Predigt vom 20. August 2017

Predigt-Icon5Vor der Predigt ist der Abschnitt aus 2. Mose 19,1-6 als Schriftlesung gelesen worden.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!
An diesem Sonntag begehen wir den 10. Sonntag nach Trinitatis. Es ist ein besonderer Sonntag, der mit der Bezeichnung „Israelsonntag“ auch seit Jahrhunderten einen besonderen Namen hat. Er hat in der christlichen Kirchen- und Predigtgeschichte allerdings auch aus heutiger Sicht seine nicht zu allen Zeiten besonders erfreuliche Geschichte: All zu oft standen im Lauf der Jahrhunderte nicht nur die Abgrenzung vom Judentum, sondern eher die Kampfansage gegen das Judentum und blanker Antisemitismus im Vordergrund. Das aber darf nicht sein. Denn das ist an diesem Sonntag ganz bestimmt nicht das Ziel christlicher Verkündigung.

Es geht vielmehr um Folgendes: Thematisch im Mittelpunkt steht das Verhältnis Gottes zu seinem Volk und damit zuerst zum Volk Israel, das Gott aus der Sklaverei in Ägypten befreit hat, das er durch die Jahrhunderte begleitet und gesegnet hat. Und dann geht es aber natürlich auch um das Verhältnis Gottes zu den Christen, die durch die Taufe mit dazu gehören. Und das wiederum lässt uns immer wieder neu fragen, wie stehen denn das Volk Israel – also das biblische Volk Israel und das Judentum heute – und das Christentum zueinander, wenn sie beide mit Gott ein so enges Verhältnis haben?

Anders herum gesagt: Wir glauben als Christen an den Gott des Volkes Israel, an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. So hat dieser Gott sich zum Beispiel immer wieder dem Mose und anderen vorgestellt. Und es gehört zu den absolut grundlegenden Überzeugungen des christlichen Glaubens, dass es eben dieser Gott ist, an den wir glauben. Aber wir stellen fest: Wir glauben auf eine ganz andere Weise an diesen Gott, als es die Menschen des jüdischen Glaubens tun. Wie passt das zusammen?

In den letzten Jahrzehnten – vor allem nach den Erfahrungen des Holocaust im 2. Weltkrieg und der Neugründung des Staates Israel 1948 – ist ganz viel über dieses besondere Verhältnis von Juden und Christen nachgedacht worden und es ist vor allem ganz viel miteinander gesprochen worden – auf ganz vielen verschiedenen Ebenen – in Deutschland vor allem auch auf den Kirchentagen. Und das Ergebnis ist: Wir können miteinander reden, vor allem: wir können einander gelten lassen und wir können miteinander nach Gott fragen.

Dass wir über das alles gerade heute, an diesem Sonntag nachdenken, hat seinen besonderen Grund: Im Judentum wird am 9. Tag des Monats Av an die Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch die Römer im Jahr 70 nach Christus erinnert. In diesem Jahr war es der 1. August. Und dieses Datum liegt meistens in der Nähe des 10. Sonntags nach Trinitatis. Und so ist schon sehr früh diesem Sonntag dieses Thema zugewachsen.

Der Tempel in Jerusalem: Das war für die Juden immer der eine Ort, wo Gott ganz besonders da war. Da kann man sich gut vorstellen, was es hieß und bis heute heißt, dass der Tempel, der Ort der Gegenwart Gottes, zerstört war. Viele von uns können das ein wenig nachempfinden, wenn wir uns überlegen, dass die Kirche, in der wir getauft und konfirmiert wurden oder in der wir geheiratet haben, nicht mehr da wäre. Es wäre wohl in Gefühl der Leere und Heimatlosigkeit. Aber ob Gott da ist oder nicht, das würde nicht an diesem Kirchengebäude hängen.

Das Nachdenken und die Trauer über die Zerstörung des Tempels ist im Judentum auch mit einem tiefen Nachdenken über das eigene Verhältnis zu Gott verbunden: Kann die Beziehung zu Gott weitergehen, wenn der Ort von Gottes Gegenwart nicht mehr da ist? Das Judentum hat seine positive Antwort gefunden und lebt sie seit fast 2000 Jahren. Aus Sicht des Neuen Testamentes geben Jesus und der Schriftgelehrte im Evangelium des Sonntags aus Markus 12 gemeinsam eine Antwort auf diese Frage nach der Gegenwart Gottes: „Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und von allen Kräften, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer.“ Das bedeutet: Wichtiger als alle Opferrituale ist die Beziehung der Menschen zu Gott. Die Verbindung zu Gott wird nicht im Vollzug der Tempelrituale hergestellt, sondern funktioniert auf einer ganz anderen Ebene.

Und von dieser Ebene erzählt auch der Predigttext für diesen Sonntag, den Rita Kohlmeier uns vorhin gelesen hat. Wir sind dabei, wie das Volkes Israel am Gottesberg Sinai ankommt, wie Mose direkt zu Gott auf den Berg geht und von Gott ein ganz besonderes Angebot bekommt: ein Bundesschluss zwischen Gott und seinem Volk, verbunden mit einer großen Verheißung für das ganze Volk.

Zuerst aber erinnert Gott Mose daran, dass es Gott selbst war, der den ersten Schritt getan hat: Er hat das Volk aus der Knechtschaft herausgeführt, er hat es nicht nur angekündigt, sonder wirklich getan. Er hat sie bei der gefährlichen Wüstenwanderung vor dem Verhungern und Verdursten und von den Feinden errettet. Er hat sie, wie es im Bibeltext poetisch heißt, auf Adlerschwingen getragen.

Und weil das so ist, soll und kann aus dem Volk Israel ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk werden. Einzige Aufgabe der Israeliten: Sie sollen der Stimme Gottes gehorchen und seine Gebote einhalten. Aus der Bibel und aus eigener Erfahrung wissen wir: das ist leichter gesagt als vollständig getan; aber Gott ist kein Zuchtmeister, sondern er ist wie ein liebevoller Vater, dessen Güte jeden Morgen neu ist.

Daran dürfen auch wir immer wieder denken, wenn wir über unser Verhältnis zu Gott nachdenken: Gott ist es, der den ersten Schritt tut und uns ein so wunderbares Angebot unterbreitet, das Jesus dann in die Worte fasst: Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. Gerade dann, wenn wir kleine Kinder taufen, wird das besonders deutlich: Die können ja noch nichts vorweisen, die haben noch nichts leisten müssen. Gott tut den ersten Schritt und macht uns ein wunderbares Angebot: Ich bin für Dich da. Und daraus ergibt sich alles andere.

Gott sagt: Ihr sollt mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. – So soll es Mose dem Volk berichten. Dieses Angebot ist der Ausgangspunkt für alles Weitere, was in der Geschichte Gottes mit seinem Volk noch folgen wird: Die Antwort des Volkes und der eigentliche Bundesschluss, die Übergabe der 10 Gebote und der weitere Weg in das Land der Freiheit, bis zu David und weit über ihn hinaus. Dieser Ausgangspunkt strahlt dann auch auf die christliche Kirche aus, die in der Nachfolge Jesu die Verheißung von damals auch auf sich beziehen darf. Der Schreiber des 1. Petrusbriefes nimmt die Verheißung fast wörtlich für die Gemeinde auf: Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, ein heiliges Volk, ein Volk zum Eigentum, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat aus der Finsternis in sein wunderbares Licht.

Wie das eigene Leben dann zu gestalten ist, um für Gott zu einem Königreich von Priestern und einem heiligen Volk zu werden, das ergibt sich aus dem Text des Sonntags-Evangeliums: Gott lieben und den Nächsten wie sich selbst. Dazu gehört aus christlicher Sicht auch, dass alle, die auf Jesus Christus getauft sind, zur Verkündigung berufen sind: als Eltern und Paten, als Großeltern und Nachbarn, als Gemeindeglieder und Freunde.

Es ist also nicht nur eine Zusage, sondern auch eine Aufgabe, in die wir gestellt sind und der wir uns immer wieder, jeden Tag neu stellen müssen. Diese Aufgabe steht aber auch unter der Zusage Jesu, dass er uns beisteht und für uns da ist. So hat er es seinen Jüngern und damit auch uns zugesagt: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. In dieser Tradition und unter diesem Zuspruch stehen wir. In dieser Tradition und unter diesem Zuspruch taufen wir auch an diesem Sonntag im Gottesdienst vier Kinder, dürfen sie in Gottes Auftrag in seinen Bund mit den Menschen aufnehmen.

Die Verheißungen Gottes am Sinai gehören uns nicht. Aber wir haben an ihnen Anteil und dürfen getrost auf sie vertrauen, denn das sagt Gott zu Mose auch: Die ganze Erde ist mein. – Also auch wir. Amen.

Autor: PaToWi

Ich darf mein Leben frei gestalten unter dem liebenden Blick Gottes. Ist das nicht Grund genug auf IHN zu hören und mir von IHM den Weg weisen zu lassen?

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