christ zu erkennen gab, bis hin zu der Hitze von Verfolgung und Anfeindung. Diese also waren sich sicher: Wir bekommen dafür auch unseren Lohn, der mit Jesus ausgemacht war, den er versprochen hatte: den Platz in Gottes himmlischen Reich.

Und dann mussten sie feststellen, dass andere in ihrem Leben erst viel später dazu gekommen waren; die hatten sich in den Augen der Ersten gar nicht bewähren müssen, die hatten doch gar nicht für das Gottesreich genug gearbeitet, um den vollen Lohn zu bekommen. Und das ist ja offensichtlich: Entweder ganzer Lohn und Zugang zum Himmelreich oder nicht, halb geht nicht. Sie waren alle von diesem menschlichen Gedanken von Lohn gemäß gelisteter Arbeit geprägt.

Was ihnen nicht klar war: Gott hatte einen ganz anderen Blick und eine ganz andere Absicht: Warum sollte er sonst den ganzen Tag immer wieder auf den Marktplatz gehen und nach weiteren Leuten Ausschau halten. Der Hausherr wusste genau so wie seine Arbeiter, dass die mit einer Stunde Arbeitszeit nicht mehr viel reißen würden. Trotzdem hat er sie eingestellt.
Aus einem einfachen Grund: Gott will, dass alle in seinem Weinberg arbeiten, dass alle in sein Himmelreich kommen, dass niemand verloren geht. Deshalb macht er sich immer wieder auf und sucht nach Leuten. Und deshalb ist es aus seiner Sicht keine Frage von „gerecht und ungerecht“, die ihn bewegt, sonder es ist eine Frage der Liebe, die niemanden verloren geben will.

Die Bibel nennt das, was Gott erreichen will in hebräischer Sprache „Shalom“. Wir übersetzen das fast immer mit Frieden – und das ist auch richtig: So wie in der Jahreslosung des vergangenen Jahres: Suche Schalom/Frieden und jage ihm nach. Aber es ist ja immer wieder die Frage, was denn mit diesem Frieden gemeint ist. Und da sagt die Bibel eindeutig: Shalom, also Frieden ist, wenn alles wieder ganz und heil geworden ist; wenn niemand mehr fehlt; wenn keine Lücke da ist. Shalom können wir also auch mit Ganzheit oder mit Ganzsein übersetzen.

Das ist das Ziel Gottes, das Jesus mit seinem Gleichnis deutlich machen will: Wie bekommt Gott die Menschen in sein Reich hinein? Antwort: Indem er ihnen den zahlenmäßig gleichen Lohn zahlt, obwohl sie unterschiedlich lang am Reich Gottes mitgearbeitet haben.

Vielleicht kennt Ihr das Bild von den drei Menschen, die an einem hohen Zaun stehen, hinter dem ein Fußballspiel läuft. Die drei wollen zusehen, der Zaun ist aber für zwei von den dreien zu hoch, um drüber sehen zu können. Und sie haben drei Kisten dabei; jeder von den Dreien steht zuerst auf einer der Kisten: Der Längste von ihnen braucht sie eigentlich nicht; der Mittlere kann so über den Zaun sehen, der Kleinste aber hat keine Chance. In unserem Gleichnis bedeutet das: Jeder bekommt den Lohn, der seiner Leistung entspricht, aber einige nicht in Gottes Reich. Nach einiger Zeit verändern die drei die Kisten: der Längste steht jetzt auf keiner mehr, der Mittlere steht weiterhin auf einer Kiste und der Kleinste steht auf zwei Kisten. Jetzt können alle das Fußballspiel sehen. In unserem Gleichnis bedeutet das: Die Arbeiter haben zwar unterschiedlich lange gearbeitet, sie sind unterschiedlich groß, aber Gott füttert bei den Kleineren immer so viel unter, dass es für das Ziel reicht: dass alle ins Reich Gottes kommen. Jeder bekommt den Lohn, der der Liebe und Gnade Gottes entspricht. Mit diesem Gleichnis erklärt Jesus seinen Jüngern und mit ihm Matthäus seiner Gemeinde, dass Gottes Gerechtigkeit aus einer anderen Sicht heraus berechnet wird, als wir das normalerweise tun. Gottes Liebe ermöglicht es allen, in sein Reich zu kommen. Das ist sein Ziel, um den Shalom wieder herzustellen.

Was Matthäus seiner Gemeinde mit dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg nahe bringen will, erzählt Lukas mit der Geschichte vom sogenannten „verlorenen Sohn“, der durch die Liebe des Vaters wieder aufgenommen wird. Und auch hier ist der unzufrieden, der die Last der Arbeit getragen hat. Auch beim älteren Sohn können wir gut verstehen, dass er sauer auf seinen jüngeren Bruder ist, der sein Erbe durchgebracht hat. Aber – und das ist Jesus in beiden Geschichten wichtig: Die Liebe des Vaters beim Verlorenen Sohn ist keine Missachtung des älteren Sohnes; bei Matthäus ist die Liebe des Hausherren keine Missachtung der Arbeiter, die den ganzen Tag oder weite Teile des Tages gearbeitet haben. Gottes Liebe gilt allen gleichermaßen. Er hat genug davon.

Nun wäre es sicherlich ein Missverständnis, wenn wir uns dann nur lange genug vor Gott und seiner Aufforderung verstecken wollten, um uns möglichst „billig“ das Himmelreich zu erarbeiten. Gott kommt auf den Marktplatz unseres Lebens und spricht uns an. Und wenn das geschieht, werden wir in den Weinberg gehen. Denn wir brauchen für unser Leben den Lohn – also die Liebe Gottes. Matthäus jedenfalls berichtet von keinem, der das Angebot des Hausherren ausgeschlagen hätte.

Liebe Gemeinde! Liebe Silberkonfirmandinnen und liebe Silberkonfirmanden!
Wer sind wir wohl in diesem Gleichnis Jesu? Wenn wir den Tag im Gleichnis auf unser Leben projizieren, dann können wir die Uhrzeiten des Tages so ungefähr auf unsere Lebenszeit übertragen: Die sechste Stunde wäre vielleicht so um die Konfirmation herum, die neunte Stunde die Zeit der Familiengründungen mit 25-30 Lebensjahren; als Silberkonfirmanden stehen Menschen mit 39 oder 40 Jahren so etwa in der Mitte des Lebens, dann ist es 12.00 Uhr; wieder andere Menschen haben mit der Goldenen Konfirmation die neunte Stunde, also 15.00 Uhr erreicht; und schließlich wäre 17.00 Uhr, die elfte Stunde, vielleicht die eiserne Konfirmation.

Wenn es dann am Ende des Lebens darum geht, seit wann Menschen im Weinberg Gottes gearbeitet haben, wird das sehr unterschiedlich aussehen. Es wird bestimmt manche geben, die schon sehr früh in ihrem Leben mit der Arbeit in Gottes Weinberg angefangen haben – vielleicht schon vor oder schnell nach der Konfirmation. Andere werden um 9.00 Uhr oder um 12.00 Uhr von Gott gerufen worden sein; manche haben vielleicht wirklich nur eine ganz kurze Zeit mit Gott zu tun gehabt und im Weinberg etwas gearbeitet.

Und das für uns sicherlich immer wieder erstaunliche Ergebnis der Lohnauszahlung bei Gott ist: Er gibt allen den gleichen Lohn: Alle sind sie, alle sind wir berufen. Gott ergänzt mit seiner Liebe das, was uns noch fehlen würde, um den Zugang zu seinem Reich zu bekommen.
Wenn wir schon lange dabei sind, dürfen wir uns freuen, dass die anderen auch dabei sein werden. Wenn wir meinen, wir seien noch nicht dabei: Halten wir unsere Augen und Ohren offen, wann der Hausherr kommt, um uns in seinen Weinberg zu rufen. Mehr brauchen wir erst einmal nicht zu tun. Gott wird uns schon sagen, wann was zu tun ist. Amen.

Breitensport-Gottesdienst 2020

Hier das Interview mit dem Team „Respekt“, die Predigt und die Fürbitten vom Gottesdienst zum heutigen Breitensporttag des TuS 09 Möllbergen.
Ein ganz, ganz großes Dankeschön an alle, die diesen Gottesdienst mit vorbereitet und mit ihren Texten und Gedanken bereichert haben!

Das Team „Respekt“:

Hallensprecher/Moderator: Liebe Sportsfreunde, ihr wartet sicherlich schon sehnsüchtig auf eure Stars, auf eure Mannschaft. Und hier kommen sie:
Rücksicht, Ehrlichkeit, Selbstreflektion, Persönlichkeit, Empathie, Kommunikation, Toleranz
Zusammen sind sie unser Team – zusammen sind sie RESPEKT.

Das Interview mit dem Team Respekt:
Moderator: Passend zum Thema und zu diesem Bibeltext (Römer 12,9-21 in der Übersetzung „Hoffnung für alle“) haben wir hier die ganz Mannschaft zum Interview versammelt. Das ist super. Liebes Team Respekt! Wo kommt ihr als Mannschaft eigentlich vor? In welcher Liga spielt ihr?
Rücksicht: Wir spielen in jeder Liga. Unsere Mannschaft ist überall da am Start, wo Menschen sich begegnen.
Moderator: Könnt ihr mir ein paar Beispiele nennen?
Selbstreflektion: Klar, gerne. Wir klatschen zum Beispiel Beifall bei einem Sportevent oder bei einer Aufführung – als Anerkennung für die Leistung der Aktiven.
Ehrlichkeit: Und wir folgen den Anweisungen von Feuerwehrleuten, von Sanitätern und Ärzten oder der Polizei, wenn die für Ordnung, Sicherheit und Rettung von anderen sorgen müssen.
Persönlichkeit: Wir achten die Individualität des Einzelnen und erkennen auch seine Schwächen an, ja: auch die Fehler. Die macht jeder und es muss trotzdem immer wieder einen neuen Anfang geben.
Empathie: Wir verhalten uns leise, wenn wir eine Kirche betreten – aus Respekt vor den anderen Gläubigen und aus Respekt vor Gott natürlich.
Kommunikation: Wir hören anderen Menschen zu und lassen Sie ausreden – als Wertschätzung der anderen Meinung, auch wenn sie nicht unsere Meinung ist.
Toleranz: Und Respekt geht über das Miteinander von Menschen hinaus. Es geht auch um Respekt vor dem Leben insgesamt: also vor Tieren und Pflanzen, vor Sachen; also um Respekt vor unserer ganzen Erde.
Moderator: Alles klar. Dann vielleicht eine dumme Frage: Gewinnt ihr immer? Oder verliert ihr auch manchmal?
Toleranz: Die Frage ist gar nicht dumm. Sie ist sogar sehr berechtigt. Denn wir verlieren leider viel öfter, als uns das lieb ist! Das machen die in der großen Politik gerade nur zu deutlich vor: Gefühlt entwickelt sich die Gesellschaft in der Welt zu egoistischen Einheiten: ‚America First‘ bei Trump. Und viele andere sagen das für ihr Land auch. Ob sie nun Putin oder Johnson, oder Erdogan oder Orban heißen.
Rücksicht: Aber es sind nicht nur die Großen. Wenn du dir Kommentare im Internet ansiehst, dann weißt du, was ich meine. Wie Menschen da alleine mit Worten aufeinander losgehen – das ist für uns immer wieder ein ganz bittere Niederlage.
Ehrlichkeit: Oder sieh dir an, wie manchmal Eltern bei Jugendspielen im Handball oder Fußball auf den Schiedsrichter oder auf die aus der anderen Mannschaft losgehen. Ehrgeiz und Emotion – ja gerne. Das muss sein. Aber keine Gewalt!
Moderator: Und was hat der TuS 09 Möllbergen mit euch, dem Team Respekt, zu tun?
Empathie: Unser Sportverein hat da eine ganz, ganz wichtige Aufgabe! Hier können wir das leben. Der TuS zusammen mit den anderen Vereinen und der Kirchengemeinde ist doch der Ort, wo Respekt möglich ist.
Kommunikation: Genau. Hier – beim Sport und beim Bier danach – finden die Gespräche statt, die helfen, dass unsere Gesellschaft offen bleibt; hier, in den Vereinen, treffen sich doch die Leute und heißen neue Menschen willkommen.
Persönlichkeit: Und da kommt es nicht drauf an, wo du her kommst: Ob du schon immer in Möllbergen gewohnt hast, ob du aus Minden zugezogen bist; ob du aus Afrika geflüchtet bist, weil du da Angst um dein Leben haben musstest, oder ob du sogar aus Veltheim kommst.
Selbstreflektion: Respekt entsteht ja nicht, weil es von dem anderen eingefordert wird, sondern man muss selbst erkennen, dass das die richtige Einstellung dem anderen gegenüber ist. So hat das ein Psychologe im „Hamburger Abendblatt“ mal geschrieben. Das – finde ich – trifft es sehr gut. Man muss genug über sich selbst erkannt haben und mit sich im „Reinen“ sein, damit man andere als gleichwertig erkennt. Dann klappt das auch mit den Veltheimern.

Predigt
Liebe Freunde des Sports für Leib und Seele!
„Respekt“ – es ist einer der Begriffe, die aus meiner Sicht an erster Stelle stehen würden, wenn es eine Wahl zum Motivationswort des Jahres geben würde. Bisher gibt es ja nur das Unwort des Jahres. Natürlich denken Menschen auch darüber nach, warum dieses Unwort so schlecht ist. Aber: Ist es nicht viel wichtiger, positive Impulse zu setzen? Schlechte Nachrichten gibt es genug. Wir brauchen Worte, die uns anstoßen und in Bewegung bringen; wir brauchen Worte wie Respekt, die uns bewusst machen, wie wir unsere Welt positiv gestalten können. So, wie es eben im Interview angeklungen ist: der Verein als ein ganz wichtiger Ort, wo wir lernen und immer wieder neu einüben, respektvoll miteinander umzugehen. Also: „Respekt“ – für mich das Motivationswort des Jahres 2020.
Dabei sagt „Respekt“ als modernes Wort genau das, was Gott schon seit Jahrtausenden von seinen Menschen will. Denn was heißt „Du sollst Gott, den Herrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften. Und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst,“ anderes als: „Du sollst höchsten Respekt haben vor Gott und deinem Mitmenschen?“

Wichtig ist: Es gibt zwei Arten von Respekt. Da ist der Respekt, den man auch etwas gesteigert mit Bewunderung umschreiben kann: für eine ganz besondere Leistung. Er oder sie oder die Mannschaft hat eine besondere sportliche Leistung erbracht: Sportabzeichen in Gold, Westfalenmeister, Deutscher Meister oder Weltrekord; oder da ist jemand das ganze Jahr beim Spinning oder bei Steppaerobic gewesen; wirklich das ganze Jahr, ohne einmal zu fehlen! Oder jemand kann toll singen oder ein Instrument spielen. Das ist der „Bewunderungs“-Respekt: „Das ist sooo toll; das würde ich auch gerne können oder schaffen.“ Die Kunst bei dieser Form von Respekt ist es, den Bewunderten nicht zu sehr auf einen Sockel zu stellen. So faszinierend er oder sie auch ist, Gott ist sie oder er nicht. Und schon Gott gehört nicht auf einen Sockel, sondern mitten ins Leben. Und wenn ihr zu den Bewunderten gehört: So schön das bestimmt ist, bewundert zu werden – lasst euch nicht auf einen Sockel stellen. Da fällt man ganz schnell runter.

Und dann ist da die zweite Form von Respekt, die für uns im Alltag viel wichtiger ist. Um diese Form von Respekt geht es in diesem Gottesdienst: dass man einander als gleichwertige Menschen betrachtet. Achtung des anderen um seiner selbst willen. Das ist das, was uns vor Gott als dem Schöpfer aller Menschen deutlich wird: weil (nicht wenn), also weil der oder die andere ebenso Gottes Geschöpf ist, wie ich es bin, muss ich ihn oder sie achten. Ich gebe zu: Das fällt manchmal ganz schön schwer! Denn es gibt ja nicht nur die netten Menschen, sondern auch die, die ich nicht leiden kann, die mir wirklich zu schaffen machen, weil sie einen anderen Lieblingsverein haben, weil sie eine andere Partei gut finden, weil wir uns mal so richtig gezofft haben und der Streit nicht beigelegt werden konnte.
Was aber schon der Apostel Paulus wusste und worauf er viel Wert gelegt hat: Es ist unsere bleibende Aufgabe, auch mit diesen Menschen in Frieden zu leben: „Soweit es irgend möglich ist und von euch abhängt, lebt mit allen Menschen in Frieden,“ schreibt er. Wir müssen sie nicht besonders lieben, aber wir müssen ihnen die Achtung entgegenbringen, die sie als Geschöpf Gottes verdienen. Sogar dann, wenn die uns diesen Respekt nicht erweisen.

Ich weiß ja nicht, ob meine Konfis ihre Hausaufgabe gemacht haben: Nach dem Konfiblock zum Thema Gebet gestern vor einer Woche war die Hausaufgabe der Härtetest: „Eine Woche für seinen Feind beten.“ (Wer wirklich meinte, keinen Feind zu haben, konnte für den Pastor beten. Der braucht das nämlich auch, auch wenn er nicht der Feind der Konfis ist.) Aber das passt hier in unser Thema Respekt im christlichen Sinn so gut hinein. Nehmt das von diesem Gottesdienst mit nach Hause und probiert es selber aus: Eine Woche für seinen Feind beten. Wohlgemerkt: Für ihn vor Gott eintreten; nicht gegen ihn!

Natürlich bedeutet das alles nicht, dass alles gut und richtig ist, was andere Menschen sagen oder tun. Manches ist wirklich eine absolute Katastrophe. Gerade da ist es wichtig, trotz aller inhaltlicher Unterschiede immer noch respektvoll miteinander umzugehen. Denn wenn ich dem anderen mit Worten oder mit der Faust eine reinhaue, wird der auf mich bestimmt nicht mehr hören. Die Nachrichten mit den Meldungen über den Amerika-Iran-Konflikt zeigen das im Großen; die Hasskommentare im Internet zeigen es auf der Ebene von eigentlich ganz normalen Menschen. In der heutigen Zeit hat der Respekt voreinander einen schweren Stand. Aber eine Welt ohne RESPEKT will und kann ich mir jedenfalls nicht vorstellen. Wir müssen mit allen Mitteln am Respekt voreinander festhalten: als Menschen und als Christen noch einmal mehr.

Der Landessportbund Niedersachsen hat in seinem Leitbild über seine „Grundwerte“ festgehalten, was Respekt bedeutet: „Der Mensch steht im Mittelpunkt heißt für uns, Fairplay, Partnerschaft, soziales Handeln, Toleranz, Unversehrtheit des Partners, Chancengleichheit, Anerkennung von Regeln, Teamgeist und Solidarität zu leben. Diese Werte gelten vom Breitensport bis hin zum Spitzensport, insbesondere bei der Entfaltung und Förderung von motorischen und sozialen Talenten.“* Dem ist aus christlicher Sicht nichts hinzuzufügen. Und deshalb bleibt „Respekt“ für mich das Motivationswort des Jahres 2020. Amen.
* https://www.lsb-niedersachsen.de/landessportbund/leitbild-leitlinien/?L=0

Fürbitten
P: Großer Gott, wir danken dir: Du siehst uns an mit deinem liebevollen Blick. Wir loben Dich: Du machst dich klein, wirst Mensch, ja sogar ein Kind und du erweist uns so deinen Respekt. Wir bitten dich:
Rücksicht: um Achtung vor den anderen, vor ihrer Leistung, vor ihrem Tun.
Toleranz: um Achtung vor dir, Gott, der uns diese Welt, auf der wir leben dürfen, gegeben hat.
Kommunikation: um Achtung vor den Lebewesen, die auf dieser Welt mit uns leben.
Ehrlichkeit: um Achtung vor denen, die im Leben kein Glück hatten, die unter Armut, Krieg oder Krankheiten leiden.
Persönlichkeit: um Achtung vor denen, die verfolgt werden, weil sie einen anderen Glauben haben oder einer anderen Volksgruppe angehören.
Moderator: um Achtung vor denen, die ihren inneren Schweinehund überwunden haben und ein persönliches Ziel erreicht haben.
Selbstreflektion: um Achtung vor denen, die sich friedlich gegen Gewalt richten.
Empathie: um Achtung vor den Toten. Vor dir Gott, denken wir heute besonders an N.N., die Du nach einem so langen Leben zu dir gerufen hast. Wir danken dir für alles, was ihr Leben schön und gut gemacht hat. Und wir bitten für alle, die jetzt Abschied nehmen müssen. Sei du ihnen allen nahe mit deinem Trost und Segen.
P: Sei du uns allen durch deinen Heiligen Geist Halt und Hilfe, sei unsere Zuversicht und Kraft, heute und alle Tage, damit wir dir und einander den Respekt erweisen, der nötig sind. Dir vertrauen wir uns an und beten singend mit den Worten Jesu:

Predigt am 3. Advent 2019 über Lukas 3,1-20

Vorbemerkung: Der Predigttext Lukas 3,1-20 ist in den Erzählfaden der Predigt eingewoben. Wo der Bibeltext (fast) wörtlich erscheint, ist er kursiv beziehungsweise in Großbuchstaben gesetzt. Die beiden Abschnitte in Großbuchstaben wurden von einer anderen Stimme gelesen. Der Bibeltext folgt der 2017er Revision der Lutherbibel (© 2016 Deutsche Bibelanstalt).

(Ort: Vor dem Altar)
Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Der heutige Predigttext steht im Evangelium nach Lukas, im 3. Kapitel. Ich werde den Text jedoch nicht als ganzen vorlesen und dann auslegen, sondern in erzählender Form kommentieren. Stellen Sie sich einfach vor, dass es wie beim Heute-Journal oder bei den Tagesthemen eine Live-Schaltung an den Ort des Geschehens gibt; die Schaltung heute überwindet aber nicht nur die Entfernung, sondern auch die Zeit. Der Korrespondent spricht von damals in unsere Zeit heute im 21. Jahrhundert hinein.
Die Regie blendet jetzt also von dem Moderator zu dem Korrespondenten über:
(Ortswechsel: auf der Kanzel)

Ich melde mich aus Palästina. Wir befinden uns [1] im fünfzehnten Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberius, als Pontius Pilatus Statthalter in Judäa war und Herodes Landesfürst von Galiläa und sein Bruder Philippus Landesfürst von Ituräa und der Landschaft Trachonitis und Lysanias Landesfürst von Abilene, [2] als Hannas und Kaiphas Hohepriester waren. In dieser Zeit gibt es noch keine weltumfassenden und allgemeingültigen Jahreszahlen. Um ein Geschehen in seinen geschichtlichen Zusammenhang einordnen zu können, werden die Regierungsdaten bekannter Herrscher mit Ereignissen und Daten aus der näheren Umgebung verbunden, die allen bekannt sind. So könnte bei Ihnen das Jahr 2019 als „im 15. Jahr der Regierung von Angela Merkel, als Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika und Berndt Hedtmann Bürgermeister von Porta Westfalica war“ beschrieben werden. So wissen alle: Das Geschehen ist wirklich passiert.

Im Mittelpunkt meines Berichtes steht ein gewisser Johannes, der in der letzten Zeit hier in Palästina viel Aufsehen erregt hat. Schon die Umstände seiner Geburt waren sehr besonders, weil die Eltern für Kinder eigentlich schon zu alt waren und die Namensgebung allen Gepflogenheiten widersprach. Schon damals – so wurde mir erzählt – fragten sich die Leute, was wohl aus diesem Kind werden würde. Auch sein Vater Zacharias, ein Priester, muss so eine Ahnung von der Zukunft seines Sohnes gehabt haben, denn er hat seine Sicht auf die Situation und das Kind in einem besonderen Lied festgehalten, das im Bericht eben zu hören war.

Vor einiger Zeit nun hat dieser Johannes wohl von seinem Gott einen Auftrag bekommen, als er sich in der Wüste befand. [3] Und er kam wenig später in die Gegend am Jordan und predigte.

Als er auf sein Selbstverständnis hin angesprochen wurde, hat dieser Johannes keine lange Rede gehalten, sondern nur auf eine Stelle in den alten Schriften seiner Religion verwiesen, die er sich zu eigen gemacht hat. [4] Da heißt es im Buch eines gewissen Propheten Jesaja: »Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht seine Steige eben! [5] Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist, soll gerade werden, und was uneben ist, soll ebener Weg werden, [6] und alles Fleisch wird das Heil Gottes sehen.« Mehr bräuchte man über seinen Auftrag nicht zu wissen. Nach allem, was man zu dieser Schriftstelle finden kann, geht es um eine sehr intensive und hoffnungsvolle Erwartungshaltung: Denn mit seiner Ankunft soll das universale Heil dieses Gottes verwirklicht werden. Die Jahrhunderte alte Sehnsucht der Menschen nach Frieden und Gerechtigkeit soll erfüllt werden, weil die Ankunft Gottes ganz nahe bevorstehe.

Nötig für dieses universale Heil ist für Johannes, dass sich die Menschen von ihrem bisherigen Lebensstil abwenden. Dieser bisherige Lebensstil wird von Johannes als Sünde bezeichnet und besteht in einem Leben, das nicht den Geboten Gottes entspricht. Das Ziel des Johannes ist es, die Menschen dazu zu bringen, sich wieder neu seinem Gott zuzuwenden. Um diese Neuausrichtung sichtbar zu machen, – damit es also nicht nur bei einem Lippenbekenntnis bleibt – verbindet Johannes seine Predigt mit einer Zeichenhandlung: Diejenigen, denen es mit der Neuausrichtung auf Gott ernst ist, lassen sich von Johannes im Wasser des Jordan untertauchen. So sollen die bisherigen Sünden abgewaschen werden. Johannes nennt diesen Akt die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden.

Von einigen Theologen bin ich allerdings darauf aufmerksam gemacht worden, dass diese landläufige Bezeichnung Taufe der Buße missverständlich sein könne. Denn in vielen Sprachen wird mit Buße eine Strafe verbunden. So wie Bußgelder für irgendwelche Vergehen zu zahlen sind. Für die lateinisch sprechenden Römer hier im Land mag das so sein. Die griechisch sprechenden Menschen können mit dem Aspekt „Strafe“ dagegen überhaupt nichts anfangen. Denn in ihrer Übersetzung bedeutet das, was Johannes sagt und tut, Taufe der Umkehr, also Taufe mit radikaler Neuausrichtung durch eine 180-Grad-Wende im Leben. Vielleicht ist das, was er fordert, bei Ihnen im Jahr 2019 mit einer 180-Grad-Wende bezüglich des Klimaschutzes zu vergleichen.

Das Interesse an der Predigt des Johannes jedenfalls ist riesig. Jeden Tag ist er von einer Menschenmenge umlagert, die ihm zuhört und nicht wenige lassen sich dann auch wirklich von ihm in den Jordan tauchen. Allerdings geht er nicht gerade zimperlich mit den Leuten um. Ganz im Gegenteil. Fast möchte man meinen, er will sie sogar von dieser Taufe abhalten, denn er schnauzt sie geradezu an. Hören Sie sich das einmal an: [7b] Ihr Otterngezücht, wer hat euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? [8] Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Buße; und nehmt euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken. [9] Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.

Wer möchte schon gerne so unter Generalverdacht gestellt werden, es nicht ehrlich zu meinen: Otterngezücht oder Schlangenbrut – das ist nicht wirklich nett. Aber das Geraderichten beim Kommen Gottes, das Johannes mit den Worten des Propheten Jesaja ankündigt, wird wohl nicht so ganz einfach sein – eher schmerzhaft. Wer würde sich da, um dem zu entgehen, nicht gerne ein Hintertürchen offenlassen? Wenn man hier und da ein paar gute Beziehungen hat, wird es dank dieser Beziehungen doch nicht so schlimm werden? Und das Vitamin „B“ zu Abraham, dem Stammvater des jüdischen Volkes, könnte da ja eine wichtige Rolle spielen. Solche Gedanken sieht Johannes bei der Menge vor ihm wohl sehr deutlich.

Aber sich in solcher falschen Sicherheit zu wiegen, das ist nicht nur für die Menschen ein Problem, die zu Johannes kommen. Auch bei Ihnen in Deutschland und der übrigen westlichen Welt meinen viele Menschen, es könnte einfach so weitergehen wie in den letzten sechzig, siebzig Jahren, man könne sich so durchlavieren. So schlimm werde es schon nicht werden. Dass die Weltgeschichte einen ganz anderen Verlauf nehmen kann, als gedacht, und dass ganz sicher geglaubte Privilegien plötzlich nicht mehr gelten, kann womöglich schneller Wirklichkeit werden, als es sich viele Menschen träumen lassen. Deshalb fordert Johannes einen echten Wandel.

Was allerdings die rechtschaffenen Früchte der Umkehr sein sollen, von denen dieser Prophet spricht, ist der Menge hier vor Ort auch nicht klar. Immer wieder habe ich gehört, wie [10] Johannes aus der Menge heraus gefragt wurde: Was sollen wir nun tun? Die Antworten kamen aber immer prompt und ließen an Klarheit nichts zu wünschen übrig: [11b] Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer Speise hat, tue ebenso. Teilhabe an einem Leben in Würde für alle. So ließe sich sein Programm wohl am besten umschreiben: Hunger und seine Blöße nicht bedecken zu können ist mit der Würde eines Menschen nicht vereinbar. Dass alle Menschen zumindest das Nötigste für ihr Leben haben, ist für Johannes aber wohl noch zu wenig.

Die Gerechtigkeit, die zwischen Menschen entsteht, wenn beide Seiten sich wirklich auf Augenhöhe begegnen können, ist für ihn wohl die vorweggenommene Gerechtigkeit, die dieser Prophet Jesaja vor Augen hat. Und Johannes ist auch hier unbequem deutlich. „Entweder ganz oder gar nicht!“, scheint er zu sagen: Nur den Ärmel eines Hemdes abzugeben, ist genau so sinnlos, wie eine knappe Handvoll Reis zu geben, die zum Überleben auch nicht reicht.

Immer wieder kommen auch Fragen aus der Menge, in denen es um spezielle Gruppen geht. [12] Es kam kürzlich eine Gruppe Zöllner, um sich taufen zu lassen. Im Leben der Menschen hier nehmen sie eine besonders schwierige Stellung ein: korrupt und mit den herrschenden Römern im Bunde. Auch deren Frage war: Meister, was sollen denn wir tun? [13] Auch hier eine klar und deutliche Antwort: Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist! Wer die Verhältnisse hier kennt, weiß allerdings, dass das für diese Menschen eine Forderung ist, die an Radikalität nicht zu überbieten ist. [14] Dies gilt auch für eine weitere Gruppe, die sich an den Täufer gewandt hat: Soldaten. Die Antwort des Johannes war eine Absage an jede Gewalt und Habsucht: Tut niemandem Gewalt noch Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!

Liebe Zuschauer in Deutschland, der Auftritt des Täufers hat weite Kreise gezogen. [15] Bei vielen, die sich den Traditionen und Verheißungen der Propheten verbunden fühlen, lässt sich eine unterschwellige Erregung wahrnehmen: Es gibt immer wieder Spekulationen, ob Johannes der Täufer vielleicht der „Christus“ wäre, der als der entscheidende Heilsbringer von diesen Leuten erwartet wird. Damit würde vor allem die – in den Augen vieler so verhasste – Römerherrschaft zu Ende sein.

Johannes hat allen diesen Spekulationen aber eine Absage erteilt. Da zeigen sich sein Realismus und seine charakterliche Größe. Denn auf diese Fragen [16] antwortete er allen: Ich taufe euch mit Wasser; es kommt aber der, der stärker ist als ich; ich bin nicht wert, dass ich ihm die Riemen seiner Schuhe löse; der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. [17] In seiner Hand ist die Worfschaufel, und er wird die Spreu vom Weizen trennen und den Weizen in seine Scheune sammeln, die Spreu aber wird er mit unauslöschlichem Feuer verbrennen.

Mit diesen Worten, so scheint mir, hat Johannes zwar die Aufmerksamkeit von seiner Person etwas ablenken können. Was die Erwartungen an den kommenden Erlöser betrifft, da hat er wahrscheinlich eher Öl ins Feuer gegossen. Die Spannung hat sich noch einmal gesteigert. Und sehr deutlich bin ich in der letzten Zeit auf die Ereignisse hingewiesen worden, die sich fast parallel zu der Geburt des Täufers zugetragen haben: Die lassen das Geschehen jetzt in einem besonderen Licht erscheinen.

Denn nach den allgemein zugänglichen Informationen haben sich damals vor etwa dreißig Jahren in der Verwandtschaft des Johannes sehr bemerkenswerte Dinge zugetragen: Ein halbes Jahr nach Johannes wurde in Bethlehem, der Heimatstadt des unvergessenen Königs David, ein gewisser Jesus geboren. Dessen Eltern stammten aus Nazareth und waren beide mit David verwandt.

Noch sind sich Johannes und dieser Jesus, der damals unter so bemerkenswerten Umständen geboren wurde, nicht begegnet; aber vieles – auch mache Äußerungen des Täufers – deuten darauf hin, dass dieser Jesus mit den Verheißungen des Propheten Jesaja noch in viel stärkerem Maße verbunden ist.

Die Erwartungen hier jedenfalls sind hoch und die Atmosphäre ist angespannt, denn [18] mit vielem andern mehr ermahnte Johannes das Volk und predigte. Hier am Jordan ist es jetzt allerdings ruhig geworden. Der Täufer ist zunächst weiter gezogen. Die Menge hat sich verlaufen. Und dann haben wir kurz vor dieser Schaltung eine Nachricht erhalten, die die Situation noch schwieriger machen wird: [19] Herodes, der Landesfürst, der von Johannes zurechtgewiesen wurde wegen seines Verhältnisses mit Herodias, der Frau seines Bruders, und wegen all des Bösen, das er getan hatte, [20] fügte zu dem allen noch dies hinzu: Er warf Johannes ins Gefängnis.

Ich bin gespannt wie es mit dem Täufer und der ganzen Situation hier weiter geht. Und damit gebe ich zurück nach Deutschland ins 21. Jahrhundert.
(kurze Pause) Damit blendet die Regie wieder zurück.

(Ortswechsel: vor dem Altar)
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, der stärke und bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder und Herrn. Amen.

Gottesdienst am 3. Advent 2019 (15. Dez.)

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Am Sonntag ist der 3. Sonntag im Advent. Im Mittelpunkt steht an diesem Sonntag Johannes der Täufer: Ohne ihn wäre die Verkündigung Jesu wohl nur schwer vorstellbar. Johannes selbst sah sich in einer Linie mit dem Propheten Jesaja, dessen Worte er programmatisch übernommen hat: „Bereitet dem HERRN den Weg; denn siehe, der HERR kommt gewaltig.“ (Jesaja 40,3.10). Jesaja durfte dem Volk Gottes in der Verbannung in Babylon neuen Mut zusprechen, Johannes wollte die Menschen wieder auf einen Weg bringen, der im Einklang mit Gott steht.

Wie zum Beispiel Lukas in seinem Evangelium berichtet, war Johannes bei seiner Wortwahl nicht zimperlich. Er hatte genaue Vorstellungen, wie die Menschen sich verhalten sollten. Lukas berichtet davon im 3. Kapitel seines Evangeliums: Lukas 3,1-18: die eigene Sicherheit nicht selbstverständlich nehmen, weil man ja schon immer dazu gehört hat; von dem, was man doppelt hat, die Hälfte abgeben; nicht mehr fordern als vorgeschrieben ist; keine Gewalt anwenden und sich genügen lassen an seinem Sold. – Aktueller geht es kaum.

Entscheidend aber bei allem ist, dass es bei dem, was Johannes verkündigt, nicht um Strafe geht. Das werden viele Menschen wahrscheinlich denken, wenn sie das Wort Buße hören, die Johannes verkündigt. So wie eine Geldbuße ja in unserer heutigen Zeit eine Strafe ist. Aber im griechischen Original steht da nichts von Strafe, sondern von Umkehr, denn „Umkehren“ das meint das Wort das im griechischen Neuen Testament an dieser Stelle steht. Folgenlos darf die Umkehr, also die Hinwendung zu Gott, aber auch nicht bleiben. Und so fordert Johannes „rechtschaffene Früchte der Umkehr“. Allerdings und eben nicht als Voraussetzung für ein erneuertes Verhältnis zu Gott, sondern als dessen Folge! Das ist entscheidend wichtig.

Mehr zu diesem Text am Sonntag (15.12.2019) in der Predigt.

Herzliche Einladung zum Gottesdienst:

  • in der Möllberger Kirche
  • um 10.00 Uhr
  • anschließend: Kirchenkaffee
  • anschließend: Büchertisch und Eine-Welt-Tisch

Nach dem gemeinsamen Beginn in der Kirche ist im Gemeindehaus Kindergottesdienst.

Predigt am 8. Juli 2018

Predigt-Icon5Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde!
Taufe – was ist das eigentlich, was bedeutet das? Es gibt ganz viele und ganz unterschiedliche Antworten auf diese Frage: Taufe ist Gottes JA zu einem Menschen, Taufe ist Aufnahme in die Gemeinde; neben dem Abendmahl ist die Taufe das zweite Sakrament der Kirche der Evangelischen Kirche; Taufe bedeutet für viele auch so etwas wie eine Art Schutzschild oder Schutzmantel für den Menschen.

Was Taufe auch bedeutet, sagt die Geschichte vom äthiopischen Kämmerer auf eine – wie ich finde – ganz eindrückliche und doch so einfache Weise: „Der Kämmerer zog aber seine Straße fröhlich.“ Seine Straße – also den weiteren Weg des Lebens– fröhlich unterwegs sein – das bedeutet Taufe auch; neben allem, was theologisch dazu zu sagen ist, auch neben allem, was sich an volkstümlichen Vorstellungen mit dem Stichwort Taufe verbindet.

Was hatte der Mensch aus dem fernen Afrika nicht alles auf sich genommen, um mit diesem Gott in Kontakt zu kommen: der unglaublich weite Weg auf einem Wagen, der von Ochsen oder Pferden gezogen wurde; durch die Wüste Sinai, um dann am Ziel, dem Tempel in Jerusalem angekommen, feststellen zu müssen, dass er als Eunuch gar nicht bis in den eigentlichen Tempelbereich hinein durfte. Trotzdem hatte er sich nicht entmutigen lassen, hatte wohl eine Ahnung, dass dieser Gott Israels, von dem er schon so viel in seiner Heimat gehört hatte, nicht nur im Jerusalemer Tempel zu finden sein könnte, sondern auch in dem, was von ihm verkündigt wird – vor allem in den Schriften der Propheten.

Und so hatte er sich eine solche Rolle gekauft: den Propheten Jesaja. Dann war er wieder aufgebrochen – irgendwie mit dem Gefühl: Ja, er war Gott zwar irgendwie näher gekommen, aber eine richtig persönliche Beziehung hatte sich nicht entwickelt. Es war, als ob das Bindeglied zwischen ihm und Gott noch fehlen würde. Und dann hatte dieser Mann am Weg gestanden und aus einer Eingebung heraus hatte er ihn angesprochen. Und es war, als hätte sich ihm je länger sie gesprochen hatten, desto mehr der Himmel geöffnet. Für ihn war klar geworden: Dieser Jesus von Nazareth war das entscheidende Bindeglied zwischen ihm und Gott! Und die Taufe war die Möglichkeit für ihn, sich ganz fest mit diesem Jesus und damit mit dem Gott der Hebräer zu verbinden.

„Was hindert’s, dass ich mich taufen lasse?“ – Wenn ein Mensch davon überzeugt ist, dass die Verbindung zu Jesus für ihn ganz wichtig geworden ist, kann alles ganz schnell gehen.Erst späteren Generationen ist diese Bekehrung etwas zu schnell gegangen und sie waren der Meinung, dass doch wenigstens noch ein explizites Bekenntnis zu Jesus als dem Christus und Gottessohn nötig wäre. In einem späteren Einschub heißt es: Philippus aber sprach: Wenn du von ganzem Herzen glaubst, so kann es geschehen. Er aber antwortete und sprach: Ich glaube, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist. Aber davon weiß Lukas nichts. Die Frage des Taufbewerbers ist für ihn Bekenntnis genug.

Und nachdem der Kämmerer seinen Jesaja gelesen und dann auch mit Hilfe des Philippus verstanden hatte, und nachdem er sich von dem Jünger Jesu hatte taufen lassen, könnte er vielleicht – doch das ist nicht bei Lukas überliefert – eine weitere Schriftrolle aus seinem Gepäck gezogen haben, die das Buch der Psalmen enthielt. Und er könnte bei einem Psalm an einer Stelle hängen geblieben sein, die sich bei ihm zu einer Melodie formte. Bei Psalm 82 hatte er mit dem Lesen begonnen und gleich der zweite Vers hatte seine Stimmung nach der Taufe auf ganz besondere Weise widergespiegelt.

Da heißt es: „Ja, ich will singen von der Gnade des Herrn und seine Wahrheit verkünden Tag für Tag.“ Und wir können diese freudige Stimmung des Kämmerers aufnehmen, denn dieser Psalmvers findet sich auch bei uns in unserem Gesangbuch. Die Art der Musik wird sicherlich ganz anders sein, als die vor fast 2000 Jahren; die Stimmung aber wird bestimmt ganz ähnlich sein. Lasst uns singen: „Ja, ich will singen von der Gnade des Herrn und seine Wahrheit verkünden Tag für Tag.“ Im Gesangbuch unter der Nummer 639; wie, das sagt uns Jonathan Dräger.

Lied 639 Ja, ich will singen

Liebe Gemeinde!
„Ja, ich will singen von der Gnade des Herrn und seine Wahrheit verkünden Tag für Tag.“ – In diesem Gottesdienst tun wir das heute in einer ganz besonderen Weise: mit Chor und Gemeinde, im Wechsel und gemeinsam. Singen als Ausdruck der Freude über Gottes Güte und Gnade, als Zeichen dafür, dass wir als getaufte Christen fröhlich und getrost durch unser Leben gehen können.

Und ich antworte: Natürlich hast Du recht, das so zu sagen. Und die schwierigen Momente des Lebens sollen hier bestimmt nicht kleingeredet oder unter den Teppich gekehrt werden. Diese Momente sind da und sie sind bestimmt nicht einfach zu tragen und zu ertragen. Auch der Kämmerer aus Äthiopien wird nach der Rückkehr in seine Heimat nicht immer nur Tage mit Sonnenschein erlebt haben: im realen und vor allem im übertragenen Sinn. Sein Leben wird wie bei uns von Traurigkeiten und von Freude, von Scheitern und Gelingen, von Niederlagen und Siegen, von Abschied und Neubeginn geprägt gewesen sein.

Manch einer mag dann sagen: „Moment mal! Das Leben ist doch kein Ponyhof! Da gibt es doch so viele Momente im Leben, in denen wir nicht glücklich sind, sondern traurig und niedergeschlagen, oder von Angst oder Schuld gelähmt sind. Da kann man doch nicht einfach nur lachend durch das Leben tanzen, als ob es diese dunkle Seite des Lebens gar nicht gäbe. Eine solche aufgesetzte Fröhlichkeit ist doch nur eine Maske und nicht echt.“

Aber: Es geht mir bei dem Satz „Der Kämmerer zog aber seine Straße fröhlich.“ nicht einfach nur um den Moment einer ausgelassenen Heiterkeit. Es geht mir um den Grundton, auf den unser Leben durch die Taufe gestimmt wird. Und das ist eben nicht der Ton der Mutlosigkeit und der Resignation; der Grundton unserer christlichen Existenz ist durch unsere Taufe und die uns damit zugesagte Liebe Gottes eben eine positive, eine fröhliche. Und durch diesen Grundton sind auch die Schattenseiten des Lebens tragbar. Wir sind gehalten in Gottes Hand. Das ist das Niveau unseres Lebens, unter das wir nicht sinken können. Ein Niveau, das eben nicht negativ werden kann.

Auch die Lieder, die wir heute Morgen singen und die von der Freude über die Güte Gottes angesichts der sommerlichen Natur erzählen, sparen die schwierigen Momente des Lebens ja nicht aus. „Geh aus mein Herz“ ist sogar eine Art Antidepressivum angesichts des Elends in der Welt. Aber eben nicht, weil es die Traurigkeiten des Lebens negiert, sondern weil es die Augen öffnen will für die Güte und Liebe, die Gott uns erweist.

Die Anrede in Paul Gehardts Lied „Mein Herz“ ist dabei auf eine wunderbare Weise doppeldeutig: Es kann eine Selbstanrede sein: Ich rede mein eigenes Herz als den Sitz meiner Gefühle an. So wie es in den Psalmen heißt: „Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist seinen heiligen Namen.“ Es kann aber mit der Anrede „Mein Herz“ auch ein anderer, ein geliebter Mensch sein, dem mein Herz in ganz besonderer Weise zugetan ist.

Da kommt der zweite Teil des Psalmverses zum Tragen: „Ich will Gottes Wahrheit verkünden Tag für Tag.“ Ja, wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Und ich bin sicher, dass der Kämmerer aus Äthiopien zuhause angekommen seine Freude nicht dem ostwestfälischen Klischee folgend alleine im heimischen Keller ausgelebt hat, sondern dass es seine Glaubensfreude und Zuversicht, die er erfahren hat, weitererzählt hat an alle, die es hören wollten. Wie schnell ist in der frühesten Christenheit in Ägypten und in Äthiopien von christlichen Gemeinden die Rede. Wer weiß, wie viele von ihnen auf diesen eine Mann zurückgehen, der sich so spontan wie überzeugt von Philippus hat taufen lassen!

Und wer weiß wie viele Menschen heute bei uns immer wieder zu dieser Glaubensfreude und Glaubensgewissheit kommen, weil Menschen da sind, die von ihrem eigenen fröhlichen Glaubensweg erzählen, der ihnen auch in schwierigen Lebenslagen einen Blick und einen Weg in die Zukunft eröffnet hat; weil Menschen da sind, die ihr Elternamt, die ihr Patenamt eben dazu nutzen, dass sie Gehilfen der Lebensfreude ihres Patenkindes werden. Es ist eine schöne und große Aufgabe, die eine ganz große Verheißung hat, denn Jesus spricht: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!“ Amen.