Predigt zu Erntedank 2017 über Jesaja 58,7-12

Predigt-Icon5Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Gemeinde am Erntedanktag!

Wir feiern Erntedank! Auch in diesem Jahr ist die Kirche – allen Unkenrufen zum Trotz, dass nämlich die Ernte gar nicht gut sei – wieder mit vielen Gaben geschmückt. Wie schön ist es, dass wir die Früchte der Felder und der Gärten hier sehen können. Wie schön ist es, dass wir diese Gaben als einen Teil des großen Ganzen von Wachsen und Gedeihen sehen können, mit dem unser Leben bereichert ist.

Die Früchte hier im Chorraum der Kirche sind nur ein kleiner Ausschnitt von der Ernte dieses Jahres. Weizen und Mais, Raps und Gerste, Rüben und vieles mehr sehen wir zwar auf den Feldern wachsen, doch sind sie hier eher selten zu finden. Und es gibt so viel anderes, wenn wir in Gedanken das Jahr seit dem letzten Erntedankfest vorüber ziehen lassen. Da geht es um unsere je eigene persönliche Ernte; es geht um das, was wir für uns als Ergebnis unserer Arbeit eingefahren haben: das Projekt, das gelungen und erfolgreich abgeschlossen werden konnte, die neue Arbeitsstelle, der erreichte Schulabschluss, der Führerschein, die Geburt eines Kindes oder die Hochzeit nach einer langen Zeit des Zusammenlebens; das Haus, das bezogen werden konnte, das sportliche Ziel, das durch fleißiges Training erreicht werden konnte, das Konzert, das so gut gelungen ist, nachdem das Üben vorher so viel Nerven gekostet hat. Vieles mehr wird in Euren Erinnerungen gegenwärtig sein, wenn Ihr an das zurückliegende Arbeitsjahr denkt. Auch für das alles, was man so oft gar nicht darstellen kann, stehen die Gaben hier in der Kirche.

Dabei dürfen wir aber nicht übersehen, dass nicht alles nur Freude ist, wenn wir zurückdenken. So wie der Frost auch in unserer Gegend viele Apfel- und Pflaumenblüten und manches mehr kaputt gemacht hat, so gibt es bestimmt auch vieles, was uns – um im landwirtschaftlichen Bild zu bleiben – die Ernte verhagelt hat. Wie viele Menschen auch aus unserer Gemeinde mag es geben, die bei dem, was ich eben aufgezählt habe, sagen: „Genau das ist mir nicht gelungen, ich habe – trotz aller Mühe – nichts eingefahren; ich stehe mit leeren Händen da!“

Und dann ist es nur ein kleiner Schritt hin zu der Frage: „Wie soll es denn nur weiter gehen?“ Wie schnell tritt dann neben die ganz normale und sinnvolle Fürsorge für das eigene Leben und für das Leben derer, die einem anvertraut sind, noch etwas ganz anderes: das Schauen, ja geradezu das ängstliche Starren auf die Zukunft, die alles Leben zu erdrücken scheint. Wir meinen dann, wir ganz alleine seien für unser Leben bis ins Allerletzte verantwortlich, müssten auch wirklich alles allein schaffen.

Diese übersteigerte Sorge, die uns Menschen immer wieder einmal überfällt, sieht schon die Folgeprobleme, bevor auch nur das erste Problem überhaupt Wirklichkeit geworden ist. Von einer solchen übersteigerten Sorge haben wir in dem Abschnitt aus dem Matthäusevangelium gehört und wie man mit ihr umgeht – davon, wie Jesus den Menschen damals Mut gemacht hat: Ihr könnt Euch sicherlich um ganz vieles kümmern und ganz vieles im Blick haben, aber im Grundsatz dürft ihr Euch Gott anvertrauen und Euch darauf verlassen, dass er Euch nicht im Stich lässt. Jesu Worte öffnen auch für uns heute einen ganz weiten und tröstlichen Horizont: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles andere zufallen.“

Und an vielen Stellen in der Bibel wird davon erzählt, wie das aussehen kann: dieses „nach dem Reich Gottes trachten“. Jesus selbst hat davon erzählt, als er dem Schriftgelehrten erklärt hat, was das höchste Gebot ist: „Gott von ganzem Herzen lieb haben und den Nächsten wie sich selbst.“ Und Jesus greift dabei zurück auf die Verkündigung im Alten Testament, wo zum Beispiel der Prophet Micha sagt: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“

„Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes.“ Viele denken dann an etwas jenseits von dieser Welt. Reich Gottes ist für viele das Paradies nach diesem Leben. Und eine solche Sicht hat dann ganz oft dazu geführt, dass dem Leben hier und jetzt keine Bedeutung beigemessen wurde. Aber dem widersprich Jesus energisch: „Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch. Ihr könnt euch nicht aus diesem Leben verabschieden, als wenn es euch nichts anginge.“ Das Reich Gottes hat seine Verankerung in unserer jeweiligen Gegenwart. Und das bedeutet, dass wir uns immer wieder neu fragen müssen: „Was hilft dem Reich Gottes heute? Wo sind wir gefragt – als Kirche und Gemeinde mit den vielen, aber auch jede und jeder Einzelne für sich selbst?“

Diese Frage ist nicht neu. Und vor etwa 2500 Jahren hat sie jemand in aller Deutlichkeit gestellt. Damals ging es nicht so sehr um die religiöse Übung des Dankes beim Erntedankfest, sondern um die Übung des Fastens, um sich der Gegenwart Gottes zu vergewissern. Um 500 vor Christus nach dem babylonischen Exil war in Jerusalem nicht alles zum Guten bestellt. Zwar war das Volk Israel aus der Exil zurückgekommen, aber von dem großen Aufschwung durch den Wiederaufbau der Stadt und des Tempels hatten nur einige wenige profitiert, die sozialen Spannungen waren groß, die Gesellschaft drohte auseinanderzufallen.

Dass etwas nicht stimme, war vielen klar. Die Fastenübungen brachten keine Gewissheit darüber, dass Gott wirklich mit den Menschen in Jerusalem war. Und die Menschen klagen ihren Wunsch nach Gewissheit bei Gott ein. Doch der lässt den Propheten deutliche Worte finden: Hinwendung zu Gott ohne Gerechtigkeit im menschlichen Miteinander geht nicht. Wer fastet und gleichzeitig andere unterdrückt und sie in Geschäften ausnimmt; wer fastet und gleichzeitig mit Fäusten oder Worten Gewalt ausübt, darf nie darauf hoffen, von Gott wohlgefällig angesehen zu werden.

Und dann malt der Prophet ein Bild von der Herrlichkeit und Strahlkraft, die das Volk Gottes umgibt, wenn es in der richtigen und Gott wohlgefälligen Weise fastet. Im Buch des Propheten Jesaja lesen wir im 58. Kapitel:
7 Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! 6 Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! 8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. 9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.
Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, 10 sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. 11 Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. 12 Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: „Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne“.

Liebe Gemeinde am Erntedanktag! Viele Stichworte aus dem Wort des Propheten werden uns in unserer Zeit in den Ohren gellen. Denn auch wenn es in unserer Zeit vielen Menschen gut geht, sind die Bilder von Menschen, denen das Nötigste zum Leben fehlt allgegenwärtig:

Da sind die vielen, die sich seit vielen Jahren um Arbeit bemühen und keine finden, weil sie angeblich zu alt sind; da sind die, die durch Unglücksfälle in finanzielle Not geraten sind oder denen die Rente nicht zum Überleben reicht; da sind die, die durch das System unserer Arbeitswelt zu modernen Sklaven ohne eigene Rechte gemacht werden; da sind die, die durch Missbrauch um ihre Zukunft gebracht werden. Müssen wir erst den Propheten fragen, was es heißt Arbeit gerecht zu verteilen und dann auch gerecht zu bezahlen?

Da sind die, auf die heute vor allem mit dem virtuellen Finger gezeigt wird und die so an die Pranger der modernen Zeit gestellt werden: indem sie vor allem über die sogenannten sozialen Medien in einer Art und Weise bloßgestellt werden, dass ihnen kein begehbarer Ausweg zu bleiben scheint. Müssen wir erst den Propheten fragen, was die Beachtung des achten Gebots „Du sollst nicht falsches Zeugnis reden gegen deinen Nächsten.“ in Zeiten von Facebook und Co heißt?

Da sind aber auch die, in weitere Ferne erfahren müssen, dass ihr Leben bedroht ist: durch Krieg und Verfolgung, durch Dürre und Misswirtschaft, durch ein Weltwirtschaftssystem, das so ist, wie es ist, und das viele Menschen vor allem in Afrika bettelarm bleiben lässt. Und das sind die, die auf der Suche nach dem Leben auch zu uns kommen. Immer wieder mit so gut wie nichts auf der Haut außer ein paar Lumpen. Müssen wir erst den Propheten fragen, dass er uns erklärt, wer unser Nächster ist, wenn wir die Geschichte vom barmherzigen Samariter den wirklich schon vergessen haben sollten?

Liebe Gemeinde! Vergessen wir es nicht: Alles, was der Prophet sagt, ist in eine große Verheißung eingebunden. Uns sollen die Freude und der Dank für die Ernte dieses Jahres ganz bestimmt nicht im Halse stecken bleiben. Aber unsere Freude und unser Dank sollen ehrlich und von Herzen sein. Und das können sie nur, wenn wir die Wirklichkeit unserer Welt nicht vergessen – die Wirklichkeit bei uns ebenso wie in anderen Gegenden unserer Erde.

Wichtig ist mir dabei eines: Wir müssen uns mit unserem Verhalten nicht die Nähe Gottes erst noch erarbeiten. Gott hat schon längst den ersten Schritt getan: Er hat uns aus den Gefangenschaften unseres Lebens schon herausgeführt. Für das Volk Israel hießen diese Gefangenschaften historisch ganz konkret Ägypten und Babylon. Für das Volk Israel hießen diese Gefangenschaften und sie heißen so bis heute auch für uns: die Macht des Bösen, die uns vom Weg des Lebens abbringen und auf den Weg des Todes führen will. Aus dieser Macht des Todes hat uns Gott uns schon befreit, indem Jesus Christus für unsere Schuld am Kreuz gestorben und von Gott an Ostern auferweckt worden ist.

Das Reich Gottes ist schon Wirklichkeit – trotz allem Unrecht, das es leider immer noch gibt. Denn Gott hat schon den ersten Schritt getan und in uns sein Licht angezündet. Es muss nur noch – wie es der Prophet verheißt – durch den Panzer des menschlichen Ungenügens hindurchbrechen: „Dein Licht wird in der Finsternis aufgehen!“ So feiern wir Erntedank: voller Freude über die Ernte dieses Jahres und mit dem weiten Herzen, das uns Christus auch heute im Abendmahl stärken will. Amen.

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